Interview: Sido & Bushido

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»Gehobene alpine Küche« bietet das Restaurant am Prenzlauer Berg, das der Sony-Promotionchef für das JUICE-Interview mit den beiden größten deutschen Rap-Stars der Gegenwart auserkoren hat. Logisch, dass das Etablissement eigens für Bushido und Sido über die Mittagszeit geschlossen wurde. Man will seine Ruhe haben. Was zumindest von Siggi auch als Grund für die überraschende Versöhnung der beiden ewigen Streithähne angeführt wird. Mit dem gemeinsamen Album »23« setzen die beiden Szene-Giganten ihren jeweiligen Karrierewegen eine ganz spezielle Krone auf. Sido und Desue haben bereits den Guten-Morgen-Spliff im Gesicht, Bushido sucht noch einen Parkplatz für seinen Mercedes CL 63 AMG. Man umarmt sich zur Begrüßung, bestellt Schnitzel und Spezi. Sido bröselt eine Joint-Mische auf den Dessert-Teller. So viel HipHop muss sein.

 

 

Wisst ihr noch, wann ihr euch zum ersten Mal über den Weg gelaufen seid?
Bushido: Nicht auf den Tag genau. Wir hatten indirekt schon Kontakt über Orgi, der in Berlin damals mit allen Rappern cool war und sich immer meine Beats vom Minidisc-Player gezogen hat. So kam es dazu, dass Sido schon auf meinen Beats gerappt hat, bevor wir uns überhaupt kannten. Wir haben damals alle an der GEMA vorbei auf dem Hinterhof Kassetten kopiert und bei »Downstairs« verkauft. Irgendwann sind wir uns dort mal über den Weg gelaufen. Aber ich hatte viel später angefangen zu rappen, da hatte Siggi schon sein Tape-Business mit der Sekte und Royal TS am Start. Er war also in Sachen Musik viel weiter, erfolgreicher und erfahrener als ich. Deswegen hatte ich Respekt vor ihm, er hatte ja schon was geleistet. Der erste HipHop-Auftritt, den ich besucht habe, war ein Auftritt der Sekte, zu dem mich Specter gefahren hat.

Sido: Die Ecke, aus der Bushido kam, war auch sehr produktiv. Damals habe ich alle drei Tage einen neuen Rapper aus deren ­Clique kennen gelernt. Wie sie nicht alle ­hießen – Unterleib Dynamo… ­(Gelächter) Aber Bushido war vom Auftreten her ­eindrucksvoller als die anderen.

 

Ihr kamt aus verschiedenen Lagern der Berliner HipHop-Szene.
Bushido: Richtig, die Sekte kam ja aus dem MV, ich war eher mit der Bassboxxx-Clique in Tempelhof unterwegs. Damals waren wir noch alle Sprüher: Basstard war Toom, Frauenarzt war Space, Manny Marc war Shave. Wir haben nicht nur Musik gemacht, sondern alles mögliche – vor allem Schlägereien.

Sido: Straßenbahnen umkippen am ­Hackeschen Markt.

Bushido: (lacht) Genau. Sido hat Musik gemacht und stand deshalb in den HipHop-Medien, wir standen in der »BZ«, weil wir uns Straßenschlachten mit der Polizei geliefert haben. Aber wir sind uns nicht häufig über den Weg gelaufen. Berlin ist ja groß genug.

 

Euer Berührungspunkt war Aggro Berlin, wo ihr beide nach der Gründung des Labels 2001 gesignt wurdet. Gab es dort direkt einen Konkurrenzkampf zwischen euch?
Bushido: Nein, am Anfang hat alles gestimmt. Das Verhältnis war sehr freundschaftlich. Ich saß häufig bei Specter zu Hause auf Knien vor dem Rechner, mit der Couch im Rücken. Meistens bin ich von Schöneberg bis Priesterweg gelaufen und habe dabei Walkman gehört. Wir waren auch alle zusammen auf dem Splash!, wir waren ein richtiges Team. Ich war ja als Letzter dazugekommen und habe daher immer mit großen Augen bei Sido und B-Tight zugeschaut.

Sido: Aber die Szene aus Bushidos Film, wo wir darüber diskutieren, wie wir das Geld für die Auftritte aufteilen – das ist schon so passiert. Es gab Diskussionen, aber nicht wegen Konkurrenz, sondern jeder hat einfach gekuckt, wo er bleibt.

