Sampa The Great: »Nach dem Bachelor wird nur noch gerappt!« // Feature

Ein Deal mit Big Dada, Support für Kendrick Lamar und Joey Bada$$, weltweite Lobeshymnen auf ihr Debüt »The Great Mixtape« – für eine 24-jährige Botswanerin mit sambischen Wurzeln befindet sich Sampa The Great nach einer nur zweijährigen Musikerlaufbahn in keiner schlechten Position. Nun erscheint »Birds And The BEE9«, auf dem sie mit Referenzen an Fela Kuti, Lauryn Hill und ATCQ zum weltruhm ansetzt. von Australien aus.

»Das war random«, sagt Sampa über ihren Umzug nach Sydney. Mit Welteroberungsplänen im Kopf und dem Abschluss in der Tasche verlässt sie vor vier Jahren ihr Kinderzimmer in Botswana – um an den Möglichkeiten der globalisierten Welt erst einmal zu verzweifeln. »Nach Australien zu gehen, war nicht der Überlegung geschuldet, meine Musik voranzubringen. Ich bin nur meiner Schwester hinterhergezogen.« Damit Mama und Papa aber nicht gänzlich an den Sorgen um ihre Tochter ersticken, entscheidet sich Sampa für ein Studium – auch wenn Sound Engineering nur der väterliche Kompromissvorschlag war: »Ich dachte, ich verschwende meine Zeit. Jetzt profitiere ich von dem Wissen. Aber mein Motto war: ‚Nach dem Bachelor wird nur noch gerappt!’«

Zu dieser Zeit nimmt Sampa schon an Jam-Sessions in Sydney teil, zu denen sie ein Freund motiviert. »Spielerei«, resümiert sie. Ähnlich wie ihre initiale Berührung mit Rap, als sie auf dem Schulhof von einer rappenden Jungsgruppe mit den Worten »Mädchen können nicht rappen!« abgewiesen wird, sucht sie auch in der australischen HipHop-Szene die spielerische Herausforderung. Mit Erfolg: »Die Leute fanden gut, was ich mache. Aber das war nicht zielgerichtet.« Erst der überraschende Tod ihres Freundes wird zum Erweckungs­erlebnis: »Ich bin nach Australien gegangen, hab studiert, hatte aber immer noch nicht versucht, Künstlerin zu sein. Ich musste es versuchen. Für meinen Freund.«

»Insgeheim ist doch jeder ein alberner Trottel.« (Sampa The Great)

2015 entsteht »The Great Mixtape«, das mit Einflüssen aus afrikanischer Folklore, den Neosoul-Ansätzen einer Lauryn Hill und der Spiritualität Bob Marleys unbewusst die Attitüde der Native Tongues updatet. Auf wollsockigen Soul-Flips rappt und chantet Sampa über schwarze Identität, Sinnkrisen und Empowerment. Beinahe unbemerkt steigt sie zur Speerspitze des Aussie-HipHop auf, landet im Studio mit Estelle und spielt im Vorprogramm von Kendrick. Chance (to be) the Rapper, murmelt der innere Wortspielgenerator.

»Birds And The BEE9« ist emotionaler, aber auch fokussierter als der Vorgänger. »Musik ist ein Weg, anderen meine Seele zugänglich zu machen«, sagt sie. »Ich bin manchmal so ehrlich, dass es mir geradezu unangenehm ist.« Die Sinnsuche im Dies- und Jenseits, Heimat und Diaspora, Rap und Gesang münden für Sampa in der Besinnung auf ihre Wurzeln: Stammeschöre, polyrhythmische Percussion und subtile Twsana-Referenzen erweitern die Boombap-Ansätze von »The Great Mix­tape«. Ein Song heißt »Healing«, ein anderer »Healer« – Sampa will Halt finden und geben. Der soziopolitische – teils düstere, teils harmonische – Ton von »Birds And The BEE9« schließt aber niemanden aus. Musik bedeutet für sie Spiritualität.

Auch Sampas Künstlername symbolisiert nicht Arroganz, sondern Einverständnis: »I am great, you are great, we are great.« Die Suche nach Akzeptanz und Zustimmung vereine alle Menschen. »Und Humor!«, fügt sie mit kratzigem Lachen hinzu. »Denn ganz ehrlich: Insgeheim ist doch jeder ein alberner Trottel.«

Diese Kolumne erschien in JUICE #184 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

Foto: Kyra Sophie