»Irgendwann muss man halt einen Schlussstrich ziehen« // Beatlefield im Interview

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In den letzten fünf Jahren gab es kaum Produzententeams im deutschen HipHop, die den Jungs von Beatlefield in Sachen Erfolg das Wasser reichen konnten. Insgesamt sind diesem Zeitraum neun Alben, die überwiegend von ihnen produziert wurden, in den deutschen Top 10 gelandet. Eine stattliche Bilanz, die natürlich zum Teil mit der ­vertraglichen Bindung an Bushidos Ersguterjunge-Label, andererseits aber auch mit dem brachialen Breitwand-Sound zu erklären ist, der DJ Stickle und Chakuza aus der ­oberösterreichischen Provinz zunächst in die deutsche Hauptstadt und schließlich bis an die Spitze der Pop-Charts getragen hat.

Ursprünglich aus der Linzer Crew Verbale Systematik entstanden, gingen Stickle und Chakuza ihren Weg bald ohne den damaligen MC-Partner (Big) J weiter. Es folgte die legendäre Demo-Übergabe bei einem Bushido-Konzert, der folgenschwere Anruf nach Bushidos Trennung von seinem Produzenten DJ Ilan und schließlich ein spontaner Umzug der beiden Freunde nach Berlin. In den letzten fünf Jahren haben Beatlefield fast allen EGJ-Releases ihren charakteristischen Soundstempel aufgedrückt, zumal DJ Stickle bei vielen Releases auch das Mixing übernahm. Doch im Laufe des Jahres 2010 mehrten sich die Gerüchte, dass Chakuza bei EGJ aussteigen wolle. In einem Interview bestätigte er schließlich, dass sowohl der Künstler Chakuza als auch das Produzententeam Beatlefield Productions die seit 2005 bestehenden und im Herbst 2010 auslaufenden Verträge mit EGJ nicht weiter verlängern würde.

Im Dezember erschien – als Übergangs­lösung über D-Bos Label Wolfpack Entertainment – das Chakuza-Mixtape »Suchen & Zerstören 2«, das jedoch im Gegensatz zu Chaks vorherigen Releases einen Chart­einstieg knapp verpasste. Kein Drama, aber ein klares Zeichen für einen Wandel in der Wahrnehmung des MCs. Beatlefield in der Neuformation: neue Selbständigkeit, neues Studio, neuer Sound. Immer wieder fiel in Interviews das Blakroc-Album als Referenz für künftige Projekte, das nächste Chakuza-Album solle deutliche Rock-Einflüsse verpasst bekommen. Reichlich Gesprächsstoff also und damit schon Grund genug, das dynamische Duo mal in seinen neuen, eigenen Räumlichkeiten in Berlin-Kreuzberg zu besuchen.

Wie habt ihr das HipHop-Jahr 2010 wahrgenommen? Was fandet ihr ­musikalisch interessant, was weniger?
Chakuza: Ich fand einzelne Songs von ­Casper und Marteria cool.
DJ Stickle: Das Marteria-Album war definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Vor der Platte habe ich großen Respekt. Sonst habe ich viel Musik aus allen möglichen Genres gehört, ich bin da nicht engstirnig. Gerade in Deutschland gab es zum ersten Mal seit ein paar Jahren wieder Künstler, bei denen ich dachte, dass aus denen was werden kann. Olson Rough geht in eine gute Richtung, den find ich als Künstler interessant. Dann gibt es einen Hamburger namens Ahzumjot, den finde ich recht fresh. Das ist so ein Kid Cudi-Typ, der auch richtig verrückte Beats macht.

Wir sitzen jetzt hier im neuen ­Beatlefield-Studio, das gerade erst fertig geworden ist. Wie lange habt ihr am Aufbau dieses Studios gearbeitet?
DJ Stickle: Die Planungsphase läuft schon seit März 2010. Es ist halt immer wieder was dazwischen gekommen. Du musst dir das fast so vorstellen, als wenn man ein Haus baut. Man nimmt sich einen Zeitplan vor, aber dann kommt alles anders. Das hier war ja eine komplett leere Fläche, 80 Quadratmeter Industrie-Ebene, ohne Boden und alles. Wenn du das einmal ordentlich machen willst, brauchst du einen Architekten, der genau weiß, welche Dimensionen die Räume haben, damit es auch so klingt, wie es klingen soll. Dann brauchst du schallsichere Türen, damit du auch mal ein Schlagzeug aufnehmen kannst. Das ist natürlich ein Zeit- und ein Kostenfaktor.