Bushido: Der Streit war eigentlich nichts Persönliches. Wir wussten schon immer, dass wir verschieden sind. Das war auch immer okay, jeder hat sein Ding gemacht. Ich habe ihn respektiert, weil ich ein sehr leistungs­orientierter Mensch bin. Ich hab mich sogar gefreut, wenn wir gemeinsam Songs für die »Ansagen« gemacht oder zusammen Videos gedreht haben. Der Streit wegen der Gage ist einfach aufgrund der damaligen Umstände entstanden. Wir wussten doch nicht, wo die Reise hingehen würde.

Sido: Wir wollten halt beide nicht von unserem jeweiligen Standpunkt runter. Wir hätten ja auch einfach hälftig teilen können.

Bushido: Das ist eben die Berliner Mentalität. Da heißt es nicht »derbe, Digger«, sondern: »Ich bin cooler als du.« Das sind so Behindertengespräche ohne Sinn. Heute spart man sich das, aber seitdem sind eben neun Jahre vergangen.

 

 

Teilweise wirkte es so, als würdet ihr rückwirkend den Aggro-Chefs die Schuld für euren Beef geben, weil sie euch gegeneinander aufgehetzt haben.
Bushido: Ich würde den Aggros nicht vorwerfen, dass sie uns gezielt manipuliert hätten. Aber es fand auf jeden Fall ein Missmanagement statt. Sie hatten das, was sie angefangen haben, irgendwann nicht mehr unter Kontrolle.

Sido: Dass die Herrschaften bei Aggro nicht so ehrlich waren, habe ich später auch mitbekommen. Damals habe ich das nicht geglaubt oder nicht wahrhaben wollen. Aber wenn sie hinter deinem Rücken mit jemandem über dich reden, lernst du diesen Typen halt mal kennen – und der erzählt es dir dann. So habe ich gemerkt, dass da richtiges Majorlabel-Business lief, während ich dachte, wir wären eine elitäre kleine Gruppe mit der gleichen Ideologie.

 

Über Jahre habt ihr euch gedisst und bedroht. Gerade Bushido hat in dem Diss-Track »S.I.D.O.« von 2008 gewisse Grenzen überschritten, indem er Sidos Freundin und seine Mutter beleidigt hat. Wie kann man all das hinter sich lassen?
Sido: Indem man es als das Geschäft sieht, das es am Ende des Tages ist. Natürlich wurde da eine Grenze überschritten, aber das war jedem klar – auch jedem Zuhörer. Ich habe das immer locker gesehen. Ich würde nie Amok laufen wegen einem Diss. Ich versuche eher herauszufinden, was die Intention dahinter ist. Die Kleineren – Farid Bang und wie sie nicht alle heißen – wollen sich am Größeren hochhangeln. Davon fühle ich mich nicht persönlich angegriffen, das kann ich nachvollziehen. Konkurrenz belebt das Geschäft.

Bushido: Ich bin mir natürlich bewusst darüber, dass ich Grenzen überschritten habe, was nicht korrekt ist. Ich habe einen Fehler gemacht. Punkt. Jetzt liegt es an ihm zu sagen, dass er bereit ist, mir zu verzeihen. Es kommt einfach der Moment, an dem man sich fragen muss, ob es das alles wert ist. Oder man gibt sich die Hand. Das ist doch ein sehr vernünftiges und positives Prinzip. Ich schneide bei der Geschichte ohnehin schlecht ab, weil der erste Schritt von Sido kam. Ein noch größeres Zeichen von Respekt als diese Genesungswünsche hätte er mir nicht erweisen können. Wenn beide darauf gewartet hätten, dass der andere den ersten Schritt macht, wäre es wahrscheinlich nie dazu gekommen. Aber Sido hat sich ein Herz gefasst. Das Einzige, was ich machen konnte, war mich zu bedanken.

Sido: Mein Anspruch war dabei aber nie, der Klügere zu sein. Ich wollte einfach nur Ruhe im Karton. Dabei wusste ich ja nicht, wie es ausgeht. Ich habe sogar damit gerechnet, dass ich dafür von ihm noch einen Spruch gedrückt kriege.

Bushido: (lacht) Aber daran sieht man doch, dass wir uns nie den Tod gewünscht haben. Ich wurde ja gerade von der »Big Brother«-Kandidatin Ingrid auf 100.000 Euro verklagt. Wenn jetzt Farid Bang schreiben würde: »Bruder, ich wünsche dir viel Kraft für den Prozess«, würde ich nur antworten: »Fick dich ins Knie.«

Sido: Meine Line in dem Song »2010« lautete ja: »Die BMWs wollen wieder mal Stress mit uns/trotzdem wünsche ich Anis gute Besserung.« Weil ich wusste, dass die Disses auf dem BMW-Album nicht von ihm kamen, sondern dass Fler bestimmt wieder rumgewütet hatte. Bushido hatte zu der Zeit überhaupt keinen Grund, mich zu dissen. Aber Fler hatte sich in seinem Kopf einen Grund ausgemalt.

