»Ich schreibe die Texte meist auch so, als würde ich in meinem Kopf marschieren« // Massiv im Interview

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Massiv

Ortstermin im Wedding. Massiv hat in die eigenen vier Wände geladen. Es geht vorbei am Schuhschrank, darauf liegt fein säuberlich drapiert seine Bauchtasche, hinein ins Wohnzimmer. Massiv hat die ungemasterte Version von »BGB3« bereits ins Laufwerk seiner weißen Playstation geschoben, auf dem riesigen, weißen Flachbildfernseher öffnet sich die Darstellung der digitalen Audioausgabe. Während Massiv in den Texten Mütter auf den Strich schickt und Jungfrauen wieder zunäht, weil er es eng bevorzugt, erscheinen auf dem Bildschirm die unterschiedlichsten Formen und Muster und verändern sich im Takt der Musik. Draußen zwitschern die Vögel. Mein Blick wandert über das ebenfalls weiße TV-Board. Im untersten Fach liegen drei Bücher. »Wissen auf einen Blick«, ein Bildband über Muhammad Ali und ein Weltatlas. Massiv rappt mit. Er wippt vor und zurück und schlägt begleitend zu jeder Punchline in die Luft. »Die Mucke ist perfekt zum Trainieren!« Während Massiv schattenboxt, wandert mein Blick in eine Ecke des Raumes. Dort steht eine Vitrine mit der gesamten Massiv-Diskografie. Jede CD hat ihr eigenes Fach, nur ganz oben ist noch eines frei – für »BGB3«, klar. Massiv geht kurz in die Küche, kommt wieder. Er reicht zuckerfreie Energy-Drinks und eine Packung »Celebrations«, diese Miniatur-Schokoriegel. »Hier, wenn du magst. Ich rühre das nicht an.«

Das Fitnessding nimmst du schon sehr ernst, nicht wahr?
Ja. Seit einem Jahr habe ich angefangen mit Eiweiß, Aminosäuren, also BCAA. Das hat mir noch mal einen Kick gegeben. Natürlich gibt es mal Tage, an denen du einfach schockmäßig Süßigkeiten isst, aber dafür hast du eben auch perfekte Tage. Gerade versuche ich, an meine Grenze zu gehen. Ich arbeite darauf hin, nächstes Jahr auch mit den Beinen anzufangen und einen komplett gut gebauten Körper zu bekommen.

Apropos, du hast vor kurzem auf Facebook einen Trailer zu »Pumping Iron« von Arnold Schwarzenegger gepostet. Ist er in Sachen Fitness ein Vorbild für dich?
Natürlich ist er ein sportliches Vorbild. Ich habe ja die Last, dass ich genetisch nicht so krass veranlagt bin. Ich gehe sechsmal die Woche für 60 bis 90 Minuten zum Sport und habe trotzdem nicht das gleiche Ergebnis wie jemand, der die genetische Veranlagung hat. Es kommt mir so vor, als müsste ich viermal so viel machen und noch mehr auf die Ernährung achten, um ein komplett schönes Ergebnis zu haben. Aber trotzdem lasse ich mir das nicht nehmen, weil ich dort auch meine Aggressionen rauslassen kann.

Warum?
Wie, warum? (lacht) Aus Leidenschaft, wegen der Liebe zum Sport – das treibt mich jeden Morgen um sieben oder halb acht ins Studio. Mein erster Weg ist immer Richtung McFit. Ich weiß nicht, was ich sonst machen soll, außer Frühstücksfernsehen zu gucken. Der Tag ist um die Uhrzeit so leer, weil alle noch schlafen. Deshalb muss ich da irgendetwas machen.

Zu »BGB3« kann man sicher auch sehr gut trainieren, oder?
Ja, ich höre im Training immer meine eigene Musik. Ich schreibe die Texte meist auch so, als würde ich in meinem Kopf marschieren. Wie ein Soldat. Und wenn die Hookline kommt, explodiert alles.

Was ist, wenn du nicht trainieren kannst?
Der Tag ist dann für den Arsch. Manchmal habe ich einen schönen Film auf dem Lappy geschaut, aber dann denke ich immer: »Dieser Film, diese Serie, dieses Essen – all das würde viel mehr Spaß machen, wenn ich schon trainieren gewesen wäre.« Ich muss mein Training erledigen, um einen glorreichen Tag zu haben.

