Everybody Screen: Ten Hood Movie Essentials // Liste

Film-Illu-Christian-Wegerich

Eins vorweg: Es geht bei der hier vorliegenden Liste keineswegs um Vollständigkeit. Es handelt sich auch nicht um die zehn besten HipHop-Filme aller Zeiten. Doch im Zuge aktueller Werke wie dem anstehenden N.W.A.-Biopic »Straight Outta ­Compton«, der Nas-Doku »Time Is Illmatic« sowie dem Filmfestival-Liebling »Dope« sahen wir uns veranlasst, mal ein paar Klassiker des sogenannten Hood Cinemas aufzugreifen und euch an dieser Stelle vollkommen willkürlich vorzustellen.
To be continued.

Wild Style (1983)
Vorneweg: »Dicka, wir haben ‚Wild Style‘ mitfinanziert«, sollte bis in alle Ewigkeit im Antwortkatalog für ZDF-Intendanten verankert werden, wenn mal wieder die fehlende Coolness des Öffentlich-Rechtlichen ­Seniorensenders angeprangert wird. Denn das Zweite Deutsche Fernsehen ließ Anfang der Achtziger tatsächlich ganz gönnerhaft einige Deutschmarks in den Big Apple wandern, um zusammen mit dem briti­schen Channel 5 das Projekt von Filmemacher Charlie Ahearn zu unterstützen. Mit dem nötigen Kleingeld und einem bestens vernetzten Co-Regisseur namens Fab 5 Freddy, sollte Ahearn so der erste HipHop-Spielfilm gelingen. Dabei setzten die Macher auf Authentizität statt schauspielerisches Können. Der lose Plot dreht sich um den aufstrebenden Writer Zoro (gespielt von Graffiti-Legende Lee Quiñones) und dessen Suche nach All-City-Fame in den Yards der MTA sowie seinem Verhältnis zur Journalistin Virginia (Patti Astor). Diese erhofft sich durch den Kontakt zu einem der Szene-Protagonisten einen Einblick in die brodelnde junge Subkultur, den der Zuschauer auch anhand der Auftritte zahlreicher Pioniere erhält: Grandmaster Flash, die Rocksteady Crew, die Cold Crush Brothers und Busy Bee spielen sich allesamt selbst, während sich Fab 5 Freddy in seiner Rolle als Phade auch vor der Kamera zum Strippenzieher stilisiert. »Fab 5 Freddy hatte diese damals radikale Vision von HipHop als einer vereinigten Front: mit der visuellen Komponente des Graffiti. Der Musik der DJs. Dem Tanz der B-Boys und dem MCing oder Rappen als rhythmische und lyrische Kunstform, die sich in der Bronx entwickelt hatte. Der Film forcierte deren Gemeinsamkeiten«, erinnerte sich Charlie Ahearn 2008 im Interview mit der taz anlässlich des 25-jährigen Jubiläums an die Dreharbeiten. Die ­Kultur samt ihrer vier Säulen nur eine am Reißbrett entworfene Theorie? Fakt ist jedenfalls, dass »Wild Style« das Selbstverständnis von HipHop geprägt hat, wie es nach ihm keinem anderen Film je gelingen konnte.

Jakob Paur

 


