»Es muss herausstechen und eine visuelle Neuheit bieten« – Maeckes über Plattencover // Interview

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Das 21. Jahrhundert – Fortschritt, Wohlstand, Eierkuchen. Nur wenige Kernfragen bleiben bis dato ungeklärt: Wozu das alles? Was passiert nach dem Tod? Und überhaupt: what’s goes? Passable Antworten auf so viel Tiefsinnigkeit vermögen wir kaum zu liefern. Obwohl: wir hätten da ein Ass, äh, ein O im Ärmel. Denn am 20. März veröffentlichen Die Orsons ihr alleserklärendes viertes Studioalbum. Vor allem letztere Frage wird über 17 formidable Musikstücke hinweg eruiert. Zur Überbrückung der Wartezeit sprechen wir ab sofort immer donnerstags mit einem der vier Kopfkino-Schwaben. Über kleinere, jedoch nicht minder wichtige Themen. Heute: Maeckes über Plattencover.
 
Die Orsons: das bedeutet nicht nur ein Feuerwerk für den Hörsinn, sondern auch die ständige Gefahr der Reizüberflutung auf visueller Ebene. Die Fäden hält dabei vor allem Maeckes in der Hand. Auch für das erste Video zum neuen Album, einen schier endlosen Loop des Titeltracks »What’s Goes«, fungierte der Teilzeit-Singer-Songwriter wieder als Regisseur. JUICE traf M-A-E-C-K-E-S, um mit ihm die Tiefen der Plattencover-Archive zu durchforsten, die die HipHop-Industrie zu bieten hat.
 
Du hast beim Video zu »What’s Goes« Regie geführt. Kommen alle visuellen Ideen von dir?

Es kam viel von mir, aber ich habe alles mit den anderen besprochen. Wir haben immer wieder gemeinsam nach Ideen gesucht. Es gab auch kurz vor dem Dreh noch kleinste Änderungen, wenn z.B. eine Figur, die ich mir überlegt hatte, durch Jesus ersetzt werden sollte. Das passiert manchmal.
 

 
Welche Figur wolltest du denn anstelle von Jesus?
Zum einen hatte ich überlegt, noch mal Rummelsnuff mit einer Schweinsmaske zu nehmen. Der tauchte ja schon im Artwork unseres letzten Albums auf, um den Orsons-Geist zu verkörpern, der so stark und merkwürdig ist. Dann ist es aber doch Jesus geworden. Da diskutiert man kurz drüber, und wenn es Sinn macht, checkt man noch kurzfristig nen Jesus-Darsteller ab. Einen Tag vor dem Dreh.
 
Also Jesus ist auf Kaas‘ Mist gewachsen?
Jesus ist von Kaas, richtig. Er hat mich ein, zwei Tage vor dem Videodreh angerufen und mir ganz still und ruhig erklärt, dass er eine Vision hatte. Es war ihm sehr, sehr wichtig.
 
Die Orsons haben immer ein sehr ausgefallenes Artwork. Was macht für dich ein gutes Plattencover aus?
Es muss das Album treffend widerspiegeln, es muss herausstechen und eine visuelle Neuheit bieten. Außerdem sollte es auf den Künstler reagieren und auf die Zeit, in der die Platte erscheint. Ein tolles Plattencover ist zum Beispiel »Return To the 36 Chambers« von Ol‘ Dirty Bastard. Das zeigt seinen originalen Sozialversicherungsausweis. Das ist ein Classic, sowas gab’s davor nicht. Es hat auf ganz humorvolle Weise darauf angespielt, wo er herkommt. Und geil waren natürlich auch die ganzen No Limit- und Rap-A-Lot-Cover.
 
Du sagst, Cover müssen den zeitlichen Kontext aufgreifen. Was hältst du zum Beispiel von »Things Fall Apart« von The Roots, auf dem ein Foto schreiender schwarzer Jugendlicher zu sehen ist, das zur Zeit des Civil Rights Movement aufgenommen wurde?
Das finde ich nicht so gut. Das will so krass viel von einem. Dieses Bild ist so ein großes Ausrufezeichen, dass es über die Kanten des Plattencovers hinausragt. Wie wollen sie mit ihrer Musik so viel ausdrücken, wie in diesem Bild steckt? Da hinkt die Musik dem Cover hinterher.
 
Wie sieht’s mit Schwesta Ewas Artwork zu »Kurwa« aus?
Das hat etwas von diesen No Limit-Covern. Das ist ganz clean gephotoshoppt: Knarre, Schlange, Ewa, die First Lady des Rap. Der angebissene Apfel, das Paradies. Ganz einfach, ganz direkt in die Fresse. Irgendwie find ich’s gut.
 
Was hältst du davon, wenn Cover stark an Vorbilder anderer Künstler angelehnt sind? Zum Beispiel Commons »Electric Circus«, das »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club« von The Beatles zitiert? Oder Eko Freshs »Eksodus«, das an Michael Jacksons »Dangerous« angelehnt ist?
Eine Hommage finde ich immer schwierig. In einem so großen Schatten ein Gewächs hochzuziehen ist nicht einfach. Es kann natürlich sein, dass dabei ein gutes neues Gewächs entsteht, aber die Bedingungen dafür sind sehr, sehr schlecht. (Kaas setzt sich dazu)
Kaas: Bei Common finde ich es schön gemacht, denn es ist nicht genau dasselbe wie bei den Beatles. Aber bei Eko ist es einfach übernommen, das ist schon bisschen wack.
Maeckes: Man darf schon samplen, aber es muss irgendwie aus dem Schatten des Vorbilds herauswachsen.
 
Was wäre denn ein gutes Deutschrap-Cover?
Maeckes: Ganz klar: »Battlekings« von Westberlin Maskulin. Diese Collage aus Kampfflugzeugen, die zusammen ein Monster ergeben. Vor gelbem Hintergrund. Classic.
Kaas: Mein Lieblings-Rap-Cover ist immer noch »ATLiens« von Outkast. Da hat das Cover perfekt zur Musik gepasst. Wenn man die Platte hörte, ist man in die dort abgebildete Welt eingetaucht.
Bartek: Dendemann »Die Pfütze des Eisbergs«, auch classic. Das war auch bisschen größer als normale Cover, wie ein kleines Sketchbook.
Tua: »Zwei« von Eins Zwo war auch gut. Das war so haptisch, da konnte man ausgestanzte Figuren herauslösen wie bei Spielzeug-Zubehör früher. Sowas habe ich nie wieder gesehen.
 
Foto: Nico Wöhrle
 
Mehr über die Orsons und »What’s Goes« gibt’s im aktuellen Heft (hier versandkostenfrei bestellen).
 
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