Square One: »Unser Ziel war es immer, Musik zu machen, die langlebig ist, unabhängig von Zeit und Raum.« // Interview

Square One sw1 (Credits: Mika Vaeisaenen)

SQUARE ONE – CAN’T MESS

2001 steuerte die Deutschrap-Welle ihrem ersten Höhepunkt entgegen. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für Square One, ihr englischsprachiges Debütalbum »Walk Of Life« zu veröffentlichen. Die vier Münchener ließen sich davon zum Glück nicht entmutigen. Selten zuvor klangen die Beats einer europäischen HipHop-Produktion so verblüffend nach der East Coast, der Rap derart authentisch nach New York. 15 Jahre später ist »Walk Of Life« längst zu einem Klassiker gereift und erscheint nun als Jubiläumsedition. DJ Edward Sizzerhand, Produzent Iman Magnetic und Label-Inhaber René Goldenbeld über ihr hochgelobtes Album und warum die Gruppe daran zerbrochen ist.

Wie hat es mit Square One angefangen?
Iman: Ali und ich lernten uns circa 1990 in München kennen. Er war damals bereits Rapper einer Crew, die sich Raw Deal nannte, während ich mit einem sehr guten Freund als Dance-Duo unterwegs war. Früher hatte fast jede Rap-Crew Tänzer auf der Bühne, so wie Big Daddy Kane mit Scoop & Scrap. Ali fragte uns irgendwann, ob wir nicht Lust hätten, ihn bei seinen Auftritten zu unterstützen. Nach einigen Shows, unter anderem als Vorgruppe von Redhead Kingpin, wurde die Dance-Crew immer größer – daraus entstand das New-Jack-Swing Projekt Justaboo. Hier haben Ali und ich zum ersten Mal als Rapper und Produzent zusammengearbeitet. Einige Mitglieder von Justaboo gründeten 1993/94 dann eine Studiogemeinschaft. Neben Ali und mir waren auch die Jungs von Chosen Few dabei.

Aber Square One gab es da noch nicht.
Iman: Nein, jeder bastelte noch für sich herum. Ali produzierte sogar noch selbst und das gar nicht mal schlecht. Er wollte damals bereits ein komplettes Album aufnehmen, während ich einfach meine ersten Beats gebaut habe. Wir spielten uns gegenseitig Sachen vor, ihm gefielen ein paar meiner Instrumentals, woraufhin wir dann unseren ersten gemeinsamen Song aufnahmen, basierend auf einem Sample von Herb Geller & Mark Murphy. 1995 entschloss sich Ali, in die USA zu gehen, um dort am College seinen Abschluss zu machen. Vor seiner Abreise hatten wir wegen der Studioauflösung eine Meinungsverschiedenheit und der Kontakt brach erst mal ab. Als er ein Jahr später aus New York zurückkam, sprachen wir uns aus und er erzählte gleich von seinen Plänen: Er hatte drüben einige Leute kennengelernt, unter anderem Mister Cee, und war motivierter denn je, ein Album aufzunehmen – komplett fertig produziert, gemischt, gemastert mit Artwork und allem Drum und Dran. Damit im Gepäck wollte Ali zurück nach New York, um dort ein Label zu finden. Ich sollte dabei die komplette Produktion übernehmen. Das war quasi die Geburtsstunde von Square One.

Allerdings noch ohne DJ. Jetzt kommt Edward Sizzerhand ins Spiel.
Sizzerhand: Richtig. Ich habe Ali 1996 kennengelernt. Er war gerade zurück aus den Staaten und arbeitete bei BamBam Records, einem Plattenladen in der Nähe vom Hofbräuhaus. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Nach einigen Wochen stellte er mir auch Iman vor. Schnell entstanden erste Tracks, die wir live präsentierten. Auf den Flyern stand noch Rasul & Sizzerhand oder Power Equality. Auf den Namen Square One einigten wir uns erst später, kurz vor dem ersten Maxi-Release.

