Raf Camora

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Seine Eltern sind Italiener, er wurde in der französischen Schweiz geboren, wuchs in Wien auf und lebt heute in Berlin. Anhand seines Künstlernamens könnte man RAF Camora schnell in die falsche Schublade stecken, doch der 25-jährige Rapper, Produzent und SAE-Absolvent pflegt weder Kontakt zu linksextremen Terroristen noch zu süditalienischen Verbrechern. Raphael, wie er bürgerlich heißt, geht es laut eigener Aussage vielmehr darum, mit origineller, authentischer Musik zwischen HipHop und Reggae auf sich aufmerksam zu machen. Nach einem kurzen Major-Intermezzo mit seiner ehemaligen Crew Family Bizz und der Auflösung der Band zog RAF vor zwei Jahren zu seinen Homies Chakuza und DJ Stickle nach Berlin, um sich deren Beatlefield-Crew anzuschließen. Nach vielen Features und einem vielbeachteten Street-Album schickt sich der Wahlberliner nun an, sein Solodebüt zu veröffentlichen. “Nächster Stopp: Zukunft.”

 

Seit rund zwei Jahren bist du nun ein Mitglied von Beatlefield. Wie würdest du die Dynamik zwischen Stickle, Chakuza und dir beschreiben?
Erstmal ist es so, dass wir nicht nur musikalisch, sondern auch privat miteinander zu tun haben. Als ich in Berlin ankam, waren Stickle, Chakuza und Hamadi [PR-Berater von Beatlefield, Anm. d. Verf.] stets für mich da – mittlerweile sind wir Homies geworden. Wir sehen uns mindestens drei- bis viermal die Woche und sprechen fast täglich. Stickle und ich sind viel zusammen im Studio, Chakuza arbeitet lieber alleine zu Hause an Layouts. Aber mit ihm texte ich oft gemeinsam – wir lassen einfach Beats laufen und schreiben die ganze Nacht durch.

 

Deine Wiener Crew Family Bizz war ja der dritte österreichische HipHop-Act nach Schönheitsfehler und den Waxolutionists, der einen Major-Deal ergattern konnte. Was hat euch für ein Mainstream-Publikum attraktiv gemacht?
Zunächst gab es damals in Österreich nicht viel Auswahl: Es gab die Mundart-Rapper und die Club-Rapper. Wir waren sehr radio- und kommerztauglich, denn wir hatten nicht nur Rapper, sondern auch Sänger in der Crew. Ich habe zum Beispiel auch Hooks auf Französisch eingesungen. Unser ­Produzent und DJ war sehr von Jazz beeinflusst und gestaltete seine Beats dementsprechend ­melodisch. Und gerade die melodiösen ­Sachen sprechen das breite Publikum ja am ­meisten an. ­Zudem hatten wir einfach das Glück, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und die ­richtigen Leuten kennen lernten.

 

 

Euer Style wurde oft mit Culcha Candela ­verglichen. Kannst du das nachvollziehen?
Den Vergleich würde ich gelten lassen, weil Culcha Candela ebenfalls eine mehrsprachige Crew ist, die teilweise auch in die Reggae-Richtung geht. Chronologisch gesehen sind die Jungs der Saïan Supa Crew die Urväter dieser Schiene, dann kamen Culcha Candela – und Family Bizz war eben das ­österreichische Äquivalent.

 

Woher kommt deine Affinität zum Reggae?
HipHop war mein Einstieg durch Cypress Hill und den Sound aus Paris und Marseille, aber kurz danach kam ich mit Mad Lion zum Reggae – der hat Ragga auf HipHop-Beats gemacht. Im Rap gibt es ja fast keine Melodien, im Reggae hingegen schon viel mehr. Das hat mich musikalisch mehr angesprochen. 2001 habe ich begonnen, selbst Reggae zu machen und gar nicht mehr gerappt. Erst 2006, als ich mit Emirez das Skandal-Projekt losgetreten habe, habe ich wieder angefangen, auf Deutsch zu rappen.

 

Inwiefern hat dich das soziale Umfeld, in dem du aufgewachsen bist, als Künstler beeinflusst?
Als ich mit meiner Familie nach Wien übersiedelte, sind wir direkt in den 15. Bezirk gezogen – dort bin ich auch groß geworden. Das ist der Wiener Bezirk mit dem größten Ausländeranteil, ein Umfeld, in dem es sehr viel Kriminalität gab – diese Tatsache habe ich schon von klein auf mitbekommen. Mein damaliger bester Freund sitzt lebenslänglich im Knast, ein anderer guter Freund von mir wurde abgeschoben. Ich aber habe einen anderen Weg eingeschlagen, mich nämlich für die Musik und nicht für die Kriminalität entschieden.

