»Ich wollte gerade aufmachen, da haben sie die Tür schon aufgebrochen und rannten mit Schildern und Helmen durch meinen Flur.«// DeineLtan im Interview

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Das letzte Album der Doubletime-Spezialisten aus dem Wedding liegt vier Jahre zurück. Dass der Name DeineLtan trotzdem immer wieder in News-Sektionen und Tageszeitungen auftauchte, lag an ihrem Song »Fick die Cops«, der Strafanzeigen, Ermittlungen und Anklagen nach sich zog. Seit ein paar Wochen ist die Sache ausgestanden. Tamás, Krimidan und Can-Kee gingen straffrei aus und können sich nun wieder ganz auf das konzentrieren, was ihnen eigentlich am Herzen liegt: blitzschnelle Reimkaskaden über angecrunkte Beats zu spucken. ­Strukturell hat sich einiges verbessert: Wurde früher noch in Dans WG aufgenommen, hat man heute ein richtiges Studio mit angeschlossenem Büro, um das Management kümmert sich der Ex-DJ der Guano Apes. Auskunftsfreudig präsentierte sich die mittlerweile durch den Ausstieg von Familienvater Nick zum Trio geschrumpfte Crew zum JUICE-Gespräch bei zwei Flaschen »Wilthener Goldkrone«.

 

Seit eurem letzten Album »Kopfschuss« wurde wenig über eure Musik gesprochen, dafür hat euer Song “Fick die Cops” hohe Wellen ­geschlagen.
Krimidan: Ja, Mann. Angefangen hat ­alles mit ­Beschwerdebriefen von irgendwelchen ­angepissten Eltern. Es gab 600 private ­Anzeigen bei ­verschiedenen Polizeidirektionen, plus ­Anzeigen vom ­baden-württembergischen und dem ­hessischen Innenministerium.
Can-Kee: Nicht zu vergessen: der Polizeipräsident von Hamburg. Das war zu Zeiten des G8-Gipfels in Heiligendamm. Es gab eine erhöhte Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen gegenüber der Polizei, und dafür haben sie einen Schuldigen ­gesucht. Der Song war schon ein paar Monate online und irgendein Journalist hat ihn im Netz entdeckt. Nachdem das in den Medien breitgetreten wurde, kam die Anzeigenwelle. Das Problem war aber: Wir waren zu Untergrund, wir waren nicht mal bei der GEMA gemeldet, niemand kannte unsere ­richtigen Namen. Deshalb hat uns die Polizei erstmal ­monatelang gesucht und bei allen möglichen Leuten nachgefragt, bei den “Rap City Berlin”-­Leuten oder bei Staiger. Harris hat uns erzählt, dass er von Kripos an der Ampel angehalten wurde, als er irgend­welchen Deutschrap im Auto gepumpt hat. »Sind das DeineLtan?«, haben sie gebrüllt. Harris wusste gar nicht, was los war und meinte erstmal: ­»Vielleicht deine Eltern!« (Gelächter)

Und vor dem Hintergrund dieser Ereignisse habt ihr dann ein Statement bei YouTube ­veröffentlicht.
Krimidan: Das war nach der Falschmeldung auf Kiss FM. Die haben gemeldet, es habe eine Razzia bei Hirntot gegeben, Blokkmonsta und Uzi seien verhaftet worden, gleichzeitig habe es eine Razzia bei uns gegeben.
Tamás: Ich habe sofort bei denen angerufen, um das richtigzustellen. Der Praktikant ist ganz schön erschrocken. »Ich hab einen von DeineLtan dran!«, hat er ganz aufgeregt ins Studio reingerufen.

Wenig später stand dann tatsächlich die Polizei bei euch vor der Tür?
Krimidan: Irgendwie haben sie doch rausgefunden, wer wir sind. Es war morgens um sechs, ich lag mit meiner damaligen Freundin im Bett. Auf einmal kracht es an der die Tür, bamm, bamm, bamm. »Polizei! Machen Sie die Tür auf!« Ich wollte gerade aufmachen, da haben sie die Tür schon aufgebrochen und rannten mit Schildern und Helmen durch meinen Flur.
Tamás: Bei mir war es noch schlimmer. Ich hab am Vorabend mit meiner damaligen Ollen geknallt und bin nackt eingeschlafen. Als die Bullen an meiner Tür waren, meinte ich: »Ich zieh mir erst was an!« War aber nicht. Ich war zwei Stunden lang ­komplett nackt, während die meine Wohnung durchsucht ­haben. Bis mir dann ein Bulle meine Hose ­angezogen hat. Einer der Beamten meinte noch: »Das passiert, wenn man die Polizei ficken will.«
Can-Kee: Zu mir kamen sie etwas später, so um acht. Die Freundin von Dan hatte mich schon angerufen und vorgewarnt. Ich hab’s erst gar nicht geglaubt, dann standen sie auch schon vor meiner Tür. Sie haben die ganze Wohnung auseinander­genommen und jeden Scheiß kontrolliert, von meinem Fahrrad die Nummer durchgegeben, vom Fernseher, vom Videorecorder – die dachten, das wäre alles geklaut. Einer hat mir sogar gedroht, meine Dielen aufzureißen, weil er meinte, ich hätte vielleicht CDs darunter versteckt. Obwohl man die damals noch in jedem Laden kaufen konnte. (lacht)

Klingt so, als seien bei den Durchsuchungen nicht unbedingt alle rechtsstaatlichen ­Grundsätze eingehalten worden…
Can-Kee: Ja, Mann. Zum Beispiel hätten unbeteiligte Dritte als Zeugen dabei sein müssen, das wurde mir verwehrt. Außerdem dürfen sie Zimmer nur in deinem Beisein durchsuchen, mich haben sie aber in Handschellen aufs Sofa gesetzt und die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt. Die haben sogar den Monitor mitgenommen. Die meinten: »Wer weiß, was Sie da drauf gespeichert haben.« (Gelächter) Die hatten nicht wirklich einen Plan, was sie mitnehmen sollen, deshalb haben sie einfach ­alles mitgenommen.