Scott alias Gianni Dolo hat das Quartett dann als zweiter MC komplettiert.
Sizzerhand: Mit der ersten Maxi kamen weitere Bookings. Scott war immer mal bei Shows dabei, aber durch eigene Projekte nicht regelmäßig verfügbar. Als Square One mehr und mehr Fundament bekam, wurde Scott dann festes Mitglied.
Iman: Durch Scott wurde der Sound abwechslungsreicher. Ali und ich hatten den Tick, unsere Tracks in Farben einzuteilen. Während wir beide melancholisch Richtung Erdtöne tendierten, Eddie als Underground-DJ »dark like chocolate« war, brachte Scott den bunten Farbklecks rein. Wenn Scott nicht dabei gewesen wäre, hätten wir wahrscheinlich nie Tracks wie »Can’t Mess« oder »Countdown« gemacht.

»Ali Rasul hat mal gesagt, De La Soul hätten ihm gezeigt, dass Rap nicht aus dem Ghetto kommen muss und sich alle Leute zugehörig fühlen können. Einen ähnlichen Effekt hatte Square One auf mich. Sie kamen aus Deutschland mit einem Anspruch und Niveau, das sich international nicht verstecken musste. Plötzlich war mir klar: Auch wir können HipHop.« – DJ Kitsune, Starting Lineup Recs.

Ende der Neunziger ging es mit Deutschrap richtig los. Das hat es für euch als englischsprachige Gruppe sicherlich nicht einfacher gemacht.
Sizzerhand: Unser Ziel war eigentlich nicht der deutsche Markt. Von der Art der Beats, Rhymes und Scratches haben wir uns eher in New York gesehen. Deshalb wollten wir auch dort Fuß fassen und veröffentlichen.
Iman: Über einen Deal in Deutschland haben wir überhaupt nicht nachgedacht und nie damit gerechnet, dass sich hier ein Label für uns interessieren könnte. Uns war bewusst, dass es jede englischsprachige HipHop-Gruppe, die nicht aus den Staaten kommt, doppelt schwer haben würde – egal ob in Deutschland, Europa und erst recht in den USA. Das hat uns aber nicht abgehalten. Wir hatten diesen unbedingten Willen und die Überzeugung, ein Album machen zu wollen.

Dann wurde Showdown Records aus Hamburg auf euch aufmerksam.
Sizzerhand: Wir hatten damals in München einen festen Clubabend, wo wir hin und wieder Gast-DJs gebucht haben. Dort war unter anderem auch DJ Tomekk, dem wir unser Demotape steckten.
René: 1997 arbeitete ich mit Tomekk an Mix-Compilations für verschiedene Plattenfirmen. Im Zuge unserer Zusammenarbeit erzählte er mir von einer englischsprachigen Rap-Crew aus München, die ich mir unbedingt mal anhören sollte. Nach einem ersten Telefonat mit Ali hatte ich kurze Zeit später ein Demo in der Post. Die Qualität der Lyrics in Einheit mit Beats, Samples und Scratches begeisterte mich sofort. Dabei war es für uns als Label völlig egal, ob die Macher aus München, London oder New York kommen. Es war einzig und allein die Qualität der Musik die uns überzeugte. »It ain´t where you from, it´s where you at.«
Iman: Ausschlaggebend für uns, bei Showdown zu unterschreiben, war in erster Linie die Tatsache, dass die Label-Macher Ahnung von HipHop hatten und musikalisch mit uns auf einer Wellenlänge lagen. So konnten wir die Musik machen, die wir wollten, ohne dass uns ständig jemand in die Produktion reinredet. Zudem hatte Showdown, mit der WEA als Partner im Hintergrund, die Strukturen eines Majors.

 
Bereits die beiden Maxisingles »Mind.Body.Soul« und »State Of The Art« konnten für Aufsehen sorgen, und die Ampeln für einen Albumrelease standen auf Grün.
Iman: Mit den Aufnahmen dazu haben wir Anfang 2000 in meiner damaligen Ein-Zimmer-Wohnung begonnen. Mein Home Setup bestand aus einer MPC 3000, einem S 3000 XL Sampler und einem G4 Rechner mit Logic. Ich hatte noch eine circa 1,5 qm große Abstellkammer, die rasch zur Booth umgewandelt wurde. So konnten wir sogar die meisten Vocals direkt bei mir Daheim aufnehmen. Mitte April 2001 ging es zum Mischen in die riesigen Boogiepark Studios nach Hamburg. Das war für mich ein extrem wichtiger Part der gesamten Produktion. Ich wollte mir Zeit nehmen und hatte dafür rund drei Wochen eingeplant. Als Mixing-Partner stand mir Sebi von Deichkind zur Seite. Boogiepark war damals Sebis zweites Zuhause. Er kannte sich nicht nur gut aus, er hatte vor allem ein extrem gutes Gehör. Dazu haben wir uns soundtechnisch sehr gut verstanden. Während der Mixing-Session haben wir in Hamburg auch noch die Vocals mit Heidi Vogel und Patrice aufgenommen. Im Anschluss daran bin ich mit Ali, René und Götz Gottschalk, unserem damaligen Verleger, für eine Woche nach New York geflogen, um die Ami-Features aufzunehmen und das Album abschließend von Tony Dawsey mastern zu lassen. Dawsey war damals eine Institution im HipHop-Mastering – und unsere erste Wahl.

