Them About Us: Marteria, Prinz Pi, grim104, Moses Pelham u.a. über die JUICE // Feature

Illu Liam Tanzen Marteria Prinz Pi Moses Pelham
Illustration: Liam Tanzen

Bei so einem Jubiläum steht man naturgemäß im Zentrum des Geschehens. Das hat immer etwas Egozentrisches, Selbstverliebtes – was nicht per se schlimm sein muss, aber doch manchmal einen komischen Beigeschmack hat. Geschickter ist es da, sich ganz elegant von anderen abfeiern zu lassen: Wir haben daher mal ein paar Künstler zu ihrem Bezug zur JUICE befragt.

grim 104

Es muss wohl im Sommer 2000 gewesen sein, als ein Komet in unser friesisches Dorf einschlug. Damals fuhren in Großstädten Geschäftsleute mit Aktenkoffern auf Kickboards zur Arbeit, ein junger ägyptischer Student namens Mohammed Atta lieh sich an der Bibliothek der Technischen Universität Hamburg das »Handbuch für Sportflieger« aus und ein junger Österreicher überwand Nacht für Nacht seine depressiven Schübe und erklärte einer begeisterten Nation seinen Namen (Anton) und seine Herkunft (Tirol). Mich und meinen besten Freund Corny konnte das aber nicht mehr wirklich locken, denn wir waren schon seit einem Jahr HipHop-Fans, allerdings unbewandert, unbefangen, undogmatisch: Waren Bomfunk MCs nicht auch HipHop (MC im Namen, Typ mit Dreads) und wie verhielt es sich mit The Underdog Project (Jam im Songtitel, Typen auf BMX, Frauen im Bikini)? So lebten wir unbedarft und frei unsere Auffassung von HipHop, bis der eingangs zitierte Komet einschlug – und zwar in Form einer Zeitschrift mit dem Gesicht von Busta Rhymes auf dem Cover: unsere erste JUICE! Eine Clusterbombe an geballter Information, erklärte sie uns doch die Nachbeben der Oldschool-Generationen, den bevorstehenden Siegeszug einen jungen weißen Rappers aus Detroit und, für uns besonders spannend, was in Deutschland so ging: Dynamite Deluxe, Curse, Absolute Beginner – aber auch das Brodeln und Rumoren in Berlin. Internet war damals wirklich selten und dem Download von »Moorhuhnjagd« vorbehalten, und so bildeten wir uns mit dieser Zeitschrift über Rap und Graffiti und Slangwörter und Klamotten!

»Liebe JUICE, gut gemacht bis jetzt, weiter so, tschüssi!«

Es war aber auch ein schwarzer Monolith, der da in unsere friedliche Oase raste, eine Gesetzestafel aus dem Weltall (München): HipHop hatte vier, eigentlich fünf Elemente! Es gab Realness, Faker, Sellout und Underground!! Und The Underdog Project war ganz bestimmt kein HipHop!!! Und so war die JUICE nicht nur Infomaterial, sondern eben auch die Worte des Vorsitzenden und wir seine treue Gefolgschaft, Rotgardisten in Illmatic Designz und Southpole! Unsere friedfertige, liberale Vorstellung einer Jugendkultur wurde steinern und hart: Toys und Mitläufer, die jetzt am Rap-Hype teilhaben wollten, galt es auszumerzen – elende Erfolgsfans! Abschotten musste man sich, denn der junge, weiße Rapper aus Detroit hatte den Sprung in die BRAVO geschafft! Und neben all den fiktiven Feinden (andere Leute, die nach uns Rap hörten), gab es ja bei uns noch genug echte Arschlöcher, rotbackige Bauerntölpel, die uns bei jeder Gelegenheit »ÖÖÖÖYTUPÄC« hinterherbrüllten und stets versucht waren, ihre schaufelartigen Bauernhände auf unsere Köpfe krachen zu lassen; ätzende Uwes und Heikos, durch die Besuche auf Dorffesten immer zu einem Spießrutenlauf wurden. Hier bot Rap bzw. HipHop eine Art der Selbstermächtigung. Wir waren nicht einfach nur Weirdos mit weiten Hosen, sondern Teil von etwas Großem, Urbanen; hier trafen Bronx und Bohlenbergerfeld aufeinander (LOL … aber naja, war ja auch jung). Und die JUICE versorgte uns mit der Gewissheit, dass es da draußen, außerhalb dieses Dorfes am Rande vom Wald, noch mehr Gleichgesinnte und noch mehr zu entdecken gab.

