Kings Of HipHop: Kendrick Lamar // Feature

»To Pimp A Butterfly« ist eine fast 80-minütige Tour de Force durch die Seele Kendricks und das schwarze Amerika, in der der Protagonist zerbricht, seine Schwächen zur Schau stellt und auf das Allumfassende projiziert. Das selbstzerstörerische »u« – der am schwersten zu schreibende Song seiner Karriere – läutet einen Paradigmenwechsel des Starken-Rapper-Weltbilds ein, »King Kunta« verdichtet in nur einer Bassline James Brown, DJ Quik und Michael Jackson und »i«, das Trojanische Pop-Pferd als selbstermächtigende Vorabsingle, heilt die Manie. Kendrick, 2012 noch bekennender Nichtwähler, schreibt eines der wichtigsten Alben unserer Zeit, oder wie Craig Jenkins es bei Noisey bezeichnete: eine »radikale Predigt über schwarzen Selbstrespekt in Kriegszeiten«.

Die Neo-Soul-Schule fusioniert darauf mit der Beat-Szene L.A.s. Lamar stellt sich bewusst in die Tradition der Großmeister Hancock, Coltrane, Davis und interviewt im Outro ­einen noch verloreneren 2Pac. A&Rs legten ihm Hitproduzenten ans Herz, einige kritisierten tatsächlich die Bebop-Verweise, Funk-Zitate und den Slam-Poetry-Swag. Die Presse hingegen reagiert mit Höchstwertungen, die Grammy-Gesellschaft mit elf Nominierungen (nur Michaels »Thriller« hatte eine mehr), das entzückte weiße Feuilleton feiert den »Black Messiah« als Nachfahre von Malcolm und Martin. Im Frühjahr 2016 gewinnt Lamar überfällige sieben (!) Grammys, legt einen der denkwürdigsten Auftritte der Award-Shows hin und wird vom Time Magazine zu den einflussreichsten Menschen des Jahres gewählt. »TPAB« verkaufte sich bis heute drei Millionen Mal weltweit und brachte den Lieblingsrapper deines Lieblingspräsidenten zu allen liberalen Late-Night-Talk-Shows – bis ins Weiße Haus.

Savage, Asshole, KING

Auf den Straßen Fergusons tobt derweil der Ausnahmezustand. Nach den Morden an Mike Brown und Eric Garner, die wie Trayvon Martin durch willkürliche Obrigkeitsgewalt sterben, erhebt sich die BlackLivesMatter-­Bewegung. Spätestens hier stirbt die Idee eines post-racial Amerikas, das sich die Linke durch die Wiederwahl von Barack Obama herbeisehnte. »Alright«, Lamars Schlüsselsong auf »TPAB«, wird zum Soundtrack der Riots, einem »We shall overcome« der schwarzen Millennials, dem »bindenden Element, durch das sich die chaotische Wut auf den Straßen langsam zu einer gemeinsamen, geistigen Bewegung fügt«, wie Die Zeit damals schrieb. Tausende skandieren in gewaltfreien Märschen: »My knees gettin’ weak and my gun might blow. But we gon’ be alright!«

Fox-News-Moderator Geraldo Rivera zitiert im US-Fernsehen aus »Alright« und zieht die absolut falschen Schlüsse aus den Protesten: »HipHop has done more damage to young African-Americans than racism.« Doo! Doo! Doo! Da sind sie wieder, die Schüsse, die Lamar zu ganzen Alben inspirieren, diesmal aus dem Herzen des späteren Trump-Landes. Auf diesem Zitat baut Kendrick sein viertes Studioalbum auf. Die Antworten, die er sich auf »TPAB« nicht selbst geben konnte, sucht er auf »DAMN.« im Göttlichen. Die »M.a.a.d. City« kann jetzt alles sein: die USA, die ganze Welt, Lamars Über-Ich, sein Glaube.

Mit dem Outro »DUCKWORTH.« erhebt er sich zu den größten Erzählern der Popmusik. Zehn lange Karrierejahre hat er sich die wichtigste Anekdote seines Lebens aufge­spart. Über drei Beats von 9th Wonder arbeitet er die ­Biografie von TDE auf, die sich in einem Showdown mit Papa Kenny entlädt: Tiffith, damals noch ein Gangbanger, war unmittelbar davor, den KFC-Laden, in dem Ducky arbeitete, zu überfallen. Mit zwei Extrastücken Cookie und Hähnchen aufs Haus besänftigte Kenny Top. Dreißig Jahre später bringt das Schicksal die beiden wieder in einem Tonstudio zusammen. »Whoever thought the greatest rapper would be from coincidence? Because if Anthony killed Ducky, Top Dawg could be servin life/While I grew up without a father and die in a gunfight.« Doo! Doo! Doo! Die Punchline eines Lebens.

Am Ende spult das Album zurück. Flashback. Ein Schuss fällt. Lamar findet beim Spaziergang zu sich, auf dem er im Intro einer älteren, blinden Frau begegnet. Oder war es der heilige Geist höchstpersönlich? In knapp vier Minuten trifft hier alles zusammen, was Kendrick zum King Of HipHop macht: Dramaturgisch brillant schildert er die wahre Geschichte als persönliche Rettung, Gang-übergreifende Friedenserklärung und transzendentale Wiederbelebung. Das Happy-End des Sommermärchens.

Der kleine Conscious-Rapper ist jetzt Weltstar, ya bish. »DAMN.« legt die bisher besten Erstwochenverkäufe 2017 in den USA hin (über 600.000), hält sich drei Wochen auf der Eins und geht nach einem Monat Platin. Mit »HUMBLE.« gelingt Kendrick – das Taylor-Swift-Feature »Bad Blood« mal wegignoriert – seine erste Nummer-Eins-Single. Promophasen braucht er nicht mehr, seine Alben erscheinen ohne Ankündigung über Nacht und verändern die Musikwelt. Obwohl King Kendrick jetzt den sechsten Sommer regiert, ist er die meiste Zeit abwesend. Als tauche er immer nur kurz auf, wenn es was zu sagen gibt. Wenn er sein Königreich verteidigen muss.

Text: Carlos Steurer
Foto: Katharina Poblotzki