»Iman und Ali waren für mich der kongeniale Kern von Square One, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen trieben. Mit Scott als zweitem MC und ihrem extrem guten DJ wurde daraus eine klassische HipHop-Crew, die ihre individuellen Qualitäten auf dem Höhepunkt ihres Schaffens zu einem zeitlosen Album bündelte.« – Götz »GG« Gottschalk, Premium Blend Music

Du hast die Features angesprochen. Hattet ihr persönlichen Kontakt zu den Amerikanern?
Iman: Unser Verleger hatte damals über einen Mittelsmann den Kontakt hergestellt. Zuerst kamen A.G. von D.I.T.C. und Party Arty von den Ghetto Dwellas ins Studio. Beide waren sehr cool und freundlich, haben sich einige unserer Tracks angehört. Anschließend habe ich ein paar Beats vorgespielt, und als das Instrumental von »Square Biz« einsetzte, hat Party Arty spontan angefangen zu rappen und wollte gar nicht mehr aufhören. Mit seiner Energie hat er jeden angesteckt, alle Köpfe im Studio waren am Nicken. Da war klar: Das wird der Track mit A.G. & Party Arty. Beide sind dann gleich in die Booth und mit ein, zwei Takes waren die Vocals im Kasten. Das zweite Feature kam von Ali Vegas, der damals als der nächste Nas gehandelt wurde. Er war zu der Zeit noch ein Newcomer und dadurch einigermaßen erschwinglich. Als drittes luden wir noch ein Duo namens I.G.T. ins Studio ein, die auf Steve Rifkinds Loud Records unter Vertrag waren. René hatte damals einen guten Draht zu Loud, so kam die Zusammenarbeit zustande. Die waren allerdings etwas beleidigt, weil sie eigentlich den Beat von A.G. & Party Arty picken wollten. Am Ende haben sie sich aber doch für einen anderen Beat entschieden und darauf aufgenommen. Den Track haben wir fürs Album jedoch gar nicht verwendet.

Apropos Beats: Die klangen sehr nach amerikanischem Ostküsten-Boombap, was dir häufig zum Vorwurf gemacht wurde.
Iman: Als ich das erste Mal »They Reminisce Over You (T.R.O.Y.)« von Pete Rock & C.L. Smooth gehört habe, hat sich für mich eine komplett neue Welt geöffnet. Ich hatte mich bis dato nicht sonderlich für das Produzieren interessiert und wollte eigentlich lieber rappen. Aber dieser eine Song hat alles verändert. Ich wollte danach sofort wissen, woher das Saxofon, die Drums und jedes einzelne Segment des Instrumentals stammten. Und als später das Album »Mecca & The Soul Brother« rauskam, wurde das zu meiner Bibel. Jeden einzelnen Song habe ich auseinandergenommen, jedes Interview gelesen, um herauszufinden, mit welchen Geräten Pete Rock produzierte und welche Samples er benutzt hatte. Ich trieb mich fast jeden Tag nach der Schule in irgendwelchen Plattengeschäften auf der Suche nach den Samplequellen herum. Eine der ersten war dann von »Soul Brother No.1«, 9th Creation’s »Bubblegum«. Ich habe Gänsehaut bekommen als ich das Original gehört habe. Obwohl ich damals nicht mal einen Plattenspieler hatte, musste ich mir die Scheibe kaufen. In dieser Welt aus Jazz, Soul, Funk, Reggae und Rock konnte ich mich stundenlang verlieren. Daraus ein neues Musikstück zu bauen, war für mich wie ein Wunder. Solche Wunder wollte ich fortan selbst kreieren, also habe ich sie alle studiert. Ich war wie besessen. Natürlich versuchst du dann als Produzent deine eigene Identität zu finden, aber nachdem ich mit den Songs von Pete Rock, Diamond D, A Tribe Called Quest, Premier, Beatnuts, Beatminerz & Co. aufgewachsen war und mich diese stark geprägt hatten, war es für mich absolut natürlich, dass hier und da ein Premo oder Pete Rock in meinen Beats durchscheint. Für mich waren diese Produzenten der absolute Maßstab, und so sah ich es durchaus als Kompliment an, mit ihnen verglichen zu werden.

