J Dilla

J Dilla
 
Einer der vielen Gründe, wieso man J Dilla zu den besten seines Fachs zählen muss, ist seine immense Vielfältigkeit. Seine rohen Beats gaben Detroit einen eigenen Sound, ebenso ist er Miterfinder des Neo-Soul. Er zerschnippelte Samples bis zur Unkenntlichkeit, loopte sich durch seine Plattensammlung, spielte ­diverse Instrumente ein oder experimentierte auch mit elektronischen Einflüssen. Nicht zu vergessen natürlich die vielbeschworenen Drums, die heute noch als Blaupause für eine ganze Generation von Beat-Nerds gelten. Um so schwerer ist es zu erahnen, wie sich seine Beats sieben Jahre nach seinem Tod an­hören könnten. JUICE-Autor Fabian Merlo hat bei einigen der engsten Weggefährten von Dilla nachgefragt.
 
J Dilla verstarb drei Tage nach seinem 32. Geburtstag, vor ihm hätten also im Idealfall noch einige Jahrzehnte gelegen, in denen er HipHop, Soul oder sogar Pop maßgeblich hätte prägen können. Von den Bedroom-Producern dieser Welt wird Dilla zwar als Underground-Ikone verehrt, dabei wird aber gerne vergessen, dass er auch immer wieder für Künstler produzierte, die im Mainstream relevant waren. Ein Paradebeispiel ist die Zusammenarbeit mit Janet Jackson oder auch sein enges Verhältnis zu Busta Rhymes. Aber auch Künstler wie A Tribe Called Quest, Pharcyde und De La Soul hatten zu der Zeit, als Dilla sie mit Beats belieferte, eine Relevanz, die weit über eingeweihte Rap-Kreise hinausging, von Erykah Badu oder D’Angelo ganz zu schweigen. Dass außerdem jener Herr, der Rap-Musik in der breiten Öffentlichkeit verkörpert wie kaum ein anderer, einst bei Dilla anklopfte, erzählte mir A.G. von D.I.T.C. in einem Interview: »Just Blaze hat Dilla angefragt, ob er sechs Beats für Jay-Zs Album produzieren wolle. Er hat dieses Angebot abgelehnt, um den Song für mein Album ‘Get Dirty Radio’ fertig zu machen.« Sechs Beats auf einem Jay-Z-Album hätten die Türen zur Popwelt für Dilla sicherlich ein großes Stück aufgestoßen. Man denke nur daran, was Kanye West und Just Blaze mit ihren Produktionen auf »Blueprint« auslösten. Gleichzeitig zeigt diese Anekdote, dass Dilla nie bereit war, dem kommerziellen Erfolg alles unterzuordnen. Sein Slum-Village-Kollege T3 glaubt, auch der Standort Detroit habe Einfluss gehabt: »Sind wir doch mal ehrlich, wäre Dilla aus New York, hätte er längst mit Künstlern wie Beyoncé gearbeitet. Im ­Musikgeschäft sind die wichtigen Plätze häufig besetzt und die großen Labels sitzen in New York, Los Angeles oder im Süden. Heutzutage hat Dilla jeden Tag mehr Fans, auch genau aus dem Grund, weil er unterschätzt wurde. Er bekommt heute die Liebe, die er verdient.«
 

 
Diese Fan-Liebe basiert weniger auf gro­ßen Hits als auf einer Diskografie, die zu gleichen Teilen von Qualität wie Quantität geprägt ist. Darauf weist auch Slimkid3 hin, der als Mitglied von Pharcyde einige seiner größten Hits von Dilla gebastelt bekam: »Mein Schwiegervater kaufte mir damals das ‘Donuts’-Album. Es ist kaum zu fassen, wie hart Dilla noch arbeitete, als er bereits schwer krank war. Er hatte so viele Beats und ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie er heute klingen würde. Er hätte seine Kunst bestimmt weiter verfeinert und es wären Tausende neuer Beats vorhanden. Das Spezielle war seine Herangehensweise. Seine Produktionen waren immer wie maßgeschneidert.« Auf diesen stets vorhandenen Willen, sich kontinuierlich zu verbessern, verweist auch Common, der nicht nur herausragende Musik mit Dilla einspielte, sondern mit ihm auch bis kurz vor seinem Tod die Wohnung teilte: »Es ist unglaublich schwer zu sagen, wie er heute klingen würde. Er könnte überallhin gehen mit seiner Musik. Das hat er bereits bewiesen, indem er für Busta Rhymes, De La Soul, The Roots, D’Angelo, Slum Village oder mich produzierte. Seine Einflüsse reichten von Funk, Soul bis zu Jazz. Er war einfach einer der talentiertesten Menschen, die ich jemals getroffen habe. Ich kann nicht sagen, in welche Richtung er sich entwickelt hätte, aber ich bin sicher, dass die Musik, die er heute machen würde, neu und frisch wäre.«
 