Du hast ja diese Trainings-Blogs gemacht. In meiner Kolumne habe ich mich auch damit beschäftigt. An sich sind solche Blogs ja eine gute Sache. Aber mir fehlte da irgendwie die Expertise.
Die waren nur für Einsteiger und wurden ganz plump und schnell gedreht. Die nächsten drehen wir in zwei Monaten und werden mehr ins Detail gehen. Da wird auch mit Oberkörper frei trainiert, damit man die einzelnen Muskeln unter Anspannung sieht. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Körperkult ganz wichtig ist. Die Leute holen sich Eiweiß-Shakes, kaufen sich Riegel. Früher ist man vielleicht einmal die Woche trainieren und einmal schwimmen gegangen. Und jetzt ist McFit voll. Ab 14 Uhr kannst du da keine Hantel mehr heben, weil es so voll ist. Das ist ein Massenkult geworden. Es gibt ja für jeden Muskel tausende Bewegungsmöglichkeiten. Du kannst etwas zwar richtig erklären, aber die Leute machen es dann doch falsch. Dafür sind die Trainer vor Ort wichtig. Ich wiege derzeit 96 Kilo, manch einer wiegt vielleicht nur 65 Kilo, hat noch nie ein Seil in der Hand gehabt und zittert dann vor sich hin. So jemand sollte natürlich erst mal auf eine gesicherte Bank und die Trainer um Rat fragen.

Lass uns mal ein bisschen über Musik sprechen. Womit wohl niemand auf deinem Album gerechnet hätte, ist ein Feature von Afrob.
Afrob war mein absolutes Traumfeature. Ich bin mit allen seinen Tracks aufgewachsen im Jugendzentrum. Ich habe das hoch- und runtergehört. Für mich ist es unerklärlich, dass dieser Typ nicht relevanter ist als alle anderen deutschen Rapper zusammen. Stimme, Flow, Energie – da hat alles gepasst. Afrob war einer der wenigen, der zu der Zeit schon Street-Themen hatte. Und er hat das immer aus einer Erzählersicht berichtet, ohne sich als Gangster darzustellen. Ich kann mich noch an seinen Auftritt auf dem HipHop Open 2001 erinnern – das war Kingshit. Was viele auch vergessen: Afrob ist einer der wenigen deutschen Rapper, dessen Songs ab drei Uhr in den Discos laufen – egal ob »Sneak Preview« oder »Get Up«.

Wenn wir schon davon sprechen: Würdest du eigentlich sagen, dass du in der Szene akzeptiert wirst?
Schwer zu sagen. Seit »Ghettolied« wurde jedes Video, jeder Blog von den Leuten gehasst und gefeiert. Das wird sich nicht ändern. Denn ich mache immer noch nur das, was ich fühle. Wenn ich ins Kino gehe, dann gucke ich nicht, welcher Liebesfilm oder welche Komödie gerade läuft. Sondern ich gehe ins Kino, weil ich unterhalten werden will und suche mir den krassesten Actionfilm raus. Und wenn ich ins Studio gehe, dann nehme ich einen brachialen Beat-Ordner mit, und wenn ich Bock habe, einen Apache-Helikopter in ein Haus stürzen zu lassen, dann schreibe ich das auf. Dass ich auch Liebeslieder und Balladen machen kann, weiß jeder. Aber »BGB« ist halt harter Sound – das hat mich groß gemacht.

Wo kommen eigentlich diese ganzen Praktiken her, mit denen du deinen Gegnern auf den Leib rückst?
Ich habe halt eine krass blühende Fantasie, was die Thematik angeht, Leute zu zersägen. Und genauso ist das mit Filmen. Ich will da wirklich bis ins Detail unterhalten werden. Mich juckt das gar nicht mehr, wenn einem die Schädeldecke weggeknackt wird wie z.B. in »Saw«. Da muss schon vorher ein Spielchen dazu stattfinden – man muss irgendwelche Zahlencodes knacken und den Schlüssel für die Fesseln aus seinem Magen rausziehen, ehe der Dickdarm explodiert.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Film, in dem du solche blutrünstigen Szenen gesehen hast?
Das war »Tanz der Teufel«, da war ich gerade acht Jahre alt. Wir waren beim Nachbarsjungen und der hat die Kassette immer wieder in den Player geschoben. Ich wollte diesen Film immer wieder sehen. Und wenn ich heute Texte schreibe, dann spule ich diese Szene immer in meinem Kopf vor und zurück. Ich liebe einfach Actionfilme.

