Xatar: »Es gibt Rapper, die rauchen noch mehr Shisha als alle anderen.«

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Lass uns an die Anfänge von AON zurückgehen: Du beschreibst auf deinem ersten Album einen Vorfall aus dem Jahr 2004 in einem Internet-Café, das du damals betrieben hast, nachdem du dich entschieden hattest, dich auf die Musik zu konzentrieren.
In diesem Café ist einiges passiert. Aber dieser spezielle Fall war eine Sache unter Freunden, richtig miese Scheiße. Die Scheiben des Ladens wurden oft eingeschossen. Ich war es gewohnt, sie regelmäßig auszutauschen. Die Aktion führte dazu, dass eine »Familie« danach getrennte Wege ging. Ich bin kurz darauf wegen eines Haftbefehls nach England gegangen und habe dort auch zum ersten Mal darüber nachgedacht, Geld in die Musik zu investieren. Nach längeren Gesprächen mit meinen Dozenten, die mich zu dem Schritt ermutigt haben, bin ich 2007 zurück nach Deutschland gekommen. Die Verhandlung, wegen der der Haftbefehl lief, endete mit meiner Freisprechung. Anschließend habe ich richtig Gas gegeben. Damals hatten wir den Plan, neben meinem Album auch Sachen von Ssio und Samy aufzunehmen, aber die nicht direkt zu veröffentlichen. Voll dumm. Deswegen ist Ssio auch auf fast jedem Song auf »Alles oder Nix« gefeaturet. Mein erstes Video, für das wir zigtausend Euro ausgegeben haben, kam lange, bevor das Album fertig war.

 
Du meinst das Video »Alles oder Nix ­präsentiert … Xatar«?
Ja, selbst die Songs in diesem Video waren eigentlich Skizzen. Es gab von jedem Song jeweils nur einen Part. Ich habe die Tracks dann erst später ganz aufgenommen, abgesehen von diesem »Nutten«-Ding, das ich bis heute bereue. Wir waren damals überhaupt nicht auf dem HipHop-Film. Wir waren noch zu tief in der Straße. »Was denken diese rappenden Kanaken eigentlich, diese Lutscher?!«, haben wir uns damals gedacht.

Das hört man den Songs auch an.
Es ging mir damals darum, dieses Realness-Ding auf Straßenebene zu klären. Das war unsere Agenda. Es gibt ja genug Dealer, die rappen, aber nichts draufhaben. Ich wusste damals schon, dass wir musikalisch was draufhaben. Deswegen bin ich auch noch sehr vorsichtig damit, was ich auf dem Album rappe. Der Flow ist sehr straight, die Reime sind einfach, der Inhalt ist für jeden Dealer nachvollziehbar. Ich weiß noch, dass Eko mal zu mir kam und ­meinte, ich solle ab und zu ein paar Doppelreime ­einstreuen. Ich habe ihm damals nur geantwortet: »Bruder, meine Leute verstehen das nicht! Die hören keinen Rap.« Ich wollte, dass die Leute von der Straße das ohne Fremdscham pumpen können. Bloß keinen Hampelmann mit Wörtern machen! (lacht) Auch in den Videos mache ich keine einzige hiphoppige Bewegung. Damit bloß kein Kanake auf der Straße zu mir sagt: »Was los, bist du Rapper geworden?«

 
Die untypischen Bewegungen hast du dir ja beibehalten, wenn man sich das Video zu »Original« anschaut. Warum willst du nicht wie ein Rapper aussehen?
Ich bin ein Produkt meiner Umwelt und meiner Zeit. Alle drei Alben stellen das dar, was ich zu der jeweiligen Zeit fühle, bin und sehe. Damals war ich zu krass in der Straße drin. Auch wenn jetzt jeder von diesem Goldraub weiß: Vielleicht habe ich diese Aktion ja zweihundert Mal abgezogen. Aber bei meinem ersten Album hat das schon so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Noch heute kommen Straßenleute nach Konzerten zu mir und erzählen, wie sie von meiner Mucke beeinflusst wurden. Richtig schwere Jungs, 35, 36 Jahre alt. Dass wir mal einen Punkt erreichen sollten, wo wir von euch, von normalen HipHop-Hörern, verstanden werden, hab ich damals nicht für möglich gehalten.

Du hattest ein halbes Jahrzehnt Zeit, dir zu überlegen, wie du dein Leben führen willst, nachdem du deine Freiheitsstrafe verbüßt hast. Schaffst du es jetzt, so zu leben?
Der Knast hat mir viel geschenkt. Mein Glaube an Gott ist stärker geworden. Das bewahrt mich vor vielem Übel. Während dieser fünf Jahre konnte ich auch viele Probleme, die ich draußen hatte, von drinnen lösen. Ich kam also ohne Altlasten raus. Dazu kommt, dass ich das Label ja während meiner Gefangenschaft am Leben halten konnte, dank des Supports vieler Leute in der Industrie, vor allem Groove Attack. Jetzt habe ich die Möglichkeit, die Musik endlich genau so zu machen, wie es jeder andere auch machen würde, ohne dass ich ständig mit anderen Sachen beschäftigt wäre. Wenn’s nach mir ginge, würde ich da nie wieder reingehen. Aber so mächtig bin ich nicht, das selbst bestimmen zu können. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren noch lebe und ein freier Mann bin.

