Common – Home Is Where The Hard Is [Interview]

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Fragt man heutzutage innerhalb der Szene nach bekannten Rappern aus Chicago, dürfte vielen wohl zuallererst der Name Kanye West in den Sinn kommen. Der hat als Geburtsort zwar Atlanta, Georgia, im Pass stehen, wuchs aber im Bezirk South Shore in Chicago auf, von wo aus er dann im Alter von 19 Jahren begann, die musikalische Weltherrschaft an sich zu reißen. Doch ein anderes Kind aus Chi-Town hat die Flagge für seine Heimatstadt im Verlauf seiner inzwischen 22 Jahre anhaltenden Musikkarriere immer schon höher gehalten als jeder andere sonst: Common. Zwar verbringt Lonnie Rashid Lynn, Jr., wie Common mit bürgerlichem Namen heißt, den Großteil seiner Zeit mittlerweile in Los Angeles, doch die enge Verbindung zu seiner Heimatstadt blieb stets bestehen. Insofern erscheint es nur folgerichtig, dass der 42-Jährige der Stadt Chicago mit seinem aktuellen Album nun ein musikalisches Denkmal setzt – wenn der Grund dafür auch ein eher trauriger ist, denn: »Nobody’s Smiling«.
 
Um es kurz zu machen: Die Stadt Chicago brennt. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen gerät die Stadt im Nordosten von Illinois in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder durch ständig neue Gewaltakte in die Schlagzeilen – Morde aufgrund anhaltender Bandenkriege und ausufernde Rivalitäten verfeindeter Gangs sind in Chicago an der Tagesordnung. Ein Umstand, der der Millionenmetropole seit einiger Zeit nicht nur den Beinamen Terror Town, sondern auch den wenig schmeichelhaften Spitznamen Chiraq eingebracht hat – weil die ­gewaltbedingte Zahl der Todesopfer die des Irakkrieges mittlerweile weit übersteigt. Zum anderen brennt Chicago jedoch auch im HipHop’schen Sinne, weil die Stadt in der letzten Zeit einige ­vielversprechende Rapper hervorgebracht hat, die in der Szene ordentlich Welle machen: MCs wie Chief Keef, Chance The Rapper und Vic Mensa, aber auch Leute wie Lil Herb und Dreezy. Letztere sind nun auch auf Commons neuem Album vertreten, wodurch der 42-­Jährige gekonnt eine Brücke schlägt zwischen der alten Rap-Garde Chicagos – zu der neben gestandenen Recken wie Common selbst auch Leute wie Twista, Rhymefest und Lupe Fiasco zählen – und den »jungen Wilden« wie Lucki Eck$, Lil Bibby, Tree – und eben auch Lil Herb und Dreezy.
 
Commons zehntes Studioalbum ist nun zwar nicht unbedingt das, was man ein ­Konzeptalbum nennen würde, doch die ­Auseinandersetzung mit der Gewalt, der ­Hoffnungslosigkeit und den düsteren ­Zukunftsaussichten seiner Heimatstadt ­Chicago nimmt einen zentralen Platz auf der Platte ein. Man nehme nur mal die ­stimmungsvolle Vorab-Single »Kingdom«, in der Common die ­Erzählperspektive eines Gangbangers einnimmt, dem es einzig und allein um das Überleben auf der Straße geht. »Ich habe von diesen vielen Morden in Chicago natürlich mitbekommen«, so ­Common, »und wollte einen Song schreiben, der einerseits den Opfern Tribut zollt, gleichzeitig aber deutlich macht, dass nur wir allein dafür sorgen ­können, dass ­dieses Morden aufhört.« Im Song selbst erwähnt Common sogar die ­exakte Anzahl der im Jahr 2013 verübten Morde: 421 (im ­Übrigen bereits eine ­Verbesserung zum Vorjahr, als es noch 516 waren) – eine Zahl, die Chicago zu einer der gefährlichsten Städte der USA macht (zum Vergleich: In New York wurden im Jahr 2013 »nur« 333 Morde ­verzeichnet). Auch einige Rapper mussten bereits ihr junges Leben lassen, darunter Lil JoJo, der 2012 bei einem Drive-By-Shooting ums Leben kam, oder Big Glo, Chief Keefs Cousin, der im April dieses Jahres erschossen wurde. Kein Wunder also, dass in Chicago gerade niemandem nach Lächeln zumute ist.
 

