»Wenn du dich in Oberflächlichkeiten verfängst, bist du am Arsch« // The Underachievers im Interview

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Früh hat er sich da raufgestürzt, der Musik-Connaisseur und neuerliche Gelegenheits-Rapper Steven Ellison. Noch bevor das Brooklyner Rap-Duo The Underachievers auch nur ein Mixtape draußen hatte, lief in der Pitchfork-Doku im Hause Flying Lotus ihr Lied »Gold Soul Theory« beim Bügeln im Hintergrund. Kurze Zeit später war der Brainfeeder-Vertrag auch schon aufgetischt und unterschrieben. Ellison tat gut daran, die Jungs schnellstmöglich vom Markt zu fischen. Denn Ak und Issa Dash sind fest davon überzeugt, dass sie und ihre verbündeten Flatbush-Indigos eine neue Ära einleiten werden. Und wir reden hier nicht nur von Rapmusik.

»Ich bin Straßenpharmazeut.« So stellt sich Issa Dash, der weitaus gesprächigere Underachiever, mir bei unserem Treffen in Brooklyns Prospect Park vor. »Auf diesen Uni-Kram bin ich auch mal abgefahren, aber das war früher. Da hatte ich den Traum, einen Doktortitel der Philosophie zu erwerben. Die Uni war für mich immer einfach, aber irgendwann habe ich mich doch gegen diesen Weg entschieden. Ich will so viele Menschen wie möglich erreichen und das kann ich am besten übers Rappen.«

Das Rappen begleitet die beiden Anfang 20-Jährigen seit jeher. Wie sollte es auch anders sein in Brooklyn, home of the illest? Flatbush, um genau zu sein. Mit Juice und Meech von den Flatbush Zombies zusammen aufgewachsen, bandelten Ak und Dash auch schon in frühem Alter mit Joey Bada$$ und dem jüngst aus dem Leben geschiedenen Capital Steez an. Eine Crew aus Rap-Strebern, wenn es je welche gab. Wer sich die alten Freestyle-Videos des jungen Bada$$ mal angeschaut hat, weiß, dass dieser Kerl seine Reimpaare ein Leben lang schon morgens aus der Cornflakes-Schüssel schippte. Für The Underachievers kristallisierte sich die Idee, ihr Hobby zur Karriere zu machen, allerdings verhältnismäßig spät heraus. Erst seit Beginn des vergangenen Jahres gehen Ak und Dash als Reimduo gemeinsame Wege. »Ich rappe schon seit Ewigkeiten«, erklärt Ak. »So richtig ernst nehme ich die Sache aber erst, seitdem wir beide vor ein paar Monaten beschlossen, endlich mal richtig Gas zu geben.« Mittlerweile präsentiert man sich unter dem Namen Beastcoast auch einer breiteren Öffentlichkeit als geschlossene Einheit. The Underachievers sind bei Brainfeeder untergekommen, aber sie sind immer noch Beastcoast, Indigo, Elevated Nations.

»The youth is getting conscious.«

Halt, Stopp. Indigo? Elevated Nations? Da wird die Sache schon schwieriger – oder interessanter. Flatbushs Reimfamilie schwimmt nicht nur gemeinsam in diesem Teich, weil sie dort alle zusammen gelandet sind. Sie reitet auch auf ihrer eigenen spirituellen Welle. »Indigo ist, wer wir sind«, so Ak. »Du bist Indigo, er ist Indigo. Wir haben uns den Dingen angepasst und ein größeres Verständnis zu dem entwickelt, was Leben bedeutet.« Das Indigo-Kinder-Konzept an sich entspringt einer esoterischen Denkweise, die Ende der siebziger Jahre aufkam und in den Neunzigern eine Renaissance erfuhr. Vertreter dieses Konzeptes behaupten, dass eine Generation von Kindern heranwächst, die über besondere spirituelle Fähigkeiten und ein höheres Bewusstsein verfügen. Diese erkennt man anhand ihrer indigofarbenen Aura und sie werden die Menschheit in eine neue geistige Ära führen. Indigo ist zudem in dieser Denkschiene die Farbe des sechsten Hauptchakras (»Ajnya«), im Englischen auch »third eye« genannt und im Hieroglyphics-Logo verewigt.