 

Mit Fler hatte Bushido sich vorher schon ausgesöhnt. Da existierte vor dem Beef aber auch eine richtige Freundschaft, bei euch eher nicht.
Bushido: Jetzt mal abgesehen von der Freundschaft haben Sido, B-Tight, Fler und ich einfach etwas losgetreten, was uns zehn Jahre später in eine Position gebracht hat, wo wir uns alles leisten können, was wir wollen. Wir müssen doch nur noch mit unserem Steuerberater klarkommen. Wenn wir jammern, dann auf hohem Niveau, denn wir sind finanziell unabhängig und frei. Ich könnte jetzt zum Flughafen gehen und überall hinfliegen, ob Australien oder Italien, ­vollkommen egal. Sido kann das auch. Weil wir zehn Jahre dafür gearbeitet haben. Aber wir sind an demselben Punkt gestartet – und deshalb habe ich zu Sido, Bobby und Fler eine Verbindung, genau wie mich immer noch Dinge mit Specter, Halil und Spaiche verbinden, abgesehen davon, dass Specter einige meiner Tätowierungen entworfen hat. ­Nächste Woche drehen wir in Kiew in der Ukraine ein Video mit ihm. Und wenn er mir jetzt am Telefon von seinen Ideen erzählt, dann ist es wieder wie damals, als er mir zum ersten Mal Sidos Maske gezeigt hat. Deswegen: Wenn nicht mit Sido, mit wem dann sonst?

 

Wie ging es nach eurer ersten ­Annäherung auf Twitter weiter?
Sido: Wir haben irgendwann rausgefunden, wie man sich Privatnachrichten schreibt, dann haben wir Telefonnummern ausgetauscht. Bushido hat mich angerufen, als ich gerade bei Desue im Studio war.

Bushido: Ich war bei Beatzarre im Studio und meinte noch zu ihm: »Krass, Alter, jetzt telefoniere ich zum ersten Mal seit Jahren mit Sido.« Ich glaube sogar, wir hatten noch nie telefoniert. Ich hatte nie seine Nummer, die Kommunikation lief bei Aggro ausschließlich über Spaiche. Jedenfalls haben wir einen Termin ausgemacht, um uns zu treffen, und dann bin ich mit Kay bei Siggi und Desue vorbeigefahren.

 

Gab es bei diesem Treffen ein ­klärendes Gespräch über die Ereignisse der ­letzten Jahre?
Sido: Das ist doch alles in dem Moment geklärt, wo ich »Gute Besserung« sage und er mit »Danke« antwortet. Wie gesagt: Für mich war das nie dieser krasse, persönliche Beef. Viel schlimmer war es, das den Leuten zu erklären, die in der ganzen Zeit meinen Rücken gedeckt haben. Denen zu sagen, dass ich einfach keinen Streit mehr will. Für mich ist es endgültig vorbei – nur die Leute, die hinter mir stehen, müssen das erst noch lernen. Aber das ist auf dem besten Weg. Ich spreche hier ja von meinen Freunden, und ich finde, ich kann von denen erwarten, dass sie es gut finden, wenn ich einen Krieg beende.

Bushido: In meinem Kollegenkreis und Arbeitsumfeld musste ich niemandem etwas erklären. Das lief sehr entspannt und relaxt. Für uns stand fest: Wenn jemand wie Sido kommt und mir die Hand reicht, dann ist in dem Augenblick alles vergessen. Gut, ich hätte die Hand auch ausschlagen können. Aber niemand hat etwas dagegen gesagt, selbst meine Mutter fand es cool.

 

Und eure Fans?
Sido: Seien wir doch mal ganz ehrlich. Ich glaube, ganz viele von denen haben ohnehin beide T-Shirts im Schrank.
Bushido: Genau, diese Illusion ist schon lange vorbei. Natürlich gibt es kleine Gruppierungen, die ganz radikal sind, aber das sind vielleicht fünf von 100. Die anderen 95 hören alles – F.R. und Casper, aber auch die Farid Bang-Single und das neue Massiv-Video. Selbst Kool Savas-Fans kommen zu unseren Konzerten. Das ist doch alles sehr offen mittlerweile.

