Evidence: »Es ist ein riesiger Mittelfinger für alle« // Interview

Step Brothers Step Masters

Man könnte meinen, Evidence und Alchemist scheren sich einen Dreck um ihre Hörerschaft. Das stimmt auch – zumindest, wenn sie sich privat zu Hause treffen, gemeinsam abhängen, kiffen und dabei Musik machen. Genau das machen die beiden Seelenverwandten und Beinahe-Nachbarn schließlich schon seit ihrer Schulzeit. Auch wenn der eine mittlerweile als Eminems Tour-DJ auftritt und der andere sowohl mit der Dilated-Peoples-Crew als auch solo Erfolge feiern konnte – in ihrer Freizeit geben sie sich immer noch hemmungslos den absurdesten Sounds und aberwitzigsten Samples hin. Ohne die Absicht, jemals etwas davon zu veröffentlichen, nehmen sie nur zum Spaß ein paar Tracks auf und scheißen dabei einen gepflegten Haufen auf herkömmliche Songstrukturen oder Hörgewohnheiten. Komplett ohne kommerzielle Hintergedanken.

Jetzt veröffentlichen die beiden Ober-Nerds also doch noch ihr so entstandenes Material, und das ist auch gut so: Man kann die Liebe zu den Beats, den Spaß an der Sache und die ungezwungene Herangehensweise in jeder Sekunde der Musik nämlich hören und spüren. Wir haben uns im Rahmen der Dilated-Peoples-Tour mit Evidence getroffen, um über die Step Brothers und ihr Album »Lord Steppington« zu sprechen. Zwar leider ohne Alchemist, Evidences ›brother from another mother‹, dafür aber mit einem gut gelaunten Evidence in Plauderlaune.

Wer ist Lord Steppington?
Wir wissen es nicht. Es klingt einfach britisch und königlich (lacht). Aber Alan (Alchemist, Anm. d. Verf.) hat auf dem letzten Gangrene-Album im Song »Dark Shades« eine Zeile, in der er rappt: »Lord Steppington/ Stepping in like George Jefferson.« Ich glaube, wir mochten einfach die Art, wie das klingt. Das ist ja eh das Ding bei Step Brothers: Wir können tun, was wir wollen. Wir haben keinen Druck. Als Dilated Peoples noch bei Capitol Records waren, musste man eine Single machen, um das Produkt verkaufen zu können. Das heißt: Songstrukturen, einen Chorus, ein gut abgemischter Beat – alles musste stimmen. Step Brothers ist genau das Gegenteil. Da gibt es eine solche Mainstreamstruktur-Denkweise nicht. Es gab einfach gar keinen Druck.

Ja, das kann man hören.
Sehr gut! Aber es ist natürlich etwas ganz anderes als das, was ich als Teil der Dilated Peoples mache. Ich hoffe, die Leute verstehen das. Ich liebe ja auch die White Stripes, aber ich stehe genauso total drauf, wenn Jack White alleine oder mit anderen Künstlern Musik macht. Das ist ein gewaltiger Unterschied – und das muss auch so sein. Niemand will genau dasselbe in einem anderen Projekt hören. Das hoffe ich zumindest. Schau mal: Auf »Weatherman« habe ich einen Song über meine Mutter gemacht. Wenn du mir sagst, dass er dir nicht gefällt, wird mich das wahrscheinlich ziemlich verletzen, weil das für mich eine sehr persönliche Sache ist. Aber wenn du mir sagst, dass dir Step Brothers nicht gefällt: Fick dich, dann ist mir das egal! Weil es einfach was komplett anderes ist. Das mache ich zum Spaß, zur Entspannung, es ist einfach wilder Scheiß. Die Beats sind fucking weird, laut und anstrengend. Man wird sich das Album erst ein paar mal anhören müssen, bis man sich daran gewöhnt hat. Es ist zum ersten Mal definitiv kein Easy Listening – und genau das mag ich!

Wie muss man sich denn den Aufnahmeprozess vorstellen, wie lange habt ihr an den Songs gearbeitet?
Das lief genau so ab wie früher, als wir jeden Tag die Schule geschwänzt und zusammen gekifft haben: »Was machst Du heute?« – »Nichts« – »Okay, ich komm vorbei!« – »Hör Dir diesen Beat an.« – »Oh, der ist krank, super.« Dann schreibt man ein paar Reime und fertig. Wir haben etwa ein Jahr lang einfach random shit gemacht, aber natürlich auch nicht jeden Tag daran gearbeitet. Das war ja auch nicht geplant, was sehr angenehm war, denn so gerät man nicht unter Zeitdruck.