Dem gemeinen, bodenständigen Rap-Fan mag dieses Esoterikgeschwafel sauer aufstoßen. Doch man sollte sich deswegen nicht der Grundaussage verschließen, die die Flatbush-Clique in die Welt tragen möchte. Dash erläutert: »Wir sind alle eins. Der größte Schund, den man seit Ewigkeiten versucht, den Menschen einzutrichtern, ist, dass uns Dinge unterscheiden. ‘Rasse’, Religion, Geschlecht, Nation. Aber unsere Generation kann einfach darüber hinauswachsen. Das ist viel einfacher, als es vor zehn Jahren noch war.« Von einem »messianischen Bewusstsein« spricht Dash in seiner bewusst pathosschwangeren, teils überspitzten Esoteriker-Eloquenz. »Es gibt in unserer Generation Lichtfiguren, Vorboten, die verstehen, was passiert. Unsere Aufgabe ist es, unsere Generation aufzuklären. Darin liegt der Sinn unserer Musik.« Dash und Ak, aber auch die Flatbush Zombies und ihre Kollegen von Pro Era sehen sich selbst als Indigo-Kinder, die zu Höherem bestimmt sind, nämlich den nach ihnen Kommenden den Weg zu weisen. »Es ist doch klar, dass die Kinder, die in der heutigen Zeit aufwachsen, viel smarter sein werden als alle vor ihnen«, meint Dash. »Einen so weitreichenden technologischen Umbruch hat es vorher noch nie gegeben.« Ak ergänzt: »Es liegt an uns, unsere Generation weg von dem oberflächlichen Scheiß zu bringen, mit dem sie bombardiert werden. Wir wollen ihnen das große Ganze zeigen und eine positive Einstellung verbreiten.«

»Elevate your thinking, young Gods!«

Bei dieser Philosophie lassen sich Parallelen zur »Nation of Gods and Earths«-Mythologie der Five Percenter erkennen. »Knowledge, wisdom and understanding«, Selbstdeifizierung, spirituelle Erhöhung – diese Konzepte gehören auch zu den Grundbestandteilen der von Clarence 13X begründeten Abspalterbewegung der Nation of Islam. Das ist vor allem deshalb interessant, da es einen inhaltlichen Rückgriff auf den Untergrund-Rap der neunziger Jahre darstellt (siehe Brand Nubian, Digable Planets, Black Sheep, Poor Righteous Teachers usw.). Inzwischen mag es bereits jedem aufgefallen sein: Golden-Era-Retromanie liegt derzeit voll im Trend. Ak und Dash graben ein Level tiefer, als es beispielsweise Joey Bada$$ und Space­GhostPurrp in der Regel allein mit ihrer Beat- und Reimästhetik tun und beziehen sich explizit auf die oftmals unterschwelligen mythologischen Diskurse dieser Ära. Im Gegensatz zur Nation allerdings basiert die Underachievers-Philosophie nicht auf Ausgrenzung und Abspaltung, sondern auf einer allgemeingültigen Verbreitung dieser Konzepte, losgelöst von »Rassen«- und Klassenkonstrukten, übertragbar auf jedermann und -frau.

»You don’t need a pocket of green, just the gold in your heart.«

»A rebel, who went searching for treasures in his soul …« So beginnt Issa Dash seinen Part auf »Gold Soul Theory,« dem Track, der bis heute die konzentrierteste Abbildung des Underachievers-Weltbildes darbietet. »Wenn du dich in Oberflächlichkeiten verfängst, bist du am Arsch,« erklärt Dash. »All die Schätze, die du benötigst, finden sich in dir selbst. Sobald du erkennst, dass eine göttliche Kraft in dir wohnt, kannst du deine eigene Realität kreieren.« Selbstfindung, Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung, Indigo-Style. Ein spirituelles Erwachen versprechen The Underachievers am Ende der Reise ins tiefste Innere. Läuterung, Erleuchtung. Oberflächlich funktioniert das »Gold Soul Theory«-Video subtil, effektiv und einprägend. Die aufgestapelten Bücherreihen, das heilsfigurenartige Pharaonen­abbild, die überlebensgroße Wandmalerei in einem Williamsburger Hinterhof, die einen Indianerhäuptling darstellt. Ak und Dash predigen das Streben nach Weisheit. Statt Ketten und Klunkern geht es ihnen um ­inneres Bling. Eine solche Einstellung lässt sich im Rap abseits der Backpacker-Kultur an sich nur schwierig finden. Verpackt wird die Message der Underachievers auch nicht in melancholischen Streicher-Samples, die mit dem üblichen Bummtschack unterlegt sind. Flockige Hörbarkeit und ein zeitgemäßer Sound sind dem Duo extrem wichtig. »Um die Kids zu erreichen, muss man sie mit dem ködern, was sie hören wollen,« so Ak. Die en vogue Screw-Ästhetik findet bei The Underachievers genauso Einzug wie frische Soul-Samples, Hooks zum Mitsingen und Schlagwörter, die hängenbleiben.