 
Doch in jedem Übel steckt auch etwas Gutes, und so darf man getrost konstatieren, dass Common die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten in seiner Heimatstadt Chicago dazu befähigt hat, sein bestes Album seit »Be« (2005) aus dem Ärmel zu schütteln. Ein wichtiger Faktor dafür dürfte zudem der Umstand sein, dass er es geschafft hat, sich mit seinem langjährigen Freund und Produzenten No I.D. eine kreative Comfort Zone aufzubauen, die offensichtlich beide zu ­Höchstleistungen angestachelt hat; ein Bereich, in dem sie die Energie ihrer ­gemeinsamen Anfangstage mit dem ­gewachsenen Erfahrungsschatz von heute verwoben haben und das Beste beider Welten miteinander verbinden; einen Rahmen, der einem als Rap-Fan – all der widrigen Umstände in Chicago und dem »Nobody’s Smiling«-Albumtitel zum Trotz – ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.
 
Über die Arbeit an deiner neuen Platte und den Label-Wechsel zu Def Jam hast du gesagt, das fühle sich für dich wie ein Neubeginn an. In Anbetracht der Tatsache, dass »Nobody’s Smiling« aber nun bereits dein zehntes Studioalbum ist: Was hat die Arbeit daran so besonders gemacht?
Ich habe mich im Vorfeld der Produktion ­wirklich inspiriert gefühlt, neue Musik zu ­machen. Und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, mit No I.D. abzuhängen, mich durch seine Beats zu hören und an meine Anfangstage als Rapper und meine damalige Liebe für HipHop zurückzuerinnern. Für viele junge Leute bin ich heute ja ein neuer Artist. Ich muss die von mir und meiner Musik erst einmal überzeugen, weil die meinen ganzen alten Kram gar nicht kennen. Einige wissen noch nicht einmal, dass ich Musik mache. Die kennen mich als Schauspieler – wenn überhaupt.
 
Es gibt tatsächlich Leute, an denen deine schon 22 Jahre andauernde Rap-Karriere vollkommen vorbeigegangen ist?
Klar. Und wenn ich denen das erzähle, fallen die aus allen Wolken. (lacht) Aber hey, die Welt ist groß. Du kannst nicht erwarten, dass jeder weiß, was du in deinem bisherigen Leben getrieben hast. Das wäre vermessen. Und es gibt ja auch weiß Gott wichtigere Dinge da draußen. Aber wie gesagt: Ich ­finde es cool, neue Leute zu erreichen – ­zumal ich ­durchaus vorhabe, noch viele Jahre lang Musik zu machen. Gerne würde ich meiner Diskografie noch zehn weitere Alben hinzufügen.
 
Diese Liebe für die Musik, die du gerade zu verspüren scheinst, ist im Verlauf deiner Karriere aber durchaus auch mal etwas abgeflaut, oder? Kürzlich hast du in einem Interview erzählt, dass dir bei ­deinem letzten Longplayer »The ­Dreamer/The Believer« von 2011 rückblickend ein wenig der Hunger gefehlt hätte.
Es gab tatsächlich schon Phasen, in denen ich darüber nachgedacht habe, nie wieder Musik zu machen. Aber wie gesagt: die ­Inspiration und der Hunger kamen bisher ­immer ­wieder zurück – und diesen ­Hunger hörst du »Nobody’s Smiling« auch in jeder Sekunde an. Du kannst das fühlen. Und ganz ehrlich: ­Warum sollte ich etwas ­beenden, das mir so am Herzen liegt und mich so gut fühlen lässt?
 
