Kalim – Thronfolger [Feature]

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»Hammaburg brennt wie Feuer mit Kerosin« – da hat sich etwas zusammengebraut im Osten der Hafenstadt. Aber wer ist eigentlich dieser Typ, der da im Video auffallend lässig am Daimler lehnt und zur »Stadtrundfahrt« einlädt, Part für Part mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks auf drückenden Bummtschakk packt und uns mit dem Titel seines zweiten Mixtapes ganz elegant den Lauf seiner 9-Millimeter auf die Brust setzt? Gestatten: Kalim 579, Jahrgang 1992, straight outta HH-Billstedt.
 
Kurz die Rewind-Taste gedrückt: 2006 beginnt Kalim als junger ­Teenager, seine Freizeit primär wie folgt zu gestalten: Stift in der Hand, ­Zettel vor der Nase und Beat auf den Ohren. Mit Billigmikro und gecrackter Software schreibt er sich zusammen mit den Jungs ausm Viertel den Frust von der Seele. Dabei merkt er: »Die haben das nur aus Langweile gemacht. Irgendwann hatten sie dann wieder andere Interessen. Aber mich hat die Musik so richtig gepackt.« Nach gut fünf Jahren Training wird es 2011 zum ersten Mal ernst: Zwar ist Kalim gerade mal 18, aber zum ersten Mal bietet sich ihm die Chance, Songs in professionellem Umfeld aufzunehmen. Das Ergebnis hört auf den Namen »Wo ich wohn’« und lässt erkennen, wo Kalim seinen Fokus setzt: Real Talk über Alltagstristesse und Blockmathematik mit grünem Hasen und weißen Steinchen. Und das vornehmlich auf Instrumentals, bei denen der Geruch von zwanzig Jahre altem G-Funk förmlich durch die Boxen kriecht. Auch überregional findet das Tape Anklang, via Mund-zu-Mund-­Propaganda wird sich in Auskennerkreisen ganz altmodisch vom nächsten großen Ding aus der Hansestadt erzählt.
 
Destroy & Rebuild
 
Zeitgleich versucht ein gewisser Sohail Sadat zu vergessen. Er ist nach Hamburg gekommen, um sein Leben neu zu ordnen. Wer sich mit Alles Oder Nix Records, dem Bonner Label um Xatar und Ssio, einmal genauer auseinandergesetzt hat, kennt Sohail aller Wahrscheinlichkeit nach unter seinem Spitznamen Dingens. Heute ist er das Hirn hinter AON, Xatars verlängerter Arm in der Freiheit. Doch 2011 waren die Vorzeichen andere: Auch Sohail und sein jüngerer Bruder Ssiawosch sind aufgrund der Ermittlungen um den spektakulären Goldraub, an dem die AON-Künstler Xatar und Samy beteiligt sind, ins Fadenkreuz der Justiz geraten. Die eigens gegründeten Sokos in Bonn und Ludwigsburg ermitteln wie wild in alle Richtungen. Wenn Sohail seinen Teil der Geschichte heute schildert, dann nur, um am Satzende die Bitte um Diskretion ­anzuhängen. Die Details ­dessen, was rund um den Zahngold-Coup geschah, der Xatar eine ­achtjährige Freiheitsstrafe einbrachte, möchte er ­möglichst nirgendwo lesen müssen.
 

 
AON liegt 2011 also in Trümmern; doch ­Sohail ist auch nach Hamburg gekommen, um trotz der widrigen Voraussetzungen in Ruhe den Wiederaufbau zu planen. Er übernimmt das Labelmanagement, ­arbeitet an »Spezial Material«, dem Mixtape-Debüt seines jüngeren Bruders, Xatars Knast-­Klassiker »415« und an Schwesta Ewas ersten ­Schritten aus dem Rotlicht ins Limelight. Zeitgleich hat er ein offenes Ohr für das, was in seiner neuen Heimat geschieht. So stößt er auf »Wo ich wohn’«. Und ist beeindruckt. So sehr, dass er Ssio und Xatar um ­deren Einschätzung bittet. Das Feedback ist ­einstimmig: »Nimm ihn unter Vertrag. Sofort!« Sohail stellt die Verbindung zu Kalim über ­einen gemeinsamen Bekannten her. Dass beide in Familien aufwachsen, die in den Achtzigern aufgrund der sowjetischen Militärintervention aus Afghanistan fliehen, erleichtert das Kennenlernen.
 
