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Chakuza – Den Ausgang gefunden [Titelstory]

Chakuza-1
 
So richtig können sie nicht miteinander, Chakuza und die ­deutsche HipHop-Szene. Peter Pangerl wohnt zwar, wie so viele andere ­Rapper, in Deutschraps Hauptstadt Berlin, aber er ist keiner, der auf die »richtigen« und »wichtigen« Partys geht oder sich am alltäglichen Sehen und Gesehen werden beteiligt. Chakuza lebt eher zurückgezogen, gilt gemeinhin als spröder und wortkarger Typ und hat kaum Rapper-Kumpels. Ein paar enge Freunde wie Raf ­Camora natürlich, die hat er, für den Rest bleibt er meist ­unsichtbar, es sei denn, er hat der Welt etwas mitzuteilen, das ihm auf dem Herzen liegt. Die Musik bedeutet diesem notorischen Grantler und Zweifler alles, es ist sein Weg, um dem Seelenheil ein paar Schritte näher zu kommen.
 
Es ist wieder so weit. Chakuza ­veröffentlicht ein neues Album, es heißt »Exit«. Den titelgebenden ­Ausstieg, seinen Ruhepol, hat Peter Pangerl im Zuge der Arbeit an seinem aktuellen Projekt in der niederländischen Provinz ­gefunden. Wir haben ihn im 1.500-­Einwohner-Dorf Vijlen besucht, um ihn dort zu treffen, wo er sich momentan am wohlsten fühlt und einem Fremden, einem Journalisten noch dazu, vielleicht eher die Chance gibt, ihn an sich heranzulassen. So zumindest unsere Hoffnung.
 
Landliebe
 
Als erstes wandert der Blick auf ein Siebdruckposter, das den Vollmond zeigt, dann auf eine graue Schreibmaschine von Triumph, die dekorativ zwischen zwei Fenstern platziert ist. Wir stehen in einem etwas gedrungen wirkenden, aber wunderschönen Wohnzimmer. Vorne, unter dem Poster-Vollmond, stehen ein Esstisch und zwei Holzbänke, in der anderen Hälfte des Raumes eine große, braune Couch und mehrere Ledersessel. In dem Regal unter der Schreibmaschine: Lauter Schallplatten. Bei einem schnellen Blick erkennt man unter anderem Radiohead, Bob Dylan und The Byrds. Darüber die Fenster, dahinter beginnt das Örtchen Vijlen, mit niedlichen 200 Metern über dem Amsterdamer Nullniveau ist es das höchstgelegene Dorf der Niederlande. Draußen wie drinnen ist es so idyllisch, dass man sich direkt ein klein wenig verliebt. Man streicht über den Kontrabass, in den offensichtlich jemand die Namen von abgeschleppten Frauen eingraviert hat, stellt sich vor, wie der Kamin im Winter knistert und betrachtet ein Gemälde, von dem einen ein dunkelhäutiger Mann mit weißen Haaren und zerfurchter Haut anstarrt. Tritt man anschließend in den Flur, steht man vor einer Wendeltreppe. Rechts steht ein Bücherregal, im ersten Moment fällt einem eine ­besonders schöne Kafka-Gesamtausgabe und »Catch 22« von Joseph Heller ins Auge. An der Wand hinter der Wendeltreppe hängen Gitarren und ein Banjo. Während der Blick an diesen festhängt, knarzen oben die Dielen und man hört, wie jemand mit einem Geigenbogen Gitarre spielt. Man fühlt sich an Sigur Rós erinnert und tritt dann nach draußen, auf den Hof. Zwischen Scheune und Haus hindurch geht es weiter in den Garten, vor sich der steil nach unten abfallende Traum von einem Garten, und der Blick wandert in die Ferne.
 
