Rin: »In der Rapszene geht’s um nichts anderes als Promophasen« // Feature

 
»Bianco«-Fieber(träume) – von Bietigheim-Bissingen bis Berlin. Überall ist der Scheiß plötzlich weiß und bleibt längst nicht nur in der Nase kleben. »Bianco« hat sich in den Köpfen festgesetzt wie ein guter Wein. Schuld daran ist Rin, den Anfang des Jahres** noch kaum einer kannte. Jetzt schickt sich der halbe Schulhof und deren große Geschwister in den Clubs und Modeboutiquen der Großstädte diesen Song hin und her, der sich durch Yung Hurn, aber vor allem durch Rin selbst, zu einem der größten Deutschrap-Hits des Jahres entwickelt hat.

Rin, das neue Deutsche Cloud-Rap-Aushängeschild? »Ey, Haiyti, High Five für Cloud Rap«, sagt Rin ironisch, als sich beide beim JUICE-Covershooting treffen. Man merkt es an ihren Blicken: Beide finden die Einordnung ziemlich beschissen. Und tatsächlich: Beschäftigt man sich ausführlicher mit Rins Werdegang, dann ergibt die Wolkenanalogie nur auf den ersten Blick Sinn. Als im Sommer 2015 das »Ljubav/Beichtstuhl«-Video veröffentlicht wurde, wusste noch keiner so richtig, wie Rin eigentlich einzuordnen ist. Da sang jemand, der aussah, als wäre er vom Cover eines New Yorker Streetwear-Magazins ins Internet geflohen, verzerrt von flackernder VHS-Ästhetik, so ungeniert-gebrechlich über Liebe und die eigene Leere wie lange keiner mehr. Der Text, der mit simplifizierter Onpointness nicht viel mehr vermittelte als die Frage nach dem Sinn, wird durchzogen von emotionaler Tiefe, die erdrückend wirkt.

»Ich verlasse mich in der Musik nur auf mein Bauchgefühl«, sagt Rin, der trotz einer schlaflosen Nacht noch immer wacher erscheint, als die meisten der beim Shooting anwesenden Kollegen. Er nippt am Weißwein, den er kurz zuvor für die ganze Belegschaft im Discounter gekauft hat, und holt weiter aus: »Leute können bemängeln, was sie wollen: Soundästhetik, Technik, Lyrik. Aber keiner kann mir sagen, dass meine Musik nicht gefühlvoll ist. Gefühl steht bei mir über allem.« Seine 2016 erschienene »Genesis«-EP untermauert diese Aussage. Sie klingt nach den schwer nachzuvollziehenden Leiden eines Großstadtjungen, die sich immer tiefer in den Kopf fräsen. Der Extended Player ist die meiste Zeit über von einem schwarzen Schleier verdunkelt. Purer Weltschmerz.

Doch Rin kommt nicht aus einer Metropole, in der man sich verlieren kann, sondern aus Bietigheim-Bissingen – einem gemächlichen 40.000-Einwohner-Städtchen in der Nähe von Stuttgart. Ein paar Altstadtbauten stehen da, viele mehrgeschossige Wohnhäuser. Vor allem aber herrscht Ruhe. In der Großstadt nebenan studiert Rin Medientechnik. Ein beschauliches Leben, so scheint es, das er derzeit noch in der Wohnung seiner Eltern bestreitet, die einst aus Bosnien und Herzegowina nach Deutschland kamen.

Freunde brachten ihn, der mit 50 Cent genauso großgeworden ist wie mit den depressiven Musikhelden der post-jugoslawischen Nachkriegszeit, in Bietigheim zum Rappen. Immer wieder trafen sie sich im Japangarten, der in den Achtzigerjahren mal zur Landesgartenschau angelegt wurde. Zwischen Bächen und der penibel strukturierten Flora um die Parkbänke hängen Rin und seine Freunde noch heute ab: benebelt vom Grün, das sie ebenso penibel ins Paper gerollt haben. Dort wurde Rin irgendwann zum Freestylen aufgefordert, brachte Lines, die er später aufschrieb, und begann schließlich Tracks aufzunehmen. Freunde wie Caz, die aus derselben Gegend kommen, unterstützten ihn. Zu hören ist von diesen Anfängen jedoch nichts mehr. Vielleicht auch besser so.

»Alles ist wichtig außer Musik. Das ist nicht mein Ansatz.«

Ohnehin existiert von Rins Episoden vor »Genesis« kaum Bild- und Videomaterial im Internet. Die Facebook- und Twitter-Profile wirken verwaist. Aus der knapp ein Jahr andauernden Phase mit Live From Earth ist abgesehen von einzelnen Musikvideos und visuellen Bruchstücken auf Youtube kaum etwas dokumentiert. Rin macht sich rar. Bedenkt man, dass sein ehemaliger Label-Kollege Yung Hurn dafür bekannt ist, seine Gedanken in trashigen Bildwelten ungefiltert auf Snapchat & Co. zu veröffentlichen, wirkt das höchst ungewöhnlich. Rin hebt sich ab von der neuen Rap-Generation, der nachgesagt wird, sie wäre übertransparent, hätte Social-Media-ADHS.