Wie sieht eure Zusammenarbeit als Produktionsteam konkret aus?
DJ Stickle: Die letzten eineinhalb Jahre hat es schon eher getrennt stattgefunden. ­Chakuza war die meiste Zeit in Linz, ich in Berlin. Wenn wir Beats machen, ist es trotzdem immer Beatlefield. Man sitzt aber logischerweise nicht die ganze Zeit ­zusammen im Studio. Da findet viel über Hin- und ­Herschicken statt.
Chakuza: Das ist ja heute alles kein Problem mehr. Jeder macht seine Beat-Layouts und dann tauscht man sich eben ein bisschen aus. Das Abmischen übernimmt Stickle ohnehin alleine, damit habe ich gar nichts am Hut. Ich habe ja in Linz auch ein kleines Studio zusammen mit einem Kumpel. Aber das, was ich auf meinem nächsten Album vorhabe, ist dort nicht mehr möglich. Daher werde ich viel mehr Zeit hier verbringen. Ich werde Linz wohl wieder den Rücken kehren. Ich war wieder ein ganzes Jahr dort und das war auch cool, aber jetzt reicht es, es wird mir wieder zu klein. Beim kommenden Album wird die Arbeitsweise daher auch wieder anders aussehen, da werden wir viel zusammen im Studio hocken.

War Linz für dich ein persönlicher Rückzugsort, um deine privaten Krisen zu verarbeiten?
Chakuza: Natürlich, auf jeden Fall. Ich brauchte mal Ruhe. Dieses WG-Leben in Berlin war halt auch ein bisschen ­anstrengend. Aber jetzt bin ich ausgeruht und habe keinen Bock mehr zu chillen. Ich will wieder richtig Gas geben.

Deine Verträge mit Ersguterjunge sind alle ausgelaufen, richtig?
Chakuza: Ja. Ich habe auch kein Angebot bekommen, dass man die Verträge verlängern wollte. Ich hatte denen schon vor einiger Zeit gesagt: Jungs, meine Verträge laufen aus. Aber da kam nichts. Und ich selbst war auch nicht so scharf drauf, dort neu zu unterschreiben. Schau mal, ich bin jetzt 30 Jahre alt und war die letzten fünf Jahre bei diesem Label. Irgendwann muss man halt einen Schlussstrich ziehen. Ich wollte immer schon mit meinen Jungs etwas Eigenes aufbauen. Musikalisch gehe ich ohnehin in eine andere Richtung, die auch nicht mehr zu EGJ gepasst hätte. Es war einfach logisch, dass man sich trennt.

Deutest du diese neue Richtung auf »Suchen & Zerstören 2« schon an?
Chakuza: Nein, gar nicht. Das war einfach nur Musik, die ich aus Spaß gemacht habe. Ich hatte noch ein paar Beats rumliegen, die ich gefeiert habe und auf die ich einfach rappen wollte. Ein kleiner Ansatz von dem, was jetzt kommen wird, ist auf dem Remix mit Timid Tiger zu hören. Aber bis dahin läuft noch viel Wasser den Bach runter.
DJ Stickle: Über die neue Ausrichtung ­können und wollen wir noch nicht so viel sagen. Das kommt ja auch immer darauf an, wie sich die Aufnahmen entwickeln.
Chakuza: Dass es mehr ins Rockige geht, ist schon klar. Aber wie das dann ganz genau aussieht, müssen wir sehen. Wir wollen jedenfalls was anderes machen als ein ganz normales Rap-Album.

Bislang hat dir ein Label zumindest die Bereiche Marketing und Promotion abgenommen. Jetzt bist du in dieser Hinsicht auf dich alleine gestellt.
Chakuza: Schau mal, wir haben eigentlich schon bei »Monster in mir« alles selbst ­gemacht. Wir haben die Platte abgegeben und hatten eine eigene, externe Promotion-Firma. Wir haben unsere Interviews selbst geplant und das, was noch übrig blieb, hat EGJ übernommen. Von daher wissen wir, wie es läuft, und es hat super funktioniert. Unser Manager weiß eh, was zu tun ist. Das ist keine große Sache. Uns macht es Freude, wenn wir alles selbst kontrollieren können. EGJ hat seine Arbeit auch gut gemacht, aber irgendwann muss man selbst die Verantwortung übernehmen, sonst tritt man auf der Stelle.

War es für dich ein Problem, dass du in eine Gangsta-Rap-Schublade gesteckt wurdest, obwohl du eigentlich ganz andere Musik machen willst?
Chakuza: Na ja, es hat mir jetzt auch nicht gerade geschadet. Es war ja auch klar, dass man mich dort einsortiert, so lange ich bei diesem Label bin. Aber ich will definitiv aus der Ecke weg und auch nicht mehr damit assoziiert werden. Bei mir wird sich auch textlich viel verändern. Ich habe ja schon ein schlimmes Mundwerk, wenn ich nicht aufpasse. Aber das muss ich künftig im Griff haben, denn ich bin jetzt erwachsen. (lacht)

Käme es für dich als Option in Betracht, wieder zu einem größeren Label zu gehen?
Chakuza: Natürlich, klar. Wir machen jetzt erst mal das Album und werden das auf jeden Fall verschiedenen Labels anbieten. Die nächste Platte soll ja auch groß werden. Wäre schon cool, wenn wir dafür einen Partner finden, mit dem man gut arbeiten kann. Ich bin jetzt nicht unbedingt auf dem Independent-Film hängen geblieben.

