»Ich wollte ein Soloalbum machen, um herauszufinden, welche Leute mich feiern.« // Evidence im Interview

 

Dilated Peoples funktionierten immer als Prototyp einer TrueSchool-Supergroup: Mit dem ­mehrfachen ITF-Champ DJ Babu an den Turntables, dem politisch ambitionierten Conscious-MC Rakaa Iriscience am Mic und dem Edelbackpacker-Beatnerd Evidence an den Reglern. Gleichzeitig zollten sie mit der Trio-Konstellation Tribut an legendäre HipHop-Gruppen wie Run DMC, EPMD (mit DJ Scratch), Naughty By Nature, Cypress Hill, Black Moon und A Tribe Called Quest. Als ­Evidence vor vier Jahren sein erstes Soloalbum »The Weatherman LP« veröffentlichte, bewies der als ­Michael ­Perretta geborene MC, Produzent und ehemalige Graffiti-Writer, dass sein zeitgemäßer Entwurf von Indie-Rap auch unabhängig von der Trio-Konstellation funktionierte. Nachdem er den Nachfolger »Cats & Dogs« via Rhymesayers bereits im letzten Sommer ankündigte, ist der Longplayer nun tatsächlich fertiggestellt. JUICE-Autor und -Fotograf Jorge Peniche traf den 34-Jährigen vor seinem Heimspiel-Konzert im Greek Theatre, Los Angeles, zu einem exklusiven Interview und Shooting.

 

Wie stehst du zu deiner Heimatstadt Venice Beach?
Hier bin ich zu dem geworden, der ich bin. Der schönste Fleck der Erde, wenn du mich fragst. Ich bin viel herumgereist, mein Reisepass ist voller Stempel. Venice kann sich mit den großen Städten der Welt messen. Ich weiß, wovon ich rede, ich war schon überall auf der Welt. Meine Eltern sind beide aus Brooklyn. Für sie war das immer der Ort, an dem sie sich am wohlsten gefühlt haben. Auch das kann ich sehr gut nachvollziehen.

Was versteckt sich hinter dem ­Albumtitel »Cats & Dogs«?
Es gibt die Redewendung »It’s raining cats and dogs«, wenn es sehr stark regnet. Es ist ein extremes Album geworden, deswegen passen der Titel und die Musik gut zusammen. Natürlich baut der Titel mit einem Augenzwinkern auch auf all das auf, was man von mir kennt. Natürlich mein letztes Album »The Weatherman LP«, aber auch meine Herangehensweise vor dem Album: Ich habe immer eher die dunkle Seite von Los Angeles in meinen Raps beschrieben – die Seite, über die eher wenige Worte verloren werden. Die Underground-Seite, die irgendwo zwischen dem sonnigen Palmenstrand und der harten Gangsterscheiße liegt. Das wird aber das letzte Projekt mit einem Wetter-Namen. Keine Angst, als nächstes wird nicht das Tsunami-Album kommen. Heftiger wird es nicht. Beim nächsten Mal wird es wieder sehr viel softer.

