Beginner – Advanced Chemistry // Review

Beginner-Advanced-Chemistry-Cover

Würdevoll mit einer ­Jugendkultur altern, geht das überhaupt? In den USA gibt es gelungene Grown-Men-Entwürfe von Jigga bis Roc Marciano, während sich erwachsene Schlandrapper noch immer schwer tun, den schmalen Grat zwischen ­Berufsjugendlichem und gereiftem Musiker zu ­besetzen. Nachdem »Bambule« die deutsche Raopszene auf links drehte und »Blast Action Heroes« – das unterschätzte Post-9/11-Pamphlet – dem Genre die erste Nummer eins bescherte, spielten Dennis und Jan als Solokünstler im letzten Jahrzehnt verschieden erfolgreich Genre-Roulette. Die zwei Familienväter wuchsen über die Jugendkultur hinaus, und das deutsche »Detox« schien sich als ebendieses zu bewahrheiten – bis Anfang Juni »Ahnma« in den Timelines explodierte. Wenn man eins von der (Top-Ten!-)Comeback-­Single lernen konnte, dann, dass noch immer jeder Hanswurst eine Meinung über die Beginner hat. Entweder die Schiffsdampfer-Bassline mit monströser Gzuz-Bridge erzeugte Gänsehaut oder man kotzte sich über das unnötige Gentleman-Feature aus – egal war die Rückkehr der drei ­Hanseaten jedenfalls keinem. Ähnlich polari­sierend dürfte das Feedback auf »Advanced Chemistry« ausfallen, denn das Album ist ein Meilensteinzeitalter davon entfernt, »Bambule 2« sein zu wollen, was verdammtnochma gut so ist. Da wäre die hittige Retrorutsche »Es war einmal«, der Audio88 und Phrequincy zitierende One-Drop(!)-Riddim »Schelle«, die Afterhour-­Ballade »Kater«, das technikpessimistische Update »Spam« und die perfekt in Szene gesetzten Gäste: Samy Deluxe, der »vierte Beginner«, der öffentlich-rechtliche Twittergott Dendemann, »Macher« Hafti und das Rapkomplettpaket Megaloh. Die einzige Alle-Schulen-Band des Landes hat den Sprung in die Zukunft geschafft und die Erkenntnis verinnerlicht: »Kein Flash 99 hält auf ewig«. Das Vokabular, die Klamotte, der Swag – die Szene hat sich emanzipiert und die Beginner mit ihr. Auch wenn die Gags und Wortspiele hier und da einen Altherrenbart tragen (»Rambo No. 5«), manche Beats aus der Zeit fallen (»Rap & fette Bässe«) und die Kapitalismuskritik stark verkürzt über den Dancefloor gebrüllt wird (»Monsanto ist böse, Monsanto ist der Feind«): »Advanced Chemistry« ist das musikalisch ­spannendste, was die Hamburg City Blues Brothers dem Jugendwahn-Genre im verflixten 23. Jahr nach Bandgründung beizutragen haben. Grown-Men-Rap? Auf keinsten. Schwer ahnbar aber auf alle Fälle.

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