Kings Of HipHop: Little Brother // Feature

And another one. Zuckersüße Soul-Chops, kantige Drumloops und Storys übers Pleitesein, Körbe kriegen und Vatersein: Als Little Brother zu Beginn des Jahrtausends in eine durchkommerzialisierte Rapindus­trie stolpern, beginnt ein neues Zeitalter. Nicht nur re-etablieren die drei Studentenlandeier aus North Carolina quasi im Alleingang das Sample im HipHop-Beat, sie bringen einer ganzen Szene auch bei, dass man mit Fruity Loops Musik machen kann. Vor allem aber stehen Phonte, 9th Wonder und Rapper Big Pooh für eine Lektion, die die Weltkarrieren von Drake, Kendrick Lamar oder J. Cole erst ermöglicht hat: Sei immer ehrlich!

Es ist der Sommer 2005. Die Ying Yang Twins beschallen mit ihrer wummernden Contenance-Hymne »Wait (The Whisper Song)« jede Großraumdisse, ein One-Hit-Wonder namens D4L begründet mit dem betörend einfältigen Dreiklang »Laffy Taffy« den vorläufigen Zenit des Ringtone-Rap, und der Shady/Aftermath-Klüngel ist unangefochtener Weltherrscher. Es ist der vorläufige Höhepunkt des hypermaskulinen Brag-Rap, der die Präsidentschaft von George W. Bush charakterisiert. Wie lässt sich eine Band wie Little Brother, die sich vornehmlich auf die bodenständigen Rap-Schlüsselreize der gerade ausgeklungenen Neunzigerjahre bezog, in dieses Umfeld sinnvoll einordnen? Wie erklärt sich der Impact einer Rapcrew, deren Alben nie Topseller waren und die auch mit keinem Top-Ten-Hit im HipHop-Geschichtsbuch steht? Die Antwort ist so simpel wie kompliziert: Integrität.

Denn eigentlich basiert der Einfluss von Little Brother mehr auf ihrer Gesamt­erscheinung und ihrer Attitüde, nicht auf ihrer Diskografie. Dass dieses unscheinbare Trio noch dazu aus der eher verschlafenen Universitätsstadt Durham stammt – einer ehemaligen Tabakhochburg in der sogenannten Triangle Area von North ­Carolina –, macht diese wundersame Story allerdings erst so richtig absurd.

Phonte, Rapper Big Pooh und 9th Wonder lernen sich 1998 auf der afroamerikanisch geprägten North Carolina Central University kennen. Während Big Pooh, der bürgerlich Thomas Jones heißt, und Patrick »9th Wonder« Douthit sich für Geschichte eingeschrieben haben, studiert Phonte Coleman Englisch. Wie er später erzählt, kommen er und 9th über eine The-Source-Ausgabe, die 9th auf dem Campus bei sich trägt, ins Gespräch, woraufhin sie feststellen, dass sie Fans der gleichen Rapper sind. Big Pooh, der ein paar Wochen nach diesem Smalltalk zu den zwei Kommilitonen stößt, wird über gemeinsame Bekannte des kontaktfreudigen Phonte ins Boot geholt. Von da an hängen die drei zusammen ab, teilen Mensaessen, Modulpläne und Musikgeschmack. Dieser Umstand spielt eine wichtige Rolle in der Karriere von Little Brother, weil das Trio eben keine Zweckgemeinschaft darstellt, die sich durchs Musikmachen kennenlernt. Little Brother sind in erster Linie Freunde, eine – nomen est omen – Familienangelegenheit.

Damals hatte sich 9th, der im Nebenjob an der Rezeption eines Hotels rumlungert, bereits als DJ versucht und gerade sein Interesse für das Beatmaking am Computer seines Kumpels Leroy entdeckt. Dessen Studi­bude beherbergt ein kleines Home­studio. Die Ausstattung ist nicht üppig, aber ausreichend: ein Mikro, ein Mischpult, ein Computer – mehr braucht man im Zimmer der North Hall des Studentenwohnheims NC State nicht, das bald Anlaufstelle für spätere Justus-League-Rapper wie Chaundon, Joe Scudda, Egdar Allen Floe und eben Phonte und Big Pooh wird. Hier produziert man mit dem Audio-Editor Cool Edit Pro und einem noch wenig bekannten Software-Sequencer namens Fruity Loops. Was in den Ohren der Generation Garageband nach normaler Ausprobierphase klingt, stellt Ende der Neunziger gegenüber der heiligen Sampler-Dreifaltigkeit (SP1200, MPC 2000, ASR-10) durchaus eine kleine Revolution dar – auch wenn das damals noch keiner der Beteiligten ahnt. Man will halt Mucke machen, egal womit. Doch Durham hat ’98/’99 schlichtweg keine Veranstaltungsorte für HipHop, und schon gar nicht für Cats, die sich an klassischem Eastcoast-Rap orientieren – wir sind schließlich im Dirty South. Der Ausweg führt am Ende dorthin, wo sich alle verlorenen Seelen tummeln: ins Internet. Doch dazu später.

»In der XXL stand, dass Little Brother auch aus North Carolina stammen. Ich bin später immer zu den Beat Battles gefahren, die 9th veranstaltete. Es war unglaublich krass«
J. Cole

9th hat eh andere Sorgen. Anfang 2000 schmeißt er sein Studium, schlägt sich mit Handlangerjobs durch und strotzt als 25-jähriger Vater eines kleinen Sohnes auch für das restliche Jahr nicht gerade vor Verantwortungsbewusstsein – die typische Orientierungslosigkeit eines Studienabbrechers. Immerhin ist er musikalisch derart produktiv, dass bald jeden Freitag ein »Beat Raffle« im Studentenradio stattfindet. Das Konzept: Es werden drei Beats gespielt. Wer einen zum Berappen haben will, schmeißt seinen Namen mit einem Dollar in eine Lostrommel, und der Gewinner wird später von 9th recordet. Kein lukratives, aber ein motivierendes Geschäftsmodell – auch wenn der teilnehmende Haufen, der sich ab 2003 Justus League nennt, weitgehend unter sich bleibt.

Phonte schließt 2000 sein Studium ab und arbeitet Vollzeit bei einer Versicherung, das Rappen lässt er trotzdem nicht sein. Als Berufseinsteiger von den neuen Lebensumständen geplagt, schreibt der ­passionierte Freestyler auf 9ths Vorschlag hin einen Text über den Balanceakt zwischen 40-Stunden-Woche und dem Traum, Musiker zu werden. Mittlerweile trifft man sich nicht mehr im Wohnheim zum Recorden, sondern in der Zwei-Raum-Wohnung von Cesar Comanche unweit der Uni. Im Kreise der Uni-Clique entsteht Ende der Neunziger auch eine gemeinsame Demokassette von 9th Wonder und Phonte unter dem Namen G.I.M.M.E. Für den neuen Song ist noch ein weiterer Rap-Part vorgesehen, doch als Kumpel Median nicht aufzufinden ist, lässt man einfach Big Pooh ans Mikro, der zufällig in der Nähe ist – ein symptomatischer Zustand, denn im weiteren Verlauf von LBs Karriere kann Pooh stets nur aufschließen, nie anführen. Als Phonte, Pooh und 9th den neu entstandenen Track »Speed« hören, ist allen klar, was hier geschehen ist – nach 18-maligem Drücken der Repeat-Taste schlägt 9th vor: »Lasst uns eine Crew sein.«

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here