15 Jahre sind vergangen, »Walk Of Life« hat inzwischen Klassikerstatus.
Sizzerhand: Ob es ein Klassiker ist oder nicht, müssen andere beurteilen. Wir haben lediglich versucht, gute Musik zu machen und waren in allen Elementen gut aufgestellt.
Iman: Unser Ziel war es immer, Musik zu machen, die langlebig ist, unabhängig von Zeit und Raum. Für ein Debüt war »Walk Of Life« sicher mehr als ordentlich.
René: Wir hatten schon damals im Entstehungsprozess des Albums alle das Gefühl, etwas Großes zu schaffen. »Groß« nach unserem Verständnis von HipHop, der Liebe zum Detail, komplexen Lyrics, gut selektierten Samples und ausgefeilten Scratches. Besonders Ali war von Anfang an der festen Überzeugung, dass das Album ein All Time Classic werden wird. Er sollte Recht behalten.

Dennoch blieb euch, trotz Kritikerlob, der ganz große Durchbruch verwehrt.
René: Das Album hat um die 15.000 Einheiten verkauft, was auch für damalige Verhältnisse eine durchaus solide Zahl war. Eine Basis, auf die wir als Label aufbauen wollten, um weitere Projekte mit Square One zu realisieren. Leider war die Erwartungshaltung innerhalb der Crew teilweise eine andere, was zu internen Differenzen führte.
Iman: Ich kann mich erinnern, dass wir ganz zu Beginn im Showdown-Büro saßen und genau über diese Erwartungshaltung gesprochen haben. Beide Parteien waren sich absolut im Klaren darüber, dass wir keine Gruppe sind, die mit ihrem Debütalbum gleich in den Charts landen würde. Wir wollten langfristig arbeiten, uns von Album zu Album steigern, um dann mit dem dritten oder vierten Longplayer Chartluft zu schnuppern. Nachdem sich unsere zweite 12-Inch »State Of The Art« jedoch relativ schnell über 10.000 Mal verkauft hatte, stiegen die Erwartungen innerhalb kürzester Zeit rapide. Davon haben wir uns leider alle etwas blenden lassen.
Sizzerhand: Dennoch haben wir bis zu fünfzig Shows im Jahr gespielt, die Gigs waren stets gut besucht mit positivem Feedback. Von daher kann ich nicht von einem Misserfolg sprechen.

»Square One bildeten hierzulande nach Rock Da Most, L.S.D., Walkin’ Large und der Kinzmen Clikk die nächste Evolutionsstufe im englischsprachigen Rap. Bis heute sind sie für mich international qualitativ herausragend.« – Chris Maruhn, 2001 JUICE-Chefredakteur

Ali hatte stark damit zu kämpfen, dass sein deutsches Publikum nie vollends das Genie hinter Square One zu würdigen wusste.
Iman: Für Ali war es tatsächlich ein Problem, dass die Kids mit ihrem Schulenglisch seine deepen Lyrics nicht greifen konnten. Das warf später einen immer größer werdenden Schatten auf die gesamte Gruppe. Wahrscheinlich war es sogar der Hauptgrund, warum Square One zerbrach. Er beklagte immer wieder, dass er 500 km zu irgendwelchen Auftritten reiste, auf der Bühne alles gab und sich nach den Shows von den Fans anhören musste, wie krass doch meine Beats seien. Irgendwo konnte ich seine Enttäuschung auch verstehen, zumal allen, die etwas Einblick hinter die Kulissen hatten, klar war, dass Ali unabdingbar ist. Daher glaube ich auch, dass Square One ohne mich funktioniert hätte, ohne Ali aber nicht.

