grim104 [Feature]

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Ein bisschen psycho, nein, aggro sieht grim104 schon aus: weit aufgerissene Augen, Zähne, besser: Fresse zeigen, generell eher wütend schauen – zumindest auf den Promofotos, in seinen Videoclips und als krakelige Illustration (von Atelier Conradi) auf dem Cover seines gerade auf dem Hamburger Buback-Label veröffentlichten Soloalbums. Grimmig eben.
 
Visuell schon einmal eine ganz gute Entsprechung zum musikalischen ­Berserker, der als Teil von Zugezogen Maskulin (ZM) seit gut drei Jahren deutschen Rap auf Krawall bürstet. Beim Interview sitzt er neben seinem Partner Testo und macht einen deutlich gelösteren Eindruck – mehr Typ »netter Junge von nebenan« als Zündler auf den Barrikaden. Den hat man vor Augen, wenn »Der kommende Aufstand« läuft. Grim104 interpoliert darin Ansätze des gleichbetitelten, Mitte der 2000er ­veröffentlichten und weiterhin schwer beliebten Essays, in dem Post­marxismus und Anarchismus, Urbanisierung und Kommunisierung populär aufbereitet wurden. Bei grim104 »erlischt, verwelkt, vergeht, verzischt, verbrennt, verfliegt, versengt, versiegt« alles, wird die Festung Europa, das globale Wirtschaftssystem, der Polizeistaat und der Kapitalismus an sich problematisiert – lange nicht mehr so viele kluge Zeilen am Stück im Rap gehört! »Der Track ‚Der kommende Aufstand‘ ist meine romantische Hoffnung auf ein gesellschaftliches Aufbegehren, das aber wohl nicht eintreten wird. Und wenn es eintritt, wird es mit ausufernden Exzessen ablaufen. Ob das kommunistische China, die November- oder kubanische Revolution – die Exzesse verderben den Geschmack auf alles, was danach kommt: den revolutionären Wandel, das Zerstören des Alten. ›Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust‹, hat der russische Anarchist Michail Bakunin gesagt. Das ist geil. Aber danach wird’s ekelhaft.«
 

 
Aber von vorne: Zetel, grim104s ­Heimat, war ganz bestimmt keine »Gated ­Community« wie es in »Der kommende Aufstand« heißt. Eher Gemeinde in ­Friesland, Nieder­sachsen: 11.500 Ein­wohner, SPD-regiert, mit Kabarettabenden im »Vereenshuus«, einer Tankstelle (an der es sich früher wohl mal gut abhängen und Bong schlabbern ließ) und Discos, die »Mark4« und »Tunis« heißen. Wer dazu wirklich wissen will, wie Künstler wurden, was sie heute sind, der greift am besten zur Regionalzeitung – in diesem Fall die »Nordwest Zeitung«. In deren Archiv kann man das ganze erdrückende Elend der Provinz nachlesen, wo die Lokalpresse von Weihnachtskonzerten im Zeteler Jugendzentrum und Gigs in der »Gaststätte zur alten Tenne« berichtet: »Lokalmatadoren stellen sich vor«. »Junge Musiker wagen den Sprung auf die Bühne«. »Große Leidenschaft für Rap-Musik«. Wer diese Art von Popkultur und -presse auf dem Land selbst durchleben musste, versteht sofort, dass einen dort nicht viel hält – und woher der Hass kommt.
 
Apropos Hass: Sein Track »2. Mai« ist die Art ironischer Betrachtung des groß­städtischen Revoluzzers, bei der nicht ganz klar ist, ob das Sparkassenfenster tatsächlich zu Bruch geht, er sich nur darüber freut, wenn andere den Stein reinwerfen oder ob er sich über Krawall an sich lustig macht. Bei grim104 wirkt alles reflektiert, mehrdeutig, mit doppeltem Boden – aber auch schon wieder desillusioniert. Ajax-Amsterdam-Schal statt Pali-Tuch? »Der Kampf um die Befreiung ist mir relativ egal«, lässt er uns auf der Platte wissen.
 