It’s a secret society, all we ask is trust
 
Nachdem man ein paar Mal zusammen feiern ging, fragt Sohail, ob Kalim bereit wäre, einen Gast-Part für »415« abzuliefern. Die Strophe auf »Bin wieder erreichbar« ist Kalims offizielle Vorstellung; das Vertrags­angebot folgt auf dem Fuße. Sohail erklärt ihm detailliert seinen Plan; Fazit: »Wir machen das jetzt ganz groß.« Kalim ist so überzeugt, dass er sich hinten anstellt, während die bereits geplanten Releases vom Stapel gelassen werden. Neben dem vereinbarten Feature auf »415« trägt er auch zu »Spezial ­Material« und »BB.U.M.SS.N.« mit ­souveränen ­Gastauftritten jeweils seinen Teil bei. Er verfolgt den Medienhype um Schwesta Ewa und erlebt aus nächster Nähe, wie Ssio für sein Debütalbum mit Kritikerlob ­überschüttet wird und Sohails Plan Stück für Stück aufgeht. Den Kontakt zu Labeloberhaupt Xatar pflegt Kalim via regelmäßiger Telefonate. Seine beiden Videos »Viertel’rap« und »Um den Block« sammeln indes fleißig Klicks – ­zusammenaddiert zählen beide Clips heute mehr als eine Million ­Aufrufe. Es brodelt.
 
Perfect Score
 
Zur angestrebten Fachhochschulreife fehlt Kalim das Sitzfleisch, er schmeißt die Schule. Angespornt vom Erfolg der Labelkollegen reift in ihm die Idee zu »Sechs Kronen«. »Ich wollte nett sein und euch die Arbeit ­abnehmen«, flachst er, angesprochen auf den Titel. Doch im Anschluss an die flapsige Antwort folgt sofort eine Erklärung, die seinen Ehrgeiz durchblitzen lässt: »In der Regel werden nur Mainstream-Rapper mit sechs Kronen ausgezeichnet. Ich wollte ein Zeichen setzen, dass Straßenrap auch mal die Höchstwertung verdient hätte.« Dass man bei AON wenig dem Zufall überlässt und nicht nur darauf aus ist, prallgefüllte Fan-Boxen an gutgläubige Teenies zu verticken, beweist bereits ein kurzer Blick auf den Labelkatalog. Auch Kalim scheint die Ideologie des Imprints ­verinnerlicht zu haben. Zumindest distanziert er sich entschieden von dem im hiesigen Straßenrap weitverbreiteten, immergleichen Synthie-Abwasch: »Ich habe Bock auf Mucke, nicht auf Techno-Rap, weißt du?«, kommentiert er die Frage nach dem Soundentwurf des Mixtapes mit Nachdruck. Dafür hat er mit seinen Produzenten David Crates und Crooky Jazz während der vergangenen Monate hart gearbeitet – AON-Hausproduzent REAF übernahm anschließend den Feinschliff. Auf audio­philen Hochglanz poliert man die 13 Songs statt unter Einsatz moderner Technologie via analogem Mixdown mit einer Bandmaschine. »Wir haben uns gefragt, wieso viele ­unserer Lieblingsalben aus den Neunzigern so zeitlos klingen. So kamen wir auf das Tape-­Mastering«, heißt es dazu von Labelseite. Ein ob der andauernden Boombap-Renaissance längst überfälliger Schachzug.
 

 
Und noch eine weitere Anekdote verdeutlicht die Akribie, mit der auf der Achse Billstedt/Brüser Berg gearbeitet wird: Das zu Beginn des Textes angesprochene Video zu »Stadtrundfahrt« dreht man ursprünglich mit einer der ­renommiertesten Produktionsfirmen für Rapvideos in Deutschland. Die fünfstellige Summe für das Video ist bereits überwiesen, der Clip fertig geschnitten. Dann sieht Kalim das Endprodukt: »Nach den ersten zwanzig Sekunden hab ich schon gesagt: ‚Ciao, das geht niemals.‘ Ich habe die Kosten dann selbst übernommen.« Kurzerhand verschiebt er die Premiere auf Youtube um drei Tage und dreht mit einem befreundeten Team ein neues Video.
 
Bei all dem Kopfzerbrechen, das sich ­Künstler und Camp um das Drumherum machen, bleibt einzig der künstlerische ­Prozess von intuitiver Natur: »Ich mache einen Beat mit meinen Produzenten und ­schreibe dann das auf, was mir das jeweilige Instrumental vermittelt. So entstehen dann meine Songs.« Eine Mischung, die Kalims Bekanntheitsgrad auf Dauer nur gut tun wird. Sechs Kronen hin oder her. ◘
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #161 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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