Beat Street
(1984)
»Beat Street« ist wie gemacht für heutigen Youtube-Konsum, mit seinen ikonischen Szenen, die sich als kulturelle Prototypen tief in das Gedächtnis einer ganzen HipHop-Generation eingebrannt haben: Die Houseparty ganz am Anfang (»It’s wooorking!«); das U-Bahn-Battle zwischen den New York City Breakers und der Rock Steady Crew (die hier Beat Street Breakers und Bronx Rockers heißen); die aberwitzige Weihnachtsshow der Treacherous Three (Kool Moe Dee ohne Sonnenbrille!) mit Doug E. Fresh unter Kool Hercs anerkennenden Blicken; Ramo an den Zügen; das große Finale im Roxy mit Melle Mel, Bambaataa und dem definitiven, in einem Take gefilmten Breakdance-Showdown. Nur: Zwischen eben solchen vergleichsweise kurzen Szenen findet man kaum noch etwas von der Bronx-Authentizität, die das ursprüngliche Skript des Musik­journalisten Steven Hager vermitteln wollte. Das inzwischen im Original zugängliche Drehbuch wurde bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben und musste letztendlich als Kulisse für hanebüchene Teenager-Storylines herhalten. Ein Großteil der Graffiti-Pieces wurde nur von Bühnenbildnern nachempfunden, und selbst die echtesten Künstler wirken in »Beat Street« oft wie Requisiten in einem Kitsch-Setzkasten. Dass sich mehrere Beteiligte, neben Hager auch Arthur Baker und L.A. Sunshine, später ausdrücklich von der verwässerten Geschichte distanzierten, tat der kulturellen Bedeutung des Films keinen Abbruch. Dank der Beteiligung des Genossen Harry Belafonte als Produzent kam »Beat Street« 1985 sogar in die Kinos der DDR und löste dort fast im Alleingang die erste große HipHop-Welle aus. Dass »Wild Style« oder »Style Wars« HipHop ungleich besser dokumentierten? Geschenkt. Für den Weg der Subkultur ins Bewusstsein von Kids auf der ganzen Welt war »Beat Street« trotz seiner Oberflächlichkeit von nachhaltiger Bedeutung und markierte zugleich das Ende der Old School des HipHop-Kinos. Noch im selben Jahr gab es Breakdance in der Musical-Schmonzette »Footloose« und in der Burger-King-Werbung.

Ralf Theil

 

Do The Right Thing (1989)
Über vierzig Filme hat Spike Lee bis heute gedreht, doch seine geistreiche Rassismusstudie »Do The Right Thing« aus dem Jahr 1989 ist nach wie vor sein bester. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht der Italo­amerikaner Sal (Danny Aiello) beziehungsweise seine beliebte ­Pizzeria, in der es immer mal wieder zu kulturellen Auseinandersetzun­gen kommt. Nachdem sich der junge Aktivist Buggin Out (Giancarlo Esposito) diskriminiert fühlt, weil an der Wand der Restaurants lediglich Autogramme italoamerikanischer Stars hängen, schaukeln sich die Emotionen dermaßen hoch, dass sie in einer handfesten Straßenschlacht enden – und dem Tod eines Afroamerikaners. Das Thema Rassismus spielt(e) für Spike Lee und seine Filme fast immer eine Rolle. Doch während er dafür in späteren Werken gerne mal den Vorschlaghammer ansetzte, gelang ihm bei »Do The Right Thing« das Kunststück, sein Herzens-Sujet zwar unmissverständlich in den Mittelpunkt seiner ­Erzählung zu stellen, es durch eine gekonnte Inszenierung, stimmige ­Dialoge und hervorragende Mimen nicht zeigefingerisch zur reinen Pose verkommen zu lassen. Im Gegenteil: Denn dem damals 32-Jährigen gelingt mit »Do The Right Thing« der schwierige Spagat, subkulturelle Glaubwürdigkeit und realpolitische Brisanz mit einer unterhaltsamen Geschichte zu koppeln und diese durch erzählerische und ästhetische Experimente dermaßen aufzuhübschen, dass es rück­blickend eine wahre Schande ist, dass Spike Lee damals bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme verwehrt blieb (die stattdessen an »Sex, Lügen und Video« von Steven Soderbergh ging). Den heutigen Klassikerstatus des Films kann Lee heute aber keiner mehr nehmen.

Daniel Schieferdecker

 

