Stormzy: »This is so mad«

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Sprachlosigkeit ist nicht gerade ein optimaler Zustand für MCs. Schließlich existieren sie durch ihre Worte. Als Stormzy 2014 den britischen MOBO-Award (Music Of Black Origin; Anm. d. Verf.) für den besten Grime-Künstler des Jahres gewann, hatte er Mühe, beim Entgegennehmen der Trophäe etwas herauszubringen. Strahlend und sichtlich überwältigt stockte er immer wieder. Im Herbst 2015 wiederholte Stormzy den Erfolg. Außerdem wurde er als »Best Male Act« mit einem zweiten Preis ausgezeichnet. Seine ersten Worte dieses Mal: »Man, I got it this time« – mit einem Lächeln seinen kleinen Aussetzer im vergangenen Jahr kommentierend. Mit einer ganzen Entourage im Rücken bedankte sich der 22-Jährige souverän und betonte mit strahlendem Lächeln: »This is so mad.«

 

I was on the roads when Dizzee made »I Luv U«
If you talk about me you better hashtag merky
Can’t chat about speed look my cab man’s certi
Shout out to my big bro Wiley that’s a badman from early

(Stormzy – »Know Me From«)

 
Als verrückt könnte man die schnelle Entwicklung von Michael Omari alias Big Mike alias The Problem alias Stiff Chocolate alias Wickedskengman alias Stormzy zum geachteten und gereiften MC durchaus bezeichnen. Innerhalb von nicht mal zwei Jahren ist er Award-Gewinner, Grime-Hoffnungsträger und Vorzeigemodel einer Sportswear-Marke geworden, deren berühmte Badeschlappen er hin und wieder stolz und mit einer Spur Selbstironie in Interviews und Videos trägt, und mit denen er auch auf einem Gemälde von Reuben Dangoor verewigt ist. Der Illustrator Dangoor arbeitet seit Herbst 2015 an einer Serie mit dem Titel »Legends Of The Scene«, die er herausragenden Grime-MCs widmet. Neben den Größen Skepta, D Double E, Dizzee Rascal und Wiley, die seit dem Aufkommen von Grime in den frühen Zweitausendern dabei sind, wurde auch Stormzy zur Kunstfigur – angesichts der hochkarätigen MC-Gesellschaft ein Ritterschlag.

Wie er in Interviews erzählt, ist er ein »Grime Kid«, wurde von dem Genre stark geprägt, das Anfang des neuen Jahrtausends in Piratenradios und in den Ends, wie Stormzy seine Südlondoner Nachbarschaft im Dialekt nennt, sehr präsent war. Grime war mit den schnellen, elektronischen und rauen DIY-Beats ein Kind von Rave, UK Garage und Jungle genauso wie von Dancehall und den Reggae-Soundsystems, bei denen DJs (die im HipHop zu MCs wurden) Tunes mit Witz kommentierten oder die anderen Soundsystems mit vernich­tenden Sprüchen nach Hause schickten. Auch in der Grime-­Szene sind Battles zwischen MCs zentral, bei denen sie in aggressiver Haltung über die Tracks spitten und ihrem Gegenüber ein lyrisches Grab schaufeln.

 
Die düsteren Riddims und bissigen Lyrics repräsentierten mit Gewalt- und Waffenmetaphorik auch die in London existierende Aggressivität. Politik und Polizei erklären die Szene immer wieder zur Quelle von Gewalt und Verbrechen. Partys, bei denen Grime gespielt und per­formt wird, hatten es eine Zeit lang schwer, weil sie ohne große Umstände verboten werden konnten. Die Unruhen von 2011 in London und anderen englischen Städten verschärften diese Haltung noch. Die humorvolle Seite der Texte dagegen wird selten betont, wie Stormzy in einem Interview mit dem Magazin Crack sagt: »Viele Grime-Texte sind witzig. Wenn Leute darüber sprechen, wie düster und aggressiv die Kultur ist, haben sie zwar recht. Aber sie hat auch diese wirklich lustige und unterhaltsame Seite. Ich könnte keinen MC nennen, der nicht wenigstens eine witzige Zeile hat.«

In seinen Texten zollt Stormzy Wiley und Dizzee Rascal Tribut wie bei »Know Me From«, bei »Shut Up« verlacht er MCs, die großspurig über ihre Chancen beim zentralen Grime-Battle »Lord Of The Mics« sprechen und dabei nicht mal die besten in ihrem eigenen Viertel sind. Bis heute ist keine Musik von ihm auf einem Label erschienen, seit 2010 verbreitet er sie vor allem über Youtube. Auf seiner Seite findet man Videos von Freestyles, R’n’B-Rap-Lovesongs oder aufgepumpt-wahnwitzige Battle-Tracks und Lobeshymnen auf sich selbst. Obwohl sich der Londoner als Kind von Grime bezeichnet, ist er offen für andere Stile, singt, rappt oder spittet. Dass er es nicht für notwendig hält, sich zwischen Grime oder Rap zu entscheiden, bringt ihm schon mal Angriffe anderer MCs ein.

