Beatbox – Panorama auf die deutsche Beat-Szene // Kolumne

Seit mindestens fünf Jahren trägt die internationale HipHop-Szene einen Grabenkampf aus. Die klassische Konfrontation in dieser Fehde, gerne schwammig als »real gegen fake« umschrieben, setzt sich dabei meist aus ­moderne Ansätze gegen bewährte HipHop-Stilen zusammen. So wird gerne alles, was keinen direkt hörbaren Bezug zu traditionellen Sounds hat, als »modern« über einen Kamm geschoren – Synthies, Claps und generell elektroide Elemente schrieb man zu Beginn des Jahrtausends noch dem Jiggy Rap zu, heute spricht man gerne von Trap. HipHop-Spielarten, die sich wiederum eindeutig auf Sampling-Technik und New Yorker Beat-Programming berufen, summiert der Kenner gerne pauschal als Boombap. Die Frage ist allerdings: Boombap, was ist das überhaupt?

Allein der Opener »Can’t Take It No More« von Meister Lampes »Orb« bedient sich vordergründig aller Zutaten, die dem klassischen HipHop-Instrumental zugeschrieben werden könnten: organische Instrumentierungen aus Orgel und Bass, ein gepitchtes Vocal-Sample aus einem Soul-Song und Drum-Arrangements, die Pete Rock und Buckwild stolz machen würden. Bei detaillierter Betrachtungsweise kombiniert der Schweizer Beatmaker, der unter anderem schon Edgar Wasser, Johnny Rakete und Veedel Kaztro musikalisch versorgte, allerdings diese klassischen Produktionsmittel mit zeitgenössischer Dramaturgie: B-Teile im Arrangement, komplexe Drum-Strukturen und unorthodoxe Sample-Verfremdungen aus eher südlichen Crates Europas und Asiens geben den neun Anspielern einen Anstrich, der sich zwar klar zu seiner Neunzigerjahreherkunft bekennt, aktuelle Entwicklungen aus Trap und Elektro aber nicht ausklammert. Hier wird eine Freigeistigkeit zelebriert, die mit betonten Cartoon-Noises zwar manchmal ins Alberne abdriftet, aber vor allem etwas verkörpert, was Musik machen sollte: nämlich Spaß. Allerdings ist hier auch gleichsam belegt, dass Boombap nicht als soziokulturelle Konsequenz – also als Produkt seiner kulturellen Umgebung – funktioniert.

Eine vergleichbare Herangehensweise wählte auch Erick The Architekt. Der Flatbush-Zombies-Producer watet auf seinen »ARCSTRUMENTALS ­VOL. 2«­ durch vorwiegend jazzige Fusion-­Samplequellen, die er allerdings mit heruntergefahrenen Horrocore-Riddims der Memphis-Spielart der Neunziger untermauert – obwohl Arc selbst aus dem tiefsten Brooklyn stammt. Seine Zutatenliste ist dabei so gewitzt wie trügerisch, denn die »Arcsturmentals« bedienen sich fast auschließlich organischem Samplewerk und werden allenfalls mit behutsamen Sythie-Akzenten ihrem natürlichen Proberaum-Habitat entrissen. Der Hybrid-Hop von Elliot spaziert ganz bewusst auf dem psychedelischen Einschlag eines Clams Casino, dem moderigen Lo-Fi-Kit von Juicy J und der traditionsbewussten Referenzkultur eines Pete Rock. Entsprechend ist Boombap auch kein Begriff, der mit regionalen Voraussetzungen zu tun hat.

Cap Kendricks wird für seine Produktion auf Releases von Lakmann, Edgar Wasser und Johnny Rakete gerne ins besagte Klischeefeld aus Sample-Loops und Bummtschack gezogen. Mit »Keepsakes« emanzipiert sich sein selbsternannter Augustiner Funk allerdings in die Zwischenwelt aus digitalem und analogem Kompositionsterrain, wodurch auch auf den zwölf Beats seines dritten Vollzeit-Releases das lupenreine Boombap-Etikett leicht abblättert. Natürlich arrangieren sich seine abgehangenen Synthie-Synkopen im augenscheinlich gewohntem Viervierteltaktkorsett, schlagen allerdings auch regelmäßig Rhythmus- und Melodiestrukturen in den Spielraum der Zwischentöne – getriggerte Drum-Schnipsel, halbierte Noten, ausgeweitete Vocal-Samples. Die angebliche Gleichförmigkeit des Boombap-Sounds ist auch hier nicht auszumachen, vielmehr huldigt der Münchner der musikalischen Weitsicht eines FlyLos, der Melancholie eines James Blake und der besoffenen Haudrauf-Metrik seiner Label-Kumpanen Betty Ford Boys. Unter technischen Aspekten kann Kendricks Beatalbum den Boombap-Begriff zwar offenlegen, als eigenständige Kompositionstechnik kann er aber auch hier nicht bewiesen werden.

Als musikalisches Mastermind hinter der ikonischen Münchner Rap-Crew Square One prägte Iman Magnetic mit seiner satten NYC-Sozialisation das hiesige HipHop-Verständnis zumindest ab Ende der Neunziger zwar eher subtil, aber entschieden mit. Für seine Instrumental-LP »Back To Square One« hat der Münchner Oldschooler nun alte Skizzen und Leftovers aus der Produktionsphase des englischsprachigen Debütklassikers »Walk Of Life« erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, auf denen vor allem klar wird, dass fluffige Soul- und Funk-Flips nicht erst nach Dillas Tod internationale Nach­ahmer fand. Iman war damals, zumindest in Beat-Kreisen, für seine erstaunlich amerikanisch klingenden Produktionen respektiert – die deutlich erkennbare Pete-Rock- und DJ-Premier-Schulung summt hier im manchmal ­treffsicheren (»You Know The Style«), manchmal etwas zu rohköstlichem (»Tambourin Man«) Demo-Charme stets mit. Als Dokument seiner Epoche repräsentieren diese 22 Überbleibsel im Grunde genommen die Blaupause von dem, was damals keiner Boombap, sondern alle nur HipHop nannten. Allerdings stellt diese Erkenntnis auch klar, dass der Begriff Boombap selbst als Einteilungs­vokabel bei musikalische Dynastien zu undefiniert ist.

Wikipedia besagt übrigens, dass Boombap »sich oftmals durch eine harte Kick (Bassdrum), gefolgt von einer hohen Snare Drum« aus­zeichne. Man ziehe diese Elemente gerne aus allen anderen HipHop-Beats, um schlussendlich festzustellen, dass es eventuell klüger ist, wenn man ein gemeinsames Label für die Sparten findet. Ein Vorschlag: HipHop.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #186. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop nachbestellt werden.

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