J. Cole – The Redefinition of Real // Feature

»Real niggaz« dealen mit Dope, lassen Bitches abblitzen und hängen weedrauchend auf der Veranda? »Real niggaz« falten ihre Klamotten, heiraten ihre College-Freundin und trinken Mandelmilch. Und vor allem: Sie stehen dazu. Welcome to the Mindstate of Cole.

Dass Roc-Nation-Signee und Multi-Platin-MC Jermaine Lamarr Cole sich auf dem Song »Foldin’ Clothes« seiner vierten LP »4 Your Eyez Only« als pantoffeltragender Hausmann outet, ist mehr als nur eine kleine Spaßnummer. J. Cole ist der Meinung: Das dominierende Rapper-Ideal des gefühlskalten Geldjägers vergiftet die Community – »I call it poison, you call it real«. J. Cole, selbst College-Absolvent und Familienvater, spricht sich deutlich dafür aus, dass die Männer in den Black Communites weniger auf hart machen, sondern sich auf Werte wie Zusammenhalt, Familie, Liebe besinnen, eben mehr zum pantoffeltragenden Hausmann werden. Coles Ansatz: Wenn wir wollen, dass sich die Zustände in den Armenvierteln von Black America verändern, müssen wir uns erst selbst verändern: »The only real change comes from inside«, heißt es auf »4 Your Eyez Only«.

MY BRAND IS HEARTFELT

Der Ansatz ist der Kernbotschaft von Kendrick Lamars Magnum Opus »To Pimp A Butterfly« sehr ähnlich: Lernt euch erst einmal selbst zu lieben, predigte K.Dot, adressiert an seine Community (nur einer der Gründe, warum Kendrick und Cole so gut zusammenpassen und die Erwartungen für ein gemeinsames Projekt gen grenzenlos geschaltet sind). Auch andere von Coles Messages sind nicht neu: Er ist freilich nicht der Erste, der den Kapitalismus als eine moderne Sklaverei enttarnt oder an die Vorbildfunktion von prominenten Afroamerikanern appelliert. Dennoch ist er in der Liga der Conscious-Rapper eine seltene Erscheinung. Cole trägt nicht Kendricks »Black Power«-Mentalität; er doziert nicht wie ein Talib Kweli; er ist niemand, der dem System nach Run-The-Jewels-Manier ins Gesicht brüllt. Cole ist ein Revoluzzer, aber ein leiser. Sein »revolutionary heart« ist eher das eines Gandhisten als das eines Guerillakämpfers. Sein Protest ist feinfühlig und spirituell, seine Hauptwaffe ist die Empathie. Nachdem der 18-jährige Afroamerikaner Michael Brown 2014 von einem weißen Polizisten erschossen wurde, war Zorn das dominierende Gefühl unter dunkelhäutigen Amerikanern. Cole aber nutzte seine Einladung in David Lettermans Late Night Show, um Brown mit der gefühlsstarken Protestballade »Be Free« zu gedenken.

Dass Cole seine Songs mit großen Emotionen auflädt, wiederholen mindestens genauso viele Fans in den Kommentarspalten wie Coles Kritiker betonen, dass er ­langweilig sei. Cole gilt deswegen für manche als ein öder Charakter, weil man sich nicht an ihm reiben kann. Als Internet-Asket bedient er nicht die Sensationsgelüste der Sozialen Netzwerke. »4 Your Eyez Only« hat nach seinem plötzlichen Release Anfang Dezember 2016 zwar die Twitter-Trends bestimmt, ist aber eigentlich naturwidrig zur sinnverwöhnten ADHS-Gesellschaft. Das Album ist aufwändig mit Live-Instrumenten produziert, aber musikalisch sehr unaufgeregt und gemächlich. Es gibt nur zehn Tracks, keine Features, keine Hits. Cole besinnt sich aufs Wesentliche. »4 Your Eyez Only« ist: ein Mann und ein Konzept.