 

 

Dass ihr einen jahrelangen Streit beenden wolltet, ist nachvollziehbar. Warum aber gleich ein gemeinsames Album?
Bushido: Wir haben eben beide viel Leidenschaft. Und obwohl wir die Erfolgreichsten waren und sind, haben wir nie so richtig zur HipHop-Szene gehört. Gerade deswegen hat es in den Fingern gejuckt. Wir sind Rapper, wir lieben HipHop, das ist unsere Passion.

Sido: Wenn ich ein Konsument wäre, würde ich das lieben – Sido und Bushido machen ein Album zusammen. Für HipHop ist das eine sehr große Sache. Erst haben wir ja nur über einen einzelnen Song geredet. Dann ­haben wir darüber diskutiert, auf wessen Album oder Projekt das passieren soll. Am Ende haben wir entschieden, es auf neutralem Boden zu machen. Nicht auf einem Sido- oder einem Bushido-Album – sondern auf einem eigenen Projekt.

Bushido: Damit wir auch zu beiden Teilen gleich daran partizipieren. Keiner ist der Schmarotzer beim anderen, keiner zieht den anderen noch mal aus dem Arbeitsamt raus.

Sido: Ein Album ist natürlich auch insgesamt viel lukrativer als nur ein einzelner Song.

Bushido: So gesehen, sind das auch die Früchte unserer Arbeit. Wir haben uns jahrelang gefickt und beleidigt. Wir können froh sein, dass es nicht ausgeartet ist. Vor allem bei mir kann es gut passieren, dass es eklig wird, wenn du dich mit mir streitest. Ich will damit nicht sagen, dass ich so ein krasser Typ bin. Aber wir – meine Freunde, Kollegen und ich – haben eine bestimmte Attitüde. Das ist nicht so, als wenn sich Laas mit Kollegah streitet. Die tragen das im Rap aus, bei uns ist das anders. Ich bin froh, dass da nichts passiert ist.

 

War es schwierig, den geschäftlichen Rahmen des Projekts zu schaffen? »23« erscheint bei Sony, obwohl Sido in einem Vertragsverhältnis zu Universal steht.
Sido: Wir pflegen eben ein gutes Verhältnis zu unseren Anwälten. (grinst) Keiner kann sich ans Bein gepisst fühlen, weil alles genau nach Vertrag läuft. Universal hat Sido nur als Solokünstler gesignt. Wenn ich ein anderes Projekt machen möchte, muss ich denen das nur als erstes anbieten.

Bushido: Universal hatte diese »First Option« und hat auch ein Angebot gemacht, aber dann kam Sony und hat mehr geboten. Das eBay-Prinzip.

 

Und Willy Ehmann, der Vice ­President von Sony Music, hat die Auktion ­gewonnen.
Bushido: Er hat das meiste Geld geboten, aber auch die meiste Motivation und den meisten Einsatz gezeigt. Ich hatte ja schon in meiner Arbeit im Vertrieb mit Willy gemerkt, dass er einer der wenigen wirklich ­engagierten Typen in der Industrie ist.

Sido: Darauf kommt es an. Natürlich gibt es einen bestimmten Preis, wo ich auch drauf scheißen würde, wie gut die Plattenfirma arbeitet – wenn ich so viel Geld vorab bekomme, wie die Platte sowieso niemals einspielen wird. In diesem Fall war es mir aber wichtig, dass die Plattenfirma an das Projekt glaubt. Dass ich merke, die wollen es nicht nur aus Prestige haben.

Bushido: Ich hätte das auch selbst machen können. Dann hätte ich mir einen Vertriebsdeal geholt, und wir hätten mit Sicherheit viel mehr verdient als jetzt. Aber ich habe schlechte Erfahrungen damit, Geschäfte mit Bekannten und Freunden zu machen. Bei Fler war am Anfang auch eine gewisse Euphorie in dem Projekt. Aber am Ende hat das Geld, das wir verdient haben, nicht den Stress, der dabei entstanden ist, aufgewogen. Das wollte ich Sido und mir ersparen. Ich wollte auch nicht, dass der Gedanke entstehen könnte, ich wolle ihn abzocken.

 

Könnt ihr euch vorstellen, dass Fler generell nicht so erfreut über euer Projekt ist?
Bushido: Ich wüsste nicht, warum Fler dazu überhaupt eine Meinung haben sollte.

Sido: Ach, dem geht es doch gut, gerade ist er in New York, soweit ich weiß. Der beste Tipp, den ich Fler geben kann, lautet: Genieß mal endlich dein Leben, Dicker. Friss dich nicht immer in irgendwelche Scheiße rein mit deinem Kopf. Genieß deine Zeit in New York und mach dir dort nicht schon wieder einen Kopf, wen du in Deutschland ficken wirst, wenn du zurückkommst.