 

 

Wart ihr wegen dieses massiven Zugriffs ­überrascht oder schockiert?
Krimidan: Ach, war eigentlich überlustig. Jeder dachte zuerst, dass nur er gefickt worden sei, aber im LKA habe ich dann direkt Tamás gesehen: »Was, du auch hier?« Wir haben nur gefeiert und sogar mit den Kripo-Beamten Scherze gemacht. Die haben uns nur kurz in die GeSa [Gefangenensammelstelle, Anm. d. Verf.] gesteckt und dann wieder laufen lassen. Ich glaube, die mussten so aktiv werden, weil das öffentliche Interesse so groß war. Alle Zeitungen haben darüber berichtet, dann kamen auch noch Innenministerien dazu. Der Druck war einfach groß, die mussten irgendwas vorweisen. Auch wenn es nur um einen Song ging.
Tamás: Ich wette, ein Drittel der Berliner Polizisten feiert unseren Song sogar.

Wie seid ihr aus der Sache rausgekommen?
Can-Kee: Wir haben uns einen guten Anwalt ­geholt. Der meinte gleich, er habe ja früher auch Body Count gehört und sei voll auf unserer Seite. Es waren zwei Anklagenschriften. Zuerst eine wegen öffentlichem Aufruf zu Straftaten, die hat unser Anwalt zerschmettert. Dann hat die Staatsanwaltschaft nachgelegt, diesmal wegen Volksverhetzung. Nachdem unser Anwalt die aber auch in der Luft zerrissen hat, hat der Richter das Verfahren eingestellt.
Krimidan: Im Endeffekt haben wir jetzt ­gerichtlich bestätigt, dass sich unser Song zwischen Bob Marleys »I Shot The Sheriff« und Body Counts »Cop Killer« einreiht.

Das heißt, ihr dürft den Song live performen?
Krimidan: Theoretisch schon, weil wir nicht verklagt wurden. Aber wir haben ja nur gegen die Berliner Staatsanwaltschaft gewonnen. Wenn wir denen weiter Futter geben, könnten aber auch andere Staatsanwaltschaften Bock bekommen, uns zu ­ficken. Nach der ganzen Scheiße haben wir eh mit dem Thema abgeschlossen. Wenn du ­»DeineLtan« googlest, findest du nur dieses »Fick die Cops«-Thema. Das sind aber nicht wir, jedenfalls nicht nur. Das ist ein Song von hunderten, die wir ­aufgenommen haben.

 

Euer neues Album »Ja Man« ist euer ­erstes ­Album ohne »Kopf« im Titel. Habt ihr die »Kopf«-Trilogie also abgeschlossen?
Krimidan: Ja. Dazu kommt, dass für uns kopf­mäßig eine neue Ära angebrochen ist. Wir kucken mehr über unseren Tellerrand, sind optimistischer und haben einen freieren Kopf. Wir machen jetzt alles selbst, unser Album gibt es nur bei uns im ­Direktvertrieb, auf deineltan.de. Warum sollte man als Musiker noch einen Vertrieb und ein Label durchfüttern? So viel Arbeit ist das auch nicht, dass man das nicht alleine machen könnte.
Tamás: Ich habe jetzt übrigens eine Festanstellung als Insolvenzverwalter. Ihr müsst alle aufpassen! Wenn euer Label pleite geht, komme ich vorbei. Da gibt’s höchstens noch mal ’ne Galgenfrist. (lacht)

 

 

Es fällt außerdem auf, dass Zwischenmenschliches eine größere Rolle spielt als vorher.
Tamás: Ja, auch in der Hinsicht haben wir in letzter Zeit verstärkt über den Tellerrand geschaut. (grinst) Früher waren wir immer treu, dieses Groupie-Ding war kein Thema, wir wollten das auch nie. Wir ­hatten unsere Freundinnen, das hat uns gereicht.
Krimidan: Aber jetzt sind wir alle mies solo, die ­Ollen haben uns irgendwie aufgegeben. Wir uns aber nicht – und die Groupies uns auch nicht. (lacht) Deswegen sind wir auch so gut drauf.

 

Anscheinend gehört ihr jetzt auch zu den ­Shrödaz. Um was genau handelt es sich dabei eigentlich?
Tamás: Das ist ein Zusammenschluss von ganz vielen Leuten: Fuhrman, Bendt, Grüne Medizin, B-Tight, K.I.Z., wir… Sido eigentlich auch, aber er hat wohl keine Zeit mitzumachen. Das wird das ­nächste große Ding, wir nehmen auch schon auf. Es wird aber kein Crew-Album, sondern ein Shrödaz-­Familienalbum.
Can-Kee: Ein Shröda ist das, was früher ein Atze war. Heutzutage ist Atze ja ein bisschen ­kommerzialisiert, mit Käppi hoch und bunt. Jeder Bankangestellte ist heute ein Atze. Ein Shröda ist also ein wahrer Atze.

Und wer sind die Müllaz?
Tamás: Jeder, der kein Shröda ist. (Gelächter)

Text: Oliver Marquart

 

 

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