Jetzt versteht man, was mit »Exit«, ­diesem sehr schlanken, sehr im Ungefähren ­bleibenden Albumtitel gemeint ist. ­Chakuzas »Exit«, das ist genau dieser Ort. Sein persönliches Refugium; der Platz, an dem er die Ruhe findet, die er in der Vergangenheit vielleicht ein wenig zu oft im Schnaps gesucht (und ab und zu auch gefunden) hat; er, zu dem das konstante Hadern mit sich selbst und das sich Aufregen über Gott, die Welt und den Menschen genau so gehört, wie sein oberösterreichischer Zungenschlag und seine ehrliche Bescheidenheit. Diesen Ort, der vermutlich so erscheint, als dürfe er eigentlich gar nicht existieren, nennen wir der Einfachheit halber »In Vallis«.
 

 
So heißt auch das Künstlerkollektiv, mit dem Chakuza dieses in sich gekehrte Etwas namens »Exit« produziert und aufgenommen hat. In Vallis ist der temporäre Wohnort und die Arbeitsstätte von vier Männern, die ihre Wurzeln alle an der deutsch-holländischen Grenze haben. Jan Bruschke, Ben Graf, Iyes Lennertz und Max Wählen heißen die vier, die in Vijlen mit Peter Pangerl »Exit« produziert, geschrieben, aufgenommen und abgemischt haben. Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit dürfte für Chakuza-Hörer wie eine Überraschung und ein ­konsequenter ­nächster Schritt zugleich wirken. Gerade nach seinem »Zodiak«-Ausflug mit Raf ­Camora und Joshi Mizu wäre es durchaus konsequent gewesen, hätte ­Chakuza nun wie viele seiner Rapper-­Kollegen wieder verstärkt auf altbekannte Härte gesetzt. »Exit« jedoch klingt alles andere als hart. Es stellt – im Gegenteil – wieder radikal die ­Innenwelt des Menschen Peter Pangerl in den ­Vordergrund. Dazu hat Chakuza den breitwandigen Sound von Stickle und ­Steddy, die sein Four-Music-Debüt »Magnolia« in Gänze produziert ­hatten, gegen einen zwar artverwandten, aber etwas kärger tönenden Sound eingetauscht, der die filigranen Postrock-Melodien der »In Vallis«-Mitglieder mit Klavier und (weniger gewordenen) Cloud-Rap-Versatzstücken vermählt. So klingt »Exit« viel akustischer und konsequent nach »live« – was Sinn ergibt, schließlich spielen Wählen, Lennertz, Graf und Bruschke auch in der Chakuza-Live-Band.
 
Die Paarung aus dem raubeinigen Rapper, seinen selten verklausulierten, manchmal ein wenig banal erscheinenden, vor allem aber sehr klarsichtigen Texten und vier nerdigen Indie-Musikern scheint auf den ­ersten Blick ungewöhnlich, doch die gemeinsame Vision geht voll und ganz auf. Schon das Intro »Tür Auf« zieht einen unweigerlich hinein in Chakuzas Gedankenwelt. Und stand man selbst mal in den »In Vallis«-Hallen, meint man sich beinahe schon daran zu ­erinnern, wie dort, in dieser real gewordenen Idylle, die Luft schmeckt. Auf den folgenden ­Anspielstationen erzählt Chaks von tausend kleinen ­Problemen (»1000 Dinge«) und gibt sich zunächst resigniert (»Drehscheibe«) ob des Anblicks falscher Freunde und ­verlorengegangener Lieben (»Dunkel-Hell«). Ein Album übers Aufgeben ist »Exit« ­dennoch keinesfalls. Vielmehr endet die Platte mit der bittersüßen Erkenntnis, dass das Leben (zumindest das von Peter Pangerl) wohl, so lange es ­andauert, ein konstanter Kampf bleiben wird. Kurz darauf findet er auf Songs wie »Raupe« (mit RAF Camora) und »Anfang des Traums« seinen Frieden.
 
