Hühner züchtende Hippies neben Gentri-Cafés: Mit OK KID durch den Kiez // Feature

OK Kid Zwei
Drei Mittzwanziger in der Metropole. Zwischen Party, Musikbusiness und Kneipenrausch im szenigsten Viertel Kölns. Das waren OK KID in der Wahrnehmung der Medien im Jahr 2013, als sie mit ihrem selbst betitelten Debütalbum einer Generation eine Stimme zu geben schienen, der alle Möglichkeiten offenstehen; einer Generation, die deswegen aber auch schnell in Exzess und Ziellosigkeit abdriftet und zwischen den Extremen Euphorie und Depression hin- und herschwankt. Die Generation Y, wie sie von Soziologen getauft wurde. Doch blickt man etwas tiefer in die Materie, dann waren Jonas Schubert (MC), Moritz Rech (Keyboard und Synthesizer) und Raffael Kühle (Schlagzeug und Gitarre) nie nur ein bloßes Abbild dieser manischen Szenerien. Und sie wollten das auch gar nicht sein.

OK KID sprengen seit Anbeginn Grenzen, ergänzen schillernde elektronische Nuancen durch Indie-Lethargie und die längst geernteten Früchte ihrer frühen Rapsozialisation. Einordnung, das war nie ihr Ding, doch gerade deswegen haben das so viele bei ihnen versucht: eine Schublade zu finden für die etwas andere Rapband, die sich nicht zu schade für Popgefilde ist. Jetzt erscheint nach der »Grundlos«-EP von 2014 das zweite Album, konsequenterweise »Zwei« getauft. Es ist Mittelfinger und Peace-Zeichen zugleich. Kompromisse sind nach wie vor keine Option, schöne Melodien dagegen schon. In Köln Ehrenfeld, jenem alternativ angehauchten Kölner Bezirk, in dem das Projekt OK KID so richtig Fahrt aufnahm, haben wir uns mit der Band getroffen. Ein Spaziergang zu all den Orten, die bezeichnend für das sind, was OK KID heute darstellen.

Ehrenfeld wirkt entschleunigt. Während am Kölner Hauptbahnhof Junkies, Polizisten, Reisende und Touristen hektisch röchelnd zu Zügen hechten, aufgeregt plappern oder Diebe verfolgen, herrscht an der S-Bahnstation Ehrenfeld angenehme Ruhe. Auch die Jungs von OK KID, die hier warten, wirken entspannt. Und das, obwohl »Zwei« gerade die letzte heiße Phase durchläuft. Letzte Kniffe im Mastering, finale Schnitte kommender Videos, Designs, die noch verändert werden müssen, und die verdächtige Ruhe vor dem Pressesturm. Raffael, Moritz und Jonas merkt man das nicht an. Sie bewegen sich in entspanntem Tempo in Richtung eines der hippen Cafés, mit tätowiertem Personal und Soja-Latte, um etwas koffeingetriebenes Tempo in den Morgen zu bringen. Diese Cafés sind ein erster Anhaltspunkt für die stetige Gentrifizierung in Ehrenfeld.

Raus aus dem Niemandsland

Als 2006 die Vorgängergruppe Jona:S, gegründet wurde, war vom giftgasigen Großstadtlüftchen nichts zu spüren. Die damals noch sechsköpfige Band lebte in Gießen, war ambitioniert, spielte aber abseits ihres lokalen Mikrokosmos keine Rolle. Es war eine Zeit des Zusammenfindens, die noch einige Jahre andauern sollte. Während sich Raffael und Jonas in der Gießener HipHop-Szene herumtrieben, mit Freestyles, dilettantischen Tags und allem Drumherum, lernte Moritz Klavier und grub sich querbeet durch die Popmusik. Nach und nach verkleinerte sich die Band. Es kam zum Bruch mit einigen Mitgliedern und 2012 schließlich zur Umbenennung in OK KID. Raffael und Moritz entschieden sich zudem, auch nach Köln Ehrenfeld zu ziehen, so wie es Jonas bereits getan hatte. Denn Band, das heißt für OK KID das intensive gemeinsame Vorantreiben einer Passion: Musik.

