»Obscuritas Eterna« – Horrocore in Deutschland // Feature

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Down-South-Connoisseur Frauenarzt bringt Basstard mit Ganksta N-I-P und der Three 6 Mafia in Berührung, die zufällig am anderen Ende der Welt an ganz ähnlicher Musik tüfteln wie Basstard Ende der Neunziger. Begeistert zitiert er N-I-P: »Don’t come talkin’ that pig shit/’ Cause if you do, prepare to get your motherfucking wig split/ Triple 6 was born with ten legs/ He only uses two ’cause the other eight is dead!« Solche Zeilen in Kombination mit den rohen, bassigen Beats nahmen erstmals entsprechenden Einfluss auf Basstards Schaffen. Die langsamere Gangart der Three 6 Mafia war anfangs zwar nicht sein Fall, nach etwas Eingewöhnung konnte er sich aber besonders mit Koopsta Knicca anfreunden, dessen verspielt melodischer Stimmeinsatz Basstards Stil noch heute hörbar prägt. Entsprechend klang sein Debüt »Rap Dämon«, das 2000 über Bassboxxx erschien und mit seinem rohen Memphis-Sound, dem Artwork im Stile eines Pen-&-Pixel-Covers und haufenweise blutrünstigen wie satanischen Zeilen genau in die entsprechende Kerbe schlägt. Auf »Im Feldzug des Bösen« rappt er: »Oh mein Gott, ich höre Stimmen in meinem Kopf, die mir raten, ich soll töten/ So ist es, wenn man regiert wird, von den übermenschlichen Nöten/ Meine Brüder sind die Kinder der Dunkelheit/ Wenn der Priester in der Kirche ›Amen‹ sagt, bin ich der, der in der letzten Reihe aufsteht und ›Satan!‹ schreit.« Der Horror-Charakter MC Basstard war geboren.

»Obscuritas Eterna« – ein Meilenstein

»Bei der Bassboxxx hatte jeder sein Genre. Bogy war der Gangster, Frauenarzt hatte dieses Miami-Bass-Ding, Mach One hat Realtalk erzählt. Ich habe mir dann halt das Horror-Image ausgesucht und mich sogar eine Zeitlang für Auftritte geschminkt, Masken getragen und einen großen Morgenstern um den Hals gehängt.« Der wahre Meilenstein für deutschsprachigen Horrorcore folgte aber zwei Jahre später: Das indizierte Album »Obscuritas Eterna« verfeinerte die grobschlächtigen Produktionen und lieferte 25 battlelastige Horrorcore-Songs, die noch heute hervorragend funktionieren. Technisch erklomm Basstard ein bis dato ungeahntes Level, aber auch inhaltlich überraschte »Obscuritas Eterna«: Tracks wie »Schwarze Witwe« waren markerschütternd erzählt und inbrünstig gerappt, aber auch der Grund für die baldige Indizierung des Klassikers. Für die Horrorcore-Szene ist dieses Album die satanische Bibel.

»Basstard hat definitiv Horrorcore-Klassiker geschaffen! Klar, ›Rap Dämon‹ war gut, aber wenn du ›Obscuritas Eterna‹ hörst – das war überkrass«, schwärmt Crystal F. »Das hatte in Deutschland so noch nie jemand gebracht. Ab da hat sich das immer weiter entwickelt.« Für KDM Shey stellte es sogar den Einstieg in deutschen Rap dar. Jayson, Sicc und Schlafwandler von den 4.9.0 Friedhof Chillern arbeite-ten bei ihrem Gastbeitrag für den Song »Kinder des Zorns« zum ersten Mal unter ihrem Crew-Namen zusammen. Als lyrisch revolutionären Meilenstein und eines der wichtigsten Alben der Deutschrap-Geschichte bezeichnet Jayson »Obscuritas Eterna« heute. Basstard und die Bass Crew prägten eine ganze Generation von Rappern. Selbst jemand wie Farid Bang ist bekennender Basstard-Fan, der noch immer ganze Parts auswendig kann. Basstards Zombiez-Kollegen G-Ko und MXP sind ebenfalls nachhaltig von Basstards sanguinischem Stil und, wie er selbst auch, von der markanten Delivery einiger Triple-Six-Mitglieder beeinflusst. »Das ist bei uns mega prägnant – selbst wenn es nur acht Bars sind, nehmen wir zig Spuren mit verschiedenen Tonlagen und Betonungen auf, und der arme Zombie Red [G-Ko; Anm. d. Verf.] muss das dann mixen und sortieren«, erzählen sie. »Wir wollen selbst in Doubletimes eine gewisse Melodik haben.«

Eine ganz andere Herangehensweise haben Blokkmonsta & Schwartz gewählt, die mittlerweile auf über 15 Jahre Musik voller Blutbäder zurückblicken können. Ihre verstellten Stimmen bieten wenig Spielraum für Melodien, stattdessen setzen die beiden auf eine Growling-ähnliche Vortragsweise, die fast schauspielerisch anmutet. »Ich fand meine Stimme damals zu schwach für die kranken Themen, über die ich rappe. Damals habe ich viel Killa Instinct gehört, und deren MC Bandog hat mit einer sehr kratzigen Stimme gerappt – das fand ich geil! Also habe ich auch angefangen, mit Growling und Shouting herumzuprobieren. Das hat mir gefallen und passte zu meinen Texten«, beschreibt Schwartz die Entstehung seiner Rap-Stimme.

Die-Hard-Fans only

Trotz der eher kaltschnäuzigen als emotionalen Herangehensweise sind gerade Fans von Horrorcore ein bemerkenswert treues Völkchen. Sei es die sogenannte Hirntot-Army, Kaisas KMK Club oder die Ruffamilia, wie sich die Anhänger von Crystal Fs Band Ruffiction -nennen – vollständige Plattensammlungen, weite Anreisen zu Konzerten und diverse Fan-Tattoos sind keine Seltenheit bei Fans deutscher Horrorcore-Acts. Verglichen mit Deutschraps A-Riege sind die Fanscharen zahlenmäßig zwar nicht besonders imposant, wer aber einmal erlebt hat, wie frenetisch die Fans bei einem Konzert zu einer Masse verschmelzen und jedem Kommando ihrer Idole folgen, bemerkt den Unterschied zu HipHops Mainstream sofort. Die Fans kaufen zuverlässig, Margen und Auflagen lassen sich vorab verhältnismäßig präzise berechnen. Die Anhänger sind mit Leib und Seele dabei – doch das bringt auch Verantwortung mit sich.

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