Hausbesuch
 
Als ich vor einigen Wochen zunächst mit unserem Kameramann und einer Four-Music-Mitarbeiterin in den Flieger nach Köln stieg und im Anschluss mit dem Auto über die ­holländische Grenze Richtung Vijlen ­bretterte, hatte ich Chakuza noch nie ­getroffen. Da meine einzigen Informationsquellen ältere JUICE-Artikel über den Linzer Rapper waren, sah ich im Geiste bereits einen eher wortkargen, zurückgezogenen Künstler vor mir sitzen, für den dieses ganze Interview-Gewese eher eine nervige Pflichtaufgabe darstellt. Als wir allerdings unseren Mietwagen, eine schwarze ­Familienkutsche von BMW übrigens, auf der Dorfstraße abstellen und Max Wählen uns auf das Grundstück führt, wirkt ­Chakuza höflich, sehr gelöst, entspannt und zu Scherzen aufgelegt. »Ich bin der traurigste Socken-Schwuli überhaupt«, notiere ich mir als erste Aussage Chakuzas, der sich, als wir ankommen, gerade über grantige Web-Kommentar-Trolle lustig macht. Trotzdem verspüre ich keine große Lust, direkt jetzt eine klassische Interview-Situation zu ­erzwingen. Ohnehin ist es noch morgens, unsere ­Reisegruppe allerdings schon seit einigen Stunden unterwegs. Also essen wir zunächst ­Stullen und ­quatschen. Unter anderem über Chaks Alter (»Ich bin so fucking alt, ich hab sogar mal ein Referat mit Schreibmaschine geschrieben«) und die braun versumpfte österreichische Politik (»Wenn H-C Strache ­[Bundesparteiobmann der FPÖ; Anm. d. Verf.] Bundeskanzler wird, dann ­wechsle ich die Staatsbürgerschaft«). Beiläufig fallen ­Sätze wie: »Ach Chak, du bist doch sowieso nur hier glücklich«, die bestätigen, wie wohl sich Chakuza offensichtlich in der ­holländischen Einöde fühlt.
 
Zudem erfahre ich viel über die Arbeiten an »Exit«, die fast gänzlich an diesem Ort vonstatten gingen. Geschrieben habe Chakuza zwar in Berlin, wo er sich teilweise für Tage einschloss, um Alkohol zu trinken und Texte zu produzieren. Mit der Arbeit an der Musik und dem tatsächlichen Album hätten die Jungs dann jedoch gemeinsam im Frühjahr 2013 begonnen. Wie schon bei »Magnolia«, für das der Paul-Thomas-Anderson-Film selben Namens zu Beginn der Arbeiten als Inspiration herhalten musste, gab es auch diesmal ein Vorbild aus dem Kino, das sich der Film-Fan Chakuza als Pate des Albums ausgesucht hatte: »Buffalo 66«, ein bizarres Drama von Vincent Gallo über einen ewigen Außenseiter, der sich am Ende des Films entscheiden muss, ob er sich für ­vergangenes Leid rächen oder sich lieber verlieben soll. Die Parallelen zu Chakuza und dem Bild, das er auf »Exit« von sich zeichnet, liegen auf der Hand. Oder?
 

 
Chakuza, du und die vier anderen hier im Raum, ihr seht euch ja mittlerweile als feste Band. Was dachte denn der Rest der Truppe, als sie zum ersten Mal deine neuen Songs gehört haben?
Chakuza: (grinst) Das sagen die vielleicht am besten selbst.
Jan Bruschke: Als wir die Songs zum ersten Mal im Studio gehört haben? Na ja, da war wieder das Übliche los. Wir fünf sind mittlerweile zusammengewachsen. Wir ­wissen also ganz gut, was so alltäglich in Chaks Kopf los ist. Von daher hat es uns nicht überrascht, dass es auf dem Großteil der Songs eher düster zugeht. Ich meine, alles andere als traurige Chakuza-Songs würde einen schon sehr verwundern. Eigentlich waren wir aber vor allem sehr glücklich, weil wir glauben, dass wir hier etwas sehr Schönes geschaffen haben. Dass wir trotz der kurzen Produktionszeit so ein gutes Album abliefern konnten, hat uns schon ein Stück weit überrascht.
 
