MoTrip: »Manchmal würde ich mich gerne einsperren oder raus mit der Bazooka.«

 
Wie ging es damals mit Savas weiter?
Es lief nicht optimal. Wobei, am Anfang ­natürlich schon. Savas hatte vor, mich als Live-Backup mitzunehmen und wollte viele Songs mit mir machen. Irgendwann sprachen wir sogar mal über ein gemeinsames Album. Und wir haben Songs zusammen geschrieben, das war mir natürlich unendlich viel wert. In dieser Zeit hat Savas mir sehr viel Mut gemacht, und ich war ihm sehr dankbar. Ich hätte ihm meine Songs sogar geschenkt, einfach, damit er sie rausbringt. Ich wollte unbedingt in seinem Kosmos stattfinden, aber ungefähr zur selben Zeit hat sich Sinan, der mich letzten Endes nach Berlin geholt hatte, immer mehr vom Rappen abgekapselt und stattdessen viele Bücher gelesen. Wenn er noch Rap-Texte geschrieben hat, dann hat er sich in denen mit Kapitalismuskritik beschäftigt. Er hatte einfach keinen Bock mehr, über Flow und Reime zu reden, sondern wollte über das »wahre Leben« sprechen. Obwohl Savas ihm auch eher davon abgeraten hat, war ich damals alleine aus Loyalität kurz davor, auch anzufangen, politisch motivierte Musik zu machen. Am Ende hatte ich aber trotzdem weiter mit Savas zu tun, was Sinan wiederum nicht gut fand. Er hielt es für selbstverständlich, dass ich mich auch abkapsele und seinen Weg mitgehe. Ich verstehe seinen ­Ansatz und finde es auch ehrenwert zu ­sagen: »Es gibt Wichtigeres im Leben.« Aber ich wollte damals nun mal unbedingt spitten und mein ganzes Herzblut investieren, um mit Savas Musik zu machen. Dann kam wenig später die Einladung zu Savas’ »John Bello Story 3«-Bootcamp, um dort die Platte zu machen. Während der Aufnahmen rief Sinan mich an und wurde sauer, als ich ihm sagte, dass ich mit seinem Bruder im Studio sei. Savas wollte aber, dass ich bleibe, und ich selbst wollte das natürlich auch. Also machten wir das Album, auf dem ich ja eine Handvoll Features habe. Als dann auch noch die Tour anstand, sollte ich eigentlich so wie alle anderen mitfahren. Kurz vor den ersten Konzerten kam dann aber Savas zu mir, um mir zu erklären, er würde mich nicht mitnehmen, weil das unfair gegenüber Sinan wäre. Ich konnte das sogar irgendwie verstehen und ging dann trotzdem zu einigen Gigs, als Gast. Da habe ich mich irgendwie schlecht gefühlt, immerhin wurden Lieder gespielt, an denen ich mitgewirkt habe. Unser Verhältnis war seitdem nicht mehr dasselbe und wir haben nie wieder ­Musik gemacht, obwohl ich Savas für »Embryo« sogar noch angefragt habe. Ich werde Savas auch immer für das lieben, was er mir ermöglicht hat. Ungefähr zur selben Zeit lernte ich damals Joka und Silla kennen, und der Kontakt zu Savas brach komplett ab. Das bedaure ich bis heute.

Kann ich hier kurz einhaken? Du hast eben Joka erwähnt, der für dich als MoTrip heute ungemein wichtig ist, oder?
Absolut. Wir hängen jetzt schon fünf wunder­schöne Jahre lang aufeinander. (grinst) Digger, Joka ist die wichtigste Person, die ich in ­meiner Musikerkarriere kennengelernt habe. Er ist über die letzten Jahre wirklich mein ­Bruder geworden. Wir nehmen gegenseitig kein Blatt vor den Mund und spielen uns immer als erstes unsere Sachen vor. Wir hatten Phasen, in denen wir für Dritte sehr viel gemeinsam geschrieben haben, und er ist auch viel mehr als mein Backup. Er backt mich zwar tatsächlich, aber der Titel würde ihm nicht gerecht. Joka hat auch eine administrative Ader. Wenn wir ohne Tourmanager zu einem Gig kommen, dann kümmert er sich halt.