»Lord Steppington« ist bei weitem nicht so persönlich wie dein letztes Album »Cats & Dogs«…
Ja, das stimmt. Man kann zwar schon ein, zwei persönliche Momente entdecken, aber generell wollte ich einfach Spaß haben. Darf ich das etwa nicht? Muss ich auf jedem Album rumheulen? Kann ich nicht auch auf einer Platte mal grinsen? Den Leuten gefällt es, dass ich mich so geöffnet habe und mich nicht hinter Gepose verstecke. Das ist eine gute Sache und ich bin froh, dass ich das getan habe. Das war eben ehrlich. Ich will deswegen aber nicht nur noch Emo-Alben rausbringen. Ich verstehe auch, dass gute Musik oft Schmerz enthält und man sich damit leicht identifizieren kann. Als ich den Song über meine Mutter gemacht habe, kamen völlig fremde Menschen zu mir und haben sich dafür bedankt. Das ist natürlich toll, aber ich musste dafür meine Mutter verlieren. Wenn das passiert, dann ist das so, und dann verarbeite ich das in meiner Musik. Ich will aber eigentlich kein düsterer Künstler sein.

Im letzten JUICE-Interview hast du gesagt, dein nächstes Solo-Album wird sehr viel positiver und fröhlicher ausfallen als deine bisherigen.
Mittlerweile glaube ich das eigentlich nicht mehr, weil »Lord Steppington« diesen Platz eingenommen hat. Technisch gesehen ist das jetzt dieses nächste, positive Album. Ich habe aber sogar schon den Namen für meine nächste Solo-Platte …

Verrätst du ihn?
Nein, ich kann nicht. Noch nicht. Aber ich habe ihn schon – und das ist immer extrem wichtig für mich: den Titel meiner Solo-Alben im Voraus zu haben, sozusagen als Leitmotiv. Außerdem glaube ich, »Lord Steppington« hat es mir ermöglicht, auf dem nächsten Album dann doch wieder etwas persönlicher zu werden; über Dinge zu sprechen, die ich durchgemacht habe, auch wenn es vielleicht nicht wieder um den Tod geht. Sachen wie finanzielle Probleme, Beziehungen, das tägliche Leben, eine fortgeschrittene Karriere und der Struggle, auf andere Art und Weise künstlerisch aktiv zu sein. Es gibt schon einiges, was sich in meiner Realität abspielt, über das ich sprechen kann. Aber so Gott will, muss ich nie wieder einen Song wie den über meine Mutter aufnehmen.

Welches ist dein persönliches Lieblingslied auf »Lord Steppington«?
»Swimteam Rastas«. Es hat einen dreiteiligen Beat, der sich zweimal während des Songs verändert. Den koppeln wir als Single aus, und ganz ehrlich: niemand sonst macht so etwas (lacht)! Es ist ein riesiger Mittelfinger für alle.

Ich habe gelesen, dass alle Feature-Parts auf dem Album von Leuten stammen, die vorbeikamen, während ihr im Studio wart.
Genau, wir haben niemanden gezwungen. Ich habe auch versucht, Earl Sweatshirt auf das Album zu bekommen, but he was a fucking prick! Das sage ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht, denn ich liebe Earl. Er ist der Einzige, den wir nicht dazu bekommen haben, vorbeizuschauen. Aber da gab es auch bei keinem Anderen irgendwie Mailverkehr oder ähnliches im Voraus. Wenn sie vorbeikamen, cool, wenn nicht, dann eben nicht.

Lass uns ein bisschen über die Lyrics sprechen: Warum müsst ihr Kühlschränke und Farbfernseher bewegen?
Sehr gute Frage! Und ich werde dir darauf auch eine sehr gute Antwort geben. Wo ist mein Telefon? Ah, hier. Ich lass es dich selbst machen, tipp es einfach ein: »refrigerators« und »colour TVs«.

Mist, ich hätte es einfach googlen sollen. Ist das das Sample?
Vielleicht … hey, Buddy! (DJ Babu betritt den Raum, setzt sich dazu und dreht einen Joint.) Das ist das erste Video, das jemals auf MTV ausgestrahlt wurde (»Money for Nothing« von Dire Straits läuft auf Evidences iPhone). Hast du das noch nie gesehen?

Nein, aber das Video gefällt mir jetzt schon.
Sehr gut! (Singt mit:) »We got to move these refrigerators, we got to move these colour-TVs!«

Es gibt insgesamt sehr viele absurd-verrückte und witzige Interludes auf »Lord Steppington«, zum Beispiel das mit der magischen Schlittenglocke …
Das ist die Geschichte von Large Professor (lacht)! Sie handelt davon, wie Paul (Large Professor, Anm. d. Verf.) Schlittenglocken in seine Tracks packt. Wie in »Halftime« von Nas, weißt du? »Sch-sch-sch«, diese Schlittenglocken-Hi-Hat. Das ist die Geschichte dazu: The Story of Extra-P discovering the sleigh bell (lacht)!