Bushido: Ich würde so weit gehen und behaupten, keiner darf sich beschweren, wenn wir ein Album zusammen machen. Wenn Summer Cem morgen ein Album mit F.R. macht, interessiert mich das auch nicht. Ist doch deren Sache. Das ist ihr Geschäftsmodell, das verdealen die irgendwo und verdienen dann Geld oder auch nicht. Wir können machen, was wir wollen.

 

Kann es sein, dass Fler sich vielleicht mehr von eurer Versöhnung ­erwartet hat? Dass vielleicht auch die alte Freundschaft wieder auflebt?
Bushido: Keine Ahnung. Es ist immer sehr leicht, sich als Geschädigter darzustellen. Aber es interessiert mich nicht mehr. Den Tipp, den Sido gerade losgelassen hat, habe ich auch erst sehr spät bekommen – aber er hilft wirklich. Ich möchte mich nicht mehr mit negativen Dingen belasten. Fler ist für mich persönlich ein Thema, auf das ich keinen Bock habe. Und wenn ich das Fernsehprogramm nicht sehen will, dann schalte ich doch auch ganz einfach um.

 

Du hast dich von fast allen Künstlern auf EGJ getrennt. Warum?
Bushido: Das waren rein geschäftliche Entscheidungen. Ich sehe nun mal keinen Sinn darin, etwas weiterzuführen, wenn ich mehr reinstecke als ich raushole. Und dazu kommt, dass die Künstler bis auf Kay alle keine so guten Freunde von mir geworden sind. Die Bande zu Chakuza, Bizzy, Saad oder Nyze sind eben immer dünner geworden. Ich habe immer mehr das Interesse verloren und fand es nicht mehr aufregend, wenn Saad mit einem neuen Album ankam. Dann habe ich noch einmal das Experiment Fler gewagt, was auch nicht so gelaufen ist, dass ich das weitermachen müsste. Jetzt habe ich ein sehr kompaktes Büro, in dem die Leute nur für mich arbeiten.

 

 

Wie liefen die Aufnahmen zu »23« konkret ab?
Sido: Es gab da keinen bestimmten Tagesablauf. Mal kamen wir ins Studio, mal nicht. Vielleicht haben wir einen Beat gemacht und etwas geschrieben. Oder wir haben den ganzen Tag »Big Brother« gekuckt. Oder mit Playboy51 gelabert. Wir haben uns nicht unter Druck gesetzt. Wir hatten auch keine Vorgaben, wann wir fertig werden mussten.

Bushido: Wir haben gechillt, manchmal habe ich den ganzen Tag auf der Couch gepennt und bin anschließend nach Hause gegangen. Es ist gekommen, wie es gekommen ist. Mal hat Desue was produziert, mal Paul NZA, mal Siggi, mal ich oder die Jungs im Studio [Beatzarre und Djorkaeff, Anm. d. Verf.]. Ich würde mir aber nie das Recht rausnehmen, Sido zu sagen, wie es laufen muss. Dafür habe ich zu viel Respekt vor ihm.

Sido: Ich glaube, das müssen wir auch gar nicht. Wir machen das beide seit zehn ­Jahren. Wir wissen, was wir zu tun haben.

 

Wie lange haben die Aufnahmen ­insgesamt gedauert?
Sido: Sechs Wochen. Aber wir waren oft nur von Montag bis Donnerstag im Studio.

Bushido: Wenn überhaupt. Meistens hat unsere Woche schon am Mittwoch aufgehört, weil Siggi am Donnerstag weg musste, zu irgendwelchen Auftritten oder nach Österreich. Dann habe ich den Jungs im Studio Bescheid gesagt und unseren Caterer angerufen, dass Mittwoch Feierabend ist. Wir haben echt wie Senioren gearbeitet. Ich habe von Anfang an gesagt: Ich arbeite auf keinen Fall am Wochenende. Ich kann nicht mehr rund um die Uhr im Studio sein. Ich habe eine Freundin, eine Mama, ein Haus, meine Hunde… Ich will am Wochenende frei haben, dann habe ich im Studio auch gute Laune.

Sido: Deswegen ist das Album so gut geworden.

Bushido: Und wir waren trotzdem vor Zeitplan fertig. Die Sony-Leute haben sich richtig gewundert, wie schnell das ging.

