R.I.P NMZS // Feature

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Das Düsseldorfer Zakk ist voll an diesem Samstagabend. Das Publikum ist bunt gemischt, die ­Stimmung ­etwas traurig, aber vor allem harmonisch. Das Bühnenbild zeigt ein Graffiti von einem freundlich ­unrasierten Gesicht, vier großen Buchstaben und acht Zahlen: NMZS 1984 – 2013. Es erinnert an ­Jakob Wich alias NMZS, der sich am 20. März im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Im Rahmen eines Tribute-­Konzerts lassen Freunde, Musiker und Fans den Rapper der Antilopen Gang noch einmal ­gemeinsam ­hochleben. Auch NMZS’ Mutter ist da. In einer kurzen Begrüßungsrede hebt sie noch einmal die ­»hervorragende Vermittlerfähigkeit« ihres Sohnes hervor, die es auch an diesem Abend ermöglicht, ­»gemeinsam zu feiern«. Der Applaus der rund 700 Gäste gibt ihr recht.

Zum Schluss kommen alle – und noch ein paar mehr – erneut auf die Bühne und ­huldigen NMZS. Alle rappen seine Texte. Die gut sechsstündige Show endet mit einer ­Preview von »Der Ekelhafte«, NMZS’ Solo­album, das Mitte Oktober erscheint, finanziert von den Einnahmen dieser Tribute-Show. Am Tag der Show trafen wir die Antilopen Gang zum Interview.

Was waren eure Highlights des Abends?
Koljah: Für mich war der Auftritt von Bobby Fletcher ein Highlight, das war ganz großes Kino. Sollte der Typ öfter machen. Und natürlich das Tribute-Set, wo wir mit ganz vielen Leuten gemeinsam NMZS-Tracks ­performt haben. Neben den üblichen Verdächtigen haben mich da JayJay und 3Plusss gefreut, und insbesondere auch die ganzen Freunde, die sonst gar nicht als Rapper aktiv sind.
Danger Dan: Für mich war das Highlight, dass an dem Abend eine Begegnung zwischen sehr unterschiedlichen Menschen stattfand, die ohne diesen traurigen Anlass wohl selten auf einer Bühne oder im selben Publikum gestanden hätten. Von Illoyal über den Neuen Westen bis zu Lea-Won ist schon ein großer Weg. Und vom schwulen Punk bis zum homophoben Düsseldorfer Rap-Head auch. Jakob hat bis über seinen Tod hinaus noch Menschen miteinander verbunden, wie es kein anderer Mensch, den ich kenne, je machte. Er war einer der tollsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe!

Ihr habt den Track »Bleib am Boden« ­gespielt, in dem ihr auf sehr ironische Weise dafür plädiert, sein Glück nicht in die eigene Hand zu nehmen, sondern aufzugeben – gegebenenfalls mit Selbstmord. Hattet ihr Skrupel, diesen Song zu performen?
Panik Panzer: Den Song haben wir erst letztes Jahr wieder in unser Live-Programm aufgenommen und auch mit Jakob zusammen gespielt. Wir hatten den Song schon 2006 geschrieben, als jeder deutsche Rapper plötzlich mit diesen unsäglichen Mutmach-Phrasen daherkam. Eigentlich dürfte unsere Version eines Mutmach-Songs schwer misszuverstehen sein. Skrupel hatten wir allerdings für einen Moment schon. Es ist aber schlussendlich gerade jetzt ­konsequent, den Song weiterhin zu spielen.

Nachdem ihr zunächst alle anstehenden Auftritte abgesagt hattet, standet ihr ab Mai wieder auf der Bühne. Habt ihr Jakobs Tod dabei thematisiert?
Panik Panzer: Man kann ja nicht so tun, als sei nichts passiert. Also ist Jakobs Tod natürlich Thema auf der Bühne. Sei es in ­Ansagen, einzelnen umgedichteten Zeilen oder wenn wir teilweise seine Parts oder einen ganzen Song rappen.
Koljah: Uns war aber wichtig, dass unsere Konzerte, die immer sehr albern und ausgelassen sind, jetzt nicht zu so einer Art ­Trauerveranstaltung werden. Klar sind wir alle in Gedanken bei Jakob und thematisieren das auch, aber wir wollen auch mit den Leuten feiern, eine gute Zeit haben und Unsinn reden können.
Danger Dan: Die Stimmung ist seitdem in ­jedem Fall sehr aufgeladen. Im Publikum sehe ich oft feuchte Augen und hier und da eine Träne über die Wange kullern. Auf der anderen Seite rasten die Leute aber auch ziemlich aus und bouncen und brüllen, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich glaube, da passiert auch gerade zwischen den Zeilen total viel Konfrontation mit Existenziellem, sowohl auf als auch vor der Bühne.

