Interview: Childish Gambino

Childish_Olson1

 

Donald Glover ist ein Wunderkind. Schon als Student an der New York University schrieb er für die TV-Serien »The Daily Show« und »30 Rock«. Anschließend machte er sich als Stand-up-Comedian einen Namen und war als Teil der Sketch-Gruppe Derrick Comedy die Ursache für das ein oder andere YouTube-Viral-Video. Seit 2009 spielt er außerdem eine der Hauptrollen in der absurd-genialen NBC-Show »Community«. Doch Glover besitzt auch Talente abseits der Mattscheibe. Unter dem Pseudo-Pseudonym Childish Gambino, das er von einem Wu-Tang-Namensgenerator verpasst bekam, ist er seit geraumer Zeit als Rapper aktiv. Sein neues Album »Camp« entstand in Zusammenarbeit mit Ludwig Göransson, der auch für den »Community«-Soundtrack verantwortlich zeichnet. In Kritikerkreisen gemischt rezipiert, wirft es vor dem Hintergrund seines künstlerischen Doppellebens vor allen Dingen interessante Fragen auf – Fragen zu Themen wie Authentizität, Raps Parodiefähigkeit und sich verändernde Bilder schwarzer Männlichkeit. Denn Childish Gambino ist keineswegs eine Witzfigur.

 

Dein erstes Album erschien im Jahr 2002. Was entwickelte sich zuerst – deine Liebe zur Schauspielerei oder die zur Musik?
An erster Stelle stand für mich immer das Machen an sich. Es war nie so, dass Musik meine heimliche Leidenschaft war, ich aber trotzdem irgendwie Schauspieler geworden bin. Mir macht es einfach Spaß, etwas zu machen. Einen Song zu machen, macht Spaß. Jeder, der etwas anderes ­behauptet, lügt. Es macht Spaß, eine Hook zu ­schreiben, genauso wie es Spaß macht, zu ­schauspielern. Etwas Kreatives zu ­produzieren, hat mir schon immer gefallen, schon als Kind.

 

 

Wenn du als Childish Gambino rappst, ist es dann, als ob der Schauspieler ­Donald Glover eine Rolle verkörpert?
Jeder Rapper verkörpert auf eine gewisse Art eine Rolle. Ich beziehe mich auf mich selbst als David in meinen Songs. Die Leute wissen, dass wir ein und dieselbe Person sind. Childish Gambino ist ein Pseudonym, ohne ein Pseudonym zu sein. Wenn ich einen Rap ­schreibe, frage ich mich zu keinem ­Zeitpunkt, was Childish Gambino jetzt wohl sagen würde. Aber es geht ein bisschen in die Richtung des betrunkenen Donald Glover. Es ist Zeug, das ich nicht ständig ungefiltert von mir geben würde.

 

Was sagst du zu Leuten, die dich ­fragen, ob deine Raps ernst gemeint sind?
Ich sage: »Was geht dich das an?« (lacht) Gefällt es dir? Dann halt die Klappe. Wen schert’s? Keiner fragt mehr nach dem Kontext. Die Leute regen sich zum Beispiel ständig auf, wenn ich mal was über Vergewaltigung sage. Sie hören nur das Wort und blocken sofort ab, werden sauer. Die hören nicht auf den Kontext. Wenn du dir nicht die Mühe machst, auf den Kontext meiner Worte zu achten, dann ist auch der »Ist das jetzt ein Witz oder nicht?«-Kontext hinfällig. Es macht keinen Unterschied. Nimm es einfach so, wie es ist.

 

Wen siehst du als deine Zielgruppe? Wen willst du mit deiner Musik erreichen?
Meine Musik ist für jedermann. Aber ­irgendwie ist es komisch… Eigentlich mache ich die Musik für alle und gleichzeitig für ­niemanden. Ich mache sie für mich selbst. Ich mag es, mir meinen Scheiß im Auto ­reinzuziehen und ihn zu feiern. Andererseits ist es auch so: Je spezifischer du dich ausdrückst, um so genereller wird es aufgenommen. Dadurch, dass ich nur für mich Musik mache, wird sie automatisch für alle zugänglich.