 

Hatte das Label irgendein kreatives Mitspracherecht?
Sido: Nö. Wir geben nicht nur das fertige Album ab, wir sagen denen auch beispielsweise, was die Single ist. Da sucht keiner vom Label die Single aus. Wir sagen: Hierzu drehen wir das erste Video, mit dem und dem Regisseur.

Bushido: Wir sind etablierte Künstler und haben diese Standard-Majorarbeit nie gefühlt. Selbst ein Neffi [Temur, Chef-A&R Urban bei Universal, Anm. d. Verf.], den ich auch sehr gut kenne, weiß, dass er Sido nicht erzählen muss, wie er zu funktionieren hat. Nein, die Leute von der Plattenfirma sind Fans von uns. Ich sag’s dir, wie es ist. Mittlerweile ist der ursprüngliche Produktmanager des Projekts auf der Strecke geblieben. Willy Ehmann, Vice President von Sony Music, ist jetzt unser PM. Der schreibt jeden Freitag eigenhändig die Promopläne und bucht uns die Hotels in Kiew. Das ist eben so, als wenn sich drei Stammeshäuptlinge treffen, und jeder sagt dann seinen Leuten, was zu tun ist.

 

Was hat es mit den »Willy«-Skits auf dem Album auf sich?
Bushido: Oh, da war er richtig sauer.

Sido: Wir hatten ja oft Freunde im Studio. Und wenn Willy mal da war, hat er vor denen auch mal auf dicke Hose gemacht. Zu Playboy51 hat er zum Beispiel aus Spaß gesagt, er würde ihm einen Plattenvertrag geben. Also haben wir Playboy bei ihm anrufen und nach dem Vertrag fragen lassen. Da war Willy gerade mit seiner Familie im Urlaub auf Mallorca und meinte, wir sollen ihn nur anrufen, wenn es sehr wichtig ist.

Bushido: Ich wusste ja davon, aber war nicht dabei, als Playboy ihn angerufen hat. Als ich gerade auf der Toilette saß, rief mich Willy auf dem Handy an. »Ey, sag mal, was soll denn die Scheiße mit Sidos komischen Kumpels? Die rufen hier an und verarschen mich! Das ist nicht cool!« Ich hab natürlich so getan, als wüsste ich von nichts: »Klär das mit denen, gib denen halt keinen Plattenvertrag. Ciao.« Aufgelegt. Das sind die »Willy«-Skits.

 

Wie sehen eure kommerziellen ­Erwartungen an das Album aus?
Sido: Für mich wäre das Projekt gebührend entlohnt mit Platin.

Bushido: Ja, für mich auch. Ich habe erst zweimal Platin gemacht, und gerade in der heutigen Zeit bedeutet das schon noch etwas. Gold ist Standard bei mir. Ich hab 16 Goldene an der Wand. Wir shippen Gold in der ersten Woche. Was habe ich davon, wenn ich mit ihm zusammen genauso viel verkaufe wie alleine? Wir müssen unsere Kraft schon addieren. Natürlich ist das heutzutage sehr schwierig. Andererseits hast du dieses Jahr wirklich Hinz und Kunz in den Top 10. Selbst jemanden wie Casper. Ist natürlich eine positive Überraschung und für alle gut. Wir sind ja beide keine Menschen, die anderen ihre Platzierungen haten.

Sido: Gar nicht! Ich hate Casper an sich. Nicht seinen Erfolg, dafür kriegt er Respekt. Aber ich habe ihn letztens wieder bei »Feuer über Deutschland« gesehen in seinem 8XL-T-Shirt. Fünf Jahre später zieht er sich die Socken übertrieben hoch, trägt eine kurze Hose, die gerade mal bis über den Sack reicht, und läuft mit hochgekrempelten Ärmeln durch Friedrichshain. Ich kann ihm das einfach nicht glauben. Der Casper von »Feuer über Deutschland«, das war noch HipHop.

Bushido: Der hat mich neulich für so eine Sendung auf Arte angefragt. Ich habe gesagt: Sorry, kein Interesse. Trotzdem finde ich es okay, wenn Samy oder Casper auf der Eins charten oder wenn Eko oder F.R. in die Top 10 gehen. Aber das zeigt letztlich, dass das Niveau extrem niedrig ist. Wenn wir jetzt rauskämen, wären wir bestimmt zwei oder drei Wochen auf der Eins. Aber wir kommen dann raus, wenn das Marktniveau auch entsprechend hoch ist. Ich bin Anfang des Jahres ja gegen Söhne Mannheims gestartet.

Sido: Natürlich gibt es welche, mit denen man sich lieber nicht anlegt. Coldplay? Muss man nicht machen.

