Kings Of HipHop: Little Brother // Feature

Als »The Minstrel Show« Ende 2005 erscheint, lautet die allgemeine Diagnose über diese wollsockigen Throwback-Beats aber: Nestbeschmutzer. Neben der legendären Begründung von BET, die Videosingle »Lovin’ It« nicht in die Rotation aufzunehmen, da das Lied »zu intelligent« für das Publikum des afroamerikanisch geprägten Senders sei, wird das Album und sein subtiler Humor beim Mainstream-Publikum missverstanden. Trotz wohlwollender Kritik und der spektakulären Anekdote, dass Joshua Ratcliffe seinen Posten als Source-Chefredakteur kündigt, als von Verlagsseite gefordert wird, das Album mit vier statt viereinhalb Mics zu bewerten, ist der Consciousrap-Ansatz für die meisten maximal verwirrend. Der Underground feiert, der Rest ist ratlos. Südstaatenveteran Bun B bringt die Stimmung damals auf den Punkt: »Ich liebe ihre Musik. Aber wen meinen sie genau mit ‚Minstrel Show‘? Ich trage auch Goldketten.« Schuss, Ofen, ihr wisst. Die geplanten Singles »Slow It Down« (bis heute einer der populärsten LB-Tracks) und »All For You« erscheinen schon nicht mehr, und am Ende bleibt »The Minstrel Show« mit 18.000 Verkaufseinheiten hinter den Erwartungen zurück. Ob der aus nachvollziehbaren Gründen verworfene ursprüngliche Albumtitel »Nigga Music« daran etwas geändert hätte, ist mehr als fraglich.

Der ausgebliebene Erfolg von »The Minstrel Show« liegt aber nicht an der über jeden Zweifel erhabenen Musik, sondern an LBs Herkunft: Die Anti-Mainstream-Haltung passt nicht so recht in das Big-Business-Umfeld von Atlantic, LBs Message-Rap wirkt neben Label-Kollegen wie Twista oder Bump J eher unzeitgemäß, und ihre Fanbase sitzt obendrein im Internet, das für die altbackene Promomaschine von Atlantic nicht greifbar ist. Damals gibt es nicht einmal die Idee einer Internetkampagne bei Labels, von North Carolina und Fruity Loops ganz zu schweigen. Waren LB doch zu intelligent für den Durchbruch? Immerhin räumt Atlantic-Mitarbeiter James Lopez heute ein: »Kämen Little Brother heute raus, wären sie deutlich erfolgreicher.«

Ausgeträumt. LB verlassen Atlantic, angeblich freiwillig. Aus den geschäftlichen Verstrickungen und der allmählichen Abnabelung voneinander entscheiden sich die drei Uni-Freunde wenig später im gemeinsamen Einvernehmen, dass 9th die Gruppe verlässt. Little Brother sind nur noch ein Duo. Die genauen Ursachen der Trennung werden bis heute nicht genannt, allerdings wird immer wieder von 9th und Pooh betont, dass das Debakel um »The Minstrel Show« kein Auslöser gewesen sei. Man habe die Freundschaft nur nicht aufs Spiel setzen wollen. Phonte hingegen sieht den Grund in einem JUICE-Interview Ende 2007 im ungelösten »Ticket in die Sorglosigkeit«, das sich vor allem 9th davon versprochen hätte. Die Antwort liegt schät­­zungsweise dazwischen. Vermutlich waren es, wie so oft in endenden Beziehungen, Missverständnisse, falsche Prioritäten und der simple Fakt, sich auseinandergelebt zu haben. Denn 9th produziert immer noch wie besessen und kann sein Standing als Retro-Großmeister der Neuzeit immer weiter ausbauen.