 

?uestlove behauptet, dass du der »schwarzen Nerd-Kultur« eine Stimme gibst, den schwarzen Vorstadtkindern.
Ich liebe ?uestlove, er ist ein cooler Kerl und ich verdanke ihm so einiges. Ich will es mal so sagen: Wenn schwarze Vorstadtkinder in mir eine Stimme finden, dann freut mich das. Denn ich glaube nicht, dass sie bisher diese Stimme hatten. Zwar tun immer alle so, als ob Odd Future dafür stehen, aber das tun sie nicht. Was die machen, ist immer noch zu einem gewissen Grad furchterregend. Die Vorstadt ist nicht furchterregend, sie ist langweilig. Es gibt genügend Rock-Platten, die davon ein Lied singen. Nirvana, Best Coast, Elliott Smith – die reden von der Langeweile, die du als weißes Vorstadtkind in deiner beschützten Umgebung empfindest. So etwas gab es nie für Schwarze. Odd Future spielen ein bisschen damit, aber so richtig wurde das bisher nie durchgezogen.

 

 

Du übertrittst doch aber manchmal selbst die Grenzen zum Furcht­erregenden, oder? Viele deiner ­Punchlines sind schon sehr überspitzt…
Ja, weil es Witze sind, die ich aus Langeweile mache. Ich finde es gut, wenn man sich an der Grenze bewegt. Das macht es gruseliger. Wie bei »American Psycho«. Man ist im Kopf dieses Psychopathen und kann sich in ihn hineinversetzen. Das ist abgefuckt. Dadurch wird es noch erschreckender: Du kannst dich mit ihm identifizieren.

 

…und wenn man den Kontext versteht, wird einiges sogar auf einmal lustig.
Genau. So wie meine Line »I love bitches, I love pussy/I should be running PETA«. Man könnte diese Zeilen einfach verurteilen, weil ich Frauen scheinbar als »bitches« und ­»pussy« bezeichne. Aber der Kontext ist ja, dass es Menschen gibt, die Frauen so bezeichnen – und »bitches« und »pussy« gibt es nun mal auch bei der PETA. Es ist einfach ein Wortspiel. Es wird ja zum Teil auch erst dadurch so schockierend, dass ich es bin, der das sagt. Viele Leute vertrauen mir, weil ich bei »Community« mitspiele. Die Kids fragen ihre Eltern, ob sie zum Donald Glover-Konzert gehen dürfen und die sagen: »Klar.« Und dann rede ich über »bitches« und »pussy«. (lacht) Ich finde das lustig.

 

Du brüstest dich oft damit, der erste Rapper zu sein, der mit den stereotypen Vorstellungen schwarzer Männlichkeit bricht. Haben nicht Kanye oder Drake auf dem Gebiet schon viel Vorarbeit geleistet? »Pitchfork« wirft dir vor, du würdest von einem »Prä-Kanye-Minderwertigkeitskomplex« ausgehen…
Ich finde es rassistisch von denen zu behaupten, Kanye hätte alles in Ordnung gebracht. Das ist so, als würde man sagen, Obama hätte Amerika vom Rassismus geheilt. Rassismus ist immer noch überall. Der Großteil der Menschen sieht HipHop nach Kanye noch immer mit den gleichen Stereotypen wie vorher. Wenn du deine Oma fragst, wofür in ihren Augen Rap steht, wird sie keine pinken Krawatten erwähnen. (lacht) Im Übrigen spricht Kanye auch nicht für die gesamte schwarze Mittelschicht. Dafür ist sie zu vielfältig. Er sagt zum Beispiel: »It’s in a black man’s soul to rock that gold.« Nein, Alter, das stimmt nicht! (lacht) Ich würde niemals eine Goldkette tragen. Einfach, weil ich so was nicht mag. Ich finde, das sieht scheiße aus. Und genau wie Kanye maße ich mir nicht an, für alle zu sprechen, sondern nur für mich selbst.

 

Befürchtest du nicht manchmal, deine Message könnte zwischen den ganzen Witzen verloren gehen?
Nein, da mache ich mir keine Sorgen. Die Leute sollen von meiner Musik mitnehmen, was sie wollen. Ich will niemandem meine Meinung aufzwingen. Ein Song entsteht immer aus meinen persönlichen Gedanken, die ich zu einem gewissen Zeitpunkt habe. An manchen Tagen passiert etwas, das dich zum Weinen bringt, an anderen Tagen etwas, das dich zum Lachen bringt. Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob die Leute etwas lustig finden könnten, was ich ernst meine. Ich versuche einfach auszudrücken, was mir auf der Seele liegt – manchmal ist das lustig und manchmal eben nicht. Wichtig ist nur, dass man nach dem Grund fragt.

 

Text: Anthony Obst