Alchemist [Interview]

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»I just don’t give a fuck!«
 
»Ich habe eine wirklich kurze Aufmerksamkeitsspanne«, lässt Alan Daniel Maman gleich zu Beginn des Gesprächs verlauten. Nichts anderes war zu erwarten vom ­umnebelten Querkopf, in dessen tightem Terminkalender vor allem Folgendes steht: im Studio hängen, Samples zerschnipseln, einen Fick geben. Ach ja, ab und an natürlich auch noch den Tour-DJ für Eminem mimen. Quasi nebenbei entsteht dann ein Output von rund 13 (!) Alben, wenn man nur mal die letzten zwei Jahre betrachtet – ­darunter Kollabos mit alten Weggefährten wie Evidence und Prodigy, neueren Freunden wie ­Action Bronson und Odd Future, sowie ein Soundtrack zum Bestseller-Game GTA V, der mit den hiesigen Krautrock-Größen Tangerine Dream eingespielt wurde.
 
Apropos Deutschland: Seit ein gemeinsames Bild mit Celo kursiert, wird wild spekuliert über Produktionen für die Straßenrap-Elite aus dem Hause Azzlackz. Uncle Als Stiefbruderschaft scheint jedenfalls so prächtig zu gedeihen wie das OG Kush an der ­kalifornischen Küste.
 
Du hast in den letzten Jahren etliche Kollabo-Alben releast – zuletzt »Lord Steppington« mit Evidence. Wo liegt der Reiz bei solchen Projekten im Vergleich zu der Produktion einzelner Tracks?
Alben sind im Prinzip längere Songs. Sie ­haben die gleiche Struktur, verteilt auf ­mehrere Einzelteile: Intro, Strophe, Breakdown und so weiter. Durch die Komplexität kann man dem Ganzen aber mehr Dynamik verleihen. Das ist also eine größere Herausforderung, von der ich nicht so schnell gelangweilt bin.
 

 
Hast du denn beim Produzieren schon Kollabos im Kopf?
Meine Arbeit ist eher wie ein großer Beutel, aus dem man sich greift, was man mag. Wenn du dich zu sehr auf bestimmte Künstler konzentrierst, mögen sie die Beats am Ende vielleicht nicht. Also gehe ich einfach jeden Tag ins Studio und versuche, mich selbst zu entertainen.
 
Du bist sieben Tage die Woche im Studio?
Ich mache jeden Tag Beats – außer, wenn ich auf Tour bin. Und wenn ich das nicht mache, kommt irgendein Typ und versucht, besser zu sein als ich. Das darf auf keinen Fall ­passieren! Ich kann also nicht chillen. Ich muss immer arbeiten.
 
Kommst du denn noch dazu, neue ­Platten zu diggen?
Man hört niemals auf, Platten zu kaufen.Das ist wie eine Krankheit. Du stößt ständig auf etwas Neues, das dich in die nächste Richtung führt. Außerdem bin ich beim Hören unglaublich schnell gelangweilt, also suche ich ständig nach dem nächsten Genre, dem nächsten Land, dem nächsten Sound, der mich interessiert.
 
Was für Sounds wecken denn dein Interesse?
Ich kann gar nicht sagen, wonach ich genau suche, und darin liegt gerade der Reiz. Meine Ohren sind einfach »tuned in« und ich schaue nach etwas, das mich fasziniert. I just want to be blown away! Ich will auf dem scheiß Boden liegen, sobald ich die Nadel auflege. Und ich habe eine wirklich kurze Aufmerksamkeits­spanne – entweder es spricht mich sofort an oder gar nicht.
 
Und wo suchst du nach den richtigen Platten?
Ich erzähle besser nicht zu viel, sonst fangen andere Typen an, genau das gleiche zu machen. Dann bin ich wirklich gefickt, weil ich mir einen neuen Job suchen muss. Ich verrate auch nicht, welche Platten ich gerade gekauft habe, aber an meinen Beats hört man ja mit der Zeit, was ich generell digge: Angefangen hat es mit Jazz-Samples, dann kam Soul dazu und letztlich bin ich bei Soundtracks und Library Music gelandet. Du begibst dich einfach auf eine Reise. Mein Tipp für aufstrebende Produzenten: Wenn du Künstler findest, die du magst, grab tiefer und check deren Diskografie. Aber achte darauf, niemals von einem guten Sample abhängig zu sein!
 
Du meinst, dass der Umgang damit entscheidender ist, als das Sample an sich?
Das Sample ist vollkommen irrelevant! Du solltest dich niemals darauf ausruhen. Es ist wichtig, was du damit auf deine eigene Art und Weise anstellst. Im Endeffekt sollte es nicht mehr sein als eine Inspiration – für deine Musik oder einen Rapper.
 