Wie bist du an »Cats & Dogs« ­herangegangen im Gegensatz zu »The Weatherman LP«?
Es ist ein bisschen persönlicher geworden. Als ich »Mr. Slow Flow« aufgenommen habe, wollte ich einen Song für die Leute da draußen machen. Sie sollten meinen neuen Scheiß direkt in die Fresse kriegen. Und ich wollte unbedingt selbst sehen, wie sie auf ihn reagieren. Ich wollte ihnen meinen Traum bestmöglich verkaufen. Genau das sollten sie in meinen Lyrics hören. Zu der Zeit bin ich viel mit Kanye rumgehangen. Die Leute um mich herum sind durchgedreht. Das hat mir enorme Energie gegeben, es war richtig cool. Der letzte Song auf dem Album ist »I Still Love You«. Ich wusste, ich muss diesen Song auf das Album packen, aber ich habe mir damit richtig schwer getan. Ich habe ihn schließlich an Weihnachten aufgenommen. Ganz alleine. Es ging mir richtig beschissen. Ich habe einfach nur den Beat gemacht. Ohne groß daran zu arbeiten. Normalerweise versuche ich, aus jedem Instrument alles herauszuholen. Bei dem Track konnte ich es nicht. Ich habe ihn einfach nur auf einem Zweispurgerät aufgenommen, die Lyrics in einem Rutsch eingerappt und den Track zum Mixen geschickt. Die erste gemischte Version, die zurückkam, war okay für mich. Normalerweise bin ich nie mit der ersten gemischten Version zufrieden. Ich wollte mir den Song nicht noch einmal anhören. Ich wusste, dass ich alle Worte, die ich zu sagen hatte, auf diesem Track sind. Mir war es scheißegal, ob es irgendjemandem gefällt. Ich habe diesen Track nur für mich gemacht. Auf dem jetzigen Album ging es mir oft ähnlich. Viele Songs sind nicht mit dem Ziel entstanden, dass sie den Leuten gefallen. Es war eher so: Das muss jetzt mal gesagt werden. All die Sachen, die um mich herum passieren: Meine Beziehung bricht gerade auseinander. Es geht mir scheiße. Ich muss endlich die Sachen meiner verstorbenen Mutter sortieren. Ich habe gerade ein großes Haus gebaut und just als ich fertig bin, gibt es eine harte Rezession. Ich habe mein ganzes Geld investiert, also muss ich auf Tour gehen, um wieder an Kohle zu kommen, habe aber überhaupt keinen Bock, auf Tour zu gehen. Es ist alles auf einmal über mich hereingebrochen. Ich musste mich also fragen, ob ich diese Sachen in Reime packe oder einfach nur in mein Tagebuch schreibe und mit niemandem teile. Ich habe mich dazu entschieden, Songs daraus zu machen, weil das Leben eben nicht immer super ist. Ich hatte Schiss, dass mich das weniger attraktiv für meine Hörer macht. Aber ich musste es einfach dokumentieren. Und manchmal ist die Realität einfach hässlich. Ich bin stolz, dass es diese dunklen Momente auf der Platte gibt. Aber eben auch, dass am Ende des Tunnels ein helles Licht scheint.

 


Vielleicht willst du zu ein paar Songs etwas sagen: Wie ist zum Beispiel »The Red Carpet« entstanden?
Wow, das war natürlich ein Riesending für mich, weil sowohl Ras Kass als auch Raekwon persönliche Helden von mir sind. Ich bin ziemlich stolz darauf, dass ich neben den beiden nicht untergehe. Wir hauen alle drei ziemlich auf die Kacke. Mein Part ist heftig geworden, ohne dass ich Battle-Reime geschrieben habe. Ich rappe darüber, dass man lieber Schulen bauen und den materiellen Scheiß hinter sich lassen sollte. Richtig großartig, dass ich über so was neben den anderen beiden rappen kann. Manchmal braucht es eben gar nicht den härtesten Battle-Rap.

Wie war es bei »I Don’t Need Love«?
In der zweiten Strophe erzähle ich davon, wie ich die Tour mit Kanye verlassen muss, weil ich mit meiner Mutter ihre letzten Tage verbringen will. Als sie von mir geht, suche ich das, was ich immer an ihr geschätzt habe, bei den Frauen um mich herum. Ich bin also mit einer Frau zusammen und kann keinen Sex mehr mit ihr haben, weil ich sie wie meine Mutter behandle, ohne es zu kapieren. Das führt natürlich zu Stress. Irgendwann merke ich, dass die Leute um mich herum nett zu mir sind, weil sie ihr Mitgefühl zeigen wollen. Das stresst mich dann wieder und ich will nur noch meine Ruhe haben. Mir geht es dabei nicht um die Anzahl der Silben oder wie gut die Reime sind. Ich wollte mir einfach nur den Scheiß von der Seele rappen.

»You«?
Die Zusammenarbeit mit DJ Premier – einfach dope. Damit ging ein Traum für mich in Erfüllung. Ich fragte ihn: Wie gefällt dir meine Delivery? Er sagte: Gut. Ich wollte ihm dann noch einen neuen Versuch schicken, aber er sagte, dass ihm die Version gefällt. Ich hab ihm trotzdem eine zweite Version geschickt. Und dann hat er die Cuts gemacht.

Wie ist »Falling Down« entstanden?
Den Beat hat ein neuer Produzent namens Rahki gemacht. Ein unglaublicher Kerl. Der Chorus und der Beat sind monströs. (rappt) »Ten cents from a nickel in your pocket, thirty dollars short of twenty dollars in my wallet.« Verstehst du? Ich durchlebe den gleichen Scheiß, mit dem du dich herumschlagen musst. Vielleicht mit einer Null mehr, aber es ist trotzdem der gleiche Scheiß.