Bushido: Wenn man die Eins möchte – wir reden also nur vom Schönheitswettbewerb.

Sido: Klar, dieselbe Anzahl von Platten verkauft man trotzdem. Aber schau mal, in was für Dimensionen wir denken.

Bushido: Platin zu schaffen, ist ein hoher Anspruch. Wenn wir es nicht schaffen, dann ist für mich das Projekt trotzdem nicht gefloppt.

Sido: Nein. Die Aussage des Projekts ist HipHop. Beef ist nicht alles. Die, die das Beef-Ding angefangen haben, sind auch die, die es beenden.

 

Dieser Tage liest und hört man häufig den Vorwurf, ihr würdet das Album nur wegen der Kohle machen.
Sido: »Nur« wegen der Kohle ist total falsch. »Auch« wegen der Kohle. Sonst wäre es kein Album, das haben wir ja schon geklärt. Das gleiche Statement könnte man auch mit einer Single transportieren.

Bushido: Aber ich frage dich, was ist denn daran bitte so verwerflich? Ist Apple scheiße, weil sie Milliarden von Dollar umsetzen? Haben die das iPhone 5 entwickelt, um die Menschheit zu retten? Sag mir doch einen einzigen Rapper, der seine Musik nicht kommerziell vermarkten will. Nur mir wurde immer ein Strick draus gedreht. Jetzt sind wir die Arschlöcher der Nation, nur weil alle wissen, dass wir so viel Geld von Sony bekommen, wie die alle in ihrem Leben nicht mehr sehen werden. Mit einer Platte. Trotzdem verändert das meinen Kontostand nicht so, dass ich das merke. Verstehst du? Als wir in die ­Charts kamen, meinten plötzlich alle, das zähle doch gar nichts und wäre alles relativ. Aber jetzt, wo jeder Penner in die Charts kommt, soll es wieder was zählen? Da müsste HipHop sich schon mal entscheiden. Aber am Ende stehen wir eh über den Dingen. Wird sich mein Leben durch eine weitere Nummer eins oder eine Platinplatte verändern? Habe ich Respekt bekommen, weil ich 16 goldene Platten an der Wand hängen habe? Darauf gebe ich nichts. Für uns ist es nur ein kleines Ego-Ding – wenn die beiden größten Firmen fusionieren, erwartet man natürlich auch einen gewissen Umsatz. Aber wichtiger ist mir, dass meine Mama was Schönes kocht oder meine drei Hunde mit dem Schwanz wedeln, wenn ich nach Hause komme.

 

Was hat es also nun genau mit der »23« und der Eule auf sich?
Sido: Es ist unser 23. Album. Die Zahl 23 ist eine sehr spezielle Zahl. Die Quersumme meines Geburtsdatums ist 23. Man kann sich in diese Zahl ganz schön vertiefen, wenn man möchte. Das ist aber nicht unsere Intention. Natürlich ist das ein schönes Konzept, aber wir sind keine Illuminaten. Oder vielleicht doch. Das weiß man ja selbst nicht, glaube ich. Oder darf man es nicht wissen?

Bushido: Man darf es zumindest nicht sagen. Was das Cover angeht: Es ist keine Hommage an Eko. (grinst) Es ist einfach so, wie wir wollen. Wir hätten uns mit Titten und Koks aufs Cover stellen können, aber wir können auch eine Eule aufs Cover nehmen. Wir haben unsere Beweggründe dafür.

 

 

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Peter Maffay ergeben, der neben J-Luv und Kay One das einzige Feature ist?
Sido: Wir hatten halt diesen Song mit dem Part aus seinem Musical. Wir haben ganz viele Versionen ausprobiert – irgendwann hat Bushido ihn dann angerufen und ganz vorsichtig gefragt, ob er das nicht selbst einsingen will. Peter hat sofort zugesagt. Der ist ein richtiger Atze, voll locker drauf. Aber wenn wir den Song nicht gemacht hätten, hätte ich gar nicht auf dem Schirm gehabt, was für ein Megastar der seit Jahrzehnten ist.

Bushido: Natürlich war Peter Maffay uns beiden schon immer ein Begriff, der gehört einfach zur deutschen Kultur.

