Interview: Kitty Kat

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Sie gehört zu den Glücklichen, die die Auflösung von Aggro Berlin vor knapp zwei Jahren recht gut überstanden haben. Mit Universal fand sie schnell eine neue, schlagkräftige Major-Labelheimat. War ihr erstes Album »Miyo!« noch eher ein Schnellschuss, der mitten in ihre Übergangsphase vom ­Sägeblatt zum internationalen Multi fiel, so zeigt ihr neues Werk »Pink Mafia« eine ausdefinierte ­Kitty Kat, musikalisch offener und textlich persönlicher. Gemeinsam mit Produzent Kraans de Lutin, der bereits so unterschiedliche Leute wie FlowinImmo, Culcha Candela und Juli mit Beats versorgt hat, hat Kitty sich den letzten Sommer über im Studio verbarrikadiert und ein Album aufgenommen, das unbekümmert Bögen von Rap zu Electro und urbanem Pop schlägt. Wer oder was sie dabei beeinflusst hat, welche Aufs und Abs sie in den vergangenen Jahren durchgemacht hat und was die bisher schwierigste Entscheidung ihres Lebens war, verriet sie beim Interview in einem sonnendurchfluteten Universal-Konferenzraum mit großartiger Aussicht auf die Spree.

 

Bist du im Rückblick noch zufrieden mit deinem ersten Album?
Na ja, ich musste das halt echt auf die Schnelle machen. Ich bin damals gerade von Aggro zu Universal gewechselt und wir brauchten schnell ein Album. Ich bin schon zufrieden, aber ich hoffe natürlich, mit meinem neuen Album noch mehr Leute zu erreichen. Vom ersten Album habe ich ein bisschen über 10.000 verkauft. »Miyo!« war noch mehr street, mehr auf die Fresse. »Pink Mafia« ist schon ein bisschen kommerzieller.

 

 

Woher kommt das?
England und Großraumdiscos. (lacht) Nee, wirklich, ich bin mit KC Da Rookee und dessen Frau sehr gut befreundet. Die beiden leben mittlerweile in Nordengland und da besuche ich sie ein-, zweimal pro Jahr. Jedenfalls habe ich dort in den Clubs diesen schnellen, Drum’n’Bass-artigen Sound gehört und gesehen, wie alle dazu abgehen. Wenn ich was getrunken habe, freue ich mich auch richtig, wenn schnellere Tracks kommen. Das passt irgendwie besser in die Zeit. Außerdem war ich auch viel live unterwegs und werde fast immer in Clubs gebucht. Die Leute dort wollen feiern und Party machen. Und darauf habe ich auch Bock.

 

Findest du dein neues Album also ­zeitgemäßer als das erste?
Manchmal habe ich eher ein bisschen Angst, dass ich mit meinem Sound zu früh dran bin, dass ich ein bisschen warten müsste, bis die Leute sich dran gewöhnen. Zum Beispiel hat sich kein Schwein dafür interessiert, als ich »Braves Mädchen« vor zwei Jahren herausgebracht habe, mittlerweile hat RTL2 sich das für die Sendung »Die Mädchen-Gang« geschnappt.

 

 

Wie viel Einfluss hat Universal auf den Sound deines Albums genommen?
Klar machen die Ansagen in die Richtung, wenn etwas mal zu hart ist. Aber, und dafür liebe ich meinen A&R Neffi [Temur, Anm. d. Verf.], mir schreibt keiner irgendwas vor. Ich sage denen, ich möchte mit dem und dem Produzenten arbeiten, dann wird das kurz abgesprochen und dann bekomme ich das. Und das nicht, weil das Geld hier en masse herumliegt, sondern weil mein A&R an mich glaubt und mich feiert.