Das Ganze auf Deutsch zu versuchen stand nie zur Debatte?
Iman: Ali war nach dem Albumrelease extrem enttäuscht und überlegte tatsächlich, auf Deutsch zu rappen. Nur für mich war das nie eine Option, denn wir hätten jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Außerdem wollten wir ja auch international veröffentlichen, was nur auf Englisch möglich war.

Apropos Ausland: In welchen Ländern wurde das Album vertrieben?
René: Es war zu Beginn nicht geplant, die Jungs weltweit zu platzieren. Aber nach der Entwicklung mit den ersten 12-Inches, dem Beitrag zur »Superrappin«-Compilation, den Touren mit Lootpack und High & Mighty merkten wir, dass wir uns nicht zu verstecken brauchten. Auf meinen Reisen nach New York, London und Paris hatte ich dann immer Kartons mit Vinyls dabei und so kam es, dass die Scheiben irgendwann in den Regalen bei Fat Beats und Mr. Bongos standen und sich auch international Fans für Square One interessierten. Unser Vertrieb konnte das Album damals in mehrere Länder exportieren. In Japan wurde es sogar von einem kleinen Label lizensiert und in einer leicht veränderten Version veröffentlicht.

Wie war das Feedback aus dem Ausland?
René: Positiv – insbesondere von Leuten, die auf klassischen HipHop-Sound standen. Die waren zuerst überrascht, so nach dem Motto: »From Germany? Really?« – und dann sehr angetan. In den USA waren um die Jahrtausendwende mit Timbaland, Swiss Beatz und den Neptunes eher minimalistisch klingende Produktionen ohne Samples erfolgreich. Als dann eine Crew aus München mit klassischen, sampleheavy Tracks daherkam, hat das durchaus für Verwunderung gesorgt.
Sizzerhand: Wir bekommen selbst heute noch Reaktionen auf unser Album.
Iman: Schon nach der ersten 12-Inch ging das los. Aus Frankreich, Japan und sogar Neuseeland kamen gute Resonanzen. Mit der »State Of The Art“-Maxi gab’s dann einen richtigen Schub.

Trotzdem habt Ihr euch ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung getrennt.
Iman: Für die Trennung gab es mehrere Gründe. Natürlich spielte die Enttäuschung über die Verkaufszahlen eine gewisse Rolle. Doch während Ali sehr niedergeschlagen war, dachte ich mir eher: »Jetzt erst recht!« Zumal Showdown ja auch ein weiteres Album mit uns machen wollte. René hatte zwar angedeutet, dass das Budget nicht mehr ganz so groß sein würde, aber in meinen Augen war das okay. Wir mussten ja nicht wieder vier Videos drehen, zum Mastern in die Staaten fliegen und teure Ami-Features haben. Die Zusammenarbeit in der Gruppe wurde allerdings sehr zäh. Mitten in der »Walk Of Life«-Produktion hatten Ali und ich eine heftige Meinungsverschiedenheit. Dadurch bekam unsere Freundschaft einen Knacks. Ohne die Rolle von Eddie und Scott schmälern zu wollen, war für mich die Freundschaft zwischen Ali und mir stets die treibende Kraft der Gruppe. Mein Fehler war, dass ich unsere Beziehung immer weniger aus der Perspektive einer Freundschaft betrachtete und alles zwischen uns zum Business mutierte. Mein Denken und Handeln wurde immer rationaler und Geschäftsorientierter. Ali kam damit weniger zurecht. So wurde aus der Zusammenarbeit ein Gegeneinander. Musikalisch waren wir immer noch auf der gleichen Wellenlänge und eine Zeit lang lief es zwischen uns auch wieder besser – gerade als wir zusammen in New York waren. Als wir zurückkamen, ging es direkt zum Videodreh für »Can’t Mess« nach Berlin. Am Abend vor dem Dreh saßen wir alle noch für einen letzten Drink an der Bar und plötzlich kamen sich Ali und Scott in die Haare. Auch dieser Streit ging nicht spurlos an Square One vorbei. Als die Jungs von der Tour mit Eins Zwo zurückkamen, war die Stimmung ebenfalls sehr schlecht. Dazu kamen Differenzen wegen der Gage und alles stand kurz vor dem Zusammenbruch. Selbst die Nachricht, dass unser Album in Japan veröffentlicht wird und wir dort sogar touren können, konnte die Situation nicht mehr retten. Für mich bedeutete das: Entweder wir gehen als zerstrittene Gruppe auf Japantour und schlagen uns nach einigen Tagen die Köpfe ein oder ich erspare mir das und ziehe die Reißleine, indem ich aus der Gruppe austrete. Das war das Ende von Square One. Ab da sind wir alle getrennte Wege gegangen.