Tatsächlich kommt dieses Album unerwartet früh. Passt bei dir gerade tatsächlich alles, Chakuza?
Auf jeden Fall. Bevor wir mit der Arbeit an »Exit« begannen, hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie mein nächstes Album klingen soll. Das Label kommt ja früher oder später immer an und sagt ganz vorsichtig: »Wie sieht es denn aus? Wird so langsam mal wieder Zeit« – schließlich wissen die ja auch, wie lange ich normalerweise für ein Album brauche. Ich steckte damals aber noch mitten in der ersten echten Festival-Phase meines Lebens und hatte keine Ahnung, wie ich mich in der Situation hätte hinsetzen sollen, um Songs zu schreiben. Mir ging es gerade halbwegs gut, und in solchen Zeiten kann ich eh nicht texten. Dann saßen wir irgendeinen Abend mal im Tourbus, und ich sprach mit Max Wählen, damals war der noch mein Tourmanager, über Musik. Da erzählte er mir zum ersten Mal davon, dass er auch eine eigene Band hat, und ich wollte unbedingt, dass er mich mal reinhören lässt. Erst hat er sich dagegen gesträubt, aber als ich ihn dann doch dazu bekam, war ich direkt so: »Puh, ist das gut. Lass mal ausprobieren, ob das funktionieren könnte.« Einige Zeit später war ich dann das erste Mal in Vijlen, habe Jan und Ben kennengelernt und mit den Jungs eine erste Session ­gestartet und erst mal nur Scheiß fabriziert. Wir kannten uns alle nicht, jeder gab irgendwie seinen Senf dazu und die Ergebnisse waren alle eher so: »Bäh!« Da stimmt das Sprichwort wieder: Zu viele Köche verderben den Brei. Ich hatte auch noch keinen Plan, was ich sagen will. Jedenfalls kam ich trotzdem mit sechs Songs zurück. Fünf waren kacke, einer dafür aber richtig gut – das war »Dunkel-Hell«, der jetzt auch auf dem Album gelandet ist. Dann bin ich ein zweites Mal hier her, und dann hat es plötzlich so richtig gefunkt.
 
Wann war das?
Die erste Session hatten wir im September 2013, dann die zweite im Januar 2014 und von dort an waren wir jeden Monat dort. Zwischendurch habe ich noch »Zodiak« gemacht. Das würde ich aber gar nicht so direkt in meine Diskografie einordnen. Viele Menschen haben ja nicht verstanden, warum ich auf einmal dieses Kollabo-Album mache, aber wie ich schon öfters gesagt habe: Das war eigentlich nur ein ­Freundschaftsprojekt, das wir zum Spaß aufgenommen ­haben, um mal wieder gemeinsam Mucke ­machen zu können. Dann haben wir uns dazu ­entschieden, das rauszubringen, und schon reduzieren einen die Leute wieder nur auf dieses eine Ding. Das finde ich so ­bescheuert, das nervt mich so krass ab. Warum darf ich so etwas nicht mal machen? Ich verrate mich doch damit gar nicht selbst. Warum kann ich nicht nach »Magnolia« ­»Zodiak« machen, Mann? Ich bin Künstler. Wenn ich nach »Magnolia« immer nur noch die Leute hätte zufrieden stellen wollen, hätte ich auch Friseur werden können. Dann ­kommen die Leute zu mir und bekommen von mir genau die Frisur, die sie haben ­wollen. Aber als Musiker? Nee, echt, dann lasst mich in Ruhe! Wenn das, was ich mache, euch nicht gefällt, dann kauft es halt nicht, aber nervt mich nicht mit eurer Meinung. Oder sehe ich das falsch?
 
