Real Talk: Wenn jemand stirbt, ist rapupdate.de ­daran schuld // Kolumne

Ich gebe es zu: Mittlerweile ist Rap­update fest auf meinem Smartphone verankert, und schon kurz nach dem Aufstehen checke ich, was schon wieder Irres in dieser Rapwelt passiert ist. In Wahrheit ist das oft nicht viel, aber Rapupdate macht trotzdem jede Menge irre News daraus. Meine Lieblingskate­gorie in diesem Zusammenhang ist übrigens die Sparte »Was hat Bonez MC zu diesem oder jenem Künstler gesagt?« Bislang lautete die Antwort immer: Er wünscht allen Gottes Segen und ein langes Leben. Eine liebenswerte Tradition, die ich an dieser Stelle aufgreifen möchte. Auch ich wünsche Bonez MC alles Gute für seine Karriere.

Die Kunst, aus rein gar nichts Meldungen zu generieren, muss man an dieser Stelle wirklich einmal würdigen – wobei die minderbemittelten bis genialen Kommentatoren der Seite (mit ihren verrückten Avatarnamen und ihren teils tiefsinnigen, teils nur ekelhaften und rassistischen Kommentaren) ihren Teil dazu beitragen, dass aus Rap­update das wurde, was es ist: Eine Unterhaltungsmaschine, der man sich nur schwer entziehen kann. Das Tor zur Hölle. Der Blick in den Abgrund menschlicher Existenz. Die Faszination eines Unfalls, den man nicht sehen möchte und bei dem man doch nicht wegschauen kann. Kurz: der absolute Absturz.

Die Macher von Rapupdate sind Genies vom Format des Bildzeitungskolumnisten Franz Josef Wagner, der auch schon mal einen Brief an einen verunglückten ICE-Zug geschrieben hat, und der eine ähnliche Gabe der verkürzten Poesie hat. Vor allem die Kunst, Cliffhanger-Überschriften zu produzieren, beherrschen die Kollegen von Rapupdate perfekt. Ebenfalls aus der »Was Bonez MC zu sagen hat«-Rubrik stammt die Überschrift »Bonez MC, was sagst du zum Streit von Kollegah mit Spongebozz?« Die Antwort ist: Nichts. »Juckt mich null«, steht da auf seinem Instagram-Profil, woraufhin Rapupdate sogar den Konjunktiv bemüht und in einem gestelzten Text schreibt: »Auf die Frage, was er von dem Streit zwischen Spongebozz & Kollegah halte, gibt er an, dass ihn das alles ’nicht jucke‘. Dann geht es ihm wohl wie Ali Bumaye, der bereits gestern sein Desinteresse an der ganzen Auseinandersetzung ­signalisierte.« Um so etwas zu fabrizieren, braucht man Zeit und viel Geduld.

Das erinnert mich an meine Zeit als Rap.de-Praktikant, als wir überlegt haben, ob es uns Klicks bringen würde, wenn wir unter unwichtige News schreiben würden: »Bushido äußerte sich nicht zu diesem Vorfall« – in der Hoffnung, ein paar Suchmaschinenweiterleitungen abzubekommen, von all den armen Seelen, die nach dem Wort »Bushido« googeln. Wir haben uns damals dagegen entschieden – zu ehrlos. Rapupdate zieht das nun durch. Props dafür.

In Wahrheit Passiert oft nicht viel in der rapwelt, aber Rapupdate macht trotzdem irre News daraus.

Das alles wäre auch wirklich lustig, wenn sich die Dinge in letzter Zeit nicht merklich verschlimmert hätten, und zwei Entwicklungen dazugekommen wären, die das Ganze unangenehm machen. Ersteres ist die Empfindlichkeit deutschsprachiger Sprechgesangskünstler, was ihr Ego betrifft. Und der zweite Punkt ist das verstärkte Auftreten bandenartiger Vereinigungen, die mit dem Image krimineller Organisationen kokettieren und in letzter Zeit verstärkt ins Rampenlicht drängen. Ist erster Punkt schon seit Jahren bekannt (Rapper sind sensible Mimosen), so ergibt sich aus dem zweiten Punkt in Verknüpfung mit dem ersten eine ganz explosive Mischung.

Die Unfähigkeit der meisten Rapper, über sich selbst lachen zu können, und ihre Versessenheit, auf Rapupdate-Überschriften so zu reagieren, als hätte man sie mit einem Eispickel attackiert; die Selbstinszenierung von sogenannten Großfamilien als Teil einer Welt, die eigentlich aus Beats und Rhymes besteht; plus ein Medium wie Rapupdate, das alles – vom unwichtigsten Tweet bis hin zum tatsächlichen Gewaltverbrechen – gleichermaßen sensationsgeil ausschlachtet: zusammengenommen ergibt all das genau das Bild, das wir gerade im deutschen Rap-Geschäft zu sehen bekommen.

Plötzlich haben nicht mehr Künstler mit anderen Künstlern Beef, sondern Künstler mit irgendwelchen Bandenchefs. Es wird gestochen, geschossen, gedroht und mit Autos aufeinander rumgefahren. Und ehrlich gesagt: Das ist mir persönlich zu viel Authenz. Ich habe Verständnis dafür, dass Bandenchefs ihre Geschäfte regeln müssen, das muss ein Banker auf seine Art auch – und hat dabei wahrscheinlich genauso viele Leute auf dem Gewissen. Aber Rapupdate hält bei Streitereien zwischen Musikern und anderen Berufsgruppen einfach drauf und gießt immer wieder Öl ins Feuer – Hauptsache die Quote stimmt. Mäßigende Aussagen werden nicht zur Kenntnis genommen, und die Herde rennt johlend hinterher. Wenn es dann irgendwann mal wirklich zur Katastrophe kommt und sich irgendwer ernsthaft weh tut, werden alle weinen und sagen: »Das haben wir aber nicht gewollt.« Aber das stimmt nicht. Genau das war eure Absicht. Und das Schlimmste daran ist: Es entsteht ein Klima des Hasses, der puren Aggression und der Angst.

Rapupdate gießt bei Streitereien zwischen Musikern und anderen Berufsgruppen immer wieder Öl ins Feuer – Hauptsache die Quote stimmt.

Witze werden nicht gemacht – aus Angst, dass man einem der Patrone auf die Füße tritt. Ironische Kommentare kann man nur noch machen, wenn man genügend Rücken hat, mit dem man die Sprüche dann auch durchboxt. Das ist schade und für eine Kunstform wie Rap, die von der kunstvollen Beleidigung, vom Witz und nicht zuletzt auch vom Humor lebt, absolut tödlich. Aber vielleicht hat auch nur die Welt ihren Humor verloren und die Worte des CBS-Vorstandsvorsitzenden Les Moonves lassen sich eins zu eins auf die Situation hierzulande übertragen. Dieser sagte über den Erfolg von Donald Trump: »It may not be good for America, but it’s damn good for CBS.« Und vielleicht ist das, was Rapupdate da macht, halt nicht gut für Rap, und ich bin einfach nur zu moralisch für den ganzen Scheiß. Stabile Kommentare eurerseits sind sehnlichst erbeten.

Text: Marcus Staiger

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #180 (Mai/Jun 2017). Back Issues hier versandkostenfrei nachbestellen.

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