»Für mich ist der größte Kritikpunkt an der Rapszene, dass es um nichts anderes geht als Promophasen, die besten Videoblogs und den größten Twitterbeef«, sagt er. »Alles ist wichtig außer Musik. Das ist nicht mein Ansatz.« Nur auf Instagram finden sich immer wieder Versatzstücke aus Rins Leben und vor allem Bilder teurer Sammlerstücke von begehrten Streetwear-Brands wie Gosha Rubchinskiy. Darüber, auch das merkt man, könnte Rin stundenlang philosophieren. Über die neuen Drops von Supreme oder limitierte Stücke von Gianni Mora mit »Hellagain«-Aufschrift. Sein Track »Don’t Like« repräsentiert diese Vorliebe und bricht damit aus dem Œuvre Rins aus. Gesang weicht ignorantem Rap, die Orientierungslosigkeit ist plötzlich verblasst und Modemarken-Adlibs werden einem ins Gesicht geklatscht. Auch das ist eine Facette Rins, die er nie verloren hat: die des Rappers im klassischen Sinne.

Das Video zu »Don’t Like« wurde wie das zu »Bianco« auf dem Youtube-Channel von Live From Earth veröffentlicht. In einem Gespräch Anfang des Jahres bezeichnete er die Gruppe noch als Familie, mittlerweile hat er sie verlassen. Nicht, weil es böses Blut gab, wie Rin eindringlich sagt (das scheint ihm wichtig zu sein), sondern weil er das Gefühl gehabt hätte, seine Jungs in Bietigheim im Stich zu lassen. »Die haben mich schließlich gemacht, meine Moralien, meinen Charakter und meine Ästhetik geprägt.« Deswegen arbeitet Rin jetzt wieder enger mit Kollegen aus seiner Heimatstadt zusammen: mit Künstlern wie Caz und Bausa. Eine befreundete Stutt­garter Streetwear-Koryphäe wird sein Merch mitentwickeln. Rin hat sich seinen eigenen Kosmos geschaffen, in dem er autonom Musik machen kann. Unterstützung, über die man noch nicht sprechen darf, bekommt er zwar, aber Bietigheim liegt weit genug entfernt von den Zentren des Musikindustriezirkus. Reinreden kann ihm keiner.

Die selbst auferlegte Scheinisolation hat sich auf seinen jüngsten Tracks bemerkbar gemacht. Wir stehen herum und hören Musik, die vielleicht auf Rins kommendem Album landen wird – sicher ist das nicht. Spätestens da verwischt der Cloud-Rap-Stempel. Noch mehr hat Rin sich auf Gesang konzentriert, der kehlig-schön dahingleitet. Dickflüssige Synthies gibt es zwar noch immer, genauso aber Sample-House von Lex Lugner, der an die HipHop-House-Fusion von Künstlern wie Max Graef erinnert, und waschechte Italo-Disco-Referenzen aus den Achtzigern. Rins Sound ist tanzbarer geworden, stellenweise organischer, aber genauso abgespacet wie immer. Nur die Melancholie ist in einigen Liedern einer ehrlichen Freude gewichen. In Deutschland steht er mit seinem Entwurf alleine da.

Auch dank der instrumentalen Begleitung von OZ, der für Drake produzierte und an Shindys letzten beiden Alben beteiligt war. »Ja, Shindy und ich kennen uns, und er ist für mich mehr als nur ein Rapkollege«, erzählt Rin. In Bietigheim läuft man sich zwangsläufig über den Weg. So ist er schließlich auch auf Shindys »Dreams« gelandet, hat sogar den besten Track des Albums »Halleluja« mitbesorgt.

Rin sieht das gelassen, erzählt lieber aufgeregt, dass er bei OZ Tracks vom kommenden Drake-Album hören durfte. Seine Augen leuchten. »Ich war voll der kleine Fanboy als junger Kerl. Das werde ich mir bewahren«, ist ein Satz, der hängenbleibt. Er passt perfekt zu seinem Schaffen. Größenwahnsinn wird es bei Rin nicht geben, weil seine Vorbilder die Besten der Besten sind. Frank Ocean sei für ihn der Übergott, sagt er. »Kein Gesangs­album hat mich mehr berührt als ‘Channel Orange’.« Dadurch gerät sein Sound umso progressiver. Rin liefert die uneingeschränkten Gefühle, scheißt auf Insignien der Härte und lockert so die Szene auf. Wenn alles gut läuft, dann stellt er sie 2017 auf den Kopf. ◘

** Diese Aussage bezieht sich auf 2016, da der Text in diesem Jahr geschrieben und gedruckt wurde.

Text: Johann Voigt
Foto: Sascha »Heks« Haubold

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Hier geht’s zur #DeutschrapsZukunft-Story über Ufo361.

Dieser Text erschien als Teil unserer #DeutschrapsZukunft Titelstory in JUICE #178 (hier versandkostenfrei bestellen).