Boyz N The Hood – Jungs im Viertel (1991)
Gleich vorweg: »Boyz N The Hood« will kein HipHop-Film sein. In John Singletons Debüt gibt es keine Cyphers, keine Clubs, keinen ambitionierten Rap-Star in spe. Nur die Ambition selbst, die ist ein bestimmendes Thema, oft gerade durch ihr Nichtvorhandensein. Nach einer kurzen Vorgeschichte, die im Jahr 1984 spielt, begleitet Singleton eine Jungsgruppe im South Central Los Angeles des Sommers 1991 ein paar Tage lang auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Ihre Umgebung wird bestimmt von selbstverständlichen, nie ausgesprochenen Gang-Affiliationen, der Crack-Epidemie und großen St.-Ides-Flaschen – und damit von Ausweg- und Perspektiv­losigkeit und der beklemmenden Wahllosigkeit der Gewalt. »Boyz N The Hood« ist aber auch für seine Besetzung bemerkenswert. Ice Cubes erste Kinorolle als Doughboy, die komplexeste Figur hier, macht ihn keine zwei Jahre nach seinem Ausstieg bei N.W.A. zu einem respektierten und gefragten Darsteller (und zwar ausgerechnet mit einem Film, der den Titel von Eazy-Es erster Single trägt). Angela Bassett, Laurence Fishburne und Cuba Gooding Jr. zählen ebenfalls zu den wichtigen Entdeckungen Singletons, der völlig zu Recht Oscar-Nominierungen für Drehbuch und Regie einheimst – letztere als erster Afroamerikaner und mit erst 24 Jahren als jüngster Regisseur überhaupt. In nüchternen, ruhigen Bildern entspinnt sich langsam eine Geschichte, die erfreulich wenig Zugeständnisse an Actionfilm-Schemata macht. Singleton verzichtet auf den knalligen Showdown, den großen Kitsch, die Heldensage. Der Zuschauer bleibt allein mit seiner Einordnung des Gesehenen und kann nicht auf eine bequeme Trennung zwischen Opfer und Täter, gut und böse zurückfallen. Gerade weil Singleton vor dem abschließenden »Increase The Peace« so wenig dramatisiert, bleibt »Boyz N The Hood« das erste große und bis heute eines der eindringlichsten Hood-Dramen seiner Art – und ist damit so unmittelbar, ernsthaft und ambivalent wie South Central selbst. Oder eben wie Gangstarap in seinen besten Momenten.

Ralf Theil

 

Juice – City-War (1992)
Für den Fall, dass du wirklich nicht weißt, wie scheiße Schießeisen sind: Tupac Shakur ist der nicht mehr lebende Beweis. Was 1996 bittere Realität wird, ist vier Jahre zuvor noch der hellseherische Plot von Pacs Spielfilmdebüt. Als Regisseur Ernest R. Dickerson – bis dato für Spike-Lee-Klassiker wie »Do The Right Thing« und »Malcolm X« hinter der Kamera – nach Darstellern für sein Hollywood-Regie-Debüt sucht, sind um die vierzig Rapper zum Casting geladen – unter anderem Treach von Naughty By Nature, der seinen Kollegen Tupac nur zufällig im Schlepptau hat. Als Letzterer schließlich das Warten damit verbringt, eine Handvoll Damen auf dem Flur zu belabern, lädt man ihn spontan zum Vorsprechen ein. Pac schmeißt Stühle um sich und schreit das Casting-Team an. Für Regisseur Dickerson gilt er seitdem als einziger Rapper, der wirklich schauspielern konnte. Und so schlüpfte die Thug-Ikone für »Juice« in die Rolle von Bishop, einem rast- und perspektivlosen Halbstarken, der mit drei Homies in den Straßen von Harlem nach seinem Selbstwertgefühl sucht. Während sich sein Kollege Q dem Nerdtum verschreibt und Anerkennung in DJ-Competitions sucht, entdeckt Bishop die Gewalt als Machtinstrument, um sich zu behaupten. Wie das Ganze dann im Einzelnen schief laufen kann, hat bislang wohl kaum ein Hood-Drama so glaubwürdig und nüchtern eingefangen wie »Juice«. Tupacs darstellerisches Talent lässt über Strecken daran zweifeln, zu welchen Teilen die Figur Bishop geskriptete Rolle oder autobiografische Darstellung ist. Und schließlich bewies auch Public-Enemy-Produzent Hank Shocklee ein goldenes Händchen, als er die großen Rapper der Stunde – Eric B. & Rakim, EPMD, Cypress Hill und andere – zu einem erfolgreichen Soundtrack kompilierte, der kaum kitschige Kompromisse einging. Apropos Kompromisse: Als Regisseur Dickerson das Drehbuch bei den großen Studios vorlegte, wollte man ihm zunächst den Klischee-Stempel aufdrücken. Das Ganze sei viel zu düster. Diese Problemkids aus Harlem hätten doch sicher jede Menge lustiger Sprüche auf Lager. Nun ja, der Klügere gibt wohl doch nicht immer nach.