Natürlich braucht ein Künstler seine kreative Unabhängigkeit. Würdest du denn sagen, dass es für »Exit« gut war, dass du mit »Zodiak« zwischendrin mal Dampf ablassen konntest?
Also, wenn ich mir »Magnolia« anhöre, dann war meine Performance darauf ganz anders. Ich kann mir das heute gar nicht mehr anhören und weiß ja selbst, dass es mir damals nicht gut ging – das merkt man auch meiner Performance an. Die war einfach zu »low«. Mit »Zodiak« habe ich dann wieder hochgearbeitet, und jetzt auf »Exit« habe ich ziemlich exakt die Mitte gefunden. Auch meine Kumpels sagen immer, ich würde Arbeiterklassen-Rap machen. Nichts mit zu verschnörkelter Sprache, sondern eher direkt. Blumig wird meine Musik zwar schon, aber trotzdem taugen meine Texte nicht für das Poesiealbum, würde ich sagen.
 
Dennoch benutzt du in deinen Texten auch viele Bilder, die dem poetischen Bereich entstammen und deren ­Bedeutung sich nicht zu einhundert Prozent festlegen lässt.
Ja, das stimmt schon. So spreche ich aber auch. Ich muss für meine Texte keine andere Sprache finden. Ich rappe so, wie ich ­spreche. Ich achte auch explizit darauf, dass ich so direkt wie möglich an meine Hörer herantrete. »Off« ist für mich zum Beispiel so ein Song, den vermutlich jeder ­nachvollziehen kann. So denkt doch jeder eine Zeit lang über seine Ex-Freundin; wenn man in der Phase ist, in der man diesen Mensch erst mal total hasst.
 

 
Was mir erst kürzlich klar geworden ist: wie viele Fans du offensichtlich hast, die deine Musik nicht nur gerne hören, sondern denen das, was du schreibst, unfassbar nahegeht.
Das ist super. Es gibt schon echt krasse Menschen. Manchmal beängstigt einen das auch, weil ich dann befürchte, dass diese Fans komplett meine Sichtweise, die ja schon sehr düster ist, übernehmen. Ich bin ja immer so: »Schwuli ist traurig«, ne? (lacht) Genauso gibt es aber nicht nur Leute, die meine Musik herunterzieht, sondern auch Menschen, die sie aufbaut.
 
Hast du mittlerweile eigentlich einen Weg gefunden, um mit dem dunklen Teil deiner Gedankenwelt umzugehen, so dass es dir nicht direkt den Tag versaut, wenn du traurige Songs hörst?
(lächelt) Auf keinen Fall. Mir reicht leider häufig schon ein kleiner Auslöser, um meinen kompletten Tag zu versauen. Ich mache mir echt immer zu viele Gedanken.
 
Ganz normale Künstlerprobleme, oder?
Ja, und vor allem sind das krasse First-World-Probleme. Ich kann mich in die aber einfach unfassbar reinsteigern und denke dann eine Zeitlang, ich wäre der ärmste Mensch der Welt, auch wenn das natürlich kompletter Blödsinn ist! Aber in dem Moment bin ich einfach zu verblendet, um das zu sehen. Außerdem bin ich so einer, der sich eben neue Probleme sucht, wenn er mal keine hat.
 
Hilft es denn, dass du verstanden hast, wie du tickst?
Nee, eigentlich nicht. Mir hilft es am meisten, wenn ich in solchen Situationen Musik mache. Aber wenn ich zum Beispiel hier mit den Jungs sitze und einen Film gucke, komme ich meist auch wieder schnell raus aus meinem Loch, gehe schließlich glücklich zu Bett und wache am nächsten Morgen auch glücklich auf. Es ist nicht so, als würde ich ständig rumhängen und jammern, auf gar keinen Fall. Aber ich muss mich, wenn ich Musik mache, in eine Art ­Selbstzerstörungsmodus versetzen. Wenn ich kreativ bin, schalte ich alles andere ab. Sport ­interessiert mich nicht mehr – ich stürze mich komplett in diesen Kreativprozess. Jedes Mal, wenn ich für eine Woche hier bin, nehme ich fünf Kilo ab, weil ich das Essen vergesse – und zu viel trinken und rauchen tue ich hier auch jedes Mal. Zu Hause tue ich das gar nicht mehr, aber immer dann, wenn ich Musik schreibe, wird in meinem Kopf ein Schalter umgelegt. Es geht nicht anders, ich kann nur so Musik machen.
 
