Leiwand auf Leinwand: Rap goes Art School // Feature

 

In den Sechzigerjahren gründeten die Cool Kids von den Art Schools noch Rockbands, berauschten sich mit allem, was sie zwischen Atelier und Konzertgrotte finden konnten und forderten den Umsturz. Andy Warhols The Factory und die dazugehörige Band The Velvet Underground waren das Symbolbild der Symbiose aus Popkultur und Kunst. 2016 hat sich das Bild gewandelt. Zumindest durch die Flure deutscher Kunsthochschulen und Galerien dröhnen immer weniger Gitarren. Stattdessen: Feiern zum aktuellen Deutschrap-Zeitgeist.

In Ateliers malen junge Künstler in modischer Extravaganz längst Bilder zur Musik von Ufo361 und der 187 Strassenbande. Sogar das wichtigste deutsche Kunstmagazin Monopol widmete dem »Status YO!« eine ganze Titelgeschichte – 2Pac-Illustration auf dem Cover inklusive – und bezeichnet HipHop als »Die Kunst des Aufruhrs«. Die Bildende Kunst, der Innbegriff der subversiven Hochkultur, nähert sich HipHop an, der Subkultur aller Außenseiter, Prolls und Abgehängten, teilt die Kleidungscodes, Gestik und vor allem die Coolness. Verantwortlich dafür sind auch Rapper wie MC Bomber, der Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee studiert, oder Haiyti, die es mit ihrem Straßen(rap)-Background schließlich an die HFBK Hamburg verschlug. Dort war sie bis vor kurzem in der Klasse von Maler Werner Büttner, einem bekennenden Pop-Nerd und ehemaligen Musikjournalisten, der schon den Stil von Daniel Richter prägte. Auch Yung Hurn sorgt für Annäherung. Zwar ist er (noch) kein Kunststudent, doch neben Rap gehört Malerei zum Gesamtwerk. Seinen Tagesablauf beschreibt er in einem Interview mit Arte so: »Ich stehe auf, wann ich will, schaue Fernsehen, male ein bisschen was, treffe mich mit dem Lex Lugner und mache ein bisschen Mucke.« Das Kunstmagazin Spike sieht ihn in seinem Video zu »Opernsänger« sogar »den Rapper performen, während er eigentlich einen Holzschnitt für den (Wiener) Malerlehrling erstellt, wie man ihn etwa in der Klasse Daniel Richter vorfindet.«

Das eine schließt das andere längst nicht mehr aus. Mittlerweile gibt es eine Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und Deutschrap. Die uneingeschränkte Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, ist das verbindende Glied – egal, ob die Freiheit durch berappte Drogenexzesse oder abstrakte Malerei ausgelebt wird. Auch wenn die genannten Rapper öffentlich nur ungern über ihre Beschäftigung in den Ateliers sprechen, sind sie doch bezeichnend für einen Wandel hin zur allgemeinen Akzeptanz von HipHop als legitime Kunstform. In Feuilletons prangt mittlerweile wie selbstverständlich ein großes Foto von Haftbefehl und Xatar, und schon eine Seite weiter könnten Werke von Jeff Koons oder Ai Weiwei abgebildet sein. Dadurch wird auch Rap bereichert, vor allem ästhetisch. Man werfe nur einen Blick auf Videos und Cover von Rappern wie MC Bomber, Hurn und Haiyti. Die immer gleichen Porträtfotos und das eingefangene Ego-Gepose mit der Crew wird seltener. In Bombers Musikvideo zu »Fleiß bei der Arbeit« werkelt er stattdessen an einer überdimensionierten Müllskulptur und lässt so die Grenze zwischen Bildender Kunst und Musik endgültig verschwimmen.

Das eine schließt das andere längst nicht mehr aus. Mittlerweile gibt es eine Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und Deutschrap.

Das Verwachsen beider Kulturen mündet schließlich in Gruppen wie Easter. Das in Berlin ansässige Duo, bestehend aus den bildenden Künstlern Stine Omar und Max Boss, rappt über Alien-Babys und Regelschmerzen, verpackt in Videoinstallationen. Rap ist das tonangebende Stilmittel und wird von Performances auf riesigen Monstertrucks oder in den roughen Ecken Berlins getragen, die von verspulten elektronischen Sounds untersetzt sind. So entsteht eine völlig neue Rap-Perspektive: Rap als Stilmittel der Bildenden Kunst. Es wird spannend zu sehen sein, in welche Richtung sich das Zusammenspiel noch entwickelt. Vielleicht entsteht in Deutschland ja wirklich ein moderner Factory-Entwurf – mit einer Rap-Crew als Aushängeschild. Live From Earth haben so was in digitaler Form im kleinen Stil schon geschafft: Yung Hurn und Lex Lugner sind ihr The Velvet Underground. ◘

Foto: LouiseAmelie

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