Kings Of HipHop: Kendrick Lamar // Feature

Im Alter von fünf Jahren sieht Kendrick zum ersten Mal einen toten Menschen: Auf dem Dreirad sitzend beobachtet er einen Dealer, der durch den Kiez streunt. Ein Auto fährt vorbei, die Fensterscheiben runter, der Lauf einer Shotgun ragt heraus. Doo! Doo! Doo! Zwei Jahre später wird er Augenzeuge, wie vor Tam’s Burgerladen ein Kunde bei der Bestellung am Drive-Thru-Schalter erschossen wird. Auch sein Onkel Tony, ein Compton Crip, wird ermordet. Gegenüber der Wohnung der Duckworths, direkt vor dem Louisiana-Fried-Chicken-Laden, per Kopfschuss – »that Louis Burger never be the same«.
Dass er sich dem Thug Life entziehen kann, hat – laut Lamar –, viel damit zu tun, dass er eine Vaterfigur hatte, die die Straßengeschichten zumindest nicht mit nach Hause brachte. Statt in eine Spirale aus Gewalt und Racheakten abzugleiten, zieht Kendrick sich zurück in seine heile Reimwelt. Mit 16 versucht er, wie Jay Z zu klingen, lädt sein erstes Mixtape – »Y.H.N.I.C.«, eine Prodigy-Referenz – als K.Dot ins Internet. Zeitgleich baut die geläuterte Straßenlegende Anthony Tiffith, Baujahr 1974, sein »House of Pain« auf: ein Studio in Carson L.A., das lokale Talente, vor allem aber ihn selbst, vom Milieu fernhalten soll.

CONTROL SYSTEM

Kendricks Sandkastenfreund und DJ, Dave Free, besucht die gleiche High School wie ein Sohn von Tiffith. Unter dem Vorwand, einen PC zu reparieren, schleust er K.Dots Demo­tape im Studio ein. Top Dawg ordert K.Dot daraufhin zu sich, pickt stundenlang Beats, über die er rappen muss und versucht angestrengt, seine Begeisterung zurückzuhalten. In der Kabine steht ein Rohdiamant, der sein Talent noch nicht ganz bändigen kann. 2003 befördert Top Kendrick zum Hypeman und Backup von Jay Rock, damals erstes Pferd im TDE-Stahl, der für Lamar zum großen Bruder wird. Es folgen sieben harte Lehrjahre für das Label, in denen Kendrick Mixtape-Sparring betreibt, im Studio lebt und zu einem der größten Alben-Rapper aller Zeiten heranwächst.

Er veröffentlicht die Freestyle-Kollektion »Training Day«, das Kollabo-Tape mit Jay Rock »No Sleep Til NYC« – noch so eine nostalgische New-York-Rutsche über Biggie-Beats und Neunziger-Evergreens –, die »Tha Carter III«-Katharsis »C4« – inklusive Lil-Wayne-Co-Sign – und die »Kendrick Lamar EP« – den klarsten Vorgeschmack seiner Vision über Neo-Soul-Beats von Questlove, Jay Dilla und Nicolay. Jay Rock scherzt nicht, wenn er heute noch erzählt: »Top hat uns ins Studio gebracht und wir haben es seitdem nicht mehr verlassen.« So viel zum Thema Ausdauer.

Neben Label-Strukturen bietet das Studio den Jungs einen geregelten Tagesablauf und dient als kreativer Rückzugsort. Derek »MixedByAli« Ali mischt als In-House-Engineer noch heute alles, was auf dem Label erscheint. Top Dawg überblickt als Executive Producer das große Ganze und das Produzentenkollektiv Digi+Phonics, bestehend aus Dave Free, Sounwave, Tae Beast und Willie B, hat sich aufgesplittet, bestimmt aber noch auf allen wichtigen TDE-Alben die Ästhetik. 2007 landet Ab-Soul, ein Local mit Touch fürs Mystische, über Sounwaves Cousin im Studio. Kurz darauf schleppt Ali den charmanten Bully Schoolboy Q an.

Das Fundament eines perfekten Rappers hängt an den Wänden der Studiolobby in Carson und soll die Jungs disziplinieren: Charisma, Substanz, Lyrics, Einzigartigkeit, Arbeitsethos. Der Entstehungsmythos von Black Hippy, der TDE-Rap-Supercrew, klingt dagegen unromantisch: Schoolboy, ein gewiefter Straßenticker und umso faulerer Rapper, verfolgte rationale Interessen, als er vorschlug, aus den vier Rappern eine Crew zu formen, um weniger Zeilen schreiben zu müssen. Bis heute gibt es strenggenommen nur zehn gemeinsame Tracks von Ab-Soul, Kendrick, Jay Rock und Schoolboy. Und doch lässt sich hier die eigentliche Geburtsstunde des modernen Rap-Power­house verorten. Der Beginn einer Dynastie im Westen, eine Art Death Row 2.0.

Nach kurzem Major-Intermezzo mit Warner, wo gerade die Urban-Belegschaft ausgetauscht wird und kaum Interesse am eigenwilligen Top-Dawg-Regime besteht, entpuppt sich das erste Jay-Rock-Album als Label-Lehrstück: »Follow Me Home« floppt und zeigt, wie es nicht geht. Sind die ersten Veröffentlichungen kostenlose CDs, die die Black Hippies in Venice Beach, Malls und Schulen verteilen, liegt der Fokus bald komplett auf dem Internet. Dave Free mausert sich zum Marketingchef und erstellt Schlachtpläne für die neue, digitale Welt. Tiffith schafft sich DIY-Tricks drauf, mit denen er die iTunes-­Charts zu überlisten glaubt: Da alle Alben dienstags erscheinen und digital charten, veröffentlicht er immer erst freitags. So steigen die TDE-Künstler zwar erst spät, aber dann sehr hoch in der Chartwoche ein. Einen kleinen Business-Buzz kann er dadurch tatsächlich generieren.

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