Ist das denn für deinen Alltag heilsam, dass du deine Dämonen in der Musik rauslässt?
Chakuza: Ich bin schon schwierig. Bin ich ­schwierig?
Max Wählen: Nee, nicht schwierig, aber cholerisch. Beziehungsweise: Ich würde sagen, du bist vom Temperament her eine ­Mischung aus cholerisch und melancholisch. Du kannst einen wahnsinnig schnell anschreien, bist aber kurz danach der netteste Mensch der Welt.
Chakuza: Das stimmt. Wenn wir uns mal anschreien, entschuldige ich mich danach immer tausendmal. Aber wenn Dinge ­passieren, die ich unfair finde, dann raste ich richtig aus.
 
Kannst du dann überhaupt Nachrichten schauen oder eine Tageszeitung lesen? Die sind ja fast immer unfair.
Ey, du hast keine Ahnung, wie oft ich ausraste, wenn ich wieder irgend so etwas mitbekomme. Du darfst mich teilweise gar nicht nach meiner Meinung zu den großen Problemen der Welt fragen, weil ich mich in emotionalen Momenten immer so richtig politisch unkorrekt aufrege.
 
»Exit«, steht dieser Titel eigentlich ­ausschließlich für diesen Ort hier als dein persönliches Refugium, oder für noch mehr?
Das Album ist ein kompletter Bruch. Ich möchte damit vor allem sagen: Leckt mich. Ich lag, als mir der Titel einfiel, genau hier auf der Terrasse, alles nervte mich. Aber ich beschloss, einfach darauf zu scheißen, was man uns um uns herum so empfiehlt, und stattdessen genau das zu machen, worauf die Jungs und ich Bock hatten.
 
Würdest du »Exit« als Weiterentwicklung von »Magnolia« beschreiben oder doch als etwas ganz Neues?
Also, wenn ich das Album selbst höre, steckt in »Exit« sehr viel mehr Energie als in »Magnolia«. Ich rappe wieder mehr, probiere neue Sachen aus und begebe mich in ­unbekannte Gefilde. Natürlich ist so auch das Risiko höher – ich weiß gerade nicht, wie gut dieses Album ankommen wird. Aber trotzdem konnte ich dieses Mal so befreit wie nie zuvor Musik machen.
 
Im JUICE-Interview zu »Zodiak« vor knapp einem halben Jahr sagten Raf und du, ihr wärt beide hart abgefuckt davon gewesen, so persönlich-private Platten aufzunehmen.
Das stimmt ja auch. Das ist immer so ein Prozess. Ich glaube, ich bin nur dann gut, wenn ich am Arsch bin. Das war bei ­»Magnolia« so, und bei »Exit« ist es eigentlich genauso gewesen. Was wirklich stimmt, und da schwöre ich auf alles, ist: Ich mache gerade genau die Musik, die ich machen möchte, ohne Gedanken daran zu verschwenden, wem ich es jetzt wieder rechtmachen könnte.
 

 
Fiel es dir leicht, dieses Album zu schreiben?
Ja, sehr leicht sogar. Der Start war ein bisschen schwierig, aber ab der zweiten Session haben wir quasi jeden Tag einen Song geschrieben und komplett aufgenommen. Meistens konnten wir sogar den ersten Take ­nehmen. Es war mir ohnehin wichtig, die Songs ­direkt mit den In-Vallis-Jungs zu machen. Man hört das auch auf der ­Platte. Hier und da klingt die Musik mal ein klein ­wenig unrund, aber das sind alles geile Fehler, die ich im Nachhinein voll abfeiere, weil ich mich noch genau an die ­Situation erinnern kann, in der die entstanden sind. Die Hörer werden das sicher gar nicht hören, aber für mich sind diese Kleinigkeiten sehr wichtig. Ich hatte, obwohl es mir nicht gut ging, mit diesen coolen Jungs eine sehr gute Zeit, die mich auch aus meinem Business-Trott herausgeholt hat. Zu Hause in Berlin sitze ich immer am Rechner und ­beantworte Mails zu Dingen, die mich eigentlich nicht interessieren und nur nerven, weil sie nichts mit meiner Kunst zu tun haben. Hier konnte ich das komplett ablegen.
 
