Hühner züchtende Hippies neben Gentri-Cafés: Mit OK KID durch den Kiez // Feature

 
Wutbürger-Schikane

Es wird kälter und wir ziehen nach einigen Schnappschüssen weiter in Richtung der Pizzeria von Luciano, wo die Band während der Albumaufnahmen gerne zu Mittag aßen. »Ich war dort mal Pizza essen, als eine Wunde am Rücken bei mir aufgegangen ist«, erinnert sich Raffael. »Ich habe ziemlich geblutet. Luciano hat mich im Restaurant verarztet.« Der steht dann auch vor seinem Laden und erklärt mit italienischem Akzent, dass er seit neuestem nur noch abends geöffnet hat. Für OK KID macht er eine Ausnahme, bittet uns herein und serviert, ganz nach mediterraner Art, Bockwurst mit Kartoffelsalat. Im Warmen und ohne Störgeräusche beginnen alle zu erzählen. Auch über die Übergriffe auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof zu Silvester, die endlose Debatten über Sexismus und Rassismus auslösten, wird gesprochen. Dass eine stetige Angst in Köln eigentlich gar nicht so spürbar war und den Alltag nicht beeinträchtigt hat, daran erinnern sich alle. Doch dann folgte der große mediale Knall. Moritz erzählt von seinem Traum der vergangenen Nacht, in dem er sich während eines Clubbesuchs plötzlich nicht mehr sicher fühlte und auf eine Abiparty flüchtete. »Das war komisch. Wahrscheinlich haben die andauernden Schlagzeilen doch ihre Spuren hinterlassen.«

Trotz des positiven Feedbacks auf »Gute Menschen« aus allen Richtungen wollen sich OK KID auch diesmal nicht in eine Ecke drängen lassen: die Ecke der Politrapper. Ein Anliegen gibt es natürlich trotzdem. »Es geht in dem Track weniger darum, die rechte Ecke an den Pranger zu stellen, sondern es geht viel eher um die Doppelmoral von Leuten, die nach außen was anderes präsentieren als sie wirklich sind«, erklärt Jonas. Die Band stört vor allem die Doppelmoral, die so lange ausgereizt wird, bis sich Wut explosionsartig entlädt, wie zum Beispiel bei den HOGESA-Hooliganaufmärschen. Man sollte offen und ehrlich über die herrschenden Probleme sprechen, sich selbst hinterfragen, dann würden auch die populistischen Parolen abnehmen, denkt Jonas. Bevor die musikalische Karriere anzulaufen begann, hat er eine journalistische Ausbildung abgeschlossen und beäugt schon deswegen das aktuelle gesellschaftliche Geschehen sehr kritisch. Genauso natürlich seine Bandkollegen.

Anti-Popstars

Doch »Zwei« nur auf »Gute Menschen« zu reduzieren, wäre falsch. Denn es wird ein großes thematisches und musikalisches Potpourri aufgefahren, das sich weg von der Aufarbeitung der Mittzwanziger-Großstadtprobleme und hin zu einem philosophischeren, großräumigeren Ansatz entwickelt hat. Nachdem das heißgeliebte alte Studio von OK KID kürzlich von ihnen selbst kurz- und kleingeschlagen wurde, weil ein profitgieriger Vermieter sie zum Kauf der Räume nötigen wollte und sie deswegen lieber ganz auszogen, haben sie den Rest ihres Albums in Ehrenfeld aufgenommen – ein paar Ecken entfernt vom No-Drama-Quartier und Lucianos Pizzeria. In dieses Studio brechen wir auf, damit auch die anderen Facetten des 2016er OK-Kid-Sounds klarer werden können.

 

Über Studioboxen dröhnt das Album: eine heterogene Mischung, in der sich beinharten Raptracks wie »5. Rad am Wagen« mit Unterstützung von Megaloh genauso wiederfinden wie der angenehm kitschige Liebestrack »Bank«. Am Ende ergibt dann alles einen Sinn, der rote Faden wird klar – auch wenn ein, zwei Tracks dem hohen Qualitätsstandard nicht gerecht werden. Doch darüber kann man locker hinwegsehen. Angesprochen auf das musikalische Wechselspiel sagt Raffael: »Wir lassen Sachen zu, bei denen viele sich fragen, was das soll, und scheißen darauf, was andere Leute von uns denken. Es gibt kaum eine Erwartungshaltung, die wir erfüllen müssen – außer unsere eigene natürlich.« Selbstbewusst, aber nicht überheblich soll die Musik klingen, so die Wunschvorstellung. Und genau das funktioniert und zeichnet »Zwei« letztlich aus.

Man nimmt OK KID ihre Selbstsicherheit ab, von Arroganz und oberflächlicher Selbstinszenierung fehlt dagegen jede Spur. Nicht umsonst halten die drei ihre Gesichter im Hintergrund, verzichten auf die große Selbstabfeierei auf Cover-Artworks und in Musikvideos. Obwohl sie mit Sony-Ableger Four Music ein Majorlabel im Rücken haben und sich durchaus auch als unnahbare Popstars inszenieren könnten, bleiben alle am Boden. Denn genau wie die Schubladeneinordnung ist ihnen das nicht wichtig. »Das ist eben unsere Ästhetik«, erklärt Moritz. »Bei uns stehen nicht wir als Personen im Vordergrund, sondern die Musik, die wir machen.« Man habe den Weg, eine Band zu sein, ja nicht gewählt, um als Poster in Kinderzimmern zu hängen, sondern um etwas zu schaffen, das nachhaltig wirkt; etwas, das bleibt. So sieht es Jonas, und darüber ist sich an diesem Winternachmittag auch der Rest der Band im Studio einig, die begleitet von Kaffeeduft und den Tönen des eigenen Albums so gar nicht popstarlike in unaufgeregten Outfits auf dem Sofa lümmelt.

OK KID, das bedeutet Freundschaft und den unerbittlichen Drang, gute Musik zu erschaffen. Ohnehin hätten sie, sagt Raffael, keine anderen Hobbys neben der Musik – weil das eben genügt, um glücklich zu sein. Nachdem die letzten Töne verebbt sind, wollen alle los, sich kurz ausruhen. Denn das Resultat dieses Glücks, »Zwei«, soll am Abend im kleinen Kreis ordentlich begossen werden. Im CBE in Ehrenfeld natürlich. Wo auch sonst? ◘

Text: Johann Voigt
Fotos: Stefan Braunbarth/dailybrown.de

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #173 – hier versandkostenfrei nachbestellen.JUICE 173

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