Kings of HipHop: Eazy-E

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Dieses Jahr wird viel über N.W.A gesprochen werden, wenn im August ihre Geschichte ins Kino kommt. Über »Fuck The Police«, über den Beinahe-Milliardär Dr. Dre und den Hollywood-Star Ice Cube, ein bisschen auch über MC Ren und DJ Yella, ganz sicher über die heute unter Mordverdacht stehende Randfigur Suge Knight. Wahrscheinlich auch über Betrugsvorwürfe, Verschwörungstheorien und die Tatsache, dass die vermeintlich »gefährlichste Gruppe der Welt« eigentlich ein Casting-Projekt und gar nicht so gefährlich war, Compton hin oder her. Jeder wird etwas zu sagen haben, nur Eazy-E wird nicht sprechen. Zum zwanzigsten Mal jährt sich ­dieses Jahr der Todestag des Mannes, der N.W.A als Konzept entwickelt hat und damit zu einem der erfolgreichsten Independent-Labelbetreiber der Welt wurde. Nur selbst zur Rap-Ikone zu werden, war nie Teil des Plans. Denn schon zu Lebzeiten hat Eazy-E lieber geschwiegen.

Eric Lynn Wright, Jahrgang 1963, wächst in relativ behüteten Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitet bei der Post, seine Mutter ist Pädagogin an einer Montessori-Schule. Compton ist noch ein recht unauffälliger Vorort von Los Angeles, in dem sich viele Familien der afroamerikanischen Mittelschicht ansiedeln, nachdem 1948 rassendiskriminierende Klauseln in ­Mietverträgen für verfassungswidrig erklärt wurden. Die Probleme der Stadt zeichnen sich ab, nachdem die Watts Riots von 1965 die Abwanderung weißer Familien in benachbarte Städte beschleunigen: Nur wenige Jahre später besteht die Bevölkerung von Compton zu neunzig Prozent aus Afroamerikanern, die schwarze Mittelschicht verlässt nach und nach die Stadt. Steigende Arbeitslosigkeit, Armut und Leerstand schaden der Stadtkasse, Drogenhandel und Gangs fassen Fuß, die Polizei ist überfordert. Compton ist in den Achtzigern kein angenehmer Ort.

 
Eric bricht nach der zehnten Klasse die Schule ab und schließt sich den Crips an, während Compton von Bloods dominiert wird. Anfang der Achtziger beginnt er Drogen zu verkaufen. Sein Auftreten als Gangbanger festigt sich – Eric ist kaum größer als 1,60 Meter und weiß, dass er gerade als kleiner Kerl auf der Straße hart und skrupellos wirken muss, um nicht zum Opfer zu werden. Sein späterer Geschäftspartner Jerry Heller erklärt: »Die Rolle des Thugs war etwas, das man auf der Straße verstand. Sie gab einem insofern einen gewissen Schutz, dass Leute sich weniger schnell mit einem anlegen wollten. Die Rolle des Drogendealers ist eine, die Respekt und gewisse Privilegien mit sich bringt.« Wie kompromisslos und womit genau Eric, der den Namen Eazy-E annimmt, seinen Hustle betreibt, bleibt nebulös. Es ist wahrscheinlich, dass er neben Weed auch Kokain verkauft und damit nicht schlecht verdient. Er selbst spricht darüber nicht. Überhaupt spricht er nicht besonders gerne. Immer wieder wird der Geschäftsmann Eazy als schweigsamer Zeitgenosse beschrieben, der sich nicht aus der Reserve locken lässt.

He was once a thug from around the way

HipHop fasst in Los Angeles an den verschiedensten Orten Fuß. Der Weg von Eazys illegalen Geschäften hin zur Gründung von N.W.A ist untrennbar mit mehreren Institutionen und Akteuren dieser lebendigen Szene verbunden, die auf der losen Basis von Afrika Bambaataas »Planet Rock« einen ­melodischen Electro-Funk-Sound entwickelt. Einer der wichtigsten Clubs ist das Eve After Dark in South Central, wo 1984 ein alter Bekannter aus Eazys Nachbarschaft Teil des DJ-Teams wird: Der siebzehnjährige Andre Young, der sich fortan Dr. Dre nennt, wird von Betreiber Alonzo Williams in die World Class Wreckin’ Cru aufgenommen. Dazu gehört auch DJ Yella, der mit Dre tagsüber an DJ-Mixes fürs Radio frickelt. Die beiden bringen sich das Produktionshandwerk bei, und die Wreckin’ Cru erlebt, inspiriert von einem Run-DMC-Konzert, in extravaganten Bühnenoutfits eine Metamorphose zur Rap-Gruppe.