Dilla gehört zu den wenigen, die selbst Skeptiker überzeugen konnten, dass Sampling eine Kunst und nicht bloßes Wiederverwerten alter Hits ist. Alte Platten waren für Dilla nicht nur Sample-Quellen, er hat die Musik studiert und verinnerlicht. Dieser respektvolle Umgang führte dazu, dass er sich nicht nur bei anderen Genres bediente, sondern diese sogar voranbringen konnte. Als Teil des Kollektivs Soulquarians definierte er den Sound, den die Journalisten später Neo-Soul nennen sollten und hauchte damit der Soulmusik neue Impulse ein. Laut dem Jazzpianisten und glühenden HipHop-, Soul- und Dilla-Fan Robert Glasper gelang ihm dies auch im Jazz: »Dilla hat mehr dafür getan, dass Jazz in den Mainstream kommt als viele, die heute Jazz spielen. Sie spielen immer die gleichen Songs, sie schreiben keine neuen Lieder und verändern die bestehenden auch nicht. Dadurch kann nie eine Verbindung entstehen zu den Leuten, die keinen Jazz hören. Das ist, als wollte ich meine Großmutter dazu bringen, sich Lil Wayne anzuhören. Das ist ein Generationskonflikt! Bei Dilla begann es schon mit den Sachen, die er für A Tribe Called Quest produzierte oder als er Ahmad Jamal für ‘Stakes Is High’ von De La Soul verwendete. Die HipHop-Heads kennen diese Tracks nun durch ihn. Somit hat er mehr für die Überwindung des Generationskonflikts getan als die meisten lebenden Jazzmusiker.«
 

 
Da Dilla stets auf Fortschritt bedacht war, ist es nicht auszuschließen, dass er sich von der klassischen Technik des Samplings ein Stück weit entfernt und neuen Produktionsmethoden zugewendet hätte, was automatisch Einfluss auf seine Beats gehabt hätte. Eines der heutigen Aushängeschilder der Motor City, Apollo Brown, könnte sich gut vorstellen, dass Dilla mit ganz neuen Klängen experimentiert hätte: »Er hat nicht nur HipHop produziert, sondern alle möglichen Stilrichtungen. Ich denke, das wäre auch heute noch so. Vielleicht würde er sich sogar an Dubstep versuchen, wer weiß. Gute Musik überwindet alle Grenzen und ich bin sicher, er hätte mit ganz vielen verschiedenen Genres experimentiert.« An eine konstante Weiterentwicklung glaubt auch Pete Rock. Dieser zählt zu Dillas erklärten Lieblingsproduzenten, doch gleichzeitig inspirierte er mit seiner Arbeit auch sein Vorbild: »Er hat einen gewissen Spirit in mir wiedererweckt. Es gab eine Zeit, wo ich keine Lust mehr hatte, Musik zu produzieren. Dilla weckte in mir wieder das Gefühl, das ich meinen Anfangstagen hatte.« Pete Rock, der das posthume Album »Jay Stay Paid« zusammenstellte, glaubt, der Sound von Dilla hätte einen neuen Charakter bekommen: »Seine Beats wären futuristisch und es gäbe ganz viele, die versuchen würden, wie er zu klingen. Vielleicht hätte er auch begonnen, mit einer Live-Band zu arbeiten und dann hätte er mit Sicherheit eine der dopesten Bands zusammengestellt, die man sich vorstellen kann.«
 
Den futuristischen Aspekt von Dillas Musik hebt auch Frank Nitt hervor: »Seine Produktionen wären der Zeit zehn Jahre voraus. Ich hatte die Möglichkeit, ihm bei der Arbeit zuzusehen und ich weiß, dass es immer sein Ziel war, der Zeit voraus zu sein. Wenn du dir damals einen Beat von einer seiner Beat-CDs gekauft hast, waren die Produktionen, die er gerade im Studio machte, schon wieder zwei, drei Schritte weiter. Er hat nie das gemacht, was die Leute gerade von ihm erwartet haben. Er wäre heute schon im Jahr 2037 angekommen.« Illa J pflichtet ihm bei und beruft sich dabei auf ihr kommendes Yancey-Boys-Album, welches ausschließlich auf unveröffentlichten Beats seines Bruders basiert: »Die Beats auf ‘Sunset Blvd.’ sind zehn oder manchmal fast zwanzig Jahre alt und trotzdem immer noch relevant. Nicht nur das, einige davon sind sogar heute noch ihrer Zeit voraus.«
 
Einen anderen Ansatz verfolgt T3. Dilla habe sich jeweils für eine bestimmte Zeit auf ein Soundbild festgelegt und sei dann später darauf zurückgekommen, um es zu verfeinern: »Dilla hatte gewisse Phasen, von denen nur wenige Leute wissen. Er produzierte für gewisse Zeit einen bestimmten Sound, dann gar nichts mehr in diese Richtung, und später kam er darauf zurück und gab einfach einen neuen Twist dazu. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sein Sound wäre heute bouncy, aber noch immer HipHop.« Eine andere Ansicht vertritt Young RJ, der als Producer und Gelegenheitsrapper heute quasi die Position von Dilla bei Slum Village einnimmt. Er glaubt, Jay Dee würde an seine Hochphase anschließen und damit den Geschmack der Fans bedienen: »Er würde den klassischen Sound bringen, welchen sich die Leute von ihm wünschen. Damit meine ich die Ära zwischen 1998 und 2002. Ich denke, er würde dahin zurückkehren, so wie er auf ‘Donuts’ wieder begann, ganze Loops zu verwenden.«
 