Nachdem sich die Veröffentlichung ihres Debüt-Mixtapes zunächst immer wieder verschob – was wohl hauptsächlich daran lag, dass Qualitätskontrolle und exaktem Timing unter FlyLo-Schirmherrschaft ein größerer Stellenwert zukam – erschien nun Anfang Februar das lang ersehnte »Indigoism«. Das Tape hält die Versprechen, die die Jungs in den Monaten zuvor mit einer Reihe vorzeitig geleakter Tracks gaben. Musikalisch zeigt es die Bandbreite, die Ak und Dash trotz ihrer ausgeprägten Neunziger-Affinität an den Tag legen. 808-lastige Kofferraumrüttler stehen den Underachievers ebenso gut zu Gesicht wie staubige Drum-Paletten aus der goldenen Ära. »The Mahdi« huldigt den Souls of Mischief des Jahres 1993, »Revelations« – ohne Frage ein echtes Tape-Highlight – wirft sogar »klassische« Trap-Percussion, Cody-ChesnuTT-Vocals, sanftes Orgeldröhnen und Blues-Loops zusammen in den Mixer (File under: #boomtrap?). »Conscious ways with a little bit of ign’ant,« wie es sich auch im Text widerspiegelt. Das zeichnet den UA-Lifestyle aus: die gekonnte Gratwanderung zwischen esoterischem Konzeptualismus, östlicher Mythologie der Antike, Psychedelika-Konsum und lockerer, massentauglicher Außendarstellung. Zum einen erleichtert diese Ambivalenz das Verdauen der »Third eye«-Philosophie-Häppchen und verhindert das Abrutschen ins Pastorentum. Zum anderen macht es glaubhaft, dass Ak und Issa Dash neben ihrem Dasein als ­belesene Esoterikstreber vor allen Dingen zwei grundcoole Burschen sind. So viel Swag hat vorher noch nie in einen Rucksack gepasst.

»You’s a fuckin’ living God, why you bowin’ down to Christ?«

Zudem verstrickt man sich im Hause UA keineswegs nur in halbgarer Pseudo­psychologie und Verschwörungstheoretik. Hand und Fuß haben die Inhalte, die Ak und Dash zu Papier bringen, allemal. Ihre Religionskritik ist durchdacht, nicht hass­tiradisch hingerotzt. (Was macht eigentlich dieser Vinnie Paz zur Zeit?) Die spaltende Natur und ideologische Engstirnigkeit der Weltreligionen lehnen die Underachievers ab, man verschreibt sich einer universellen Spiritualität, die auf innerer Erleuchtung und nach außen gerichteter, allgemeiner Grundakzeptanz fußt. Kapitalismus-Dekonstruktion, die man als Hustler auch schon mal beim Ticken im Hintergrund laufen lassen kann. Drogenkonsum wird dennoch stets klar im Spektrum der spirituellen Erkenntnis ­verortet. »New New York« fängt geschickt die aktuelle stadtübergreifende Mischmasch-Bewegung aus Neunziger-Nostalgie, Drogen-Rap, ­Philosophie-Affinität und Straßenhymnen ein. Auf »Indigoism« können sich alle gleichermaßen einigen: hängengebliebene Golden-Era-Faschisten, die Mädels mit den Einsern und Carhartt-Mützen, ausgewählte Grimm-Zentrum-Stammgäste, du, ich.

Was außerdem nicht unter den Teppich gekehrt werden darf: Rappen können die Jungs! Ak und Dash fliegen mit heftigster Wortgewalt über die Beats, schlagen ihren Zuhörern Reimketten um die Ohren, wechseln Schemata wie Unterwäsche. Egal ob im Tag-Team-Modus auf Doubletime oder dynamische Sechzehner durchspittend – die Chemie passt blind in jedes Reagenzglas. Ak gibt den Techniker im Bunde, wirft mit verschachtelten Patterns um sich, rasiert immer wieder bis auf den Knochen. Dash rappt oftmals Flow- und Style-orientierter, kommt mit den knackigeren Schlagwörtern um die Ecke, gibt sich stets als der erleuchtete Prophet. »The most high, why lie/Nigga, I’m on my Jesus shit/Asalaam alaikum, my gods, I’m on my people shit.« Das ist klassische Rapkunst der Mos-Def-Schule, Freunde. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten kann diesen Indigo-Kindern niemand absprechen.

»Guided by the light«

Zurück nach Brooklyn, Spätsommer 2012. Im Prospect Park ist es inzwischen dunkel geworden. Außer uns dreien sitzt hier keiner mehr im Gras. Issa Dash wird nachdenklich. »Schau dir an, was 20 Kids in Flatbush tun können, wenn wir unsere Köpfe zusammenstecken. Sky is the limit.« Ein Feuerzeug zischt, der Joint wird noch mal angezündet. »Beastcoast wird noch verrückten Scheiß auf die Beine stellen, das weiß ich.« Dass die Veröffentlichung von »Indigoism« die Denkweise einer Generation prägen oder gar die Welt verändern kann, ist vielleicht eine etwas vermessene Annahme. Aber Ak und Dash sind ja auch lediglich die Vorboten.

Text: Anthony Obst

Fotos: Alexander Richter

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