Prinz Pi – Searching For Porno [Titelstory]

Pirnz Porno
 
2005. Prinz Porno war dann mal weg. Gerade noch hatte der notorische Untergrund-Soldat aus dem Süden von Berlin-West mit »Zeit ist Geld« und »Teenage Mutant Horror Show« zwei – so nannte man das damals noch – Street-Alben sowie mit »­Geschriebene Geschichte« ein Best-Of rarer Momente aus sechs Jahren Porno vorgelegt. Dann hängte der Prinz die Air Max an den Nagel. An seiner statt trat Prinz Pi auf den Plan, um die Rolle des Hauptstadt-Storytellers einzunehmen. So vergingen die Jahre, Prinz Pi wurde unverhofft zu einer der größten und erfolgreichsten Galionsfiguren der HipHop-Szene, machte sich Feinde und erspielte sich 2014 schließlich einen Slot als Co-­Headliner auf dem splash! Festival. Vor Ort ebenfalls: Prinz Porno, der das Live-Set des Berliner Grafen mit »Keine Liebe«, »Würfel« und zwei neuen Songs beendet. Wenige Tage zuvor wurde uns über dunkle Kanäle ein exklusives Interview zugesagt, angeblich mit P-zu-dem-O. Nun sitzt uns ein Mann in T-Shirt und Nikes gegenüber. Er sieht Prinz Porno, den die Öffentlichkeit seit beinahe einer Dekade nicht zu Gesicht bekommen hat, verdammt ähnlich. Aber ist er es auch?
 

 
Warum sieht man dich auf dem Foto, das man uns für die Bebilderung dieses Interviews zugespielt hat, wieder auf der Bank am Berliner Schlachtensee, vor der auch deine ersten Fotos entstanden?
Was meinst du damit? Die ersten Prinz-Pi-Fotos entstanden damals in einem Fotostudio, ich hatte ein Piloten-Outfit an. Du meinst das Bild von Prinz Porno, das ihr unerlaubterweise von ihm geschossen habt, oder?
 
Ähm, ja.
Na ja, Prinz Porno hat früher fast direkt am Schlachtensee gewohnt. Der Kerl sieht mir unfassbar ähnlich. Aber Porno würde euch leider niemals ein Interview geben. Die JUICE ist für ihn ein Schmierblatt, sie hat Werbung im Heft und bespricht kommerzielle Platten.
 
Er spricht allein aus Kommerz-­Verweigerung nicht mit uns?
Ihm geht es ums Prinzip. Er hat auch keinen Bock darauf, auf dem splash!-Lineup zu stehen; er will nicht, dass die Typen seinen Namen dazu missbrauchen können, irgendwelche halbseidenen Wack-MCs anzupreisen.
 
Warum genau nochmal ist die JUICE für Prinz Porno ein Schmierblatt?
Ganz einfach: Für Prinz Porno sind alle kommerziellen Medien verdächtig. Jede Zeitung – und ganz besonders die Springer-Presse – wird von kleinen Interessengruppen gesteuert. Das kann Prinz Porno einfach nicht unterstützen.
 
Ist Porno nicht als Künstler selbst auch eine Art Medium, ein Meinungsmacher?
Ach, den hört doch kaum jemand. Im Nachhinein hat man zwar erzählt, Prinz Porno wäre ein krasses Phänomen gewesen, aber Platten verkauft hat der doch nie. Und bei seinen Konzerten war auch immer nur eine Handvoll Leute. Sehr viele Menschen, die behaupten, sie wären mal auf einem Prinz-Porno-Konzert gewesen, sind ganz eindeutig Lügner.
 

 
Zumindest für Berliner Rap-Hörer in meinem Alter, also Leute Mitte zwanzig, war Prinz Porno schon eine Ikone.
Dann warst du vermutlich einer von diesen Downloadern. Prinz Porno wurde ja damals nicht gekauft. Erfolg hatte er nie. Als er Musik gemacht hat, waren Aggro Berlin groß, die Leute wollten eher straight up harten Rap. Deswegen war es nur konsequent, dass er sich irgendwann sagte: Gut, dann bin ich eben so Untergrund, dass ich meine Musik ab jetzt für mich behalte.
 
Weißt du, wohin Prinz Porno ging, als er plötzlich verschwand?
Ich glaube, er war ziemlich viel unterwegs und hat der Musik zunächst den Rücken zugewandt, so wie viele Leute aus dieser Berliner Rap-Generation: Kobra, Taktlo$$ oder Justus Jonas – die veröffentlichen heute ja alle kaum noch Sachen. Vermutlich auch aus ähnlichen Gründen: Weil die Rap-Szene leider fast ausschließlich aus engstirnigen Idioten besteht.
 
Einem Gerücht nach hat Prinz Porno aber weiter Musik gemacht. Ist da was dran?
Natürlich sind damals unwahrscheinlich viele Sachen entstanden, die nie veröffentlicht wurden. Diese Aufnahmen galten lange als verschollen, sind aber irgendwann wieder aufgetaucht, als es im Prinz-Pi-Studio einen Wasserschaden gab. Auf den Festplatten, die wir damals mit viel Glück retten konnten, fanden sich unter anderem auch unbekannte Prinz-Porno-Songs.
 