Deren Musik wird auf dem gleichen Weg veröffentlicht wie so viele Independent-Produktionen in Los Angeles. Unter dem Namen Macola führt der Unternehmer Don McMillan ein Presswerk, das für wenig Geld kleine ­Vinyl-Auflagen nach Kundenwunsch produziert und noch dazu über ein informelles, weit verzweigtes Vertriebsnetz verfügt. Die wichtigste lokale Verkaufsstelle für Platten der Wreckin’ Cru und ihrer Zeitgenossen ist ausgerechnet ein winziger Stand auf dem Roadium Swap Meet, einem großen Freiluftmarkt in Torrance. Ein Mann namens Steve Yano verkauft dort Platten, erst gebrauchtes Allerlei, dann der Nachfrage folgend immer mehr neuen Rap von beiden Küsten. Tanzende Kids belagern den Verschlag, in dem Yano die begehrte Ware vorspielt.

 

Eines Tages wundert sich Yano über den kleinen Typen um die zwanzig, der mit seiner zu hohen Stimme viel jünger wirkt und einen großen Stapel Platten kaufen möchte. Zwanzig Stück ungefähr, Yanos Stammkunden können sich vielleicht eine oder zwei leisten. Der Kerl zieht eine Rolle Dollarnoten aus der Socke, zahlt und verschwindet in der Menge. Eazy-E stellt an diesem Tag zwei Dinge fest. Erstens: Mit HipHop-Platten lässt sich Geld verdienen. Zweitens: Diesen Mann im Arztkostüm, den DJ der World Class Wreckin’ Cru, deren Hit »Surgery« er gerade gekauft hat, kennt er von früher. In Eazys Kopf reift schon länger der Plan, sein auf der Straße verdientes Geld – angeblich eine Viertelmillion Dollar – in ein legales und weniger gefährliches Geschäft zu investieren. Die Musikbranche sieht vielversprechend aus. Und einen erfolgreichen Produzenten kennt er auch schon.

Immer wieder taucht Eazy an Yanos Stand auf und fragt nach Dres aktueller Nummer. Als der Kontakt zustande kommt, hat Eazy zunächst die Idee, einen Plattenladen zu eröffnen, und fragt beide um Rat. Yano rät entschieden davon ab. Über Monate hinweg reift bei Eazy der Plan, es mit einem Label zu versuchen. Dre hat allmählich keine Lust mehr auf die Scharade mit der Wreckin’ Cru, in der er den Gigolo mit Stethoskop gibt. Die Musik ist ihm zu anbiedernd, die Kostüme zu albern, lieber würde er eigene Wege gehen und mit Yella produzieren, was und wen er will. Bei Alonzo Williams macht Dre sich indes unbeliebt, weil er notorisch verantwortungslos mit seinen Finanzen umgeht, mehrfach wegen Nichtigkeiten in Haft landet und sich von Lonzo auf Kaution freikaufen lässt. Als Lonzo sich einmal weigert, die Kaution zu stellen, weil gerade kein Gig ansteht, ruft Dre kurzerhand Eazy an, der seine Hilfe an eine Bedingung knüpft: Dr. Dre soll für Eazys neues Label produzieren. Nach dem zweiten Album der Wreckin’ Cru verlassen Dr. Dre und DJ Yella die Band und gesellen sich zu Eazy-E.