Wenzel Burmeier

 

Menace II Society (1993)
Der Tod lauert überall. Am Schluss des Films hat das auch die Hauptfigur Caine (Tyrin Turner) begriffen, um dessen Alltag sich »Menace II Society« dreht. Er sagt: »Mein Großvater fragte mich, ob es mir egal ist, ob ich lebe oder sterbe. Ist es nicht. Jetzt ist es zu spät.« Denn Caine ist tot. Dass er im Verlauf des Films sterben wird, daran besteht von Anfang an kein Zweifel. Bloß wann, wo und wie, das erfährt man erst am Ende der 97 Filmminuten. Nur so viel: Es ist tragisch. Doch der Tod steht nicht nur am Ende der mitreißenden Hood Tale, er eröffnet sie auch: Und zwar, als Caine Mittäter eines Mordes wird. Sein Kumpel O-Dog (»der verrückteste Nigger, der rumlief – der Alptraum Amerikas: jung, schwarz, der einfach auf alles scheißt.«) erschießt einen Ladenbesitzer, nachdem dieser O-Dogs Mutter erwähnt. Von da an schnürt sich das Korsett aus Drogen, Gewalt und Ausweglosigkeit immer enger um Caine, bis ihm irgendwann keine Luft mehr zum Atmen bleibt. »Ich hatte zu viel getan, um noch aufzuhören. Und zu viel getan, um noch weiterzumachen«, sagt Caine und ergänzt: »Ich schätze, am Ende holt einen doch alles ein« – ein ganz normales Leben im Ghetto von L.A. Anfang der Neunzi­gerjahre. Die beiden Regisseure, die Brüder Hughes, sind gerade mal 21 Jahre alt, als ihr Film 1993 ins Kino kommt. Doch mit ihrem Wissen um die traurigen Umstände vor Ort, ihrer ungeheuren Leidenschaft und ihrem unbestreitbaren Talent haben sie mit »Menace II Society« einen der wichtigsten Filme des sogenannten Hood Cinemas erschaffen. Das liegt jedoch mitnichten nur am Brüderpaar, sondern auch an dem grandiosen Cast, zu dem in Nebenrollen sogar Rapper wie MC Eiht und Too Short, aber auch gestandene Schauspieler wie Samuel L. Jackson gehören. Ach ja, für einen kleinen Part war ursprünglich sogar Tupac Shakur vorgesehen. Der prügelte sich jedoch mit Regisseur Allen Hughes, flog vom Set und wurde 1994 wegen Körperverletzung und Beleidigung zu 15 Tagen Haft verurteilt. Zwei Jahre später wurde er von einem Unbekannten erschossen. Es hätte eine Szene aus dem Film sein können. Denn wie gesagt: Der Tod lauert überall.

Daniel Schieferdecker

 

How High (2001)
Der Universal-Schriftzug zieht um den Globus, und statt heroischer Bläser gibt es Bongblubbern plus B-Reals nasale Vocals in dein Gesicht. »How High« braucht fünf Sekunden, um dir die Welt zu erklären: It’s all about Mary. Und wo soll man Lebensweisheiten vermittelt bekommen, wenn nicht in der Schule? Meine alten Klassenkameraden etwa werden sich auf ewig daran erinnern, dass wir uns diese filmgewordene Hash-Halo in der letzten Stunde vor den Ferien ansehen durften – und der ahnungslose Lehrer bereits nach der ersten Szene am liebsten brennend aus dem Fenster gesprungen wäre. Für die zwei Leute, die den Plot nicht kennen: Genau so krepiert im Film auch Ivory, aus dessen Asche Kollege Silus (Method Man) Supergras heranzüchtet. Immer wenn Silus und Jamal (Redman) ihren toten Homie ins Papier rollen, erscheint er als Geist und gibt ihnen alle Antworten für ihre Klausuren vor. Als die Wunderpflanze geklaut wird, müssen Meth & Red sich mit Durchschnittsknollen durchschlagen – erst erfolglos, dann finden sie aber einen Weg, die Uni in ein Colorado Zwanzigfünfzehn zu verwandeln. Die Founding Fathers wären stolz gewesen. Nicht umsonst wusste Benjamin Franklin bereits: »Light that shit, smoke that shit, pass that shit«. Sprüche auf Sprüche. »How High« ist wunderbar schwachsinnige Buddy-Action mit grenzenlos stereotypen Charakteren wie dem Asiaten Tuan und seinem »two inches hard dick« oder Bilderbuch-Puffvater Baby Powder (Mike Epps), »who been pimpin’ since been pimpin’«. Und Silus und Jamal selbst: Dass Method Man und Redman als das Kult-Duo der Szene schlechthin gelten, dürfte ihren Filmfiguren sogar mehr geschuldet sein als der »Blackout«-LP. Aber auch in Zeiten, in denen »take the test high, get the high score« in immer mehr US-Staaten zu einem legalen Lebensentwurf wird, muss man nach fast 15 Jahren weiter auf ein Wiedersehen der Ghetto-Cheech-&-Chongs warten. Universal will seit Jahren nicht investieren. Trotzdem werden Meth und Red nicht müde, »How High 2« zu versprechen. Irgendwann wird er kommen, der Trailer mit Bongblubbern im Intro.