Joka hat sich bei dir gemeldet, weil er deine Parts auf »John Bello 3« gefeiert hat, oder?
Genau, er schrieb mir eine Mail, ich weiß nicht mehr wann, und dann haben wir uns gegenseitig Props gegeben. Über Joka habe ich dann Silla kennengelernt, durch den ich wiederum weitere Kontakte und Aufträge bekommen habe. Durch Joka habe ich aber auch Vito kennengelernt, der auf der ersten Tour mein DJ war, »Was mein Auto angeht« produziert hat und mich Samy Deluxe vorgestellt hat. Vito wohnte damals in Hamburg in einer WG mit Sinch und Ken Kenay. Als ich die kennengelernt habe, haben die mich krass gut bei sich aufgenommen und aus dem kleinen Loch gerettet, in das ich nach der Sache mit Savas gefallen war. Über diese Hamburg-Connection hab ich dann auch meinen damaligen Manager Pongs kennengelernt, der mich zu »Cover my Song« gebracht hat. Die Kette von Leuten, die mich an den Punkt gebracht hat, dass ich »Embryo« machen konnte, ist auf jeden Fall lang.

Apropos: Wann hast du eigentlich ­Bushido kennengelernt?
Das war 2012, im selben Jahr, in dem auch mein Album rausgekommen ist. Bushido habe ich eben gar nicht erwähnt. Aber ich will nicht so tun, als wäre nicht auch Bushido ein Held meiner Jugend gewesen. Ich hatte irgendwie gehört, seine Frau sei schwanger, und habe ihm deshalb öffentlich gratuliert. Daraufhin bedankte er sich in einer Privatnachricht und bat mich, glaube ich, ihm meine Nummer zu geben. Am selben Abend haben wir telefoniert und direkt sehr lange geredet. Eine Woche später habe ich mich dann mit Arafat und Bushido in Berlin getroffen. Danach haben wir ungefähr ein Jahr lang sehr viel zusammengearbeitet.

Du warst auch an der Arbeit an »AMYF« beteiligt, oder?
Genau. Diese Zeit hat mir echt viel Spaß gemacht. Bushido ist ein richtig lustiger Typ, auch wenn er natürlich anstrengend sein kann. Er ist immerhin Bushido und hat eine sehr genaue Vorstellung von dem, was er will. Im Nachhinein ist das auf jeden Fall eine Zeit, die ich nicht missen will, auch wenn wir, wenn du mich fragst, unglücklich auseinander gegangen sind. Wir sprechen mittlerweile nur noch einmal im Jahr miteinander, obwohl ich eigentlich gerne noch mit ihm befreundet wäre. Ich meine, Bushido hat meinen Bruder mit auf Tour genommen.

 
Als »Embryo« dann endlich erschien, konnte man dich kaum noch Newcomer nennen. Eigentlich kannte dich die komplette HipHop-Szene bereits. Hat sich das für dich ähnlich angefühlt?
Auf jeden Fall. Ich hatte in den Jahren davor ja auch die beste Ausbildung, die man kriegen kann. Auf »Embryo« rappe ich: »Mir kommt es vor, als hätte ich alles schon gesehen, alles schon erlebt, dabei fängt die Reise jetzt erst an.« Ich hatte Songs mit großen MCs gemacht, und genau das ist auch mein Ziel gewesen. Bitches und Dollars wollte ich nicht, ich wollte nur geile Songs mit den besten Rappern des Landes machen, und das habe ich eben schon krass früh erreicht. Dadurch habe ich auch erst relativ spät den Hunger entwickelt, selbst mal auf die Eins zu gehen.