Don’t quote me boy, cuz I ain’t said shit

Eazy-Es Interesse an Rap ist zu diesem Zeitpunkt rein geschäftlicher Natur. Klar ist er musikinteressiert, hört Prince und P-Funk, King Tee, Run-DMC und schätzt die nicht jugendfreien Punchlines von Komikern wie Richard Pryor und Redd Foxx. Selbst ins Rampenlicht zu treten, ist aber nicht Teil seines Plans. Das nächste N.W.A-Puzzlestück ist Dr. Dres Kumpel O’Shea Jackson, besser bekannt als Ice Cube von der Gruppe C.I.A., sicher der talentierteste Schreiber der noch namenlosen neuen Crew. Deutlich inspiriert von Ice-Ts Single »“6 ’N The Morning« (siehe »Kings Of HipHop« in JUICE 161) schreibt Cube mit 17 den Text von »Boyz-N-The-Hood«. Die New Yorker Gruppe H.B.O., die den Track für Eazys Label aufnehmen soll, lehnt dankend ab. Mit dem Text können sie sich nicht identifizieren – »zu Westcoast«. Um die im Voraus bezahlte Studiozeit nicht ergebnislos verstreichen zu lassen, wird ausgerechnet der widerwillige Rap-Novize Eazy-E überredet, den Song zu rappen. Zu ihm und seinem Hustler-Image scheint die überzogene Straßengeschichte am besten zu passen.

 
»Anfangs war Eazy-E kein Rapper. Er wollte gar keiner sein«, sagt Ice Cube. Die Aufnahmen für diesen ersten Song dauern geschlagene zwei Studiotage, die Strophen stückelt Dre aus Einzelteilen zusammen, und die erste Version von »Boyz-N-The-Hood« klingt noch stark nach Demo. Der Kontrast zwischen Eazys hoher Stimme, seiner unsicheren Delivery und den expliziten Inhalten trägt aber sicher dazu bei, dass »Boyz-N-The-Hood«, in Eigenregie bei einem Macola-Konkurrenten gepresst, Anfang 1987 zum Überraschungserfolg wird – mit tatkräftiger Unterstützung durch Steve Yano und den Radio-DJ Greg Mack bei KDAY. Schon auf dieser ­Pressung prangt der Labelname, den Eazy sich ausgedacht hat: Ruthless Records. Es wird angesichts der Nachfrage nach Erics Solodebüt allerhöchste Zeit, ernst zu machen.

Anstatt mit Alonzo Williams gemeinsame Sache zu machen, auf dessen Label Kru-Cut die Wreckin’ Cru und Ice Cubes Gruppe C.I.A. veröffentlicht wurden, hat Eazy von Anfang an einen Wunschpartner. Jerry Heller ist ein erfahrener Musikmanager der alten Schule, der seit den Sechzigern Referenzen der Größenordnung Pink Floyd, Elton John, Van Morrison, The Who und Marvin Gaye gesammelt hat. Anfang der Achtziger findet er sich nach einer teuren Scheidung und einem ähnlich teuren Drogenproblem im Haus seiner Eltern wieder, bevor er als Künstlermanager bei Macola Records anheuert. Dort betreut er unter anderem die Acts von Alonzo Williams. Heller – weiß, Mitte Vierzig, jüdisch – hat schnell den Ruf als wichtiger Profi in der improvisierten Westküsten-Rap-Szene. Eazy setzt so viel Hoffnung in diesen Mann, dass er Alonzo Williams 750 Dollar für eine persönliche Vorstellung bietet. Jerry Heller hat wenig Lust auf ein Treffen mit dem Hustler aus Compton. Erst nach Monaten stimmt er zu, und das auch nur, weil Alonzo das Geld braucht, so Heller.

Am 3. März 1987 rollt Eazy-E in seinem aufgemotzen Suzuki Samurai auf den Macola-Parkplatz, auf dem Beifahrersitz MC Ren, der sich inzwischen zur Crew gesellt hat. Jerry Heller und Alonzo Williams warten schon. Eazy sieht aus wie immer: Raiders-Cap, Jheri-Curls, Sonnenbrille. Wortlos überreicht er Alonzo die vereinbarten 750 Dollar aus seiner Geldrolle in der Socke. »Willst du mir etwas vorspielen?«, fragt Heller. »Klar«, sagt Eazy. Während MC Ren sich damit beschäftigt, seinen Namen in Don McMillans Schreibtisch zu schnitzen, geht Eazy-E mit Jerry Heller in dessen Büro, legt ein Tape ein und spielt ihm »Boyz-N-The-Hood« vor.