Es sah eine Zeit lang so aus, als wenn Beatlefield zu einer größeren Gang bzw. sogar einem Label avanciert. Da waren Künstler wie RAF Camora, Bizzy Montana, D-Bo und Marc Reis im Gespräch.
Chakuza: Beatlefield waren immer nur wir drei, also Stickle, unser Manager Hamadi und ich.
Hamadi: Außer RAF und Tobstarr hätte auch nie jemand dazukommen können. Wir sind kein Label und werden auch nie eines sein. Wir sind ein Produktionsteam und ein Musikverlag. Ich habe 2009 lediglich das RAF-Album »Nächster Stopp: Zukunft« herausgebracht, und in diesem Jahr hat RAF auch viel mit Beatlefield gemacht.
Chakuza: Jetzt geht halt jeder seinen eigenen Weg. Die Kids wollen natürlich immer lieber eine Gang sehen und haben da mehr rein interpretiert, als da wirklich war.
Hamadi: An dieser Wahrnehmung sind wir auch ein bisschen mitschuld, weil es immerhin drei »Beatlefield Allstars«-Tracks gibt.
DJ Stickle: Es war aber nie unsere Absicht, Beatlefield als Label zu etablieren. Das kam eher von den Fans, die die geschäftlichen Hintergründe natürlich nicht so genau verstanden haben. Aber mit jedem ­Künstler, der dazukommt, kommt ja auch mehr Verantwortung. Das kann von uns einfach keiner tragen. Wir wollten nie in die Position geraten, dass es eine Fläche für Meinungsverschiedenheiten gibt. Wir drei kennen uns seit über zehn Jahren und wissen, wie die anderen ticken.
Chakuza: Man kann sich auch ehrlich die Meinung sagen, ohne dass sich das Gegenüber direkt angegriffen fühlt. Wenn wir uns mal streiten, ist es nach fünf Minuten auch wieder cool.

Ich sehe in diesem Studio viele analoge Instrumente: Gitarren, Keyboards, ein Schlagzeug. Hat das auch mit der Neuausrichtung eures Sounds zu tun?
DJ Stickle: Das kann, nein: muss man so sagen. Wir haben immer Sample-basiert und rechnerintern gearbeitet. Aber es macht einfach viel mehr Spaß, ein Schlagzeug oder eine Gitarre live aufzunehmen. Das klingt einfach ästhetisch anders. Daher wird es schon unser Weg sein, die Live-Instrumente in die HipHop-Beats einzubeziehen. Chakuza spielt ganz gut Piano, ich kann ein bisschen Gitarre und Schlagzeug spielen. Aber ich bin natürlich kein Session-Musiker. Uns war wichtig, dass wir hier einen trockenen Aufnahmeraum haben, der für Vocals, aber auch für Drums prädestiniert ist, wenn man diesen Siebziger-Jahre-Drumsound will. Wir haben einfach viel mehr Möglichkeiten.
Chakuza: Ich denke, wir werden jetzt demnächst damit anfangen, das Konzept für mein Album zu erstellen. Dann suchen wir die Musiker, mit denen wir für die Platte zusammenarbeiten wollen. Und dann fangen wir an. Ich gehe davon aus, dass es im Frühling sein wird, frühestens im April, eher im Mai. Das wird eh lange dauern, denn dies soll meine Platte werden. Diese eine Platte.

Bis Chakuza mit den Aufnahmen ­beginnt, wird hier im Studio das neue Album von Casper aufgenommen. Seid ihr auch an der Produktion beteiligt?
DJ Stickle: Nein, Casper hat sich für seine Aufnahmen lediglich bei uns eingemietet. Die Produktion wird von einem großen Team gemacht, und ich bin auch ein bisschen in das Ganze involviert. Mehr darf und will ich dazu noch nicht sagen.

Woher kennt ihr Casper denn?
DJ Stickle: Durch Zufall. Im Sommer hörte ich davon, dass Casper einen DJ sucht. Wir haben uns getroffen und auf Anhieb super miteinander verstanden. Dabei habe ich ihm davon erzählt, dass unser Studio gerade fertig gebaut wird. Bevor seine A&Rs zur Begutachtung kamen, haben wir noch schnell ein Sofa vom Altwarenhändler geholt, damit hier überhaupt was drinsteht. Schließlich wurde das Studio besichtigt, es hat gepasst und jetzt machen wir das Album hier. Mehr sage ich aber wirklich nicht dazu. (lacht) ♦

Text: Stephan Szillus
Fotos: Murat Aslan

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