Kings Of HipHop: Sean Price // Feature

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Look into the eyes of a rapper who fell

Was wir über Sean Price wissen, bestimmt Sean Price weitestgehend selbst. »Mess You Made«, ein Song von 2007, thematisiert konkret die Zeit nach »Nocturnal«: »I ain’t had a hit since ninety-six/Ever since then my career been twists (…) The brokest rapper you know sell crack after the show (…) I guess this rap shit is a thing of the past/Took the ring off my finger sold the thing for some cash«. Wie detailliert das stimmt, weiß man nicht, aber Fakt ist, dass nach Heltah Skeltah erst mal Ende Gelände war.

Um 2001 tritt Sean Price, jetzt unter seinem Geburtsnamen und mit Frau und Nachwuchs hinter sich, vorsichtig wieder als Rapper in Erscheinung. Am nachhaltigsten merkt man das, als »Rising To The Top« mit Dipset-Kumpel Agallah für »Grand Theft Auto III« gepickt wird. Ein Hauruck-Comeback (no pun intended) wird das trotzdem nicht. Dafür macht Sean auf »The Chosen Few« eine überaus gute Figur, dem zweiten, wirklich dopen Boot-Camp-Album von 2002, auf dem ausgerechnet sein Partner Rock als einziges Originalmitglied nicht auftaucht. Schon in seinem ersten Part auf dem Album ist Sean, ehrlich gestrauchelter MC, entwaffnend gut: »I guess I’m back where I started/Openin’ up for Buckshot and just rappin’ retarded/I hate the life that I’m livin’, I need it/Don’t believe me, ask my wife and my children/See I’m back on the street, packin’ the heat/Royalty checks equal to crack in the street/Niggas like: fuck crack, Ruck, rap to the beat/I’m like, All right I’ll be back in a week.« Und da ist er. Besser kann er Straße und Riker’s Island nicht hinter sich lassen, dringlicher hat Sean Price nie zuvor gerappt. 2003 taucht ein Mixtape von Sean mit P.F. Cuttin, dem DJ von Blahzay Blahzay auf. Das Low-Budget-Cover von »Donkey Sean Jr.« verspricht, es handele sich um »the prelude to the album ‚Monkey Barz’«, und musikalisch präsentiert sich der gerade Dreißigjährige teils noch zahm, teils schon weit auf dem Weg zu dem von uns so geschätzten Punchlineviech auf minimalsten Loops. Eine kleine Reunion mit Rock gibt es obendrein.

 
Im Sommer 2005, zehn Jahre nach dem ersten Lebenszeichen von Heltah Skeltah, kommt »Monkey Barz« tatsächlich. Das Album ist neben Releases von Smif-n-Wessun und Buckshot Teil der »Triple Threat«-Kampagne, mit der sich das neu aufgestellte Label Duck Down Records unter Leitung von Dru Ha öffentlichkeitswirksam relauncht. Wie Sean Price das Ruder an sich reißt, noch vor der ersten Strophe »ignorance at its finest« verspricht und selbige dann eine knappe Stunde lang abliefert, ist eben auch der perfekt gelungene Relaunch eines Rappers, der seine Mitte gefunden hat: der grumpy, herablassende, aber immer humorvolle Battlerap-Dude, der mit der Gelassenheit seiner Lebenserfahrung eher als großer Bruder monotone Watschen verteilt als bloß zu kläffen. Sean verwertet dankbar die Höhen und Tiefen der letzten Jahre, immer angetrieben von dem Wunsch, den Kids zu beweisen, dass der weitgehend vergessene Untergrund-Typ nichts verlernt hat – und in dem Wissen, in all den Jahren nur souveräner geworden zu sein. »Monkey Barz« ist mehr Skills, weniger Image, null Zeitgeist, nur Sean Price. Punkt. Und auch wenn es undenkbar schien, löst Sean Price damit Buckshot als besten MC der Boot Camp Clik ab. »Listen.«