Aber was ist mit diesem Stück namens »Chillig«, das nun auf der JUICE-CD ist?
Das ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie die JUICE sich Songs schnappt, um sie ­kommerziell zu verwerten und aus Prinz ­Porno Kapital zu schlagen. (grinst) Natürlich ist »Chillig« der bei weitem, ich sage mal, softeste Song aus den letzten Prinz-Porno-Sessions. Es ist ­immer dasselbe mit den Medien: Sie ­schlachten so ein Phänomen aus und freuen sich darüber, dass sie mit jemandem wie Prinz Porno Schindluder treiben können. So war das schon mit seiner ersten Veröffentlichung. Eigentlich gab es nur zwölf Exemplare, aber ­irgendein Spast stellte das ins Netz. Das ist doch für einen Künstler fürchterlich, wenn er etwas in sein Tagebuch schreibt, von dem er wünscht, dass das die Öffentlichkeit nie liest, und dann die halbe Welt davon erfährt.
 

 
Um mal nachzuhaken: Es wird also tatsächlich in naher Zukunft ein neues Prinz-Porno-Album geben?
Na ja, nicht wirklich. Wie das häufig so ist bei Künstlern wie Prinz Porno: Es besteht ­höchstens die ­Chance, dass irgendwie etwas nicht Autorisiertes seinen Weg in die ­Öffentlichkeit findet.
 
Was denkt Prinz Porno eigentlich über Prinz Pi?
Ich glaube, Prinz Porno findet, dass Prinz Pi die Sachen manchmal zu durchdacht angeht. Er hätte die Themen, von denen ich erzähle, eher ­improvisiert und frickelig erzählt. Prinz Porno hat im Gegensatz zu mir immer einfach das aufgeschrieben, was ihm einfiel und seine Texte nicht zigmal ­überdacht und überarbeitet.
 
Wenn Prinz Porno heute Anfang zwanzig wäre …
… dann würde er, glaube ich, solche Musik machen wie eRRdeKa. Dessen Song »Der perfekte Beat« ist in der Strophe schon ziemlich Prinz-Porno-mäßig. Er ist zwar zeitgenössischer instrumentiert, aber von der Attitüde kommt das einem modernen Prinz Porno sehr nahe.
 
Deswegen ist er nun der erste Künstler auf deinem Label »Keine Liebe«.
Genau. ERRdeKa macht, was er will, hat einen krass eigenen Style und Bock darauf, geil zu rappen. Er ist einer der talentiertesten und frischesten Künstler, die ich je gehört habe. Es ist toll zu sehen, dass er es geschafft hat, ein so krasses Debütalbum wie »Paradies« hinzulegen.
 

 
Olson wiederum ist nicht beim Label Keine Liebe, wird aber von dir und deinem Team gemanagt. Wie kamt ihr zusammen?
Als ich Olson kennenlernte, nannte er sich noch Olson Rough und war bei Freunde von Niemand. Irgendwann erzählte er mir von seiner musikalischen Vision. Ich merkte relativ schnell, dass das mit der Rough-Komponente in seinem Namen nicht mehr viel zu tun hat und fand das spannend. Das, was Olson heute macht, klingt zwar poppig, aber auch sehr fresh. Natürlich kann man als Rap-Fan die Leichtigkeit und den Pop-Appeal seiner Musik haten, aber keiner kann mir erzählen, dass Olson kein herausragend guter Rapper ist.
 
Olson kanalisiert in Songs wie »James Dean« ja dasselbe »Rebel Without A Cause«-Thema, das du auch bereits auf Albumlänge verarbeitet hast.
Ja, allerdings gibt es zwischen uns einen entscheidenden Unterschied: Prinz Pi macht Musik von Außenseitern für Außenseiter. Olson hingegen entspricht eher dem Typus »der ­Coole von der Schule«, dessen Style die ­anderen nicht checken. Damit spricht er vielen aus der Seele, die aus eher biederen Gegenden kommen und die Enge dort als störend em­pfinden, deswegen nach Berlin gehen und dort schließlich merken, dass sie die Sehnsucht noch weiter zieht als nur in die Großstadt. Olson bringt Themen, die jeder kennt, auf den Punkt, ohne in Stereotype abzurutschen.
 
Inwieweit bist du bei Olson und eRRdeKa in künstlerische Prozesse involviert?
Bei keinem von beiden bin ich ein klassischer, künstlerischer Ziehvater, der sich in die Musik einmischt. Aber ich habe ja sieben Jahre lang Kommunikationswissenschaften studiert, weswegen ich bei Olson und eRRdeKa natürlich in die visuellen Geschichten involviert bin. Ich bin außerdem mittlerweile sehr lange als Künstler aktiv. Ich weiß, wie diese Welt funktioniert, und habe selbst schon viele Fehler gemacht, die unsere Künstler ja nicht wiederholen müssen. Zudem steckt das gesamte Keine-Liebe-Team in alles, was es macht, unglaublich viel Herzblut. Wir alle verbringen den Großteil unserer Leben damit, sowohl ein Majorthema wie Olson als auch ein Indieding wie ­eRRdeKa so geil wie möglich auszuarbeiten. ◘
 
Foto: Sascha Haubold
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #161 (hier versandkostenfrei bestellen).
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