»Meine erste Musik, und im Grunde die Musik, die ich heute mache, wurzeln in dem, was 9th und Little Brother gemacht haben«
Drake

Neben gelegentlichen Mixtapes (hier sei das Mick-Boogie-Mixtape »… And Justus For All« ans Herz gelegt) kümmern sich Phonte und Pooh auch erst mal um Solo-Output. Ein Newcomer namens Drake featuret die beiden auf dem Mixtape »Comeback Season« mit der Begründung, seinen Einflüssen Tribut zollen zu wollen. Erst 2007 erscheint das dritte Album »Getback«, das Phonte kurz vor Release aus Frustration über das neue alte Label ABB Records aber selbst leakt – weil das enthaltene Lil-Wayne-Feature nicht rechtzeitig geklärt werden kann und sich die Veröffentlichung verschiebt. Nur ein einziger 9th-Beat schafft es auf die LP, die von damaligen Top-Produzenten wie Hi-Tek, Mr. Porter und Illmind produziert wird – von Letzterem sagte 9th Wonder einmal, er sei ein guter Ersatz für ihn gewesen. Auch Justus-League-Homie Khrysis, der seit »The Listening« alle Aufnahmen leitete, ist vermehrt an den Bords. »Getback« entpuppt sich als Befreiungsschlag: »Bei allen Alben mussten wir immer etwas beweisen. Dieses Mal ging es darum, zu zeigen, dass LB auch ohne 9th existieren kann«, sagte Pooh 2010. Phonte meint sogar, »Getback« sei sein Lieblingsalbum, da es sich von allen Erwartungen gelöst hätte. »Eine Rückkehr zur Freude an Musik«, drückt er zusammenfassend das aus, was viele denken: »Getback« ist unter Fans das Album, das »The Minstrel Show« hätte sein sollen.
9th Wonder releast im gleichen Jahr sein erstes Soloalbum »The Dream Merchant Vol.2« (der erste Teil war eine limitierte CD-Box-Beilage). Mit Gaststars wie Mos Def, Saigon und Royce Da 5’9 stößt die mittlerweile etwas durchgenudelte Faustformel aus Bassvolumen und Soul-Romantik auf okayes, aber nicht überbordendes Feedback. Ein A-Liga-Produzent ist 9th Wonder nicht mehr, sondern dieser Fruity-Loops-Backpacker, der seinen signifikanten, aber gleichförmigen Produktionsstil auf Kollabo-Releases mit David Banner, Talib Kweli, Buckshot, Murs, Mr. Cheeks und zuletzt Rapsody bis heute beibehalten wird. Das kann man hängengeblieben nennen. Oder integer.

So gleicht es eher einem formalen Akt, als 2010 mit »LeftBack« das letzte Little-Brother-Album erscheint. Der eigentlich als EP geplante Release besteht aus Überbleibseln der »Getback«-Sessions und ähnelt seinem Vorgänger in vielen Punkten (wieder sind unter anderem Khrysis und Mr. Porter involviert). Phonte und Pooh stellen es als Dankeschönplatte vor: »Ich und Phonte werden nicht aufhören, zusammen Musik zu machen, nur das Little-Brother-Kapitel hier wird abgeschlossen.« Für Aufsehen sorgt im Vorfeld eine Auseinandersetzung auf Twitter zwischen den drei ehemaligen Homies, denn 9th Wonder will nicht, dass einer der letzten Songs in Originalbesetzung von 2005 mit dem neuen Album veröffentlicht wird. Der Streit endet damit, dass Phonte »Star« kostenlos ins Internet stellt.

Little Brother sind damit Geschichte. Größere Schlammschlachten blieben aus, große Aussöhnungen allerdings auch. Heute konzentriert sich 9th Wonder auf seine Tätigkeit als Residenzkünstler und Dozent an der NCCU in Durham. Big Pooh veröffentlichte 2016 sein bislang letztes Album. Phonte fasst den Status quo in einer beispielhaft diplomatischen Antwort Anfang 2018 zusammen: »Wir sind cool miteinander. Aber eine Reunion interessiert mich persönlich gerade nicht.« Daran können auch 9th Wonders Produktionen für Kendrick Lamars Pulitzerpreisalbum »DAMN.« 2017 nichts ändern. Doch eines veranschaulicht »Duckworth«: dass zwanzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung der Spirit von Little Brother fortgetragen wird. Und das ist am Ende immer noch mehr wert als halbgare Comebacks. One day we gon’ still get down.

Text: Fionn Birr
Foto: John Rottet

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #187. Aktuelle und ältere Ausgaben könnt ihr versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.

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