Und der Typ, der erzählt, dass er Schwäne isst? Woher kommt das? Klingt nach einem indischen Film oder so …
Das ist der Lord! (lacht) Der Lord höchstpersönlich.

Lord Steppington?
Lord Steppington. Er bezahlt nicht für Tickets (lacht).

Offensichtlich. Aber woher habt Ihr das?
Das ist sehr streng geheim.

Schade. Du hast ja generell einen ziemlich großen Wortschatz, ich musste zum Beispiel »meticulous« oder »humongous« nachschlagen. Das ist nicht gerade der typische Rap-Slang, benutzt du absichtlich ausgefallenere Wörter?
(Evidence lacht sich kaputt) Nein, nicht wirklich. »Meticulous« habe ich aus einem Song von Freestyle Fellowship beziehungsweise Project Blowed. Da heißt es: »this rhythm’s ri-di-cu-lous, this rhythm’s meticulous«. Das Wort habe ich also von Freestyle Fellowship gelernt, nicht in der Schule (lacht).

Das erste, was ich überhaupt von »Lord Steppington« gesehen und gehört habe, war ein sehr kurzes Teaser-Video im Netz. Da sagst du am Anfang: »Take Acid with the Beatles!« Ist das eine Anspielung auf den Film »Walk Hard« mit John C. Reilly?
Ja. (lacht)

Hast du schon mal Acid genommen?
Ja, ich habe recht viel Acid konsumiert. Als ich jung war, hat mir mein Vater gesagt: »Du kannst alles auf dieser Welt machen, aber lass dich nicht tätowieren und zieh dir nichts durch die Nase.« Also habe ich immer noch kein Tattoo und auch noch nie Kokain genommen. Aber über Acid hat er nichts gesagt. Ich bin in Venice Beach aufgewachsen, du weißt schon, der Doors-Film und so. Die verkaufen da jedenfalls Acid am Strand. Also kauft man etwas, pfeift es sich rein, setzt sich an den Strand und schaut sich den ganzen Tag die Wolken an (lacht). So sah meine Jugend aus, danach habe ich eigentlich nichts mehr genommen. Das macht aber auch niemand sein ganzes Leben lang. Wenn du dich irgendwann nicht zu alt für Acid fühlst, stimmt etwas nicht mit dir! Das probiert man mal aus, dann hat man die Erfahrung gemacht. Man sollte aber nicht für den Rest seines Lebens dumm rumsitzen und Acid nehmen. Ich kann das jedenfalls nicht, ich muss ja meine Rechnungen und Steuern bezahlen. Ich bekäme eh nur einen Horrortrip (lacht).

Wie viel Material hast du denn schon für dein nächstes Solo-Album zusammen?
Nur einen Song, aber wir haben auch gerade erst Dilated beendet.

Oh, es ist fertig? Kannst du schon sagen, wann es erscheint?
Kurz nach »Lord Steppington«. Naja, das sollte ja eigentlich schon am 19. November erscheinen und wurde jetzt auf den 21. Januar verschoben. Das Album hat Fell, es ist samten, man kann es anfassen (lacht)! Es ist das erste Album, das jemals auf diese Art gemacht wurde. Deswegen dauerte die Produktion dann auch länger als ursprünglich vorgesehen. Wir hatten die Wahl, es auf iTunes am 19. zu veröffentlichen und die physischen Exemplare später rauszubringen, aber wir wollten, dass alles auf einmal herauskommt: Vinyl, CD, iTunes.

Und wann kommt »Directors Of Photography« dann? Heißt die Platte überhaupt noch so?
Ja, genau, »Directors Of Photography«. Wir haben es buchstäblich zwei Tage, bevor wir zur Europa-Tour aufgebrochen sind, fertiggestellt. Jetzt wird gerade alles gemixt und wenn wir zurück sind, buche ich einen Termin fürs Mastering. Von da an dauert es dann noch vier Monate. Wenn ich das Mastering bis Mitte Dezember abschließe, kommt das Album vielleicht sogar noch vor dem Sommer.

Wird es einen Nachfolger oder zweiten Teil von »Lord Steppington« geben?
Natürlich! Wir hören ja jetzt nicht plötzlich damit auf, uns zu treffen und miteinander abzuhängen. Und wenn wir das tun, sind wir immer kreativ und es entsteht jedes Mal neue Musik. Ganz normal.

Text: David Molke

Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #156 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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