Die Könige der Alpen: History Of Austro-Rap // Feature

Seit einiger Zeit setzen Österreicher Maßstäbe im HipHop: RAF Camora dominiert die Disco mit Dancehall, die Cloudrapper aus Salzburg und Wien rühren in der alten Suppe Deutschrap kräftig herum. Zusammen herrschen sie über das Internet – mit Schmäh und Selbstbewusstsein. Beides braucht man, da, wo sie herkommen. Denn Österreich ist alles andere als ein fruchtbarer Boden für Rap-Karrieren. Dass dort trotzdem eine so bunte Szene erblühen konnte, ist dem eisernen Willen einzelner Besessener zu verdanken. Ein Streifzug durch Wien und fast dreißig Jahre österreichische Rap-Geschichte von Falco bis Yung Hurn.

Der junge Mann in der kaiserlich-und-königlichen-Uniform gehört hier zum Stammpersonal. Nein, eigentlich ist er der Chef. Mit nasaler Stimme stottert er sich durch den alten Kindervers: »Ganz Wien ist heut auf Heroin!« Falco ist das, Gott hab ihn selig! Ohne den 1998 verstorbenen Dandy wüsste man in Österreich womöglich immer noch nicht, wie man »Pop« buchstabiert. Zu Lebzeiten haben sie ihn verschmäht. Heute singt er wieder – in einer Dauerschleife im Wien Museum.

Man hat ihm hier viel Platz gewidmet, nach seinem Song ist diese Ausstellung benannt: »Ganz Wien – eine Pop Tour«. Auf 300 Quadratmetern führt sie durch die popkulturelle Geschichte der Stadt. Von Helmut Qualtinger bis Wanda, quer durch alle Genres. Alle Genres? Nein. Man muss schon sehr genau hinschauen, um am unteren Ende einer Tafel einen Absatz über HipHop zu entdecken: »Der kommerzielle Erfolg der ersten Rap-Generation hielt sich in Grenzen. Die Ernte fahren heutige Künstlerinnen und Künstler wie Yasmo, Yung Hurn und Crack Ignaz ein.« Ende Legende. Mehr HipHop ist nicht im Wien Museum.

Komisch. Immerhin gibt es seit den frühen Neunzigern autochthone Rapmusik in Österreich. Man hört sie weit jenseits der Landesgrenzen: RAF Camora zählt mittlerweile zu den größten Stars im Game. Auch Chakuza und Nazar platzierten ihre Alben in den oberen Rängen der Charts. Produzent Brenk Sinatra, straight outta Kaisermühlen, beliefert sogar MC Eiht in Compton mit Beats. Und dann sind da noch die brillanten Dilettanten aus Salzburg und Wien, die mit NoFi-Produktio­nen und selbstgedrehten Videos ein Millionenpublikum auf Youtube erreichen. In Deutschland verbiegen sich Popjournalisten, um ihren Lesern diese Phänomene zu erklären. Meanwhile back in Austria: zirp zirp zirp. Solche Erfolge scheinen hier niemanden zu interessieren.

Daniel Shaked, Gründer des HipHop-Magazins The Message, hat eine Erklärung dafür: »Die Medien sind ein Spiegel der Gesellschaft, und die ist in Österreich erzkonservativ. Man hat ein Problem mit einer Jugendkultur, in der es keine festgeschriebenen Regeln gibt. Also wird auch nicht darüber berichtet.« Wie konnte sich aber in einem solchen Klima überhaupt so etwas wie eine Szene entwickeln? Durch Leidenschaft. Und eine gehörige Portion Sturheit.

Austrian Flavors

Katharina Weingartner bringt beides mit. Anders hätte das mit der Radiosendung bestimmt nie geklappt. Beim New Music Seminar 1987 in New York kam die Vorarlbergerin zum ersten Mal mit HipHop in Kontakt. Public Enemy traten dort auf. Um Weingartner war es sofort geschehen. Zurück in Wien überredete sie den Radiomoderator Werner Geier, ihr eine Viertelstunde in seiner Show zu schenken. Das war der Anfang von »Tribe Vibes«, Österreichs erster HipHop-Sendung.

»Es war sehr schwierig, diese Musik im Programm unterzubringen«, erinnert sich Weingartner. »Die Redaktion bestand ausschließlich aus Männern, die auf die Rolling Stones standen. Die hatten überhaupt kein Interesse an etwas Neuem.« Unterstützung bekam sie von einem 19-jährigen Wiener namens Stefan Biedermann alias DJ DSL. Weingartner hatte ihn beim New Music Seminar kennengelernt. Er steuerte die Musik zur Sendung bei: zehnminütige Instrumentals, zusammengeschnipselt aus dem heißesten Scheiß aus den Staaten. DSL stand übrigens für DJ Super Leiwand. Der Name war durchaus Programm.

Mit seiner Band The Moreaus, in der auch Peter Kruder, Rodney King und Sugar B werkten, zeichnete DSL für das erste HipHop-Album Österreichs verantwortlich: »Swound Vibes« war eine hypernervöse Collage aus funky Riffs und englischen Raps, beeinflusst von De La Soul und der Entdeckung des Mono-Samplers. Die Platte erschien 1990, auf dem Cover stand 1991. »Weil wir einen Schritt voraus waren«, wie Sugar B treffend feststellte.

