One Nation Under A Groove – die neuen deutschen Beat-Labels // Feature

Vor rund zehn Jahren erschien erstmals vor einer etwas breiteren Hörerschaft mit der »Hi-Hat Club«-Serie eine Zusammenfassung der deutschen Beat-Szene. Damals noch eher unbekannte Producer wie Dexter, Twit One oder Brenk Sinatra entwickelten einen organischen Sound auf dem Kölner Label Melting Pot Music zwischen der experimentellen Tradition von DJ Shadows »Endtroducing« und der Neigung zu abgehangenen Sample-Sounds eines Pete Rock; ein musikalisches wie performatives Selbstverständnis, das nicht nur den Auftritt von Beatmakern bis heute prägt, sondern auch ein Fundament für eine Industrie geschaffen hat, die vor allem eines eint: die Suche nach dem perfekten Beat.

Ja, klar gab es Ko-Lutes »Hammerhawks« oder »Relaxation II« von Hawkeye und Lord Wax, die schon früh die Idee von instrumentalen HipHop-LPs ausloteten. Doch wenn heute Beat-Connaisseure und HipHop-Fans etwa »Leaders Of The Brew School«, das Debütalbum der deutsch-­österreichischen Producer-Supergroup Betty Ford Boys, im Londoner Rough-Trade-Store genauso finden wie im Saturn Mönckebergstraße, hat das zwei Gründe: Zum einen hat das Beatmaking als solches eine Demokratisierung durchlaufen. War es bis Mitte der Neunziger im Grunde einem kleinen Teil von Bedroom-Producern vorbehalten, mit teuren, schweren Maschinen und kilometerlangen Betriebsanleitungen Instrumentals zu programmieren (oftmals gar hinter verschlossenen Studiotüren), steht heute jedem, der einen Computer besitzt und »Fruity Loops Demo« googeln kann, die Möglichkeit offen, einen Beat zu machen. US-Superstar-Produzenten wie Clams Casino, Boi-1da und Metro Boomin haben vor ihrem Durchbruch oftmals nicht einmal Keyboards oder Hardware-Synthesizer besessen – ein Laptop und die Fundgrube called Internet waren ihre Musikschule. Zum anderen hat genau diese technische Unmittelbarkeit das Interesse an instrumentaler HipHop-Musik zu ihrem internationalen Wachstum verholfen, denn ein vereinfachter Zugang lässt auch mehr Menschen daran teilhaben. Seit Jahren schon bewegt sich die Aufmerksamkeit für HipHop-Instrumentals, die auch als solche produziert wurden, zunehmend auf Augenhöhe mit klassischen Rapsongs. Ganze Festivals werden nur mit Auftritten von Beatmakern organisiert. Der Beat ohne Rap ist salonfähig geworden.

Die Erben von Melting Pot Music

Ein entscheidender Punkt für diesen Demokratisierungsprozess und für die Beat-Szene im deutschsprachigen Raum war die »Hi Hat Club«-Serie des Kölner Indie-Labels Melting Pot Music. In der Tradition von englischen Leftfield-Labels mit HipHop-Kern, aber den Ohren am Genre-Rand wie Big Dada oder Ninja Tune, dokumentierte Oliver »Olski« von Felbert auf dem 2002 gegründeten MPM-Imprint als einer der ersten Deutschen schon ab 2007 die aufkeimende Produzentenbewegung in unseren Landen. Doch erst mit der ab 2009 erschienenen siebenteiligen Vinylserie »Hi Hat-Club« wurde auch einem größeren Publikum bewusstgemacht: Ein Beat braucht keinen Rapper, um Hörer zu finden.