Gordon Wüllner

 

8 Mile (2002)
Es gibt diese Szene in »8 Mile«, die gleichermaßen HipHop- als auch Hollywood-Geschichte schrieb: Der vollbepackte Detroiter Untergrund-Schuppen The Shelter verstummt für einen Moment, und B-Rabbit, der fast alle Teilnehmer eliminiert hat, setzt zur finalen Battle-Runde an. Anstatt aber Papa Doc zu attackieren, disst und entwaffnet sich der Eminem-Charakter selbst: »I’m a piece of fucking white trash, I say it proudly/And fuck this battle, I don’t wanna win, I’m outtie«. Indem er seinen Gegner um dessen Punchlines beraubt und die eigenen Schwachstellen darlegt, führt er das Battle-Prinzip ad absurdum und die Underdog-Geschichte auf ihre emotionale Klimax. Was ­heute allgemein als »8 Mile«-Moment bekannt ist, wird in Cyphers noch immer gerne als Methode zum Selbstschutz genutzt (Laas Unltd ­anyone?). Und obwohl gescriptet, gibt es wohl kaum ein Dokument, das die Intensivität eines Rap-Battles authentischer einfängt als dieser Film. Juice-Crew-Legende Craig G schrieb die Punchlines, die glücklicher­weise nicht synchronisiert und von Battle-Schwergewichten wie Obie Trice, Xzibit und Proof vorgetragen wurden. Filmemacher Curtis Hanson skizzierte eine authentische Momentaufnahme der HipHop-Szene Motowns, einige Jahre vor dem großen Bankrott. Die Texter-Szene im Bus ganz hinten, die Spontaneität einer Freestyle-Session auf dem Parkplatz – »8 Mile« lässt den Zuschauer Teil der Kultur sein, ihn ihren Puls spüren. Die quasi-Biografie der Leiden des jungen Marshall Matters ist ein aufklärerischer Rapfilm, der die Faszination der HipHop-Kultur auch deinen Eltern begreifbar macht und den Rap-immanenten rags-to-riches-Gedanken (»You only get one shot«) aus Sicht eines Musikers realistisch wiedergibt. Mit dem Academy Award für »Lose Yourself« krönte Slim ­Shady schließlich die gesamte Subkultur zum Oscarpreisträger und verewigte sich mit einem seiner besten Songs auf seinem kreativen Zenit.

Carlos Steurer

 