Du hast oft in Interviews über Hörer gesprochen, die dich feiern, weil du nicht nur Gangsta-Rapper, sondern auch Gangster bist. Spuken diese Situationen jetzt in deinem Kopf herum, wenn du Musik machst?
Das spukt da nicht mehr nur herum, sondern ist voll und ganz Teil meines Denkens geworden. Und es hat dazu geführt, dass ich vorsichtiger geworden bin. Ich hatte nie die Intention, Leute zu irgendwelchen illegalen Handlungen zu ermutigen. Im Knast habe ich gemerkt, dass viele Leute jedes Wort für bare Münze nehmen. Die überhören oft Passagen, die vorige Aussagen relativieren oder entkräften. Eine Sache, auf die ich inzwischen sehr achte, sind Beleidigungen. Ich verwende dafür in meinen Texten heute oft Fremdwörter. Und was die Message angeht: Ich bin kein Prediger geworden. Das wäre unfair. Nur, weil ich den Struggle nicht mehr leben muss, stelle ich mich nicht hin und sage: »Macht das nicht!« Ich sag ja, bleib straight, bleib mustaqim. Aber ich bin kein Sozialarbeiter, der gerade in ein neues Jugendzentrum gekommen ist und keine Ahnung von dem Viertel hat, in dem er arbeitet. Ich bin einen Weg gegangen, den ich keinem wünsche. Und gerne will ich Jugendliche davon abhalten, mir das nachzumachen. Ich habe das sogar versucht, zusammen mit meiner Sozialarbeiterin, Frau Gauert. Die war der Knaller, Alter. Die wollte meinen Einfluss auf Jugendliche nutzen. Aber das ist so schwer, Bruder. Ich habe versucht, den Jugendlichen vorzurechnen, dass sich Raubüberfälle nicht lohnen. Aber da hat man Antworten bekommen, bei denen bist du sprachlos.

Als Insasse der JVA Rheinbach warst du in einem Trakt untergebracht, in dem man an einem Anti-Gewalt-Training teilnimmt. Hat dir das rückblickend geholfen, oder hast du das bloß absolviert, um in gelinderten Haftumständen leben zu können?
Ich war ein Jahr dort. Die Verantwortlichen sind das sehr realistisch angegangen. Die wussten, dass sie in einer solch kurzen Zeit die Menschen nicht von Grund auf ­verändern können. Die Leiterin hat versucht, da ein bisschen Menschlichkeit ­hineinzubringen. Denn die fehlt gänzlich im Knast. Und der Versuch, auf individueller Basis den Hass zu lindern, funktioniert tatsächlich. Drinnen tendiert man dazu, nur noch das Schlechte im Menschen zu sehen und alle über einen Kamm zu scheren. Dass da viele Leute wegen Gewaltverbrechen sitzen, trägt natürlich auch dazu bei. Ich habe ja bei meiner Tat gar keine Gewalt angewandt. Aber die haben mich nach einem Paragraphen aus der NS-Zeit verurteilt, der nennt sich »Räuberischer Angriff auf die Entschlussfreiheit eines Kraftfahrers«. Hitler passte es damals nämlich gar nicht, dass Leute Baumstämme auf die Autobahnen gelegt ­haben, um vorbeifahrende Autofahrer auszurauben. Das Strafmaß wurde damals auf fünf bis 15 Jahre festgelegt und führte dazu, dass das mit den Baumstämmen aufgehört hat. Bei uns war es statt des Baumstamms das Blaulicht, mit dem wir den Transporter zum Anhalten brachten.

Es scheint Aspekte im Knast gegeben zu haben, die dein Leben nachhaltig positiv beeinflusst haben. Schlägt das aber nicht auch immer wieder mal in Hass auf das System und die Obrigkeit um, wenn man eingesperrt ist?
Es gibt ein Sprichwort: »Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger.« Das gleiche kannst du auch 1:1 auf den Knast übertragen. Wenn du deine Zeit dort als Schule siehst, kannst du daraus sehr viel ­lernen. Wie man damit umgeht, ist halt ein ­krasser psychologischer Faktor. Denn eingesperrt zu sein, ist ein Geduldsspiel. Du ­unterdrückst einen urmenschlichen Drang. Es gibt Leute, die das ohne Tabletten gar nicht ­schaffen und damit ihr ganzes Leben ficken – auch nach der Entlassung.