Und so begleitete mich diese Zeitschrift über die Jahre, überlebte die Wicked, später auch die Backspin, stritt sich mit Samy Deluxe über Verkaufszahlen und Realness, ließ Leute für sich schreiben, die später Freunde und Geschäftspartner wurden. Mein HipHop-Dogmatismus bröckelte. War ich nicht doch eher Punk oder vielleicht sogar Skinhead? Die JUICE, als Abbild ihrer Zeit, nervte mich zwischendurch mit deutschen Dipset-Keks und drögen Realkeepern; der Dogmatismus, den ich vor ein paar Jahren noch so hochgehalten hatte, nervte mich, HipHop-Veranstaltungen nervten mich, ich wollte saufen und Spaß haben und nicht bei Typen mit Rawkus-Shirt und Ziegenbart abhängen. Und doch, als die JUICE nach Berlin zog und das Cover unserer »Kauft nicht bei Zugezogenen«-EP ins Editorial druckte, haben wir uns schon sehr gefreut (und gleich noch versucht, eine Review zu erpressen!) – immerhin unser erstes Lebenszeichen im deutschen Zentralorgan für HipHop-Angelegenheiten. Jetzt könnte man natürlich noch ganz viele warme Worte verlieren, aber eine gewisse Trennschärfe zur Presse ist ja auch nicht ganz verkehrt, deshalb, ganz platonisch-diplomatisch: Liebe JUICE, gut gemacht bis jetzt, weiter so, tschüssi!

Prinz Pi

Für mich stand die JUICE immer für Professionalität. Es gab und gibt in der HipHop-Berichterstattung immer viel Dilettantenjournalismus – ohne das negativ zu meinen. Das sind einfach begeisterte Fans, die ihre eigene Website betreiben und dort ihre Reviews oder ähnliches veröffentlichen. Das finde ich nicht verwerflich und muss ja auch nicht heißen, dass diese Leute kein Fachwissen haben. In der Metal-Szene gab es zum Beispiel auch sehr viele Fanzines. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, gab es drei HipHop-Magazine: die ­Wicked, die Backspin und die JUICE. Die Wicked wirkte damals schon recht kommerziell auf mich, ich glaube, man konnte sogar das Cover kaufen. Die Backspin ist ja aus einem Writer-Magazin hervorgegangen, was sie für mich auch immer eher als HipHop-Kultur-Medium ausmachte, das zwar auch, aber nicht nur Musik featuret. Die haben ja auch bis heute einen großen Graffiti-Teil. Die JUICE hingegen war die deutsche Antwort auf The Source für mich. Die war einfach das Fachmagazin für Rapmusik. Da konntest du dich drauf verlassen. Gerade, wenn du selbst Musik machst, gibt es wenig Leute, deren Bewertung du als valide wahrnehmen kannst. Im Internet schreiben Leute halt entweder: »Du bist der größte Hurensohn!« oder »Du bist Gott!«, aber es gibt wenig Konstruktives. Auch bei anderer Musikfachpresse kommt es relativ selten vor, dass du dir das als Künstler durchliest und bemerkst, dass deren Kritikpunkte Hand und Fuß haben. Bei der JUICE hatte ich aber immer das Gefühl, dass das so war. Wenn in der Intro oder Spex Rap besprochen wird, der nicht Casper ist, wird das tendenziell eher negativ von denen wahrgenommen, und oftmals waren das auch Leute, die nur wenig Ahnung von Rap hatten.

»Für mich stand die JUICE immer für Professionalität.«

Die JUICE war für mich eine Benchmark und für meine Karriere ein mega wichtiges Magazin: Wenn dein Album oder Mixtape besprochen wurde, hattest du den Stempel der Professionalität. Mit den JUICE-Leuten hattest du auch immer einen Dialog, das waren keine 14-Jährigen, die anonym vom Dorf irgendwas geschrieben hatten, sondern das waren Leute mit krassem Fachwissen, mit denen man gut diskutieren konnte. Lange Zeit war die JUICE ein Synonym für Menschen wie Stephan Szillus oder Marc Leopoldseder, die ein immenses Musikwissen haben. Wenn die zu dir nach einer Listening-Session gesagt haben, was sie an diesem oder jenem Song ändern würden, dann hat man sich das als Künstler zu Herzen genommen und darüber nachgedacht. Wenn die zu deinem Album gesagt haben. »Ey, das ist jetzt nicht so das Gelbe vom Ei, das kannst du besser!«, dann war das ähnlich wie der Ratschlag eines guten Freundes – weil sie meistens Recht hatten. Das war das Schöne an der JUICE.

Tua

Ich weiß noch, wie ich 1998 zum ersten Mal eine JUICE gekauft habe, in einem Buchladen in Reutlingen, der auch »Fachzeitschriften« führte. Es war die Ausgabe mit Snoop Dogg auf dem Cover, und ich fand es unfassbar cool.

2004 wurden nacheinander zwei EPs aus unserem Bassquiat-Camp Demo des Monats (Kaas & Enton Jackson, Tua & Sucuk Ufuk). Das war damals mega für uns! Ich hatte auf jeden Fall einen Selbstvertrauens-Boost. Auch an mein erstes Interview in München kann ich mich gut erinnern.

»Ich denke, für die meisten Rap-Acts unserer Generation hat das Magazin eine nicht wegzudenkende Rolle gespielt.«

Medien wie die JUICE haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Deutschrap anfühlte wie eine zusammengehörende Szene. Folglich war es auch wie ein Ritterschlag, dort stattzufinden. JUICE Exclusives waren außerdem lange Zeit ein probates Mittel für Promo. Das durfte in keinem Hinterhof-Pseudo-Label-Release-Plan fehlen. Von mir gab’s mehrere in wechselnden Formationen über die Jahre.