Hustle & Flow (2005)
Was braucht man, um sein ranziges Leben als abgehalfterter Zuhälter in eine Karriere als respektierter Rapper zu verwandeln? Richtig, eine Lavalampe! Bis dieses schmucke Neunziger-Accessoire seinen Weg ins Studio findet, ist Djay – bemerkenswert verkörpert von Terrence Howard – vor allem eines: desillusioniert. Mit »seinen« drei Frauen, von denen eine auf die Rückbänke von Freiern steigt, die zweite sich im Stripclub entblößt und die dritte mit einer fortschreitenden Schwangerschaft kämpft, wohnt der perspektivlose (Anti-)Held in einer schrottigen Hütte in der Peripherie von Memphis, Tennessee. Djay steht am Ende der Nahrungskette, vom glamourösen Lifestyle samt Mantel und Stock à la Fitty & Snoop keine Spur. Doch Djay hat einen Traum, er ist schließlich Amerikaner. Und er hat einen alten Schulfreund, der mittlerweile als gutbürgerlicher Produzent unterwegs ist und sich von Djays musikalischem Enthusiasmus anstecken lässt. Mit Hilfe eines weiteren nerdigen Bleichgesichts basteln die drei im provisorischen Studio am großen Hit. Der soll Djay in Prä-Myspace-Manier übers Radio in die Liga eines abgehobenen Rap-Idols aus seiner Hood – weniger überzeugend: Ludacris – katapultieren. Und ja, dieser Hit, er will erst gelingen, als die schwangere Shug als Zeichen ihres Mitgefühls eine Lavalampe anschleppt und schließlich selbst ans Mic steppt, um ihren Seelenschmerz in einer ergreifenden Hook über den Struggle eines Pimps zu ventilieren. All das könnte vielleicht käsiger gar nicht sein. Nicht umsonst birgt »Hustle & Flow« mit seiner Schlüssel-Kussszene wohl den romantischsten Moment in der Geschichte des HipHop-Films. Und doch: Wie hier die Rollen immer wieder aufgebrochen werden, wenn Djay zwischen gut und böse wankt und sich die Ladies ­zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung bewegen, ist bemerkenswert unverblümt. Und dass Three 6 Mafia für die Produktion des Titelsongs einen Oscar gewannen, bevor Martin Scorsese je in selbigen Genuss kam, macht diese Dirty-South-Schnulze alleine schon relevant.

Wenzel Burmeier

 

Get Rich Or Die Tryin‘ (2005)
Als »Get Rich Or Die Tryin’« Anfang 2006 ins deutsche Kino kam, war 50 Cent längst ein gemachter Mann und Multimillionär, ein Rapper auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Sein 2005 veröffentlichtes zweites Album »The Massacre« erreichte in den USA Fünffach-Platin, es war nominiert für einen Grammy als beste Rap-Platte des Jahres. Man könnte also auch sagen: Mit »Get Rich Or Die Tryin’« begann der Abstieg von 50 Cent, die Wandlung vom Popstar unter den Straßenrappern zur Witzfigur mit Adoniskomplex, dem in den letzten zehn Jahren nichts mehr so recht gelingen wollte. Ganz fair ist das nicht. Obwohl sich 50 Cent durch seinen Auftritt in dem mindestens halbbiografi­schen Film tatsächlich als, sagen wir, limitierter Schauspieler entlarvt, ist »Get Rich Or Die Tryin’« eine Mischung aus »Scarface«, »Hustle & Flow« und »The Wire«, für die sich zumindest keiner der Beteiligten schämen muss. Zwar funken Gangsterklischees und -pathos der angestrebten Straßenatmosphäre immer wieder dazwischen, und auch die komplette Humorlosigkeit des Films erscheint eher wichtigtuerisch als realistisch. Der Aufstieg des Drogendealers Marcus, der sich nach einer Haftstrafe aus dem Game verabschiedet und als Musiker verwirklicht (und dafür mit der aus 50s Lebensgeschichte bekannten Komplettdurchlöcherung des eigenen Körpers bestraft wird), funktioniert aber doch als harter, düsterer Thriller vom Fach. Was ihm fehlt, sind die Alleinstellungsmerkmale, die Ideen und skurrilen Charaktere, mit denen er sich von der Vielzahl ähnlich gestrickter, in der Regel mindestens ebenbürtiger Gangster-Filme abheben könnte. Vielleicht lag darin das Problem von »Get Rich Or Die Tryin’«: 50 Cent wirkte erstmals wie einer unter vielen, nicht mehr wie der überlebensgroße MC seiner ersten zwei Platten, dem der Erfolg bei jedem noch so stumpfen Track recht gab. Es hätte allerdings auch geholfen, wenn er sich etwas weniger leidenschaftslos durch den Film genuschelt hätte.

Daniel Gerhardt

 

Illustration: Christian Wegerich

Diese Liste erschien als Feature in JUICE #169 (hier versandkostenfrei nachbestellen)JUICE_Cover_169