Diese Gewaltdarstellungen sind ja schon zu einer Art Markenzeichen von dir geworden.
Ja, aber nicht nur das. Ich kann mich nicht erinnern, dass es vor mir bereits einen Künstler gegeben hätte, der mit Wörtern wie »Habibi« (Arabisch: Freund) oder »Hamdulillah« (Arabisch: Gott sei Dank) um die Ecke kam. Im Studio wurde mir gesagt, ich solle das nicht sagen. Ich sollte auch den Mahmud aus der legendären »Mir geht es gut«-Zeile in einen deutschen Freund umbenennen. Aber Mahmud ist mein bester Freund – soll ich den verleugnen? Wäre es verkaufsstrategisch besser, wenn er Thomas geheißen hätte? Ich habe auf Singles Sachen wie »Hamdulillah« und »Insallah« (Arabisch: So Gott will) gesagt und damit mainstream gemacht. Heute freue ich mich, wenn Celo & Abdi in dieser Genresprache rappen.

Zu der Zeit gab es doch auch diese Parodievideos, in denen Leute deine Ansage gegen Snaga & Pillath und Manuellsen neu vertont haben und genau diese Sachen parodiert haben.
Ja, die kenne ich natürlich alle. Das sind Klassiker! Jeder Rapper hat zu mir gesagt, dass er im Studio sitzt und diese Videos guckt. Das Original ist ja schon sehr witzig. Klar habe ich da harte Ansagen gemacht, aber das hatte auch schon einen eigenen Wortwitz. Solche Sätze wie »Ich feier euch … null!« zum Beispiel sind heute Klassiker!

Warum ist der Löwe dein Wappentier?
Der Löwe ist der König der Tiere. Und er steht für Freiheit. Ein Löwe ist ein Symbol der Macht. Aber … (dreht seine Arminnenseite nach außen und zeigt den tätowierten Löwen auf seinem Unterarm) … der Al-Massiva-Löwe befindet sich in einem Ring aus Stacheldraht und hat eine Narbe am Auge.

Wie Scar im »König der Löwen«.
Ja. Ein Löwe, der viel durchgemacht hat. Er ist gefangen, aber steht trotzdem noch und ist mächtig.

Neulich hast du deine Fans auch mal Haie genannt.
Der Hai ist der König der Gewässer und quasi das Pendant zum Herrscher auf dem Land. Wusstest du, dass ein Hai ohnmächtig wird, wenn man ihn auf den Rücken dreht?

Du meinst die tonische Starre.
Genau. Aber ich glaube, das würde in freier Wildbahn nie funktionieren. Du fängst doch sofort an, mit den Beinen zu strampeln, wenn der auf dich zukommt.

Wo ist eigentlich deine Katze?
Bei meiner Mutter. Das ist ein bengalischer Kater, die kleine Ausgabe eines Geparden. Zwei oder drei Stufen größer ist dann eine Savannah-Katze. Aber an die kommst du nur durch saubere Züchtungen, die 12.000 bis 15.000 Euro kosten. Die haben eine Schulterhöhe von 50 Zentimetern und einen Schwanz, der fast einen Meter lang ist. Das ist quasi eine Mischung aus Raub- und Hauskatze. Die kannst du auch in der Wohnung halten. Das einzige Problem: Wenn du mit ihr spielst, springt die ohne Anlauf quer durchs Zimmer. Du kannst sogar mit einer Leine draußen mit ihr spazieren gehen und die Hunde werden Angst bekommen, weil die so muskulös ist und sich beinahe majestätisch bewegt.

Auf Facebook hast du mal ein Foto von einem Künstler gepostet, der aus Sand ein Pferd modelliert hat.
Hast du das gesehen? Was für Künstler es gibt! Wenn ich ein in den Sand gemeißeltes Pferd oder andere Dinge sehe, die mich zum Staunen bringen, dann hat der Künstler mich. Aber Farbklecksbilder von Affen, die für Millionen verscherbelt werden, geben mir nichts.

Text: Jan Wehn

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