Cruisin down the street in my 6-4

Wann immer Jerry Heller über diesen Tag spricht, und das tut er häufig, lautet die Kurzfassung: Das sei die wichtigste Musik, die er jemals gehört habe, und das sei ihm sofort klar gewesen. Er habe sich uneingeschränkt dieser Musik, diesem Label, nein, dieser Revolution widmen wollen. Vielleicht sollte man das im Kontext betrachten. Heller hat 1987 nicht gerade den lukrativsten Job seiner Karriere, kennt sich aber im Umfeld von Macola gut aus. Es ist zumindest denkbar, dass er weiß, wie beliebt die erste Auflage von Eazys Single auf dem Swap Meet und auf KDAY ist. Heller erkennt einen Hype, wenn er ihn sieht. (Der ausgebootete Alonzo Williams beschreibt Hellers Arbeit so: »Alles an die Wand werfen und dann sehen, was klebenbleibt.«) Aber egal ob professionell kalkuliert oder intuitiv begeistert, Jerry Heller schlägt ein und stellt sich als alter Hase des Musikgeschäfts hinter Eazy-E, hinter Ruthless Records und hinter die Gruppe, die inzwischen auch einen Namen hat: N.W.A. »Was soll das heißen, no Whites allowed?«, fragt er Eazy. Der lacht zum ersten Mal in diesem Gespräch: »Das ist schon ziemlich nah dran. Niggaz Wit Attitudez.«

Ruthless Records wird also Realität. Jerry Heller lehnt eine Fifty-Fifty-Partnerschaft ab und sichert sich stattdessen zwanzig Prozent aller Einnahmen des Labels – keine ungewöhnliche Rate für einen Musikmanager seines Kalibers. Vielleicht ahnt er, dass die Konstellation der Geschäftspartner noch für böses Blut sorgen kann. Außerdem wird er Manager der Band. »Boyz-N-The-Hood« wird nachgepresst und zieht Kreise bis nach New York, im November 1987 erscheint mit »N.W.A. And The Posse« ein durchwachsenes Compilation-Album, das mit der klassischen Besetzung der Band wenig zu tun hat. Nur The D.O.C. von der Fila Fresh Crew aus Dallas, die hier auftaucht, wird noch eine Rolle spielen. Zunächst gilt es nach diesen zwei Releases aber, sich von Macola zu trennen und einen Vertrieb zu finden. Man sagt Eigentümer McMillan nach, von erfolgreichen Titeln heimlich größere Auflagen zu pressen und auf eigene Rechnung zu verkaufen. Eazy macht sich die kreative Buchführung derweil zunutze und klaut kistenweise seine eigenen Platten.

Während die Vertriebssuche bei Priority endet, lohnt sich ein Blick auf das künstlerische Konstrukt namens N.W.A, das Anfang 1988 an neuem Material arbeitet. Die Besetzung – Eazy, Dre, Ice Cube, MC Ren, DJ Yella und kurzzeitig Arabian Prince – ist zwar auch Zufällen geschuldet, aber Dr. Dre als kreativer Nukleus, um dessen Talent, Motivation und Zugkraft sich die richtigen Leute gruppieren, ist von Anfang an Eazys Wunsch. Geschäftsmann Jerry Heller, der zweite wichtige Faktor, wird von Eazy mit der gleichen Vehemenz verfolgt und ins Boot geholt wie zuvor Dr. Dre.

Eazys jüngere Bandmitglieder haben keine Erfahrungen in Gangs oder Drogenhandel ­vorzuweisen. Von Anfang an ist N.W.A als Rollenspiel konzipiert, das sich an Streetlife-Geschehnissen anderer bedient. Im gleichen Atemzug werden HipHop-Ideale New Yorker Prägung durch ganz pragmatische Aufgabenverteilung ersetzt: Jeder macht, was er am besten kann. Die Texte kommen hauptsächlich von Ice Cube, MC Ren und The D.O.C., Ghostwriting ist für Eazy ein logischer Weg zum bestmöglichen Produkt. Dass Rap-Texte nicht unbedingt die autobiografische Wahrheit wiedergeben müssen, ist natürlich keine Erfindung von Eazy. Die Konsequenz aber, mit der N.W.A ihr Image aus Härte, Aggression und »Street Knowledge« für ihr Debütalbum auf den Punkt bringen, ist neu, schockierend und aufregend – gerade für Mittelstandskids, die nichts mit den Straßen von Compton zu tun haben. Und das, der bis dato größte Schritt für Gangsta-Rap als U-Musik, ist Eazys Verdienst.