Inzwischen hatte es Werner Geier erwischt. Auch er war HipHop mit Haut und Haaren verfallen. DJ Demon Flowers, nannte er sich jetzt. Im Club spielte er mit seinen Rap-Platten die Tanzflächen leer, auf Sendung erklärte er die gesellschaftlichen Hintergründe. Weingartner zog nach New York und lieferte von dort Interviews mit den maßgeblichen Künstlern der Zeit: Snoop Doggy Dogg, Dr. Dre, A Tribe Called Quest. »Wir wussten nicht einmal, ob uns irgendjemand zuhört«, sagt Weingartner. Aber dann gab es den Contest. Die »Tribe Vibes«-Hörer wurden aufgerufen, eigene Tracks an die Redaktion zu schicken. Das Feedback war überwältigend. Weingartner: »Es kamen Kassetten aus ganz Österreich. Kisten­weise. Von Kids, die irgendwo auf dem Land unsere Sendung hörten.«
Der »Dope Beats Freestyle Contest« wurde am 7. Dezember 1991 im Wiener Volksgarten ausgerichtet. Pete Rock und CL Smooth traten auf. Falco, Gott hab ihn selig, saß in der Jury. Er soll in guter Stimmung gewesen sein an diesem Abend. Nur eine Frage stellte er, eine ziemlich gute sogar: »Hey Leute, warum rappt’s ihr alle auf Englisch?«

Die Gewinner des Contests trafen sich ein Jahr später, um ihre Tracks aufzunehmen. Mit dabei: DJ Cutex, Functionist und Total Chaos, ebenso wie spätere Mitglieder von Schönheitsfehler und den Aphrodelics. Das Ergebnis war der Sampler »Austrian Flavors Volume 1« – der Urknall einer neuen Szene.

Werner Geier, der 2007 im Alter von nur 45 Jahren starb, fand wie so oft die richtigen Worte: »Over there, über dem Teich, da liegen die Wurzeln. Over here, hinter den Bergen, beginnen die ersten Pflänzlein auszutreiben.«

On The Rise

Die Lobby des Ibis Budget Hotel im dritten Bezirk ist ein seelenloser Ort mit dem Flair eines IKEA-Schauraums. Texta haben hier eingecheckt. Wer in Österreich von HipHop lebt, nächtigt halt nicht im Park Hyatt. Außerdem ist die Lage praktisch. Gleich gegenüber wird die Band später beim Geburtstagsfest der Umweltschutzorganisation Global2000 auftreten.
Auf giftgrünen Stühlen nehmen Flip, Laima und DJ Dan zum Interview Platz. Ein bisschen verwittert sehen sie aus. Männer, die auf die 50 zugehen eben. Seit bald 24 Jahren sind die Linzer zusammen – länger als jede andere noch aktive HipHop-Crew des Landes. Als sie von ihren Anfängen erzählen, werden sie wieder zu Jungs. »Wir kommen vom Hardcore«, sagt Flip. »Da gilt: Mach keine Kasperl-Moves! Sei du selbst! Die Schwierigkeit beim HipHop war, die Codes der amerikanischen Kultur zu befolgen und in unsere Lebensrealität einzupassen.«

Zusammen mit Total Chaos aus Tirol und Schönheitsfehler aus Wien, zählten Texta zu den ersten, denen dieser Spagat gelang. Wie man auf Deutsch rappt, hatten Advanced Chemistry aus Heidelberg vorgemacht. Die Österreicher mengten nun noch Schmäh bei. Ihre Texte waren oft konzeptionell, manchmal albern, aber immer ambitioniert. Auch der Flow verbesserte sich mit der Zeit. Aber die Majors sahen darin kein Potenzial. Also gründeten Schönheitsfehler ein eigenes Label: Duck Squad veröffentlichte die ersten Releases von Total Chaos und Texta. Ihr eigenes Debüt lieferten Schönheitsfehler mit dem Fahrrad an die Plattenläden aus. Und als ihnen das alles zu viel wurde, gründeten Texta Tonträger Records, das zur Anlaufstelle für Rapper aus dem ganzen Land avancierte. Jetzt erst recht!
Aber die Konzertveranstalter wehrten sich gegen Musik, die nicht »handgemacht« war. Also organisierten Texta eigene Jams, buchten HipHop-Acts aus aller Welt und förderten lokale Talente wie Def Ill oder Average. Die gottverlassene Industriestadt Linz mauserte sich zur HipHop-Hochburg. Jetzt erst recht!

Aber die Zeitungen wollten über all das nicht berichten. Also rief der 19-jährige Rap-Fan Daniel Shaked das handkopierte Fanzine The Message ins Leben. Mit einer Gruppe ehrenamtlicher Redakteure bildete er die nationale Szene minutiös ab. So ist eine Chronik des österreichischen HipHop entstanden, die heute im Internet fortgeschrieben wird. Jetzt erst recht!

Werner Geier lag richtig: Da gedieh etwas gegen alle Widrigkeiten. Die Waxolutionists stellten den Turntable ins Zentrum ihrer jazzig-verrauchten Produktionen. Die Aphrodelics um Rodney Hunter befanden sich »On The Rise« und in der Playlist von MTV. Schönheitsfehler schafften den Sprung zum deutschen Label Motor. Aber da war es schon zu spät. Ihre Platte »Sex, Drugs And Hip-Hop« knackte zwar die Austria-Top-40, aber in Deutschland kam sie leider nicht so gut an: Die JUICE nannte Schönheitsfehler damals die »EAV des HipHop«. Es war nicht als Kompliment zu verstehen.

Das Timing passte nicht. Bushido und die bösen Buben aus Berlin waren schon im Anmarsch. Sie verwandelten HipHop in eine Battle Arena. Mit bravem Studentenrap war, Verzeihung, kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Flip: »Damals wusste man: Jetzt ist nicht mehr Hamburg, jetzt ist Berlin. Für uns als Österreicher würde alles noch viel schwieriger werden.« Aber Schwierigkeiten war man mittlerweile gewohnt. Und wenn man nördlich des Weißwurstäquators sowieso immer nur als Ösi wahrgenommen wurde, dann konnte man auch gleich rappen, wie einem der Schnabel gewachsen war. Jetzt erst recht!