Sido: Weißt du noch, wie die Olle dein Auto vor dem Studio angefahren hat? Da kam die Polizei und aus dem Studiofenster hörte man unseren Song mit Peter. Die Polizistin, die vielleicht 25 war, ist völlig ausgeflippt: »Peter Maffay? Ist der etwa hier?« »Nee, der ist schon wieder weg.« »Verdammt, warum ist die nicht früher in dein Auto gefahren?« (Gelächter)

 

Ihr habt euch vertragen. Schießt ihr auf »23« zusammen gegen andere Rapper?
Bushido: Es wäre ja Quatsch, einen Streit beizulegen, etwas Kreatives zu produzieren und auf dem Album dann wieder dasselbe anzufangen, was man sich über Jahre gegenseitig angetan hat. Natürlich thematisieren wir, dass es für viele Künstler da draußen nicht mehr so gut läuft, aber ohne persönlichen Beef anzetteln zu wollen.

Sido: Das war ja immer mehr ein Thema für die Medien als für uns. Die jüngeren Rapper haben das
natürlich mitbekommen und denken jetzt, sie müssten jemanden dissen, damit über sie berichtet wird. Deswegen finde ich solche Fragen auch immer ein bisschen fehl am Platze. Allerdings haben wir natürlich auch damit gespielt und sind daher dafür verantwortlich, dass diese Frage immer wieder gestellt wird.

 

War es denn mal ein Thema, andere Rapper zu featuren?
Sido: Die Rapper, die es wert gewesen wären, hätten es nicht gemacht. Wir haben diese Scheuklappen nicht, aber in der Szene waren wir nie so akzeptiert. Wenn ich gemerkt hätte, jemand hat ernsthaftes Interesse, dann hätte es vielleicht geklappt. Aber ich habe mir abgewöhnt, die zu fragen. Ich habe so viele Absagen in meinem Leben bekommen, weil ich dachte, ich könnte ein Teil der Szene sein und mit anderen Mucke machen. Ich rede jetzt von allen: Savas, Samy… Bevor es mit Samy geklappt hat, habe ich drei Absagen von ihm bekommen. Wenn aber einer die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit dieses Projektes nicht kapiert, dann weiß ich auch nicht mehr. Wenn wir jemanden anrufen und fragen, ob er dabei sein will, dann muss der doch eigentlich fragen: Wann soll ich da sein? Heute? Morgen? Aber diejenigen, die im Gespräch waren, hatten dann nur zwei Tage im September Zeit.

Bushido: J-Luv war der Einzige, der cool reagiert hat. Der meinte: »Das ist Legende, was hier gerade passiert. Danke, dass ich mitmachen darf.« Die anderen denken, es bringt ihnen nichts, uns Props zu geben. Andererseits ist es auch gut so. Wenn alle anfangen würden, uns Props zu geben, kämen wir in eine moralische Zwickmühle. Dann ist es nämlich schwer zu sagen: Ach, der soll die Fresse halten. Als K.I.Z. mir früher in Interviews Props gegeben haben, hat mich das genervt. Genau wie bei Casper. Mach dein Ding, alles cool. Aber schreib mir keine Mail, in der du sagst, dass du ein Riesen-Fan von mir bist. Ich möchte das nicht.

 

Ihr seid beide über 30 und habt in der Entertainment-Branche fast alles erreicht, was man erreichen kann. Was habt ihr noch für Ziele?
Sido: Ich verwirkliche gerade noch eines meiner großen Ziele – ich habe nämlich eine eigene Fernsehserie geschrieben, die vom ORF produziert wird. Ende des Jahres kommt mein Film »Blutzbrüdaz«, dann gehe ich sehr lange in den Urlaub und dann mache ich wieder ein Soloalbum. Ich meine, was denn sonst? Wir sind ja künstlerisch begrenzt. Oder sollen wir jetzt anfangen, Bilder zu malen? Irgendwann ziehen wir uns wahrscheinlich zurück. (schaut zu Bushido) Du machst dann nur noch Häuser, und ich mache… weiß ich nicht, was. Wir müssen ja nichts machen, das ist doch auch eine Art von Freiheit. So frei wie ich jetzt bin, war ich zum letzten Mal, als ich noch keinen Pfennig hatte. In der Zwischenzeit habe ich viel Geld verdient, aber ich hatte auch viele Verpflichtungen, also war ich nicht wirklich frei. Mittlerweile muss ich mir überhaupt keinen Kopf mehr machen.

Bushido: Ist doch krass, wenn man mit Anfang 30 schon so reden kann. Auf jeden Fall gehen wir bald mal zusammen Hochseeangeln. Sido geht ja gerne an den Seen im Berliner Umland angeln, das ist nicht so mein Ding. Lieber schön in der Karibik oder auf den Malediven. Wo es Thunfische gibt.

 

Text: Stephan Szillus
Fotos: Murat Aslan

 

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