Schwesta Ewa: »Dann kam ich raus und dachte mir: Oh mein Gott, watt is passiert?!« // Interview

Schwesta Ewa by Ondro
Foto: Ondro

Der »gerade Weg« bleibt ein Wunschtraum – auch wenn Schwesta Ewa bereits auf ihrer Debütsingle 2011 klarstellte, dass ihr Schicksal ein anderes ist. Trotzdem veröffentlicht die Frankfurterin heute ihr zweites Soloalbum.

Dass Ewa in ihren Songs noch nie Märchen erzählt hat, war auch der Justiz bald klar. Als Ende 2016 die Aufnahmen zur heute erschienenen LP »Aywa« anstehen, wird sie nach monate-, vielleicht sogar jahrelanger Überwachung in einem Tonstudio im Sauerland festgenommen. Zwischenzeitlich drohen ihr bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug. Beim Urteilsspruch im Juni 2017 wird sie zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt – Zeugenaussagen entlasten sie damals und entkräften die schwerwiegendsten Vorwürfe wie Menschenhandel und Zwangsprostitution. Seit dem Urteil weilt Ewa vorläufig auf freiem Fuß – und wartet aufgrund eines Einspruchs der Anklage auf eine erneute Verhandlung ihres Falles – dieses Mal vor dem Bundesgerichtshof.

Ihre Zeit in Freiheit hat die AON-Rapperin nicht nur genutzt, um auf Instagram gegen die Justiz zu wettern: Nach dem Mixtape »Realität« und dem LP-Debüt »Kurwa« steht nun mit »Aywa« die dritte Soloveröffentlichung der Frankfurterin in den Ladenregalen. Im ersten Teil unseres Gesprächs spricht Ewa über ihre eigentlichen Pläne für »Aywa«, ihr Verhältnis zu Autotune und die Loyalität ihrer Featuregäste.

Die Arbeiten an »Aywa« fingen an und wurden schnell wieder unterbrochen: Am ersten Tag der Aufnahmen wurdest du vom SEK festgenommen.
Man hat mich systematisch abgehört. Als ich dann gesagt habe: das war es mit den Mädels, wussten die, dass ich jetzt das Album aufnehmen und den geraden Weg gehen will. Die dachten sich wohl: dann stoppen wir die mal schnell.

Trotz dieser Komplikationen: wie liefen die Arbeiten am Album dieses Mal ab?
Sehr schleppend und sehr schwierig. Ich kam raus und auf einmal singen alle Rapper. Das war für mich der totale Horror – diesen Switch vom harten Rap zu La-la-la hatte ich überhaupt nicht mitbekommen. Aber Giwar [bürgerl. Vorname v. Xatar, Anm. d. Verf.] meinte dann, dass ich das auch mal versuchen sollte. Ich habe mich bis zur letzten Sekunde sehr schwer damit getan. Ursprünglich wollte ich ein Boombap-Album rausbringen – das waren auch die Beats, zu denen ich im Knast geschrieben hatte. Dass es der Wunsch meines Labelchefs war, mich weiterzuentwickeln, damit musste ich erst mal klarkommen.

Du hast dich aber letztendlich gefügt – es gibt einige Tracks, auf denen du Autotune verwendest und auch von Boombap ist wenig zu hören.
Ja, aber es hat wirklich gedauert, es zu lernen, das zu fühlen. Ich mag diese Richtung bei anderen Künstlern, aber für mich selbst war es komplettes Neuland. Ehrlich gesagt habe ich ein bisschen Angst, den Leuten diese Tracks zu zeigen. Am liebsten würde ich mich jetzt schon in meiner Instastory dafür entschuldigen. Seit ich mein Album angekündigt habe, schreiben viele in den Kommentaren: Ewa wird es den ganzen Autotune-Sängern jetzt zeigen! Aber nein, ich bin auch so eine geworden, weißt du? Ich hab einfach Schiss.

Das, was vor drei oder vier Jahren als typischer AON-Sound galt, gibt es in der Form auf dem Album so gut wie gar nicht. War Xatar so streng, dass das so strikt umgesetzt wurde?
Was heißt »streng«? Er hat eben gesehen, dass die Leute da extrem drauf abgehen und hat sich gewünscht, dass ich auch mal zeige, dass ich etwas anderes kann. Das hat schon gedauert, bis ich das akzeptiert habe. Ich hab mich da schon eine ganze Weile rumgestritten.