 

Das erste Stück, mit dem du in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurdest, war das sexuell explizite »Das Eine« auf der JUICE-CD. Hast du das Gefühl, auf diese Rolle festgelegt zu werden?
Meine richtigen Fans haben mich inzwischen schon geschnallt. Die wissen, dass ich einfach ein Mensch bin und Sex habe. Das ist ja normal. Daraus muss man eigentlich kein großes Thema machen. Viele haben gar nicht kapiert, dass ich bei »Die Eine« eine ganz bestimmte Rolle eingenommen habe, eben den Gegenpart zu Sido. Ich bin natürlich mit HipHop und R&B groß geworden, und da ging es fast immer nur ums Bumsen. (lacht) Aber der Sexfaktor hat bei Kitty Kat eigentlich nie so eine große Rolle gespielt. Dadurch, dass Aggro mich die ganze Zeit versteckt gehalten und außer Features nichts von mir herausgebracht hat, konnte ich aber auch keine anderen Facetten von mir zeigen.

 

 

Klingt, als ob du die Taktik von Aggro, dein Aussehen geheim zu halten, heute nicht mehr so gelungen findest.
Es gab in diesen drei Jahren echt schwere Zeiten, in denen ich dachte, die verkacken gerade meine Karriere und meinen Hype. Das waren schon schwere Momente für mich, aber jetzt denke ich: Danke. Danke Aggro, dass ihr mich versteckt habt, denn jetzt ist meine Zeit gekommen. Bushido, Sido und die alle sind durch, und jetzt komme ich. Jetzt kommt die Olle! Bei mir ist alles noch ganz frisch, ich veröffentliche erst mein zweites Album, die Jungs haben alle schon sechs, sieben oder acht hinter sich. Ich habe mir viel abschauen können. Außerdem bin ich erwachsen genug, die dummen Kommentare verkraften zu können.

 

Hast du noch Kontakt zu deinen ­Ex-Aggro-Kollegen?
Zu Tony habe ich noch viel Kontakt, zu ­Bobby gar nicht mehr. Sido habe ich das letzte Mal vor etwa einem Jahr gesehen. Er hat mir kürzlich über Twitter zum Geburtstag gratuliert, aber das ist auch schon der engste Kontakt, den wir haben. Ich hätte nicht gedacht, dass alles so sehr von unseren drei Chefs abhängt, aber seit die den Laden dicht gemacht haben, haben wir uns echt alle aus den Augen verloren. Deswegen weine ich dem Ganzen aber auch keine Träne nach, denn anscheinend waren wir nie eine Crew. Ich wurde bei Aggro ohnehin nie richtig mit einem Album rausgebracht, also sehe ich mich sowieso als vollkommen selbstständige Künstlerin. Ich will gar nicht mehr zu irgendeiner Crew gehören.

 

In deinem neuen Song »Verzeih mir« rappst du über eine Abtreibung, die du mit 17 hattest. War das nicht schwer zu schreiben?
Doch. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Ich habe auch zehn Jahre gebraucht, um erst mal den richtigen Beat zu finden, der es wert ist, dieses Gefühl darauf zu beschreiben. Das ist einfach nur echt, mehr echt geht nicht. Es ist einfach traurig, die krasseste Geschichte in meinem Leben. Mit 17 schwanger zu sein. Heute ist das ja fast schon normal. Aber vor zwölf Jahren…

 

…in Augsburg…
…und dann auch noch von einem schwarzen Ami, dem Cousin meiner besten Freundin. Die Frage war: Gehe ich mit ihm nach Amerika oder bleibe ich hier? Aber ich wollte eben Rapperin werden. Ich hatte Angst, dass ich irgendwann dasitze und eine Psychose bekomme, weil ich meinen Traum verschlafen habe. Das alles verarbeite ich auf dem Ding. Sogar meine Mutter fühlt dieses Lied.

 

Hat sie dich in dieser schwierigen Zeit unterstützt?
Ja. Sie hat mir auch immer meine Flüge nach Amerika gesponsert. Sie meinte, ich solle mir alles gut überlegen und meine eigene Entscheidung treffen. Dann habe ich im dritten Monat abgetrieben. Manchmal denkt man sich ja, das ist nur irgendeine Eizelle, man geht einfach zum Arzt und lässt sich die entfernen. Aber ich hab auf einem Ultraschallfoto schon Hände und Füße gesehen. Das war sehr krass. Vielleicht sieht eine, die vor der Entscheidung steht, abzutreiben oder nicht, durch den Song, wie einen das im Nachhinein noch belastet.