Auf »Nr. 415« gibt es die Zeile »Dort wo ich wohne, ist sogar ein ‚Selam‘ gelogen«. Gilt das immer noch oder hast du dieses Problem hinter dir gelassen? Du wohnst ja nicht mehr in Bonn, oder?
Es ist egal, wo du wohnst. Bei uns sagt man: Gib keinem die Hand. Einem die Hand zu geben ist so ne Sache, Bruder. Im Knast hab ich Leuten auch nur die Faust gegeben. Abstand verschafft Respekt. Wenn du jemandem die Hand gibst und ihm die Möglichkeit bietest, Platz zu nehmen, kann er sehen, wie du lachst. Seine Angst schwindet. Auf der Straße musst du dich dann wieder beweisen, wenn das passiert ist. Und dann sitzt du irgendwann lebenslänglich vor lauter Beweiserei. Also gib lieber niemandem die Hand.

Wie überträgt sich das denn auf die Musikindustrie? Tangiert es dich, dass in diesem Business viel geredet wird?
Das ist ja normal. In der Industrie sind wir eigentlich mit allen cool. Und es wird ja nie so ernst wie auf der Straße. Aber ich bin zu abgewichst für diese Schlangen. Jeder Major will uns dazu überreden, das Release zu denen zu switchen – selbst jetzt noch, ein paar Wochen vor dem Release. Was geht, Alter?

Apropos hartnäckig: Die SoKo Gold, die damals gegen dich und deine Komplizen ermittelt hat, existiert ja weiterhin.
Ja, wobei von 24 Ermittlern nur noch vier übriggeblieben sind. Meine Anwälte haben schon bei Gericht zu mir gesagt, dass die deutschen Ermittler die hartnäckigsten der Welt sind. Um uns zu kriegen, haben die mehr ausgegeben, als die Beute überhaupt wert war. Das ist eine Frage des Prestiges. In der Hinsicht sind die sehr deutsch: Die haben ein Ziel, und das holt sich der Schäferhund dann auch. (lacht)

Der Hauptermittler der SoKo war damals auch in einer WDR-Doku zu sehen, die sich dir gegenüber sehr wertend positioniert hat. Fuckt das nicht ab, wenn man als Schwerstkrimineller dargestellt wird, der seine Musik dazu nutzt, jugendliche Hörer zu manipulieren?
Das hat mich nicht überrascht. Peter Schran, der Regisseur, hat auch angefragt, ob ich bei dem Film mitmache. Meine Anwälte haben mir damals entschieden davon abgeraten, was ihn extrem abgefuckt hat. Er hat mir dann über meine Schwester ein Ultimatum unterbreitet, dass ich die Doku mitgestalten könne, wenn ich mich noch umentscheide. Dann bekam er Wind davon, dass ich zeitgleich mit einer Zeitung ­zusammengearbeitet hatte, und wurde ­persönlich. Aber das hat mir letztlich in die Karten gespielt: Ich mache schließlich Gangsta-Rap, keinen Metzger- oder Fliesenleger-Rap. In dem Film gibt es eine Szene, in der ich in Zeitlupe durchs Bild laufe, hinter mir wird die amerikanische Flagge eingeblendet, dazu läuft ganz düstere Musik. Das hätte ich für ein Musikvideo verwenden können, so gut war das! Der Vollidiot! Der wollte mich ­bloßstellen. Dafür hätte er nur die positiven Aspekte meines ­Lebens beleuchten zu brauchen: Xatar besuchte ein Gymnasium, er spielte Klavierkonzerte etc. Hätte er ein Video davon aufgetrieben, wie ich mit langen hässlichen Haaren und Hemd unterm Pulli Klavier spiele, wäre meine Karriere am Arsch gewesen. Aber der Doof konnte nicht so weit denken! (lacht)

Dafür, dass diese Doku im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen lief, war sie sehr wertend. Wie nimmst du denn die mediale Berichterstattung über dich wahr?
Während der Zeit im Knast habe ich gelernt, dass man von Boulevardmedien besser ­Abstand hält. Das brauchen wir im HipHop nicht. Ich hätte jetzt die Möglichkeit gehabt, in jeder Fernsehsendung zu sitzen, große Storys in der Bild und im Express zu bekommen. Die ­haben alles versucht, sind zu meinen Eltern nach Hause und haben die so richtig gestalkt, ihnen Lügen aufgetischt. »Ihr Sohn hat uns ­gesagt, wir sollen hier hinkommen, um mit Ihnen zu reden.« Die haben ja wild über mich berichtet als ich rauskam. Jeder Facebook-Post wurde zur Meldung verarbeitet. Die haben wirklich alles versucht, um an mich ranzukommen. Ich hab konsequent gesagt: »Bestell’ denen schöne Grüße, aber nein, danke.« Langsam haben sie es wohl kapiert.

Die Story, die Boulevardmedien über dich erzählen wollen, handelt eben nicht von Musik.
Eigentlich wollte ich auch anfangs in HipHop-Medien nicht über die Sache reden. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass das zu mir gehört. Das einzige, was wir aber wirklich wollen, ist, dass die Musik anerkannt wird. Das ist für uns riesig, wenn JUICE das wertschätzt. Ich bin ja im Knast selbst zum JUICE-Leser geworden. Wir machen Bühnenkunst. Da geht’s nur um den Applaus. ◘

Fotos: Ondro

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #167 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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