Dir war es mit dem aktuellen Album ein Anliegen, den Leuten, deiner Stadt und HipHop etwas zurückzugeben. Nun hat sich die Kultur im Laufe deiner ­Karriere stetig gewandelt. Welche Aspekte fehlen dir heute? Und über welche neuen ­Facetten freust du dich?
Ich vermisse das, was dir die meisten alten HipHopper wohl auf diese Frage antworten würden: den Spaß. Das war früher einfach das Wichtigste. Die Kreativität stand im Vordergrund. Wir wussten damals ja auch noch nicht viel über HipHop und haben alles aus unseren Köpfen und Herzen ungefiltert in die Musik fließen lassen. Ich habe mir letztens wieder ein altes Tape von mir angehört, und dabei ist mir bewusst geworden, dass es mir damals einzig und allein darum ging, die Leute von meinen Raps zu überzeugen; und dass sie mich vielleicht auf der Straße erkennen. Das war alles noch so unschuldig, und diese Unschuld vermisse ich heutzutage. Aber es gibt immer noch wahnsinnig gute HipHop-Musik da draußen und einige sehr talentierte Künstler. Und: Die Vielfalt ist zurück. Du hast auf der einen Seite Leute wie Drake und Chance The Rapper, auf der anderen aber auch Kids wie Lil Bibby und Lil Durk. HipHop hat vielfältig angefangen, ist zwischendrin ein bisschen eintönig geworden, aber nun ist die Vielfalt wieder zurück.
 
Wie eingangs erwähnt, ist »Nobody’s ­Smiling« bereits dein zehntes Studioalbum. Dein erstes war 1992 »Can I Borrow A Dollar?«. Wenn der Common von vor 22 Jahren – der damals noch Common Sense hieß – auf den Common von heute treffen würde: Meinst du, die beiden würden sich verstehen?
Auf jeden Fall. Im Herzen bin ich ja immer noch der 19-jährige Kerl aus Southside Chicago, derselbe Typ wie damals. Aber natürlich habe ich mich weiterentwickelt, viel mehr Aspekte des Lebens kennengelernt, bin gewachsen; wie ein Baum, dessen Äste sich immer weiter verzweigen. Und ich wachse weiter. Jeden Tag.
 

 
Wo du gerade Chicago erwähnst: Du warst immer stolz auf deine Heimatstadt und hast sie auch in deiner Musik stets repräsentiert. Zurzeit hört man aus ­Chicago häufig von Mord und Totschlag. Was ist der Grund für diese Gewalt?
Hoffnungslosigkeit. Viele Menschen sind der Meinung, keine Zukunft zu haben. Und wenn du dein eigenes Leben für wertlos hältst, dann kümmern dich auch die Leben anderer nicht. Den Leuten in Chicago fehlt es an Geld; und an Jobs, um Geld zu verdienen. Zudem ­wachsen viele Kinder ohne Eltern auf, sodass sie keine Vorbilder haben. Stattdessen schließen sie sich irgendwelchen Gangs an; und was dann passiert, kann man jeden Tag in der Zeitung lesen. Aber wir versuchen, dem entgegenzuwirken und die Gewalt zu stoppen.
 
Aber Musik allein wird da nicht helfen.
Ich glaube immer noch daran, dass Musik die Kraft hat, Dinge zu verändern. Wenn du als Jugendlicher mit der Musik Inhalte aufnimmst, verarbeitest du sie ganz anders, als wenn ein Erwachsener mit erhobenem Zeigefinger mahnend vor dir steht. Ich weiß ja selbst noch, wie Musik mich und mein Denken als junger Bursche beeinflusst hat. Musik und Kunst haben nach wie vor einen immensen Einfluss, und das bedeutet: Wir Künstler können mit dem, was wir tun, viel verändern. Dennoch belasse ich es nicht bei der Musik allein, sondern werde auch anderweitig aktiv. Ich habe zum Beispiel die Common Ground Foundation ins Leben gerufen, mit der wir in Zusammenarbeit mit der Stadt Chicago dafür sorgen, dass 20.000 Jugendliche einen Job bekommen. Und dieser direkte Aktivismus ist genauso wichtig wie das Schaffen eines entsprechenden Bewusstseins durch Musik.
 