Wir laufen vorbei am CBE, einem Club, in dem sich progressive UK-Rapper und Kölns Beat-Nerds die Klinke in die Hand geben. Da spielten OK KID früher oft, mittlerweile gehen sie nur noch privat dort feiern. Über 200 Konzerte gaben sie in den letzten Jahren, die Bühnen und Festivals wurden größer und größer. »Mal sehen, wie lange es das alles noch gibt«, sagt Jonas, angesprochen auf den Wandel im Viertel. »Der Traditionsladen Underground macht wahrscheinlich nächstes Jahr dicht. Da sind auch ganz viele Proberäume, Studios, Ateliers. Das ist auf jeden Fall krass.« Freiräume werden abgerissen und durch moderne Wohnanlagen ersetzt. Angeblich sollen billige Apartments zur Verfügung gestellt werden, doch die Realität sieht anders aus. »Wenn du dir die Preise anschaust, dann zieht das eher eine zahlungskräftige Bevölkerungsschicht an, statt dass den Leuten hier geholfen wird«, sagt er. Ein Stück weit sind OK KID Teil dieses Aufwertungsprozesses, denn erst wenn Künstler und Musiker auf der Suche nach Entfaltungsräumen in Vierteln sesshaft werden, zieht das nach und nach die Wohlhabenden an, die sich in eine artsy Umgebung einkaufen wollen.

OK Kid Ehrenfeld

Wir halten an und stehen vor einer morbiden Lagerhalle. Die Grübeleien über Luxuswohnungen lösen sich in Luft auf. Hier ist noch alles echt, marode und charmant zugleich. In der Lagerhalle teilt sich Stefan Braunbarth mit zwei Architekten ein Atelier Slash Produktionsraum. Stefan schießt seit Jahren die Presse- und Tourfotos und dreht mittlerweile mit seinem Kollegen Kamil Hartwig unter dem Namen No Drama auch die Musikvideos der Combo. Die schaurigen Bilder zu »Gute Menschen«, der ersten, viel beachteten Single aus »Zwei«, gehen auf ihre Kappe. Im Video wird ein rechtsextremer Ehrenmord inszeniert, nachdem die Tochter eines schmierigen Gemeindebürgermeisters mit einem Flüchtling anbandelt. Die geheuchelte Nettigkeit des Stadtoberhauptes, das sich mit Spendenscheck in der Flüchtlingsunterkunft produziert, schwenkt schnell in Abneigung und Ekel um. Doch auf die Mittelfingerthematik Fremdenfeindlichkeit und die derzeit herrschende Doppelmoral werden wir später noch mal zu sprechen kommen. Erst mal setzen.

Besprühte Züge fahren an der Lagerhalle vorbei. Ein Hahn kräht, denn der Nachbar in der Lagerhalle verkauft nicht nur Auto­wracks, sondern hält sich nebenbei auch noch Hühner. Ein anderer Nachbar, ein Althippie mit Jointstummel im Mund, kommt vorbei und versorgt alle mit Tee und Honig. Ein Scout für die »Lindenstraße« möchte die Halle für eine neue Folge anmieten, und ein Mann mit Plauze und Mantel steht plötzlich im Raum und möchte Kunst kaufen, ist aber genauso schnell wieder verschwunden. Alle müssen lachen über die Reihe absurder Ereignisse, doch so ist das eben in Ehrenfeld. Während der Videodrehs hatten Kamil und Stefan allerdings weniger zu lachen. Eigentlich finanzieren sie sich durch Fotografie und Auftragsarbeiten aus der Werbebranche. Musikvideos für OK KID sind dagegen eine kreative Herzensangelegenheit, nahe an der finanziellen Schmerzgrenze. »Die Budgets sind niedrig und wir müssen viel selbst machen«, erzählt Stefan. »Dann holen wir Darsteller schon mal selbst ab, weil wir keinen Fahrer bezahlen können. Vor dem ‚Gute Menschen‘-Videodreh war dann alles so stressig, dass ich am Tag zuvor einen Schwächeanfall hatte.« Doch mit dem Ergebnis sind jetzt alle zufrieden. Eine Genugtuung für Band und Videomacher, die mittlerweile gute Freunde sind.

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