Hast du das Album wieder hauptsächlich in Köln aufgenommen?
Nein, ich war dieses Mal in Stuttgart. Giwar kannte da Leute, die gut mit Autotune umgehen können. Ich hatte das vorher schon in anderen Studios probiert, aber dort hat es sich dann zum ersten Mal so angehört, als ob ich wirklich singen könnte. (lacht) Die haben mit ihrer Tastatur gerappt.

Du hast gerade gesagt, du hättest den Übergang zu Autotune- und Singsang-Rap nicht mitbekommen. Du saßt aber ja nur knapp acht Monate in U-Haft.
In der Zeit ist aber ganz viel von diesem Unkraut gesprossen! Ich kam raus und alles war so.

Was ich eigentlich fragen wollte: Wie verfolgt man im Knast Rap?
Gar nicht. Ich hatte ohnehin Hochsicherheitsstufe 1 und wurde gesondert behandelt. Giwar hat mir CDs reingeschickt – Tupac und Co. Ich war also voll auf meinem alten Film. Dann kam ich raus und dachte mir: oh mein Gott, watt is passiert?! (lacht) Ich war doch gar nicht so lang weg.

»Ursprünglich wollte ich ein Boombap-Album rausbringen – das waren auch die Beats, zu denen ich im Knast geschrieben hatte«

Wie lief das Schreiben im Knast ab? Ist dir das schwerer gefallen als draußen?
Nee, einfacher. Du hast ja nichts anderes zu tun – außer Sport kann man nur Schreiben, Schreiben, Schreiben – auf Beats von DMX und so was.

Was auf »Aywa« auffällt, sind die vielen Features von außerhalb des AON-Camps: Bonez MC, Vega, SXTN, Olexesh und Al-Gear. Wie kommt’s?
Die Leute, die auf der Platte vertreten sind, waren allesamt immer korrekt zu mir. Egal, ob ich inhaftiert war oder noch in Freiheit. Vega hat beispielsweise veranlasst, dass die Eintracht-Ultras bei einem Heimspiel ein Transparent aufgehängt haben, um sich mit mir zu solidarisieren. Da kamen die ganzen Wärter mit dem Artikel über die Aktion aus der Bild-Zeitung zu mir und ich war richtig stolz. Der Junge stand zu mir und hat mich nicht vergessen. Diese Wertschätzung wollte ich mit dem Feature zurückgeben. Und die Thematik des Songs, »Fehlt n Zwanni«, passt auch zu zwei Frankfurtern. (lacht)

»Jetzt ist die Musik das einzige, was ich habe. Ich muss mich voll darauf konzentrieren.«

Gab’s abseits des Plakats noch andere Solidarisierungen?
Bei SXTN fand ich krass, dass die schon in ihren ersten Tracks Lines von mir zitiert haben. Sonst hab ich von anderen weiblichen Rappern gerne mal einen Seitenhieb bekommen, auch wenn gar kein persönliches Problem existierte. Bei Frauen herrscht ja immer so ein Konkurrenzdenken – damit habe ich eigentlich gar nichts am Hut. Ich fand das eher immer schade, mit vielen Rapperinnen, die mich gedisst haben, hätte ich eigentlich gerne zusammengearbeitet. SXTN hingegen standen immer hinter mir. Genauso Abdel [bürgerlicher Name von Al-Gear, Anm. d. Verf.] – der war auf all meinen Gerichtsverhandlungen. Der hat sich auch nie geschämt, sich mit mir zu zeigen – Bonez ebenso. Es gibt ja auch viele männliche Rap-Kollegen, für die bin ich nicht mehr als »eine Nutte«.

Wie hat sich dein Verhältnis zu Xatar während deiner Zeit in Haft entwickelt? Hat euch das noch enger zusammengeschweißt?
Giwar hatte tausende Projekte am Laufen. Ich hab mich immer mehr fürs Milieu als für die Musik interessiert … dort war schließlich Geld zu machen. Das, was mit der Musik rumkam, wäre für andere Leute gutes Geld gewesen – für mich war es zu wenig. Ich habe mich dadurch in den Jahren nach »Kurwa« zunehmend von der Musik distanziert. Ich dachte mir: okay, mein Album ist fertig, jetzt lass mich zwei, drei Jahre in Ruhe mein Ding machen. Jetzt ist die Musik das einzige, was ich habe. Ich muss mich voll darauf konzentrieren.

Den zweiten Teil des Interviews mit Schwesta Ewa über ihre Zeit in Untersuchungshaft und die noch ausstehende Revision ihres Gerichtsprozesses lest ihr in JUICE #187 – ab dem 19. Juni am Kiosk oder versandkostenfrei im JUICE-Shop erhältlich.

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