 

 

Würdest du generell von einer ­Abtreibung abraten?
Irgendwie schon. Es bleibt eben dieser Zwiespalt, dass man nicht weiß, ob es richtig oder falsch war. Es tut einem aber auf jeden Fall unendlich leid. Das ist eine große psychische Belastung, jedes Jahr denkt man sich, das Kind könnte jetzt schon so oder so alt sein. Wenn man dann andere sieht, die süßen Kinder von Bintia und Harris zum Beispiel, dann bereut man es eben. Hätte ich doch die Banklehre nicht gemacht! Es wäre ja nicht nötig gewesen, meine Mama war Ärztin, es war nicht so, dass wir am Verhungern waren. Das hätte man alles irgendwie einrichten können. Aber all das hier wäre dann eben nicht so gekommen. Deswegen bereue ich es auch wieder nicht, weil ich mit dem, was ich mache, so vielen Leuten Stärke und Kraft geben kann.

 

Bekommst du denn viel Feedback?
Auf jeden Fall. Viele Mädchen schreiben mir Sachen wie: »Seitdem du da bist, mache ich meinen Mund auf und lasse mir nichts mehr gefallen.« Das sind Power-Mädchen geworden. Ich war ja ein großes Mädchen, und wenn wir »Mädchen fangen Jungs« gespielt haben, sind die Jungs immer vor mir weggelaufen, weil die wussten, da gibt’s Rambazamba. Ich habe Volleyball gespielt, also dachte ich mir: Komm ruhig her, dann kriegst du einen Aufschlag ins Gesicht, wenn du willst. (lacht) Ich hab nichts gegen Jungs, ich mag nur diese primitiven Machos nicht. Ich versuche den Mädchen auch zu sagen: Lasst euch von solchen Jungs nicht blenden.

 

Etwas überraschend ist, dass neben ­Megaloh auch Chefket auf deinem ­neuen Album gefeaturet wird. Verkehrt der in deinen Kreisen?
Nicht wirklich, das kam durch Kraans, meinen Produzenten. Wir haben ein Feature für »Jag ihn hoch« gesucht und viele Rapper angefragt, aber irgendwie wollte niemand mit drauf. Dann meinte Kraans irgendwann: Chefket. Ich habe ihn gleich gefeiert, wegen der Silbe »Ket« in seinem Namen. Kitty Kat featuring Chefket, klingt doch super. (lacht) Auch seinen Verse habe ich sofort gefeiert, weil er mich aus so einer Tankgirl-Perspektive beschreibt. Ich seh mich auch manchmal so, denn ich bin eigentlich nett und freundlich, aber ich kann auch ausrasten. Du solltest mich mal beim Autofahren erleben, da erreiche ich mitunter unterstes Niveau. Ich muss aufpassen, dass man mich nicht in so ein Anti-Aggressions-Training steckt. Ich bin eben wie diese »Mädchen-Gang« auf RTL2. (lacht) Ich habe ein aufbrausendes Temperament, aber auch viel Mitleid, ich kann wegen etwas, das ich im Fernsehen gesehen habe, sofort losheulen. Ich bin einfach ein sehr gefühlsbetonter Mensch.

 

Wie gefühlsbetont würdest du denn ­reagieren, wenn du dein selbstgestecktes Ziel, mit deiner Musik mehr Leute zu erreichen, verfehlen würdest?
Ich werde immer weiter machen. Ich kann gar nicht anders. Mein Album habe ich ­mittlerweile fast totgehört, und ich denke schon wieder: Okay, ich brauche einen neuen Sound. Das wird nie weggehen. Auch wenn ich selbst keine Musik mehr machen sollte, würde ich mir die nächste krasse Rapperin schnappen und aus ihr einen Star machen. Ich bin wie Annette Humpe, ich werde auch mit 70 noch Lieder schreiben. Ich hab mir auch schon mal überlegt: Ich nehme mir irgendeine Pornotussi und mache ein Video mit ihr, in dem sie splitterfasernackt ist. Wenn schon, denn schon. (lacht)

 

 

Text: Oliver Marquart