Ihr habt euch nicht nur alle das Antilopen-Logo auf die Arme tätowieren lassen, neu ist auch, dass Danger Dan jetzt auch live immer dabei sein soll. Antilopen Gang – jetzt erst recht?
Panik Panzer: Das stimmt, Danger Dan war vorher meistens live nicht dabei, da er als Keyboarder für andere Bands besser verdienen kann.
Danger Dan: Ich war auch vorher immer arm. Im Leben gibt es einfach Wichtigeres als den Geldbeutel. Ich hatte schon vor Jakobs Tod mit den meisten Bands, für die ich spielte, gebrochen. Fakt ist aber, dass wenn so ein Scheiß passiert und so existenzielle Themen auf den Tisch kommen, sich Prioritäten noch mal verschieben. Ich habe eine Antilope auf dem Unterarm, keine Dollarnote, keinen Baursparvertrag und kein Reggae-Keyboard!
Panik Panzer: Man kann trotz dieser ­riesigen Scheiße schon einen ­Motivationsschub innerhalb der Band verspüren. Vielleicht kann man sich das wie einen ordentlichen Schlag in die Fresse vorstellen: Tut verdammt weh, aber man ist voll auf Adrenalin.

Wusstet ihr von Jakobs Depression?
Panik Panzer: Da wir sehr enge Freunde sind, wussten wir natürlich von Jakobs Depression. Das kam bei ihm immer phasenweise, wurde dann aber auch wieder von einer Hochphase abgelöst. Wenn er mal in so einem Loch war, dann hat man natürlich immer versucht, ihn mitzuziehen und gerade auf der Bühne hat das sehr gut geklappt. Ich glaube, da konnte er auch für einen Moment von dieser schweren Seite in sich ablassen, weil er absolut in seinem Element war.
Koljah: Wir haben mit Jakob immer viel über solche Sachen geredet, das war ständig Thema bei uns. Am Ende des Tages macht jemand mit Selbstmordgedanken so was aber mit sich alleine aus. Da kann einem keiner bei helfen. Und um Suizid wirklich durchzuziehen, musst du dich auch von deinem Umfeld abschotten und kannst niemanden mehr komplett an dich ranlassen, sonst funktioniert das gar nicht.
Danger Dan: Jakob hat uns am Ende verarscht. Einerseits konnte man zwar erahnen, was in ihm vorging, aber er hat einfach auch drauf geachtet, dass er niemanden belastet.

Früh stand fest, dass nicht nur Jakobs Album »Der Ekelhafte« posthum veröffentlicht werden soll, sondern auch eine CD-Box mit seinem Gesamtwerk. In einzelnen Internetkommentaren wird euch »Heuchelei« oder sogar die »Ausschlachtung« von Jakobs Tod unterstellt. Verletzt euch so was?
Panik Panzer: Dass mich das verletzt, kann ich nicht zugeben, daher behaupte ich ­einfach, dass ich auf solche Kommentare scheiße. NMZS hat extrem viel guten Rap hinterlassen, der nie würdig veröffent­licht wurde. Alleine für uns Antilopen ist es ­wichtig, so ein Andenken zu haben. Aber auch viele Fans wünschen sich das. Außerdem kann man ganz gut mit der eigenen Trauer umgehen, wenn man sich in solche Projekte stürzt.
Koljah: Manchmal kann ich darüber lachen, manchmal regt es mich auf. Das sind halt ­irgendwelche Arschlöcher, die nichts über uns wissen und über das, was bei uns gerade so geht. Und sich zu allem Überfluss auch noch für Antilopen-Fans halten.
Danger Dan: Einer Do-It-Yourself-Crew, die schon immer alles, was sie ­veröffentlicht hat, zum freien Download anbietet, Ausschlachtung vorzuwerfen, ist lächerlich. Und es wäre mir unangenehm, noch mal auszubreiten, was mit dem Geld, das wir einnehmen, passiert, denn wir müssen uns nicht ­rechtfertigen.

Inwieweit wart ihr denn als Antilopen Gang in die Entstehung von »Der Ekelhafte« eingebunden?
Panik Panzer: Jakob hat den »Ekelhaften« komplett mit dem Produzentenduo ­Pitlab umgesetzt. Paul von Pitlab hat auch ­zusammen mit Jakob den visuellen Teil des Albums geplant. Das ist zwar nach Jakobs Tod nicht hundertprozentig umsetzbar, aber wir ­können uns stark daran orientieren.
Koljah: Was die Tracks angeht, ist es bei uns eh so, dass man sich dauernd neue Texte vorrappt und schon im Entstehungsprozess der Tracks die Meinung der anderen einholt und berücksichtigt. Für uns sind alle unsere Veröffentlichungen Antilopen-Releases, egal, welcher Name auf dem Cover steht. Ich ­fiebere bei den Releases der anderen genauso mit wie bei einer Soloplatte von mir.

Text: Philipp Killmann
Foto: Thomas Schermer

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