 
Es gibt aber auch von dir Produktionen, in denen einfach nur ein Sample nach ­wenigen Takten wieder und wieder ­geloopt wird. Ich erinnere mich zum Beispiel an »Return Of The Mac« mit Prodigy.
Richtig, aber das mache ich nur, um Leuten ans Bein zu pissen. Plötzlich fragen die sich: »Yo, hat er das gerade einfach nur ­gesamplet?« Ich will, dass die Leute wütend sind, wenn sie sehen, wie einfach es war, ein gutes Sample zu flippen. Die Grenzen zu verwischen und Leute zu verwirren, macht mir einfach Spaß. »Hat er da jetzt Drums hinzugefügt?« – »Ich weiß nicht. Hat er? Lass uns eine Fallstudie machen! Also, in dem Beat hat er einfach nur das Sample geloopt, aber in diesem anderen Track hier passiert etwas Interessantes, da setzen Drums ein…« Was soll dieser ganze Scheiß? I just don’t give a fuck!
 
Du hast einen ziemlich wieder­erkenn­baren Sound. Was macht die Ästhetik deiner Musik eigentlich aus?
Die Musik ist eine Erweiterung deiner ­Persönlichkeit und ein Instrumental sagt so viel über dich aus wie ein Text. Wenn ich Beats höre, bin ich im Kopf der ­Produzenten. Manche Typen mag ich ­einfach wegen ihrer Beat-CDs. ­Genauso stelle ich bei Produktionen oft fest, dass jemand keine Eier hat. Im Endeffekt ­bedeutet das wohl, dass ich ein »fucked up dog« bin, eine ziemlich gebeutelte Seele. Denn ich habe jede Menge harter Beats, die nach einer HipHop-Show in der Hölle klingen.
 

 
Wer hat in letzter Zeit Eier bewiesen?
Samiyam ist der Wahnsinn! Ich bin auch auf seinem Album gefeaturet. Er sieht aus wie ein serbischer Kundenberater, ist aber ein unglaublich talentierter Musiker. Genauso wie Twiz The Beat Pro, Scram Jones, DJ Babu, Evidence, Party Supplies, Statik Selektah… I like their minds.
 
In den letzten 15 Jahren hast du mit ­vielen großen Namen zusammen­gearbeitet. Trotzdem waren deine ­Produktionen nie sehr radiotauglich.
Wenn meine Beats überhaupt mal ansatzweise ins Radio gepasst haben, dann war es reiner Zufall. Das Timing mit den Künstlern hat dann gestimmt. Ich bin nämlich viel zu dickköpfig, um beispielsweise Musik für eine Mädchen-Platte zu machen. Natürlich fragen auch Leute für bestimmte Sounds an, aber ich richte mich nach niemandem. Wenn du zu viele fremde Einflüsse in deinen Kopf lässt, wird dein Hirn irgendwann zu Kartoffelbrei.
 
Du hast ein Faible für morbide Stories, oder? Das vermitteln zumindest die Gangrene-Platten mit Oh No.
Naja, ein bisschen. Aber eigentlich haben wir bei Gangrene einfach nur mit Jenkem ­experimentiert. Das ist eine neue Droge, fucking hot! Du mixt menschliche Scheiße und Pisse in einer Flasche, bis das Ganze fermentiert. Dann stülpst du einen Ballon drüber, sammelst die Dämpfe und inhalierst sie – das hat eine unglaublich euphorische Wirkung!
 

 
Klingt widerlich, erinnert mich aber an frühe Videos von Odd Future. Da gab es von dir in letzter Zeit auch einige Kollaborationen, mit Earl Sweatshirt und Domo Genesis zum Beispiel.
Ja, ich kenne die Jungs ganz gut. Das sind meine Homies. Wir sind uns in L.A. immer mal wieder über den Weg gelaufen, und ihr Manager ist ein guter Freund von mir. Ich mag ihre Energie, die scheißen auf alles. Die haben Eier, ich hab sie gesehen. They got fire testicals, it’s official! (lacht) Nein, im Ernst, da wird sicher noch mal was zustande kommen. Earl arbeitet gerade an seinem neuen Album, wer weiß, was da passiert.
 
Hast du eine Idee, wie viel Musik du auf Lager hast, die bisher noch nicht releast wurde?
Tonnenweise. Ich arbeite jeden Tag, also wächst die Anzahl pausenlos. Beats ­machen ist Therapie. Und das Ergebnis meiner ­täglichen Therapie ist jede Menge Musik.
 
Text: Wenzel Burmeier
Foto: Alexander Richter
 

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