Xatar: »Es gibt Rapper, die rauchen noch mehr Shisha als alle anderen.«

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Vom Unterwelt-Antihelden zum eingesperrten Rap-Nerd: Die Story vom Goldraub, für den Giwar Hajabi zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt wurde, sorgte auf Schulhöfen und in Jugendzentren während der vergangenen fünf Jahre tausendfach für leuchtende Augen. Sie ist unweigerlich Teil der Legende um Xatar. Nach ­seiner vorzeitigen Entlassung im Dezember 2014 meldet sich der Labelchef von Alles oder Nix ­Records nun mit »Baba aller Babas« zurück. Und hat es damit nicht nur auf die Ehrfurcht der Straßenkids, sondern auch den Respekt der Rap-Szene vor seinem ­künstlerischen Schaffen abgesehen.

Es ist der 3. Juli 2014, kurz nach 8 Uhr: Sohail Sadat, Ssios älterer Bruder und Labelmanager von Alles oder Nix, trifft fast zum verabredeten Zeitpunkt am Bahnhof Köln Süd ein. Eine gute Dreiviertelstunde Fahrt liegt vor uns. Die Strecke, die Sohail zurzeit jeden Morgen fährt. Unser Ziel ist die JVA Remscheid. Dort verbüßt Xatar den voraussichtlich letzten Abschnitt seiner Freiheitsstrafe im offenen Vollzug. Zwölf Stunden täglich und an den Wochenenden darf er den Knast verlassen, spätestens um 21 Uhr geht es zurück hinter schwedische Gardinen. Xatar weiß bereits damals, dass seine vorzeitige Entlassung gegen Ende des Jahres erfolgen wird. Aber auch die Ansage des Justizministeriums ist klar: Keine öffentlichen Auftritte während der Zeit als Freigänger. Die Gründe liegen auf der Hand: Kult um einen Antihelden, der Vollzugslockerung genießt, gilt es aus Sicht der Justiz zu unterbinden. Von dem 2009 erbeuteten Zahngold fehlt nämlich weiterhin jede Spur.

Auch ein ursprünglich für JUICE #161 geplantes Interview darf deshalb nicht stattfinden. Die bereits gebuchten Zugtickets lasse ich trotzdem nicht verfallen. Die Figur Xatar fasziniert mich, seit sie im Herbst 2007 mit einem sündhaft teuren Split-Video auf Youtube auftauchte, dessen radikale Bildsprache suggerierte: Packt ein, ihr Hobbyticker, die ihr euch Gangsta-Rapper schimpft – hier kommt ein echtes Schwergewicht von der Straße. Nicht nur aus Neugier, einen verurteilten Verbrecher kennenzulernen, warte ich nun auf einem Parkplatz unweit der JVA auf den Bra. Mit dem Knastalbum »Nr. 415« gelangen Xatar 2012 gleich zwei Kunststücke: Trotz widrigster Umstände konnte er mithilfe eines eingeschleusten Diktiergeräts ein ganzes Album als Häftling aufnehmen und veröffentlichen. Und auch mit dem Bild des hölzern rappenden Mafiapaten, das er noch über weite Strecken seines heute indizierten Debütalbums präsentierte, brach er damals vollständig.

Gleichzeitig leitet »Nr. 415« auch die Wiedergeburt des lange totgeglaubten Labels AON ein. Die 2012 veröffentlichten Mixtapes von Ssio und Schwesta Ewa ließen bereits erahnen, dass man sich fortan als Antithese zum quietschigen Synthie-Schmodder zu definieren gedenkt, den weite Teile der Straßenszene als präferierte Soundvorlage nutzen. Mit Ssios Debütalbum »BB.U.M.SS.N.« gelingt ein knappes Jahr ­später der Coup: Man liefert mit unterhaltsamst erzählten Tickerstorys auf stringent ­produziertem Neo-Boombap die Konsensplatte der Spielzeit Zwodreizehn und hat plötzlich auch überall dort einen Fuß in der Tür, wo einem als »Kanakenrapper« gerne mal der Eintritt verwehrt bleibt.

Aber zurück auf den Parkplatz am Stadtrand von Remscheid: Giwar Hajabi entpuppt sich trotz Knastnarben und Haftschaden als äußerst zuvorkommender Mensch. Er spricht bedacht, lässt sein Gegenüber ausreden und streut schon wenige Minuten nach dem Kennenlernen kleine Anekdoten in seine Erzählungen ein, die ihn selbst zum Schmunzeln bringen. Gleichzeitig spricht er mit einer Vehemenz, die erkennen lässt, dass man den Fehler, seine Freundlichkeit als Schwäche zu interpretieren, tunlichst unterlassen sollte. Und auch wenn der Tag ohne Interview zu Ende geht, trete ich die Rückreise mit der Erkenntnis an, dass da jemand fünf Jahre lang Pläne geschmiedet hat, die er als freier Mann, komme was wolle, in die Tat umzusetzen gedenkt.

Als wir neun Monate später zum zweiten Mal aufeinandertreffen, läuft die Umsetzung dieser Pläne weitgehend nach Maß: Nachdem man Kalim im Spätsommer 2014 mit seinem Mixtape »Sechs Kronen« innerhalb der Top 30 platzieren konnte, verfehlt Schwesta Ewa die Top 10 mit ihrem Albumdebüt »Kurwa« nur denkbar knapp. Doch seit dem 5. Dezember 2014 gibt es nur noch ein Thema im AON-Kosmos: Der Bra und sein Mantel sind zurück, um die ­Rapszene zu »equalizen«. Mit dem mittlerweile zum Qualitätssiegel avancierten AON-Sound, mit Videos auf höchstem Unterhaltungsniveau und natürlich auch mit sensationellem Marketing. Das Hashtag #ichtragemantel zieht seine Kreise durch die Timelines der Nation, und vor allem die Deluxe-Edition des Albums samt beigelegtem Dog-Tag-Goldzahn sorgt für ­Vorverkaufsumsätze im hohen sechsstelligen Bereich. Ganz ohne »Kopfgeficke« geht es dann aber doch nicht: Sei es der Soundentwurf (»Wir haben noch zwei Tage vor der Masterabgabe ganze Instrumentals ausgetauscht – das macht man einfach nicht!«) oder der Import der Goldkettchen aus Istanbul (»Der Zoll denkt echt, das wäre das verschollene Zahngold!«). Trotz langjähriger Planung weiß man auch im Hause AON, dass man sich den Titel »Baba aller Babas« verdienen muss.

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