 

Warum war es schließlich zur Trennung von ­Family Bizz gekommen?
Wenn du im Kollektiv arbeitest, ist es schwierig, dein eigenes künstlerisches Ego durchzusetzen. In der Regel zieht da dieses Demokratie-Prinzip: Wenn die Mehrheit der Gruppe einen gewissen kreativen Weg einschlägt, oder sich wie in dem konkreten Fall verkauft, dann kannst du als einzelnes Mitglied nichts dagegen machen. Entweder du gehst oder folgst dem Strom. Aber wenn der Strom nicht mehr attraktiv für dich ist, dann machst du Schluss. Die Trennung war kurz und schmerzvoll: Ich saß mit einem Teil der Gruppe bei mir zu Hause in Favoriten, und im Gespräch wurde deutlich, dass jeder von uns was anderes machen will – ich selbst hatte zu jenem Zeitpunkt schon das Skandal-Projekt mit Emirez am Laufen. Dann habe ich bei unserem DJ und Produzenten Mezuian angerufen, der meinte: “Wir kommen eh nicht mehr auf einen Nenner, lassen wir das Projekt am besten sterben.” Jeder wollte in eine andere Richtung gehen, und innerhalb der Crew hatten sich längst kleine Cliquen gebildet. Was zusätzlich zum Problem wurde, waren die Drogen. Ich selbst habe ja auch Drogen genommen, das hat auch vieles kaputt gemacht.

 

Was war nun die Herangehensweise für dein Solo-Debütalbum?
Wenn ich geplant hätte, ein ­kommerzielles Rap-Album für die breite Masse zu machen, dann wäre ich anders vorgegangen. Aber mein Anspruch war es, ein Album zu machen, das in erster Linie mir selbst ­gefällt. Als ich mal in Amsterdam chillte, habe ich mich hingesetzt und nachgedacht, was die Kunstfigur RAF Camora eigentlich repräsentieren soll. Was den ­musikalischen Leitfaden des Albums anbelangt, so werden die Leute ganz klar meinen Reggae- und South-Einfluss raushören. Ich will mein Album auch erwachsenen Menschen vorspielen können, daher ging es mir vor allem darum, nicht nur ein gutes Rap-, sondern vielmehr ein gutes Musik-Album zu machen. Harter Rap mit melodiöser Musik, dafür steht RAF Camora.

Einen Teil des Albums hast du letzten Sommer in Neapel aufgenommen, richtig?
Genau. Ich habe zwischen heruntergekommenen Häusern mein Studio aufgebaut und ein urbanes Rap-Album geschrieben und produziert inmitten von Maisfeldern und unter Bauern, die weder lesen noch schreiben können.

 

In dem Song “Herr Doktor” mit D-Bo geht es um Depressionen. Wolltest du damit ­persönliche Erlebnisse aufarbeiten?
Die Inspiration zu dem Track war das Buch “Le Horla” des französischen Schriftstellers Guy de Maupassant, insbesondere eine Kurzgeschichte mit dem Titel “Brief eines Verrückten an seinen Arzt”. Die Handlung dieser Geschichte hat mich krass gefangen, weil ich schon selbst Neurosen hatte und daran psychisch gelitten habe – deswegen rappe ich auf meinem Track: “Ich habe Angst vor der Angst.” Ich denke, dass sich viele Leute manchmal so fühlen.

 

Humor kommt auf deinem Album auch nicht zu kurz, etwa auf dem Song “Ich & mein Kroko”.
Genau. Ich bin ja seit meiner frühesten ­Jugend ein krasser Fan der Marke Lacoste. ­Manchmal habe ich tagelang nichts gegessen, um auf ein Lacoste-Hemd zu sparen. Das ist quasi mein ­Dankeslied an dieses Krokodil, und ich erzähle in dem Song von dem Lifestyle der Lacoste-Träger.

 

 

Nächstes Jahr soll es zwei Kollabo-Alben von dir geben – einmal mit Sonnik Boom (ehemals Sprachtot) und ein weiteres mit Nazar.
Das Album mit Sonnik haben wir schon letztes Jahr fertiggestellt – wann und ob diese Platte überhaupt erscheint, ist noch unklar, da gibt es noch einiges zu klären. Das Album mit Nazar ist derzeit in der Mache und wird wahrscheinlich im Frühjahr 2010 erscheinen. Einerseits sind wir die zwei bekanntesten Rapper aus Wien, außerdem kommen da zwei Styles zusammen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben – aber genau dieser Aspekt ist das ­Interessante daran. Ich mache ja ganz andere Musik als Nazar, aber mit diesem Album haben wir uns ein ­gemeinsames Ziel gesetzt.

 

Wo siehst du deine berufliche und private ­Zukunft?
(grinst) Ich kann nur sagen, was ich mir wünsche: Mich so bald wie möglich am Mittelmeer niederzulassen – das Mittelmeer bedeutet für mich Heimat. Kinder, eine Frau, ein Haus und ein eigenes Studio. Musiker werde ich eh immer bleiben – an dem Tag, an dem ich keine Musik mehr mache, werde ich sterben. Musik ist das, was ich zum Atmen brauche.

Text: Leo Koulidjanov