Auf dem Album »Mama« stehst definitiv du im Mittelpunkt, nicht die Beziehungen zu deinen lyrischen Ziehvätern. Nach »Embryo« und »Mama« kann man guten Gewissens sagen: MoTrip, das ist nicht nur ein sehr guter Rapper, sondern auch jemand, der für eine Art, auf die Welt zu blicken, steht. Oder?
Ja, natürlich. Ich verfolge mit meiner Musik kein konkretes Ziel, aber ich will auch nicht einfach nur irgendwas spitten. Das bringe ich nicht übers Herz. Wenn ich beim Schreiben merke, dass sich der Text in eine Richtung entwickelt, mit der ich etwas sagen kann, dann verfolge ich diese auch. Und selbst in einen Song, der eigentlich nur davon handelt, dass ich »zurück im Game« bin, fließt unbewusst meine Weltsicht mit ein.

Deine Musik klingt jedenfalls motiviert und nicht resigniert.
Du hast doch nur die Wahl zwischen Kapitulation und Aktion. Das klingt bescheuert, aber mein größter Wunsch ist wirklich, dass die Menschen endlich aufhören, ständig scheiße zueinander zu sein. Am Ende müssen es doch die Liebsten und Nettesten sein, die sich dafür einsetzen, dass sich die Umstände bessern. Die, denen man es eigentlich nicht zutraut, müssen sich erheben und wehren. Ein Song darüber, wie scheiße die Welt oder das eigene Leben ist, bringt doch nichts. Ich finde, Aufklärung ist der erste Schritt zu allem. Ich möchte mich nicht zum großen Moralapostel stilisieren, aber ich glaube, es ist ­besser, als Songwriter allgemeine Denkanstöße zu liefern und den Hörer so in eine bestimmte Richtung blicken zu lassen, als sich präzise über einzelne Probleme aufzuregen.

Ich kann einfach keine Musik mehr machen, die so tut, als wäre die Welt in Ordnung.

Wirst du jemals einen Song wie »Heal The World« aufnehmen, in dem du dazu aufrufst, endlich nett zueinander zu sein?
Nein, ich habe nicht die Hoffnung, dass Menschen plötzlich netter miteinander umgehen, nur weil ich das in einem Song sage. Ich glaube, es bringt mehr, wenn ich einfach davon rappe, wie ich die Welt sehe. Natürlich denke ich, dass wir viele Probleme auf der Welt lösen könnten, wenn wir besser zusammenarbeiten. Ich glaube, wir könnten die Millionen an hungernden Menschen ernähren, wenn wir uns nur Mühe geben würden. Es gibt Möglichkeiten, nur hört das niemand gerne – auch nicht in meinem Freundeskreis.

Als wir vorhin im Studio waren, ­sprachen wir auch darüber, dass du dich schnell runterziehen lässt, wenn du über die großen Probleme der Welt ­nachdenkst – zum Beispiel über die ungerechte ­Verteilung von Reichtum. Bist du ­überdurchschnittlich empathisch?
Ich bin so empathisch, dass ich mein Album eine Zeit lang »Empathie« nennen wollte. (lacht) Nee, ich bin tatsächlich jemand, der ­Nachrichten schaut und dann nicht ­vergessen kann, was er da gesehen hat. Ich fange dann sofort an, darüber nachzudenken. Ich werde davon auch definitiv depressiv, weil ich merke, wie gut es mir eigentlich geht und dass ich trotzdem andauernd am Meckern bin. Gleichzeitig finde ich, dass ich gegen diese Ungerechtigkeiten nichts unternehmen kann, was bei mir ein Gefühl der Ohnmacht auslöst. Letzten Endes war das auch der wesentliche Grund dafür, dass ich die erste Version des Albums in die Tonne geschmissen habe: Ich kann einfach keine Musik mehr machen, die so tut, als wäre die Welt in Ordnung. Diesen Satz musst du bitte unbedingt abdrucken. ◘

Fotos: Sascha Haubold

Dieses Interview erschien in JUICE #167 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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