TWO-SIDED STORY

Dass Coles dritte LP »2014 Forest Hills Drive« als das erste Doppel-Platin-Album ohne Features in die HipHop-Historie eingehen durfte, war vor allem Coles Graswurzeltaktik beim Heranziehen seiner Fanbase zu verdanken. Seine Anhänger sind auf so besessene Weise loyal, dass auf Blogs Essays wie »You Don’t Hate J. Cole, You Hate His Fans« existieren. Cole ist so ein Typ, der Fans zu Listening Sessions in seine Bude einlädt und ihnen auf der Straße neue Songs vom Handy vorspielt. Cole macht acht Millionen Dollar im Jahr, vermittelt seinen Anhängern aber den Eindruck, er sei immer noch derselbe Durchschnittsjunge aus Fayetteville, North Carolina. Wenn er in der albumbegleitenden »Eyez«-Dokumentation auf dem Fahrrad vom Studio nach Hause fährt, erntet er Begeisterungsstürme für seine Bescheidenheit. Den durch dieses Average-Joe-Image geschaffenen, doppelplatingekrönten Höhepunkt seiner bisherigen Karriere wollte er nicht nutzen, um seinen Profit zu maximieren. »Es gibt keine Garantie dafür, dass du für immer so erfolgreich sein wirst«, sagt Cole in seiner Dokumentation »Eyez«. »Also lass mich meinen momentanen Erfolg dafür nutzen, die ehrlichste Scheiße zu sagen, die ich je gesagt habe.«

Und was macht »4 Your Eyez Only« zur »ehrlichsten Scheiße«? Das Album setzt auf eine ungewöhnliche Narration: Es ist biografisch und gleichzeitig fiktional. J. Cole berichtet aus seinem eigenen Leben, gleichzeitig erzählt er die Geschichte von James McMillain Jr., der einem verstorbenen Freund von Cole nachempfunden ist. Was die beiden jungen Väter eint, das ist die Liebe zu ihren Familien. Coles berührende Songs an seine Ehefrau und Tochter (»She’s Mine« Pt. I und II) können gleichzeitig als Liebeserklärung an James’ Familie verstanden werden. Während sich Cole jedoch nie am illegalen Hustle beteiligt, steht James täglich mit den Packs am Block. Es ist die klassische Tragödie eines jungen Afroamerikaners von der Straße: James kommt nicht aus dem kriminellen Umfeld heraus, landet im Gefängnis, wird erschossen mit 22 Jahren. Die »Eyez«, für die das Album bestimmt sind: es sind die von McMillains Tochter. Er ahnte, dass er sterben würde, und hat seinem Kind deswegen seine Lebensgeschichte auf Band hinterlassen – eingerappt von Cole.

MYSTERIOUS FIGURES

Das Album ist aber noch mehr als eine unorthodox erzählte ­Gänsehautgeschichte. James’ Liebe zu seiner Tochter macht ihn am Ende zum »real nigga«, nicht sein delinquenter Lifestyle. »My definition of a real nigga was skewed/My views misshaped by new mixtapes«, erklärt J. Cole am Ende aus James’ Perspektive. Damit hält er einem Großteil des Rapper-Kollegiums den Spiegel vor. Das tat er zwar auch schon auf »2014 Forest Hills Drive« und »Born Sinner«, aber da noch mit sehr viel mehr Humor. Jetzt macht Cole deutlich: »Seht her, eure gewaltverherrlichenden Texte, eure Lobeshymnen an den Kokshandel, eure Definition eines ‚real nigga‘, all das ist mitverantwortlich dafür, dass Familien auseinanderbrechen, dass junge Männer sterben.« War es in der Vergangenheit eher ein Argument von konservativen Politikern, wird es jetzt plötzlich von einem der prominentesten Rapper selbst ­geäußert: Ja, tatsächlich – Gangstarap kann die Gesellschaft negativ beeinflussen. Nur sorgt sich Cole eben nicht um den Einfluss auf weiße Vorstadtkinder wie ein Fox-Reporter. Er wirbt mit seiner Kritik um positive Vorbilder für die afroamerikanische Jugend.

J. Cole beschrieb den afroamerikanischen Vater mal als »mysterious figure«. Kaum jemand habe in seiner Kindheit in Fayetteville auf seinen Vater zählen können – entweder war er umgekommen, saß hinter Gittern oder entzog sich einfach der väterlichen Verantwortung. Die alleinerziehende Mutter: die Norm in vielen Hoods. Anstatt also einen Vater als positives Vorbild zu haben, schauen viele Jugendliche zu den Gangstern auf. »We grew up watching ourselves be criminals on the TV«, sagte Cole in einem Interview mit Regisseur Ryan Coogler. Der innere Wandel, von dem Cole spricht, ist in erster Linie ein Wandel vom Drogendealer zum umsorgenden Familienvater. Seinem Nachwuchs Liebe zu schenken und Zusammenhalt beizubringen, ist nach Cole die erste Möglichkeit, für Veränderung in der Hood zu sorgen. Es müsste einfach mehr mandelmilchtrinkende Klamottenfalter im Rapgame geben. ◘

Text: Gordon Wüllner
Foto: Anthony Thompson

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