Ist das hier also der Idealzustand?
Ja. Wenn ich könnte, würde ich nur noch hier sein, kreativ arbeiten und Musik machen. Wenn ich nicht meine Krankenversicherung bezahlen oder T-Shirt-Designs für mein Merch auswählen müsste, hätte ich wohl weder Facebook noch einen Mail-Account.
 
Würdest du also, wenn du die Stadt nicht bräuchtest, um genug Geld zu verdienen, an einen Ort wie diesen hier ziehen?
Das mache ich auch. Ich musste das leider auf nächstes Jahr verschieben. Eigentlich wollte ich aber schon diesen ­September nach Bayern ziehen. Ich würde aber ­eigentlich am liebsten ab heute hier wohnen und auf einer Matratze im Keller pennen.
 
Das Album beginnt ja mit einem rein instrumentalen Intro namens »Tür auf«. Soll das explizit für dein Ankommen hier in Vijlen stehen?
Genau, das steht dafür, wie ich hier ­ankomme, zu mir selbst finde und ­anfange, die Dinge, die mir widerfahren sind, zu ­verarbeiten. (spricht wie zu sich selbst:) Mann, ich muss immer aufpassen, dass das, was ich rede, am Ende nicht zu kitschig klingt.
 
Hatten die Band und du gemeinsame Referenzplatten, oder wie habt ihr, als du In Vallis kennen gelernt hast, eine gemeinsame Linie gefunden?
Ich glaube, sich auf ein paar Referenzplatten zu einigen, wäre schwierig geworden. Ich habe mich in diesem Fall einfach komplett auf das In-Vallis-Ding eingelassen, den Jungs vertraut und nur darauf geachtet, dass die Produktionen dennoch genug HipHop-Flair haben. Das war für mich persönlich ein großer Fortschritt, dass ich das abgeben und loslassen konnte. Mittlerweile verstehe ich auch viel besser, wie die Jungs arbeiten und was sie mit ihren Instrumenten anstellen.
 
Wie wichtig ist es, dass man während einer Album-Produktion jedes Mal etwas Neues über das Musikmachen lernt?
Schwere Frage. Aber so viel kann ich sagen: Mir hat es so auf jeden Fall wieder viel mehr Spaß ­gemacht, Songs zu schreiben. Mir ist es, seitdem ich hier bin, viel wichtiger, ­Experimente zu wagen. Normale Songs mit 16 Bars und Hook finde ich mittlerweile uninteressant – auch wenn das nicht herabwürdigend klingen soll. Aber diese Art des Songwritings reizt mich nicht mehr.
 
Du hast vor dem Interview ­erwähnt, dass du in Zukunft stärker hinter der Musik verschwinden willst und lieber weiter im Kollektiv arbeiten möchtest.
Genau. Wir sind hier einfach eine sehr enge Gemeinschaft. »Exit« ist von den Songs bis zu den Videos und dem Artwork komplett hier und im Kollektiv entstanden. Ich lasse mir heute nicht mehr von einhundert Leuten Beats schicken, um aus diesem Material dann ein Album zusammenzustellen. Das habe ich lange genug gemacht. Das war schon auch alles super, aber ich musste mir einfach irgendwann einen neuen Weg suchen, damit ich überhaupt weiter Musik machen kann. Der alte Weg hat mir einfach keinen Spaß mehr bereitet. Und wenn du beim Musikmachen keinen Spaß mehr hast, dann entsteht dabei auch nichts Gutes.
 