My identity by itself causes violence

Eazy selbst ist auf »Straight Outta Compton« nicht gerade allgegenwärtig. Sein einziger Solo-Track ist ein Remix des schon veröffentlichten »8 Ball«. Fast zeitgleich erscheint dafür sein Album »Eazy-Duz-It«, das erste N.W.A-Solo-Projekt, auf dem Eazy eine ähnliche Themenwelt ungleich humorvoller erkundet. Seine Raptechnik ist immer noch nicht ­überragend, seine Stimme immer noch etwas nervig, aber sein Charisma und die Texte von Cube und Ren etablieren Eazy-E als überlebensgroße Cartoonversion des echten Eric Wright, als Gangster, Player und Shittalker, mit dem man sich keinesfalls anlegen sollte. Beide Alben sind, nicht zuletzt dank MTV-Boykott und einer Warnung des FBI im Zusammenhang mit »Fuck The Police«, extrem erfolgreich und erreichen bald Platinstatus.

 
Alte Branchen-Weisheit: meh’ Geld, meh’ Probleme. Trotz des bahnbrechenden Erfolgs beginnt das soziale Bandgefüge schon 1989 zu bröckeln, während sich die Geschäftsbeziehung zwischen den völlig unterschiedlichen Typen Eazy-E und Jerry Heller mit einem freundschaftlichen, fast väterlichen Vertrauensverhältnis mischt. Heller eröffnet mit Eazy dessen erstes Bankkonto, handelt bei einem Autohändler seinen ersten Kreditvertrag aus und ist trotz der gemeinsamen ­Freude an der Provokation ein mäßigendes, unaufgeregtes Gegengewicht für Eazy. Die beiden sprechen jeden Tag stundenlang über das Tagesgeschäft und die Zukunft von N.W.A und Ruthless. Beim Rest der Band macht sich Unzufriedenheit breit, Ice Cube und Dr. Dre fühlen sich um Geld betrogen. Der Schuldige ist schnell ausgemacht: Jerry Heller, der als skrupelloser, alter Geschäfte-macher dargestellt wird. Er ziehe seinen Partner und die Band über den Tisch, so die Vorwürfe, und überhaupt habe man es mit ganz klassischer Ausbeutung schwarzer Kultur durch weiße, ja, jüdische Geschäftsmänner zu tun. Die Musikgeschichte kennt nicht wenige Präzedenzfälle.

Der Versuch eines nüchternen Blicks darauf: Natürlich wenden sich die enttäuschten Bandmitglieder zunächst gegen Heller, auch aus dem Wunsch heraus, Eazy-E weiterhin als Freund sehen zu können, der eher Opfer als Täter ist. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Eazy aus wirtschaftlichen Beweggründen ins Musikgeschäft eingestiegen ist. In seinem Buch »Ruthless« erklärt Heller, das Label habe von allen Einkünften nur 25 Prozent behalten, woraus wiederum sein Anteil kam. Der Rest sei, kurz gesagt, fair an Bandmitglieder, Autoren und Produzenten verteilt worden. An anderer Stelle räumt er ein, Dre sei immer »vertragsgemäß« bezahlt worden, nur »möglicherweise nicht dem Stellenwert entsprechend, den er im Lauf der Zeit bekam.« Es ist jedenfalls nicht abwegig, dass Dr. Dre, der als Teil der Wreckin’ Cru noch so regelmäßig pleite war, dass er wegen unbezahlter Strafzettel verhaftet wurde, und ein euphorischer, sehr junger Ice Cube Verträge unterschrieben haben, mit deren Inhalt sie später nicht einverstanden waren. Ohne weiter über rechtliche und moralische Details mutmaßen zu wollen, sollte man festhalten, dass Ruthless Records, Eazy-E oder Jerry Heller nie von einem ehemaligen Mitglied von N.W.A verklagt wurden. Über kurz oder lang vergiften diese Vorwürfe aber den Zusammenhalt der Gruppe. Ende 1989 verlässt Ice Cube die Band und nimmt in New York ein Soloalbum auf.