 
Kommen wir noch mal auf ein ­anderes Thema zu sprechen: Einer der ­persönlichsten Songs der neuen ­Platte ist »Rewind That«, in dem du über deine Beziehung zu No I.D. und J Dilla sprichst. Jay Dees Tod liegt mittlerweile bereits acht Jahre zurück. Brauchtest du diese Zeit, um deine Gefühle für Dilla ­musikalisch verarbeiten zu können?
Ja, absolut. Um ehrlich zu sein: Ich habe mich jetzt noch nicht einmal dazu bereit gefühlt – obwohl ich oft darüber nachgedacht habe, seinen Tod mal in einem Song zu verarbeiten. Als ich dann mit No I.D. zusammengesessen und ein paar Songkonzepte für »Rewind That« mit ihm durchgesprochen habe, kam er auf die Idee, dass ich mich in dem Track mit Jay Dee auseinandersetze. Aber ich wusste nicht so recht – für mich ist das immer noch wahnsinnig schmerzhaft. Außerdem ist das eine sehr persönliche Sache, und es ist immer ein sehr schmaler Grat zwischen der Aufarbeitung einer so persönlichen Angelegenheit und dem Entschluss, die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen.
 
Hat dir der Song denn rückblickend bei der Schmerzbewältigung geholfen?
Ja, sehr. Ich bin jetzt in der Lage, ­darüber zu sprechen, was mir vorher nicht möglich war. Ich habe es zuvor noch nicht mal ertragen, mir Fotos von ihm anzusehen. Der Song war für mich eine Befreiung.
 
Und wie war No I.D.s Reaktion, als er die Strophe über eure Beziehung gehört hat?
Ich glaube, es hat ihn gerührt. Aber er ist nicht der expressive Typ, der dann zu dir kommt und dich umarmt. Er zeigt dir seine Liebe auf andere Weise: indem er sich in so eine Albumproduktion voll reinkniet, stets sein Bestes gibt und immer für dich da ist.
 
In einem Interview hast du über eure Zusammenarbeit gesagt, er würde dich daran erinnern, wo du herkommst. Wie genau ist das zu verstehen?
Wir sind zusammen aufgewachsen und ­kennen uns seit der vierten Klasse. Und manchmal, wenn ich mit ihm im Studio bin, sagt mir No I.D., ich solle gefälligst nicht rappen, als ob ich im Weißen Haus gewesen wäre. Dazu muss man wissen: Ich war da ja mal und bin dort aufgetreten. Aber, um zu deiner Frage zurückzukommen: HipHop ist nun mal eine der ehrlichsten Kunstformen, die es gibt. Du kannst im Rap nicht verleugnen, wer du bist und wo du herkommst.
 

 
Auf deiner Facebook-Seite hast du vor einigen Wochen gepostet, dass du mit deiner 16-jährigen Tochter Omoye unterwegs gewesen bist und ihr dabei Mobb Deep gehört habt. Ist sie Rap-Fan?
Absolut – auch wenn sie über andere ­Künstler zu HipHop gefunden hat als ich damals. Sie steht vor allem auf Kendrick und Drake. Vor ein paar Tagen kam sie zu mir und meinte: »Daddy, du hast früher echt ein paar gute Songs gemacht!« (lacht) Offensichtlich hatte sie sich gerade ein paar Perlen aus meinem Backkatalog herausgegriffen.
 
Wie findet sie »Nobody’s Smiling«?
Sie fühlt das neue Album. Am ­besten gefällt ihr, dass ich auch Leute wie ­Jhené Aiko auf der Platte habe. Und das Schöne ist: Meine Tochter ist wahnsinnig ehrlich. Letztens habe ich ihr mal die grobe Skizze eines Songs ­vorgespielt, und sie ­meinte zu mir: ­»Daddy, das kannst du besser!« Ich habe mich daraufhin echt noch mal hingesetzt und die Lyrics überarbeiten, denn: Sie hatte ­vollkommen Recht! (lacht) ◘
 
Foto: Presse
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #161 (hier versandkostenfrei bestellen).
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