Mittlerweile ist ein ganzer Industriezweig aus diesem Konzept erwachsen. Unabhängige Klein-Labels wie Dezi Belle Records und Krekpek aus Berlin, aber auch die Heidelberger von Radio Juicy und die Mainzer Leftfield-Instanz Sichtexot veröffentlichen seit Jahren HipHop-Instrumental-Alben, überwiegend digital oder in Form einer limitierten Vinyl-Auflage. Anfangs entstanden diese Labels aufgrund der simplen Idee, den talentierten HipHop-Künstlern im direkten Umfeld ihrer Gründer eine Plattform zu bieten, ihre Musik einem größeren Publikum vorzustellen. Doch schon nach den ersten Katalognummern erweiterten sich in allen Häusern Kontakte, Möglichkeiten und ­Horizonte, sodass nicht mehr ausschließlich sample-basiertes Lo-Fi-Bummtschack wie Wun Two releast wird, sondern auch Ein-Mann-Orchester wie der Kölner Sterio. Die Diversität in den Veröffentlichungen dieser Labels reicht von klassischen Sample-Loops der Dilla-Schule bis hin zu experimentellen Jazz-Glitch-Tunes – einzig ein Kriterium wird stets angeführt: Die Basis muss HipHop sein.

Sind die Philosophien auch noch so ähnlich, lassen sich innerhalb der Umsetzung dieser Imprints einige Unterschiede feststellen – sogar in puncto Wirtschaftlichkeit. Während etwa Radio Juicy ihre Vinyl-Releases in einer Kooperation mit Vertrieben wie hhv.de oder Vinyl Digital oft in großen Presswerken herstellen lässt, produzieren die Betreiber von Dezi Belle Records ihre Schallplatten in Kleinstauflagen selbst – mit eigener Vinyl-Schneidemaschine zu Hause.

No borders, just Beats

Es gibt keine Grenzen, und zwar nicht nur in Bezug auf HipHop-Deutschland. Denn wenn der Aachener Violinist-turned-Beatmaker FloFilz zu einem Boiler-Room-Set nach London eingeladen wird oder der Berliner Boombap-Bomber B-Side etwa mit seinem Instrumental »Badlands« über eine Millionen Spotify-Zuhörer generiert, wird beim digitalen wie Eintritt zahlenden Publikum nicht mehr ausschließlich Deutsch gesprochen. Radio-Juicy-Betreiber Janis Koch richtet seinen Künstlerstamm und -katalog laut eigener Aussage ohnehin eher international aus. Auch Dezi Belle verschicken ihre Eigenpressungen regelmäßig nach Japan oder Südamerika. So ist es vor allem aber dem veränderten Musikkonsum durch Streamingdienste und dem damit aufkommenden Phänomen der Playlists geschuldet, dass deutsche Produzenten und Labels mit Instrumental-Releases nicht mehr nur innerhalb der Grenzen ihrer Heimatländer stattfinden (müssen). Ein Beat kennt eben keine Sprachbarriere – die Genialität zwischen Kick und Snare ist international verständlich.

Eine Platzierung innerhalb dieser Listen entsteht allerdings nur teilweise zufällig – häufig werden bewusst Kontakte zu den Betreibern gesucht, um eine entsprechende Platzierung zu erzielen. Denn oftmals verfügen derartige Playlists über weitaus höhere Abonnentenzahlen als die jeweiligen Producer – ein Win-Win-Tauschgeschäft, das allerdings nicht neu ist: Früher wurden durch monatliche DJ-Mixtapes, die aktuelle Veröffentlichungen vorstellten, entsprechende Reichweiten in Kassettenform verkauft oder mittels Radio- wie Fernsehsendungen generiert. Heute haben sich diese in Richtung Spotify, Apple Music & Co. schlichtweg digitalisiert.

Selbst der Beat-Szene-Katalysator Melting Pot Music, der vor fast zehn Jahren dieser Bewegung einen wichtigen Impuls gab, hat kürzlich mit dem Projekt »KO-OP; A Beat Retreat« eine Community gegründet, die aufstrebende wie eingesessene Beatproduzenten in einer fortlaufenden Playlist auf den gängigen Streaming-Plattformen einer internationalen Instrumental-Gemeinde zugänglich macht. Man merke: Die Snare fällt nicht weit von der Kick.

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