2012 waren wir mit den Orsons auch mal auf dem Cover, und es gab sogar eine JUICE Exclusive EP. Die gehört meiner Meinung nach übrigens mit zum Besten, was wir als Band fabriziert haben. Mit »Jump« haben wir auch ein Video mit der JUICE dazu gedreht.

Ich denke, für die meisten Rap-Acts unserer Generation hat das Magazin eine nicht wegzudenkende Rolle gespielt.

Moses Pelham

Liebe JUICE,

ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem mir dein erster Chefredakteur, Sven ­»Katmando« Christ, von deiner Geburt erzählte. Wir drehten gerade das Video zu meinem Stück »Schnaps für alle«, und ich war sofort von dir begeistert, weil wir alle wussten, dass es dich braucht. Dass das schon wieder zwanzig Jahre her sein soll, fühlt sich völlig verrückt an. Zwanzig Jahre in diesem Geschäft zu überleben, ist für sich genommen schon eine Leistung und ein Geschenk, das nur ganz wenigen von uns vorbehalten ist. Herzlichen Glückwunsch, liebe JUICE.

FROM FRANKFURT WITH LOVE
Moses Pelham (nich’ P., so hieß ich schon bei deiner Geburt nich’ mehr)

Celo

Die JUICE ist für mich eines der bekanntesten HipHop-Medien gewesen, und auch eins der ersten, die uns gehypet und über uns berichtet haben – auch im Positiven. JUICE-Award-Newcomer waren wir, HipHope – das spricht ja für sich. Danke an die JUICE! 20 Jahre. Herzlichen Glückwunsch! Es gibt ja nur wenige Medien, die so lange überlebt haben – schon gar nicht als Printmedium im Digitalmedienzeitalter. Alles Gute! Auf hoffentlich weitere 20 Jahre! Oder sogar hundert. Bonchance.

Marteria

Mich gibt es nur wegen der JUICE – weil der ehemalige Chefredakteur Stephan Szillus damals eine Seite über Marsi gemacht hat! Und weil er bei Stones Throw angerufen und denen erklärt hat, dass es einen deutschen Quasimoto gibt, der seine Mucke als Hommage an Lord Quas versteht. Natürlich hätte man sich da als seriöses Medium hinstellen und sagen können: Das ist ein Biter.

Mein Erfolg setzt sich wie folgt zusammen: 20 Prozent davon sind meinem Talent geschuldet. Weitere 20 Prozent verdanke ich JUICE, 10 den anderen Magazinen. Und für die andere Hälfte sind Volker Mietke, der mir meinen ersten Deal bei Universal gab, und Four Music verantwortlich. JUICE ist also genauso wichtig wie mein Talent – weil dadurch Jan Delay auf mich aufmerksam wurde und mich auf Tour mitnahm. Danach spielte ich dann noch Support bei Sido und Dynamite Deluxe. Das waren die Bausteine, die mir meinen ersten Deal ermöglicht haben. Seit ich 15 war, hab ich davon geträumt, mal irgendwann das JUICE-Cover zu bekommen. Ich bin Jahrgang ’82, ein Kiosk-Kid – das Heft hat mich immer begleitet. Wenn einem die Kohle fehlte, hat man wenigstens die JUICE-CD rausgeklaut, aber meistens hat das Taschengeld dann doch gereicht.

»Mein Erfolg setzt sich wie folgt zusammen: 20 Prozent davon sind meinem Talent geschuldet. Weitere 20 Prozent verdanke ich JUICE, 10 den anderen Magazinen. Und für die andere Hälfte sind Volker Mietke, der mir meinen ersten Deal bei Universal gab, und Four Music verantwortlich.«

Mein erstes Cover hab ich 2010 mit Katja Kuhl geschossen – das dann in den Händen zu halten, war ein absolut unwirklicher Moment. Drumherum haben mir Leute damals erzählt, dass so ein Magazin ja gar nicht mehr so wichtig sei. Dabei wusste niemand, was mir das eigentlich bedeutet. Ich hab nie von nem Sechser im Lotto geträumt, das JUICE-Cover war mir immer wichtiger. Im HipHop geht’s um Anerkennung – wenn man die nicht bekommt, macht’s irgendwann keinen Spaß mehr. Da geht es um gegenseitigen Respekt – jeder, dem die Ehre eines JUICE-Covers zuteil wird, sollte diesen Respekt auch für das Magazin haben. Das ist ein Ritterschlag – völlig egal, ob die Auflage bei 10.000 oder bei 100.000 liegt. Bei den Künstlern meiner Generation war das immer wieder ein ganz wichtiges Gesprächsthema. Als ich mit Casper und den Orsons vor zehn Jahren in irgendwelchen Clubs vor 50 Leuten aufgetreten bin, saß ich mit den Jungs im Backstage, und wir haben uns gefragt, wieso all diese anderen Künstler an uns vorbeiziehen. Irgendwann hat es doch funktioniert – bei uns allen. Und JUICE war ein ganz wichtiger Baustein dieses Erfolgs.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #183 (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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