Never met an O.G. who never did shit wrong

Wie groß auch immer sein Stück vom Kuchen sein mag, Eazy-E ist 1990 ein reicher Mann mit teuren Autos, einem Anwesen in Westlake Village und einem erfolgreichen, legalen Geschäft. Alben von J.J. Fad, Michel’le und The D.O.C., zum Großteil von Dr. Dre produziert, spülen zusätzliches Geld in die Ruthless-Kasse. Eazy ist gerne ­alleine unterwegs, auch in Zeiten, in denen er in der Öffentlichkeit kaum ohne Bodyguard auftaucht. In seinem Auto begleiten ihn meist nur mehrere Telefone und Pager, mit denen er neben Ruthless auch seine abwechslungsreichen Beziehungen zum anderen Geschlecht koordiniert. Die meisten Tage enden im nicht minder luxuriösen Zuhause von Jerry Heller, wo die beiden sich bis in die Nacht hinein austauschen und nebenbei immer wieder Eazys neuen Lieblingsfilm, »King Of New York«, sehen. Wie Frank White, der Drogenhändler im Film, sichert sich Eazy die Loyalität seiner Community durch Großzügigkeit. Mal verschenkt er Beutel voller Weed an Freunde, mal Trut-hähne zu Thanksgiving an arme Familien – eine Idee, die Suge Knight später aufgreift. Weil Eazy regelmäßig für Wohltätigkeitsorganisationen spendet, wird er ausgerechnet zu einer Spendenaktion von George H.W. Bush ins Weiße Haus eingeladen. Für die Presse ist der gewaltverherrlichende Gangsta-Rapper in Washington ein weiterer willkommener Skandal. Eazy nimmt die Aufmerksamkeit gern mit, distanziert sich aber später öffentlich von Bush und den Republikanern und freut sich, er habe für nicht besonders viel Geld »Promo im Wert von einer Million Dollar bekommen.« Auf den Straßen seiner Heimat bleibt er hochangesehen, auch lange nachdem er aus Compton wegzieht. Im reichen und ziemlich weißen Westlake Village freut man sich weniger über den neuen Nachbarn Eric Wright. »Nigger Go Home« schmiert jemand an seine Garage. »Der Typ kann nicht taggen«, findet Eazy nur. Im Sommer lädt er MTV mit Reporter Fab 5 Freddy und einige Hundert Gäste zu einer dekadenten Pool-Party in der neuen Hood ein.

Innerhalb der Band wächst der Stress. Auf der EP »100 Miles And Runnin’« wird noch vereint gegen Cube gestichelt, der später mit »No Vaseline« eine homophobe Brandrede mit dem Vorwurf »You can’t be the nigga 4 life crew/With a white jew telling you what to do« in Richtung Compton schickt. In der dritten Strophe wird Eazy verbrannt und Heller erschossen. Die Veröffentlichung des zweiten N.W.A-Albums »Niggaz4Life« fällt 1991 zusammen mit der Einführung eines neuen Chartermittlungssystems, das fälschungssicher die Verkäufe in den USA erfasst. »Niggaz4Life« erreicht Platz 1 und beseitigt jeden Zweifel daran, welchen Stellenwert nicht nur Gangsta-Rap, sondern Rap ganz allgemein in der amerikanischen Realität bekommen hat. Dass Ruthless das als künstlergeführtes Independent-Label erreichen kann, unterstreicht die Wichtigkeit von Eazys ursprünglicher Vision. Zugleich ist »Niggaz4-Life« das Ende von N.W.A.