Machst du dir Vorwürfe deswegen?
Iman:Vielleicht hätte ich damals versuchen sollen, die Gruppe zusammenzuhalten. Vielleicht hätte es dann noch ein zweites, drittes oder viertes Square-One-Album gegeben. Heute, 15 Jahre später, weiß ich, dass bestimmte Konstellationen dazu verdammt sind zu scheitern. Wir hätten »Walk Of Life« genauso gut »Build & Destroy« nennen können.

Nun jedoch der Re-Release von »Walk Of Life« zum 15. Jubiläum.
Iman: Das Album war seit Jahren vergriffen. Es wird jetzt erstmals über digitale Kanäle erscheinen und auch wieder auf Vinyl und CD erhältlich sein. Fans und Sammlern spendieren wir eine limitierte 4-Vinylbox samt Instrumentals und einem Mixtape. Darauf gibt es unveröffentlichte Beats und Songs aus der Produktionszeit 1998-2001 zu hören.
Sizzerhand: Ein Zeitsprung zurück in die Golden Era, deshalb haben wir die auch »Day One« genannt.

Das Album wurde von Busy remastert, oder?
Iman: Ja, Busy und Showdown haben in den letzten Jahren des Öfteren zusammengearbeitet. Sein Mastering-Studio liegt eine Etage unter dem Showdown-Büro. Meine erste Erfahrung mit Busy war die Mixing-Session zu »Wahre Liebe« von Curse, das ich produziert hatte. Damals habe ich bereits gemerkt, dass Busy einfach DER Chef in Sachen Mixing und Mastering ist.

»Schon die erste Single ‚Mind.Body.Soul’ hat mich total geflash. Es war dieser amerikanisch klingende Sound und der krasse Flow von Ali.« – Sascha »Busy« Bühren, Truebusyness

Zu Alis Soloalbum »Writing Colours« (erschienen als Juice-CD-Beilage #137) hast du wieder einen Beat beigesteuert. Edward hat 2006 eine Square-One-Myspace-Seite eingerichtet, was die Hoffnungen auf eine Reunion nährte.
Sizzerhand: Ich habe die Seite damals gestartet, weil immer noch sehr viel Feedback aus aller Welt kam und ich Fans eine Plattform geben wollte, mit uns in Kontakt treten zu können. Ali zog nach Kanada, Scott in die USA, Myspace hat uns zumindest digital wieder zusammengebracht.
Iman: 2008 haben Ali und ich langsam wieder Kontakt aufgenommen und dabei tatsächlich über eine Square-One-Reunion gesprochen. Er sollte zuerst sein Album fertig machen, danach wollten wir wieder loslegen.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Ali Rasul verstarb am 11. Mai 2010 an einem Herzinfarkt in Vancouver. Welchen Bezug habt Ihr heute noch zur HipHop-Szene?
Sizzerhand: Ich lege immer noch regelmäßig auf und plane weitere Releases. Seit 2010 mache ich in Honig und habe in München meine eigene Imkerei sizzerbees.com gegründet.
Iman: Ich höre mir viele Sachen an, kann aber mit dem Großteil wenig anfangen – egal ob aus Deutschland oder Amerika. Sehr hohe Quantität, aber wenig Qualität. Interessant finde ich seit circa zwei, drei Jahren die Instrumental-Musik-Szene, die einige gute Produzenten hervorbringt. Ich selbst war seit fünf Jahre überhaupt nicht mehr aktiv. Erst letztes Jahr, als ich die Anfrage für einen Masta-Ace-Remix erhalten habe, packte mich wieder die Lust. Es macht wieder Spaß, Beats zu basteln. Schaun mer mal, was in Zukunft kommt.

Text: Andreas Purzer
Fotos: Mika Väisänen

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