Das Leben als Musiker ist nicht leicht.
Es ist hart. Vieles ist nicht so, wie es scheint. Die Musikindustrie ist über weite Strecken nur Schall und Rauch.

Aber du kannst dich nicht beklagen.
Ja, es funktioniert tatsächlich. Du musst nur hart dafür arbeiten. Das sage ich schon immer: Underground-Rap zahlt sich aus. Scheiß auf den ganzen Stress. Vielleicht ist der Scheiß nicht das Glamouröseste, aber ich spiele heute Abend in einer Location für 6.000 Menschen.

Wie geht es jetzt weiter? Wann kommt das Step Brothers-Projekt mit ­Alchemist?
Ich weiß es nicht.

Du weißt es nicht?
Nein, ich will nichts sagen. Ich habe »Cats & Dogs« angekündigt und aus der Scheiße ist ewig nichts geworden. Das passiert mir nicht noch mal. Ich will keine Platten mehr machen mit so einer Erwartungshaltung. Ich lasse euch lieber im Ungewissen und sag dann Bescheid, wenn es kommt. Mein Ding ist: Sei gut zu deinem Label, zeige deinen Fans Liebe, aber mach Musik für keinen von beiden. Als ich »The Weatherman LP« gemacht habe, hatte ich als Solokünstler noch keine Fans. Ich hatte keine Ahnung, wer meine Musik feiern würde. Jetzt weiß ich es. Aber ich will nicht an die Leute denken, die bei meinen Konzerten in der ersten Reihe stehen, wenn ich schreibe. Da scheiß ich drauf. Ich will beim Musikmachen nur an das denken, was mich glücklich macht. Das bekommt mein Qualitätssiegel und geht dann durch die Filter, auf die ich keinen Einfluss habe. Vielleicht wird es 2017 und das Step Brothers-Album ist immer noch nicht draußen. Weißt du, Alchemist und ich sind wirklich wie Brüder. Er ist der einzige Mensch, zu dem ich aufschaue, obwohl er kleiner als ich ist. Aber wir haben auch gerade begonnen, am neuen Dilated Peoples-Album »Directors Of Photography« zu arbeiten. Meine Mutter war Fotografin und so kann ich sogar einem Dilated Peoples-Album eine tiefere ­persönliche Note geben. Ich bin deswegen ziemlich aufgeregt, aber ich denke, das ist gut so. Danach kommt ein weiteres Solo-Album auf Rhymesayers. Dafür gibt es auch schon einen Titel, den ich aber nicht verrate. Es gibt auch schon ein Konzept: Es wird ein sehr fröhliches Album.

Gibt es etwas, was du unbedingt noch erreichen willst?
Ich wollte nie, dass ich größer werde als meine Crew. Dilated sollte immer die Nummer eins bleiben. Als ich dann hörte, dass Big Pooh von Little Brother ein Soloalbum machte, war ich neidisch. Ich wollte nie ohne meine Crew sein, aber als Gruppe weißt du nie, für wen die Fans zu den Konzerten kommen. Wollen sie jetzt DJ Babu an den Turntables sehen, Rakaa hören, wie er über etwas Politisches rappt, oder mich sehen, wie ich in die Crowd springe? Das hat mich immer verwirrt. Ich wollte ein Soloalbum machen, um herauszufinden, welche Leute mich feiern. Mittlerweile habe ich mehr erreicht, als ich mir je erträumt habe. Dass ich mittlerweile drei Soloalben gemacht habe, ist völlig verrückt. Irgendwann war es also mein Ziel, so wie Ghostface oder Raekwon zu sein. Sie haben sich ihre eigenen Sporen verdient, sind aber immer noch Wu-Tang. Wenn es auf Flyern heißt, »Evidence of Dilated Peoples« spielt, dann bin ich wieder einen Schritt weiter gekommen. Mittlerweile will ich vor ausverkauften Hallen spielen. Erst in kleinen und dann als Headliner mit einer großartigen Show und einer soliden Fanbase. Natürlich will ich ein neues Dilated Peoples-Album machen. Dadurch, dass ich mir immer neue Ziele gesteckt habe, bin ich an recht gutes Geld gekommen. Einiges davon ist wieder weggekommen, aber vieles konnte ich investieren. Nur war Geld nie der Grund, wieso ich Musik gemacht habe. Ich wollte immer nur zufrieden mit meinem Job sein, ein geregeltes Einkommen haben, um meine Familie zu ernähren und für die Menschen um mich herum da sein.

 

Interview & Foto: Jorge Peniche

 

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