MoTrip: »Manchmal würde ich mich gerne einsperren oder raus mit der Bazooka.«

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»Viele Leute sagen, man soll nicht mehr übers Schreiben schreiben«, rappte MoTrip 2012 auf »Embryo«. 2015 hat sich am Wahrheitsgehalt seiner Beobachtung nicht viel ­geändert. Rap über Rap ist nicht gerade en vogue, gilt als unmodern und belanglos. Mit ein paar Ausnahmen hält kaum noch jemand, der unsere Aufmerksamkeit ­verdient, dem sogenannten Rap-Rap die Stange. Umso spannender ist ­folgende Neuigkeit: MoTrips »Embryo«-Nachfolger kommt im Juni endlich in die Läden. Er heißt: »Mama«.

Es geht mit der Bahn nach Bremen, laut Kalender haben wir den 9. April. Vom Bahnhof geht es per Taxi weiter, raus aus der übersichtlichen Innenstadt und in Richtung Industriehafen Bremen. Viel geht hier nicht, große Teile des riesigen Areals bleiben mittlerweile ungenutzt, alte ­Lagerhallen werden günstig an Künstler verscherbelt. Hier arbeitet MoTrip gerade in den letzten Zügen an seinem zweiten Album. Das Ganze ist allerdings eher eine improvisierte Übergangslösung. Anfang April steht die Platte zu gut 80 Prozent – zwei, drei Stücke sind noch nicht mal fertig getextet. Deshalb hat sich Trip gemeinsam mit Joka nach dem Festival Mile Of Style im kleinen Studio eines Kumpels einquartiert. Aufnehmen ist hier nicht, nur schreiben, schreiben, schreiben.

 
Den Großteil des Albums hat MoTrip in München im Studio von Eli und David Ruoff aufgenommen. Ersterer produzierte früher als Teil der Goofiesmackerz für unter anderem Jan Delay und Sido, letzterer fiel zuerst als Produzent (damals noch als David Lauren) des streitbaren Münchener Rappers Felix Krull auf. Zuletzt arbeiteten beide in erster ­Linie gemeinsam, vor allem mit Ali As, dessen »Amnesia« zu großen Teilen auf ihre Kappe geht. Ähnlich wie für Ali, haben sie auch für MoTrip ein musikalisches Gewand geschneidert, das gute Sounds von allen Ecken und Enden des kontemporären Rap-Spektrums zusammenklaubt. Das macht ordentlich Druck, gewinnt zwar keine Innovationspreise, doch räumt dafür insbesondere Ausnahmetextern wie Ali As und MoTrip genügend Platz für lyrische Spielereien ein.

MoTrips neue Musikstücke tragen Titel wie »Mathematik«, »David gegen Goliath«, »Versus«, »Wie ein Dealer« und »Wenn die Sonne tief steht«. Auf den ersten Blick orientiert sich MoTrip darin an den Qualitäten, für die ihn seine Hörer kennen und schätzen: perfekt gesetzte Reime, komplexe Wortspielereien und mit Leichtigkeit in den Äther gespuckte Flows. »Meine Formel aufzuschreiben, hat eine Weile gebraucht«, und »ganz simpel: ich bin die Eins«, sagt MoTrip auf »Mathematik«. Die Feststellung ist ein alter Hut und etwas abgeschmackt, aber MoTrip führt das große Reimtheater mit so viel Spielfreude auf, dass man ihm gerne glauben mag. Weil man ihm sein Vergnügen und seine Liebe zum ­Schreiben zu jeder Zeit anmerkt. Weil Mo niemals verbissen klingt oder angestrengt versucht, der beste Rapper zu sein, geht das Rezept auf. Außerdem beherrscht MoTrip das Spiel mit Zwischentönen, ein Battlerap-Song ist bei ihm im Grunde nie nur ein Song über das Rappen. In dem hervorragenden Albumtrack »Versus« behauptet MoTrip: »Du kannst bei den Dingen, die ich schreibe, noch so einiges lernen«. Nicht dass sich der 27-Jährige als Weiser oder Philosoph aufführen würde. Aber er vertritt selbstbewusst seine Sicht auf die Welt. Auf »David gegen Goliath« stilisiert er sich zum Freibeuter, der »mit nur einer Steinschleuder das Imperium zerstört«. Und gleichzeitig schwingt in MoTrips Texten häufig etwas mit, das für Rapper seines Talents eher selten ist: Selbstzweifel. Als Künstler macht ihn das nahbar, greifbar und sympathisch.

Ehrfurcht vor dem Beat

Der Weg zu MoTrip führt durch ein großes, verwinkeltes Gebäude, in das sich auf mehreren Etagen zig Musiker für ein paar Taler einquartiert haben. Nach etwas Smalltalk nehme ich auf der Couch Platz und genehmige mir einen Donut mit Oreo-Glasur. Ich bin hier zum Beobachten, also halte ich größtenteils die Klappe. In diesen Tagen beißt sich MoTrip vor allem die Zähne an ein und demselben Beat aus. Eine Stunde lang tönt Crackküchen-Sound mit Cloud-Ansätzen durch den kleinen Raum. Die Herumsitzenden nicken hypnotisiert mit dem Kopf und starren auf ihre Smartphones. MoTrip tigert währenddessen durch den Raum, macht Rapper-Hände und schiebt im Kopf Textfetzen hin und her. Bereits wenige Sekunden, nachdem der Beat anlief, ging das los: Am Fenster stehend, zog es MoTrip ­hinein in sein kleines Rap-Kopfkino. Die meiste Zeit bleibt er dabei in seinem Film gefangen, ab und zu schreibt er ein paar Zeilen auf. Nur kurz wechselt er ein paar Worte mit Max, seinem Produktmanager bei Universal Music, dann versinkt er wieder in die Musik. Als ich ihn später danach frage, warum gerade dieser Song noch nicht fertig ist, wird er sagen: »Ich bin ehrfürchtig vor dem Beat.«

Abends, der Song ist heute nicht fertig geworden, geht es weiter ins Steakhaus. Während der Kellner Rinderfilets, Kartoffelbrei mit Trüffeln, allerhand Gemüse und ein paar Gläser Cola (selbstverständlich auf Kosten der Plattenfirma) auftischt, stelle ich jene Frage, die bei einem Albumtitel wie »Mama« am nächsten liegt: Warum? Die Antwort folgt wie aus der Pistole geschossen.

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