In »Brokest Rapper You Know« behandelt Sean bereits den Frust der letzten Jahre: »Mad as hell plus I’m frustrated/Last album came out, you motherfucks hate it (…) Eviction notice, yo, I gotta go/Album been out two months, ain’t did a fucking show.« Trotzdem pöbelt er sich nach Shrooms-Genuss durch seinen Signature-Tune »Onion Heads« wie ein junger Rapgott und hinterlässt denkwürdige Zeilen wie den Klassiker »Gangsta rappers can’t fight, so they rap about guns«. Fast die gesamte Clik gastiert auf dem Album, nur die Beiträge von Rock gab es schon auf dem Vorab-Mixtape zu hören. Überhaupt steht Sean noch nicht der Sinn nach einer Re­union von Heltah Skeltah, lieber arbeitet er daran, seinen neu gewonnenen Ruf als Solo-MC zu zementieren. Er fliegt nach North Carolina zu 9th Wonder und Khrysis, die schon an »Monkey Barz« beteiligt waren, und nimmt mit ihnen fleißig auf. Über die Hälfte von »Jesus Price Supastar« stammt aus diesen Sessions, Album Nummer zwei erscheint Anfang 2007.

Eminem nice, but ­Eminem white, nigga it’s my time

Die Arbeit mit 9th Wonder und Khrysis zahlt sich aus. Wo »Monkey Barz« noch ein egoistisches Statement war, das durch schiere Punchline-Gewalt und Wiedersehensfreude zum Vergnügen wurde, klingt »Jesus Price Supastar« vergleichsweise aufgeräumt, ausproduziert und soulful. Klar schlägt Sean P textlich immer noch um sich und macht großen Rapspaß, wie auch das folgende Mixtape »Master P« beweist. Wenn ihn ein Beat anspricht, dann rappt er ihn im Zweifelsfall bis zum Anschlag voll, hat einen fertigen Song und nimmt sich den nächsten vor. »Bei Mixtapes«, erklärt Sean, »nehme ich einfach einen Riesenhaufen Songs auf und bringe sie raus. Bei einem Album gebe ich Dru ein paar Songs und er sagt dann: Der hier ist cool, der hier ist wack, hau ab, und der nächste ist wieder cool. Bei einem Album ist das ganze Team involviert.« Sein zweites Solo ist innerhalb seines Katalogs ein Beleg dafür, dass er von guter Produzentenarbeit profitieren kann. Klassische Song- und Albumformate und deren bewussten Aufbau (und generell irgendwie erwachsen zu klingen) dürfte Sean nicht besonders interessant finden; dass ihm etwas mehr Kontrolle, Struktur und Ernsthaftigkeit aber gut stehen, das beweist eben »Jesus Price Supastar«. Den Titel will er nicht religiös verstanden wissen: Er gehe einfach nur durch die Stadt und verbreite das Wort. Nur sei sein Wort eben HipHop. Nichts weiter.

 
In den fünf Jahren nach »Jesus Price Supastar« gibt Sean Price sich umso mehr der ungezügelten Produktivität hin und genießt die Aufmerksamkeit, die ihm in Rap-über-Rap-Kreisen entgegenschlägt. Nur zu gern gibt er den aus der Goldenen Ära ins Jetzt geretteten Kämpfer gegen den modernen Wack MC und Fake-Gangster, zumal das ja den Tatsachen entspricht. Sean ist kein grenzfrustrierter Ü30-Rapper, der gern wahlweise seine Ruhe oder ein paar richtig geile Clubhits hätte, sondern ein Purist, der Rap immer so macht, wie er ihn gern hätte. Dass man hin und wieder aufs Geld schauen muss, ist normal im Mittelstand. Mehr als einmal sagt Sean offen, er habe viele Features einfach wegen des Geldes gemacht. »Ich finde, die Leute machen zu viele Kollabos. Kommen die nicht alleine klar? Ich würde darauf auch gern scheißen, Mann, aber ich werde dafür nun mal bezahlt.« Wer würde ihm auch nach zehn mageren Jahren im Rapgeschäft den Wunsch nach zehn zumindest halbfetten Jahren übelnehmen? Sean tummelt sich also, Sean hinterlässt Strophen und Shows. Zunächst aber hinterlassen Ruck und Rock, wie in guten alten Zeiten, nach zehn Jahren Pause ein drittes und letztes Heltah-Skeltah-Album, das 2008 erscheint und »D.I.R.T. (Da Incredible Rap Team)« heißt. Nur dass es halt nicht wie in guten alten Zeiten klingt. Die moderne Version von Heltah Skeltah erweckt latent das Gefühl, der gereifte Sean Price hielte sich zurück, um Rock nicht zu sehr zu übertrumpfen, und insgesamt braucht man schon eine doppelte Portion nostalgischen Enthusiasmus, um »D.I.R.T.« wirklich geil zu finden. Es gibt eben Reunions, die ein bisschen zu spät kommen, und dann gibt es Rock, der sich in dieser Zeit auch noch gegen Anklagen wegen Mordes und Zuhälterei (kein Scheiß) zur Wehr setzen muss. Alles nicht so einfach.