 
Seit 2007 lebt Moritz Wilken alias grim104 in der deutschen Bundeshauptstadt Berlin. Nach freiwilligem sozialen Jahr in einer Krankenhausreinigung – »Wäschejunge in der Park-Klinik Weißensee, da bilden sich Grundsteine für Rap-Karrieren wenn du ­Säcke schleppst, aus denen Lymphe und Blut tropft …« – arbeitet er heute in einer Berliner Filmproduktion. 2010 absolvierte er ein Praktikum bei Rap.de unter der Leitung von Marcus Staiger im Redaktions­ghetto der Kreuzberger Köpenicker Straße. Dort lernte er Testo kennen, die andere Hälfte von Zugezogen Maskulin. Eigentlich hatte Testo schon in Hamburg einen Ausbildungsvertrag zum Bankkaufmann unterschrieben, sich dann aber doch noch für das Lehramtsstudium Mathematik und Ethik in Berlin umentschieden. »Das war auch verkehrte Welt«, meint Testo, »richtig ›Big Bang Theory‹-mäßig. In dem Mathestudium kamen alle Nerds des Landes zusammen, und da war ich dann voll der Spasti, der bei den anderen abschrieb. Hab ich dann irgendwann auch abgebrochen.« Kann man verstehen, die Kommilitonen konnten mit Testos Doppelleben als Rapper wohl auch kaum etwas anfangen. »Damals sah ich auch noch aus wie so’n Ossi-­Gangster, mit Picaldis und Tyson-Haarschnitt war ich an der FU sowieso der Paradiesvogel. Und dann kam halt das Praktikum …«
 
»Wir sind nach Hamburg gefahren, um dort eine zu der Zeit aufstrebende deutsche Straßenrap-Hoffnung zu interviewen«, erklärt grim104. Während dieser Reise gärte die Idee in beiden, dass das mit der Rap-Karriere ja doch noch was werden könnte. »Wir haben dabei festgestellt, dass es cool ist, zu schreiben – aber dass es noch ­besser wäre, auf der anderen Seite zu stehen. Westberlin Maskulin, Südberlin Maskulin, das kannten wir ja. Was wären wir dann? Zugezogen Maskulin halt!« Und wer in einer Redaktion am Fließband Promos anhört und Interviews führt und zudem auch noch einen Funken eigenes Talent besitzt, der entwickelt wohl schnell ein ­Gespür für sowohl den Markt als auch ­dessen Nischen, in denen man es sich gemütlich machen kann. »Durch die ­redaktionelle Arbeit ­konnten wir schnell zwischen ›Cool‹ und ›nicht Cool‹ unterscheiden. Ist es sinnvoll, einen Track für die Girls, einen für die Bitches, einen für den Club, einen der ›Mein Weg‹ heißt, den ­politischen Track und so weiter zu haben …? Und gerade Staiger war dann hilfreich, der hat so ein krasses Netz an Distinktions­linien um sich gesponnen.« Die Berliner HipHop-Lichtgestalt schrieb unlängst auch das Presseinfo der grim104-Platte, folgerichtig, schließlich hatte er ­Zugezogen Maskulin schon früh protegiert. Was naheliegend ist, denn so weit liegen ZM und zum Beispiel Staigers alte Schützlinge K.I.Z. nun auch wieder nicht voneinander entfernt – sowohl musikalisch, als auch in Sachen Großmäuler mit derbem Humor.
 

 
Und wie schon bei den Kannibalen in Zivil geht es bei ZM und grim104 einmal quer durch die Popkultur: Die Ska-Band Madness wird genauso wie Joy-Division-Sänger Ian Curtis referenziert. Zudem wird die Indie-Band Tomte zitiert und Punk-Legenden wie die Fehlfarben, Rio Reiser und Ton Steine Scherben eingebaut. »Ich bin ja zum Beispiel auch ein großer Fan der Goldenen Zitronen, die habe ich von 14 an gehört. ›Kampfstern Mallorca dockt an‹ und ›Das bisschen Totschlag‹ fand ich gut. Ich war immer in so ’ner subkulturellen Klitsche zwischen Punk und Alternativem, mochte Rap, aber auch vieles andere.« Mit dieser Art von Wertschätzung für Popkultur stehen Zugezogen Maskulin in Rap-Kreisen heute bei weitem nicht mehr allein auf weiter Flur: bei Veedel Kaztro hängt ein Refused-Poster im Video rum, Koljah von den Antilopen trägt Sex-Pistols-Beanie, Casper mag Black Sabbath und Cros Sample-Bank ist ja eh schon legendär. Letzterem gibt grim104 auf seinem Kleinkrieg gegen Gott und die Welt in »Ich töte Anders Breivik« gleich auch noch einen mit: »Cro ist das Symptom einer Jugend in der Krise«. ­Genau wie die Zugezogenen ist Cro aber nicht die Ursache, die liegt eher in den endlosen Weiten des Internet, irgendwo zwischen YouTube, Urban Dictionary, WhoSampled und RapGenius. Und zum guten Teil auch in der eigenen Sozialisation: »Das Album ›Monarchie und Alltag‹ habe ich von meinem Vater«, sagt grim104. »Das sind so Kindheitstraumata, im Positiven. Man darf sich da aber keinen drauf runterholen, wenn die Eltern Fehlfarben gehört haben – man kann auch ohne musikalisch bewanderte Eltern zu ’nem guten Typen werden.«
 
Text: Walter W. Wacht
Foto: Marc Cantarellas Calvo
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #156 (hier versandkostenfrei nachbestellen).