 
Von den vielen Interviews, die ich mit Dilla-Weggefährten führte, war dasjenige mit Dank das emotionalste. Das Gespräch fand in der Roten Fabrik in Zürich statt, einer der Stopps auf Dillas letzter Tour Ende 2005, wenige Monate vor seinem Tod. Mit Tränen in den Augen erinnert sich die eine Hälfte von Frank-N-Dank an die Shows, bei denen Dilla jeweils im Rollstuhl auf die Bühne kam: »Es war sein Abschied, das Letzte, was er für sich selbst noch machen wollte. Er wollte die Energie der Leute noch mal fühlen, die ganz hinter seiner Musik stehen. Es ist ein sehr emotionaler Moment und ich muss unweigerlich an meinen Freund denken, der nun nicht mehr hier mit uns sein kann. Am liebsten würde ich Dilla rufen und ihm sagen, er sei als nächstes dran für das Interview, aber das kann ich nicht mehr. Das hier ist einer der letzten Orte, an denen wir spielten. Seither bin ich nicht mehr zurückgekommen. Das war die größte Tour meines Lebens. Nicht wegen des Geldes oder der Fans, sondern weil ich ein letztes Mal mit meinem Nigga auf Tour sein konnte. Es ist eine Ehre, dass er mich ausgewählt hat, ihn zu begleiten. Er wusste, dass dies seine letzte Tour sein würde, nur sagte er das niemandem. An einem Abend kam ein Typ vorbei mit einem Sack voll Geld und wollte einen Beat von Dilla kaufen. Er hätte leichtes Geld verdienen können, aber er sagte, er sei nicht hier, um Beats zu machen, er wolle seine Niggas auf der Bühne rocken sehen. Das hat mich umgehauen. Nach dem Set trugen wir ihn jeweils in den Wagen und legten ihm den Gurt an. Er bedankte sich jedes einzelne Mal.«
 
Dank ist der Meinung, die Relevanz von Dilla sei heute ungebrochen: »Wenn Dilla noch am Leben wäre, würde das Game anders aussehen – er würde es dominieren. Ich kenne ihn seit 1984, als er noch keine Beat-Maschine hatte und seine Beats mit einem Tapedeck bastelte. Ich habe gesehen, wie er sich danach entwickelte. Hätte ich einen Wunsch frei, wäre das, ihn wieder bei uns zu haben und zu sehen, wie seine Beats heute klingen würden.« Ähnlich sieht dies auch Guilty Simpson, der es heute bereut, dass Dilla sein Debüt nicht komplett produzierte: »Meiner Meinung nach war er der Beste, bevor er verstarb, und ich denke, er wäre es auch heute noch. Ich will andere Produzenten nicht schlecht machen; damit meine ich einfach den Einfluss, den er auf mich hatte. Er liebte es, im Studio zu sein, und er versuchte stets, seine Kunst zu verbessern. Ich denke, er wäre auch heute noch unerreicht.«
 

 
Was uns bleibt, ist eine Dekade voller großartiger Musik sowie eine stetig wachsende Anzahl posthumer Veröffentlichungen, bei denen man nicht immer sicher ist, ob sie der Qualitätskontrolle von Dilla genügt hätten. Sein enger Freund Frank Nitt verwaltet den musikalischen Nachlass und verrät, dass noch einiges geplant ist: »Es werden definitiv noch einige Projekte kommen, aber natürlich haben wir nicht unendlich viel Material, also müssen wir sehr vorsichtig vorgehen. Wir überlegen sehr genau, was wir mit der vorhandenen Musik anstellen, dafür bürgen die Yancey Media Group und ich persönlich als Kurator seines Katalogs. Wir versuchen auch, neue Wege zu gehen, etwa seine Musik in Filmen unterzubringen. Wie dope wäre ein Film, dessen Musik ausschließlich von Dilla stammt? Es stehen viele Möglichkeiten offen und wir versuchen sorgfältig vorzugehen, was natürlich etwas Zeit braucht.«
 
Ob Sample-Beats, Ausflüge in elektronische Musikwelten oder Live-Musik, ob Tracks für Dilla-Jünger oder vielleicht sogar der Eintritt in die Popwelt: Dilla hätte unsere Lieblingsmusik ohne Zweifel weiterhin geprägt und zahlreiche Leben wenn auch nicht verändert, dann doch zumindest maßgeblich geprägt.
 
Text: Fabian Merlo
Foto: Presse
 
Dieser Text erschien in JUICE #155 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
 

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