 
2009 wird Sean gefragt, ob er einen Song mit Guilty Simpson aufnehmen wolle. Sean hat gerade das Mixtape »Kimbo Price: The Prelude To Mic Tyson« veröffentlicht und damit sein drittes Album angekündigt. Routinemäßig – er kennt Guilty nicht – fragt er nach Geld (»I’m a savage for money, I’m a whore«). Er ist dann so begeistert von diesem Seelenverwandten aus Detroit, dass er statt eines Songs gleich ein gemeinsames Album anstößt: Random Axe sind Sean und Guilty Simpson mit Black Milk als Produzent, ein feuchter Traum jedes Neo-Boom-Bap-Worshippers. Weil Black Milk zwischendurch die Vocals aller Tracks verliert, erscheint erst 2011 ein geschätztes, geradliniges Album und sicher Seans konsistenteste Kollabo außerhalb von Boot Camp. »Mic Tyson« wird auf Eis gelegt, als Seans Frau ein drittes Kind erwartet und als Risikoschwangerschaft eingestuft wird. Sean nimmt 2010 und 2011 eine Auszeit und kümmert sich um die Familie, außer Random Axe und den üblichen vereinzelten Strophen gibt es keine neue Musik.

Mit einer Stickerkampagne, die überall in New York »Sean Price can fucking rap« proklamiert, kommt 2012 endlich »Mic Tyson«, die Rückkehr zu Solo-Hochform mit inzwischen fast vierzig, komprimiertes, mürrisches Gespucke mit oft nur zwei, zweieinhalb Minuten pro Track. »Bar-Barian«, »Pyrex« und das überragende »BBQ Sauce« mit Pharoahe Monch landen als Sofortklassiker in Seans Katalog, »STFU, Pt. 2« eröffnet Sean mit den Worten »All I do is rap and rhyme«, und genau davon hat er nichts verlernt. Die EP »Land Of The Crooks« (2013) mit dem australischen Produzenten M-Phazes ist das letzte offizielle Projekt, das vor Seans Tod erscheint; und zugleich das einzige, das nicht im Heimathafen Duck Down erscheint. Sean betont und beweist aber immer wieder, wie wichtig ihm das Vertrauen zu seinem Label und die langjährige Freundschaft mit Dru Ha sind: »I love to rap, but I hate the game. Ich bin nicht gut mit diesem ganzen Fake-Scheiß in der Industrie. Deswegen habe ich den besten Manager der Welt, der sich darum kümmert.«

I got my shit in order, the crown is mine

Nach all dem Battlerap könnte man meinen, Sean Price sei ein insgesamt eher unleidlicher Zeitgenosse gewesen. So ziemlich jeder, der jemals persönlich mit Sean zu tun hatte, wird aber vehement widersprechen, und allein der Youtube-Kanal von Duck Down liefert handfeste Beweise dafür, dass Sean einer der lustigsten Menschen in diesem Geschäft war. Ob im Video zu »BBQ Sauce« oder als absurd komische Nardwuar-Kopie neben Pharoahe Monch, ob als Tennispartner oder Marathontrainer seines bourgeoisen Kumpels Dru Ha, ob als Leiter eines talentfreien Rap-Workshops oder selbsternannter Chef von Ruck Down Records: in diesen Minuten steckte der gleiche Humor wie in ungleich grimmiger vorgetragenen Zeilen. Die Dinge, an denen Sean Spaß hatte, tat er mit Hingabe, mühelos wirkendem Perfektionismus und immer im Hier und Jetzt. Für nichts war das zutreffender als für den unverfälschten Rap, dem er zwei Jahrzehnte lang immer neue Perspektiven abgewinnen konnte, ohne jemals wie ein Relikt seiner eigenen Vergangenheit zu wirken. Sein letztes Mixtape »Songs In The Key Of Price« ist ein würdiges, viel zu frühes Vermächtnis. Sean Price starb am 8. August 2015 im Schlaf. Er war 43 Jahre alt. ◘

 
Foto: Alexander Richter

Dieses Feature erschien in unserer Reihe »Kings Of HipHop« in JUICE #170 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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