 

Rap boys hate me cah I do grime
Grime boys hate me cah I do rap

(Stormzy – »Wickedskengman 4«)

 
Die Geschichte vom Verhältnis zwischen Grime und UK-HipHop scheint noch nicht ganz erzählt. Je nachdem, wen man fragt, wird das eine oder das andere Genre als ­bekannter, kommerziell erfolgreicher und vielleicht auch ausverkauft heranzitiert. Gemeinsam ist Vertretern von UK-HipHop und Grime aber die Betonung der Emanzipation von den USA, ob im Rap mit der selbstbewussten Artikulation in britischem Englisch oder im Grime mit der Hinwendung zu Einflüssen aus UK Garage, Jungle und Dancehall. Es geht darum, etwas Eigenes, etwas »Britisches« zu schaffen, das unab­hängig von der Kultur aus den USA ist und auch so wahrgenommen wird. Grime ist Grime und nicht die Londoner Variante von HipHop. Das würden wohl auch Vertreter von UK-HipHop unterschreiben.

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Das Verhältnis von Grime zu US-Rap hat sich in den letzten Monaten gewandelt. Wo früher mit der Popularität von Trap das ungute Gefühl bestand, man kopiere Vorbilder aus den USA, ist jetzt ein gewisses Selbstbewusstsein gewachsen. Auch, weil sich Leitfiguren für das Genre aus UK interessieren und wie Kanye West bei den diesjährigen BRIT-Awards im wahrsten Sinne des Wortes Grime-MCs auf die große Bühne holten. Auch Drake ist erklärter Fan von Grime und Best Buddy mit Skepta, wie beim Wireless-Festival in London 2015 zu sehen war.

Stormzy freut sich über die Aufmerksamkeit, betont aber, dass Kanye West Grime nicht erst cool gemacht habe. Auch bevor Drake Fan von Skepta wurde, war Skepta bekannt – nur eben nicht im Mainstream. Skepta ist Stormzys Lieblings-MC, wie er in verschiedenen Interviews erklärt hat. Heute steht er Seite an Seite mit ihm und anderen Vorbildern wie Wiley. Vor zwei Jahren hätte sich Michael Omari das wahrscheinlich nicht träumen lassen. Nach der Schule zog er für ein Praktikum aus London weg. Für dieses Praktikum konnte er sich aber nicht annähernd so sehr begeistern wie für Musik, also schmiss er es hin und konzentrierte sich ganz auf sein Dasein als Stormzy.

Still got bare grown men all scared of the kid
Can’t lie it’s been a good year for the kid
Your postcode don’t make you a gangster
you’re not bad your area is

(Stormzy – »Not That Deep«)

 
Im Sommer 2014 erschien seine erste EP »Dreamer’s Disease« Die Single »Not That Deep« verhalf ihm zu einem Aufmerksamkeitsschub, der ihm den Gewinn des MOBO-Award als bester Grime-Act bescherte. Im März 2015 brachte er seinen Track »Know Me From« in Eigenregie als Single heraus und landete damit auf Platz 49 der UK-Single-Charts. Ein beachtlicher Erfolg, den er ein halbes Jahr später noch toppte. Das erste Mal schaffte es mit »Wicked­skengman 4« ein Freestyle, noch dazu ohne Label im Rücken, in die Top 20 der britischen Charts. Er stieg auf Platz 18 ein und schrieb damit Geschichte; auch Grime-Geschichte, die Stormzy auf der Zunge trägt und die das instrumentale Gerüst des Erfolgs bildet. So war das Instrumental für den Chart-Hit das von JMEs Track »Serious« von 2005, und auch für »Shut Up«, den zweiten Track der Single, wählte Stormzy mit »Functions On The Low« von XTC (2004) einen Szeneschlager.

 

Nowadays all of my shows sold out
Headline tour, yeah blud, sold out
When we roll in, they roll out
I’m so London, I’m so south

(Stormzy – »Shut Up«)

 
Ganz anders als bei seinem ersten MOBO-Gewinn ist Stormzy bei Konzerten und in seinen Texten kaum um Worte verlegen. Schlagfertig und mit einer großen Prise Humor kehrt er mit tiefer und manchmal kehlköpfiger Intonation spittend Angriffe von Kontrahenten in Gegenattacken um. So aggressiv er sich in Tracks auch gibt, so dankbar zeigt er sich bei öffentlichen Auftritten – ob bei Interviews oder in den Sozialen Medien. Immer wieder dankt er seiner Mutter, seinen Freunden und Fans, die ihn unterstützen. Zuallererst aber dankt er oft Gott, denn ohne den hielte er das alles nicht für möglich. Damit ist Demut verbunden, auch wenn er sagt, dass in der Kirche kein Stormzy existiere. Dort sei er einfach ­Michael. Stets wiederholt er, dass man belohnt werde, wenn man hart arbeite; man bekomme, was man verdiene. In der Kirche ist er vielleicht Michael Omari geblieben, in der Öffentlichkeit ist er damit aber zu einem neuen Don im Grime geworden – einem, der auch mit Preisverleihungen souverän umgeht. ◘

Text: Philipp Weichenrieder

Dieses Feature stammt aus JUICE #172 (JUICE Back Issues versandkostenfrei nachbestellen).Cover_172_RZ.indd