 
Unter den Stimmen, die dem unzufriedenen Dr. Dre ins Ohr flüstern, er werde ausgenutzt und müsse etwas Eigenes anfangen, gehört die lauteste einem massigen Ex-Footballspieler namens Marion »Suge« Knight, der als Bodyguard von D.O.C. ins Spiel kommt. Eazy will sich nicht unter Druck setzen lassen und weigert sich, die Verträge (Dre ist als Künstler, Produzent und Autor unter Vertrag) nachzuverhandeln, will Dre aber nicht so leicht gehen lassen wie Ice Cube, weil er auch für andere Ruthless-Künstler wertvoll ist. In dieser Spannung bahnt sich die Eskalation langsam an, Suge Knight wird immer ungemütlicher. Jerry Heller erzählt in seiner Autobiografie, dass Eazy sogar kurz in Betracht zieht, Suge Knight umbringen zu lassen. Was stattdessen mutmaßlich passiert, wurde schon oft erzählt: Eazy wird von Dre ins Studio gelockt, wo ihn Suge erwartet, der zuerst behauptet, Heller in seiner Gewalt zu haben, und dann droht, dass Eazys Mutter etwas zustoßen könnte. Auf so eine Situation waren Eazy und Jerry gefasst. Eazy unterschreibt Auflösungsverträge für Dre, dessen Freundin Michel’le und The D.O.C. und lässt das zentrale Kapitel in der Geschichte von Ruthless zu Ende gehen.

»Dre Day« only meant Eazy’s payday

Im Video zu »Dre Day« aus »The Chronic« lässt Dr. Dre bald einen Eazy-E-Doppelgänger namens Sleazy-E auftreten und vor einem schmierigen Musikmanager Männchen machen, bevor die Rapper-Parodie zuerst obdachlos und dann erschossen wird. Ironischerweise verdient Eazy an all den stumpfen Seitenhieben gegen sein Label und seine Person mit, nachdem außergerichtlich eine Beteiligung an den Einkünften von Dr. Dre vereinbart wird. Eazy selbst veröffentlicht zeitgleich zu »The Chronic« zuerst die etwas ziellose EP »5150: Home 4 Tha Sick«, der man den Weggang der wichtigsten Kreativen aus seinem Umfeld leider anhört. Der aufgestaute Ärger über Dre und das unschöne Ende von N.W.A kommt nach entnervten öffentlichen Statements schließlich 1993 in Form einer weiteren EP auf den Markt: »It’s On (Dr. Dre) 187um Killa«. (Ja, schwierige Titel fand er gut.) Die EP verkauft über zwei Millionen Exemplare, obwohl – oder gerade weil – sie musikalisch ein eher schwacher Aufguss von Dr. Dres G-Funk ist, gegen den hier kontinuierlich gewettert wird. Gegen den Mainstream-Erfolg von »The Chronic« kommt Eazy nicht an.

 
Frust und Neid auf die Verkäufe von Death Row scheinen Eazy-E in dieser Zeit anzutreiben. Für 1994 wird ein ambitioniertes Doppelalbum namens »Temporary ­Insanity« angekündigt, das über dreißig Tracks enthalten soll, darunter ein Feature mit Guns N’ Roses. Das Album wird zuerst verschoben und erscheint nie in der geplanten Form. Von seinen Bandkollegen verbleiben nur DJ Yella und MC Ren bei Ruthless, und selbst Ren geht auf Distanz zu Eazy. Zeitweise sind mehr als zwanzig Ruthless-Projekte gleichzeitig in Vorbereitung, von denen nur wenige auf Albumlänge umgesetzt werden. Trotz einiger bemerkenswerter Ansätze ­(siehe Kasten) gibt es in der Spätphase nur eine Entdeckung von Eazy, die noch erfolgreich wird, und zwar Multiplatin-erfolgreich: Bone Thugs-N-Harmony. Die chaotische, völlig mittellose Gruppe aus Cleveland, die Eazy dort nach einem Auftritt trifft, wird mit der Single »Thuggish Ruggish Bone« aus dem Stand zur Sensation des Musiksommers 1994 und geht mit der EP »Creepin On Ah Come Up« Doppelplatin. Dieser kommerzielle und künstlerische Erfolg gibt Eazy endlich das Gefühl, Legitimität als Musik-Executive zu haben, und das mit einer Band, die dem Spektrum von G-Funk und Gangsta-Rap eine ganz neue Farbe hinzufügt. Die Zeichen stehen auf Erfolg für Ruthless, als das erste Album von Bone Thugs-N-Harmony Formen annimmt. Nur eben zu spät.

Über die letzten Monate in Eazy-Es Leben ist es fast unmöglich, verlässliche Informationen zu sammeln. Schon im Winter 1994/1995 trifft er Ice Cube in einem New Yorker Club zu einem langen Gespräch. Offenbar schließt er auch Frieden mit Dre und spielt dessen Musik in seiner eigenen Radioshow auf KKBT. Jerry Heller führt das vornehmlich darauf zurück, dass Eazy keinen größeren Wunsch gehabt habe als eine lukrative N.W.A-Reunion auf Ruthless Records. Sein Privatleben gerät aus den Fugen, er schleppt seine wachsende Entourage in Stripclubs, vergisst manchmal Frauen tagelang in einem seiner Häuser. Als er am 24. Februar 1995 ins Cedars-Sinai Medical Center eingeliefert wird, glaubt er an chronisches Asthma. Die Diagnose ist ein Todesurteil: AIDS.

Kurz vor seiner Einlieferung bricht der Kontakt zu Jerry Heller ab, der die Menschen in Eazys Umfeld in dieser Phase als »Aasfresser« bezeichnet. (Da er sich lange nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert hat, dürfte die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhen.) Heller verlässt Ruthless, vielleicht auf Eazys Wunsch. Ein neuer Anwalt spricht für Eazy-E. Kurz vor seinem Tod heiratet er Tomika Woods, die er schon seit 1990 kennt, und als Dr. Dre und Ice Cube ihn besuchen wollen, ist Eric schon nicht mehr bei Bewusstsein. Als er stirbt, hat er mindestens sieben Kinder von sechs Frauen, drei weitere Frauen sind von ihm schwanger. Am 26. März ist Eazy-E tot.

One more mile to go through the dark streets

Eazy-Es zweites Album erscheint neun Monate nach seinem Tod unter dem Titel »Str8 Off Tha Streetz Of Muthaphukkin Compton« und leidet, das muss man sagen, unter der gleichen Konzentrationsschwäche wie zuvor seine Solo-EPs. Eazys Vermächtnis sollte man aber nicht nur auf seinen oft durchwachsenen Releases suchen. 1996 ist das erste Jahr in der Geschichte der Musikindustrie, in dem Indielabels höhere Umsätze erzielen als die Majors. Ruthless Records ist nicht ganz unbeteiligt daran, nachdem alleine »E. 1999 Eternal« von Bone Thugs-N-Harmony in den USA über fünf Millionen Mal gekauft wird – häufiger als beide N.W.A-Alben zusammengezählt. (Die Band widmet das Album ihrem Entdecker und geht später dazu über, öffentlich zu behaupten, Jerry Heller habe Eazy-E getötet.)

 
Vor Eazys Tod war Ruthless eines der erfolgreichsten Indies überhaupt, das größte Indielabel mit einem schwarzen Eigentümer seit Motown unter Berry Gordy. Vor allem aber war Eazy-E als Gründer von Ruthless Records der Vorreiter einer Rolle, die HipHop bis in die Jetztzeit prägt: Er war der erste visionäre Rap-Entrepreneur und hat eine neue Machtposition für Künstler geschaffen, ohne sich zu verleugnen. Ob Puff Daddy mit Bad Boy, Master P mit No Limit oder Jay Z mit Roc-A-Fella, ja, sogar Suge Knight mit Death Row – sie alle hatten eine genaue Vorstellung davon, was sie verkaufen wollten. Nicht nur ein Album, sondern ein Gesamtpaket, einen Style, eine Attitüde. Eazy war nie nur ein Aushängeschild aus Imagegründen, er war das Image. Er kannte aber auch seine Schwächen und wusste, wie wichtig es ist, die richtigen Talente an seiner Seite zu haben.

Eazy-Es Vision war nicht nur verantwortlich für die erste weltweite Erfolgswelle von Gangsta-Rap, sondern indirekt auch für dessen nächste Evolutionsstufe nach dem Weggang von Dr. Dre. Die komplette Westküste erlebte durch N.W.A eine Stärkung, die sich in den Neunzigern auf viele Bereiche der Mainstream-Kultur auswirkte – und das nicht nur positiv, wenn man einmal an den künstlich befeuerten Konflikt zwischen Ost- und Westküste denkt. Die Macht von »Straight Outta Compton«, das revolutionäre Selbstbewusstsein der ersten Jahre von Ruthless Records steckt jedenfalls bis heute tief in den Erbanlagen von Rap. Wer weiß, wie es ohne den kleinen Dealer aus Compton gekommen wäre. ◘

Foto: Ruthless Records