 
Die Art und Weise, wie Rapper Songs schreiben, unterscheidet sich in der ­Regel sehr davon, wie bei einer Rockband ein Song entsteht. Musstest du dich in dieser Hinsicht denn sehr an »deine« Band anpassen?
Chakuza: Natürlich. Am Anfang habe ich denen zwar hier und da mal gesagt: Ey, das macht man im HipHop halt so, zum Beispiel, wenn ich keine Lust hatte, eine Hook zwei- oder dreimal aufzunehmen und meinte: »Kopiert die Spur halt einfach.« Irgendwann sind die Jungs mir aber auf die Schliche ­gekommen. Genauso mussten die Jungs sich aber auch an mich anpassen. Dadurch kam ich persönlich schnell an den Punkt, an dem ich über mich selbst hinauswuchs und neue Wege fand, um bestimmte Probleme zu überbrücken. Bei »Licht Aus« haben wir zum Beispiel einen Fünf-Takter-Beat produziert. Auf so etwas hatte ich vorher schlicht noch nie geschrieben. Genauso wenig wusste ich, wie man über einen Drei-Viertel-Takt-Song wie »Regenbogenmaschine« rappt. Solche Experimente hätte ich früher nie gewagt.
Max: Einer von den Songs von der JUICE-EP hat zum Beispiel 120 bpm.
Chakuza: Genau, auf der EP habe ich sogar noch mal mehr herumexperimentiert. Früher war ich für so etwas viel zu bequem. Aber genau deswegen macht das hier ja auch so viel Bock. Dadurch bin ich jetzt zum ersten Mal an den Punkt gekommen, an dem ich komplett zufrieden mit einem Album bin. ­Solche Zufriedenheit überhaupt zu ­akzeptieren, fällt mir normalerweise verdammt schwer. Sowohl EP als auch Album finde ich jetzt zumindest annähernd perfekt.
 
Wir haben bisher noch gar nicht über die EP gesprochen. Wie entstand die überhaupt?
Es fing damit an, dass es hieß: »Wir ­brauchen eine EP für die JUICE.« Wir haben uns nur kurz angeschaut und dann gesagt: »Machen wir, wa?« Die Jungs hatten dann auch relativ schnell sechs, sieben Beat-­Skizzen am Start, die ich in meinem Zuhause in Berlin innerhalb von zwei Tagen ­beschrieben habe. Das war ziemlich krass. Schon als ich die Jungs am ersten Tag anrief, konnte ich ihnen erzählen, dass ich bereits drei Songs geschrieben habe. Da hatte ich eine sehr produktive Phase.
 
Wie sind diese Beat-Skizzen ­entstanden? Spielt ihr Instrumente ­immer direkt live ein?
Max: Nee, die Skizzen entstehen direkt bei mir zu Hause im Kinderzimmer ­meiner ­Tochter, also am Rechner. Natürlich ­produziere ich die Sachen immer mit dem Gedanken vor, dass die Songs am Ende von einer Band gespielt werden und man das auf dem Album auch hören soll.
Chakuza: Beim Album entstand schon mehr im direkten Band-Kontext, aber die EP haben wir quasi komplett in unseren Wohnzimmern vorproduziert und schließlich hier im Studio nachgespielt.
 
Inhaltlich handeln Album und EP ­größtenteils von denselben Themen. War dir schon vorab klar, dass »In Vallis« ­gewissermaßen im selben Rahmen ­angesiedelt sein wird?
Planen lässt sich das natürlich nicht. Meine Themen entstehen immer aus dem Moment heraus; aus meiner Gefühlslage zu dem Zeitpunkt, an dem ich Stift und Papier in die Hand nehme. Und an diesen Tagen fühlte ich mich halt hart abgefuckt, wie man hört. (lacht) Jan meinte auch zu mir, nachdem ich ihm die Songs geschickt hatte: »Alter, was ist denn in deinem Kopf los?« Ja, mein Gott, so ist das halt mit mir. (grinst)
 
War es überhaupt eine Option, auf der JUICE-EP etwas ganz anderes zu ­machen als auf dem Album?
Nee, auf keinen Fall. Diese Battlerap-Zeit habe ich jetzt mit »Zodiak« endgültig abgeschlossen. »Zodiak« hat uns sehr viel Spaß gemacht, ich sehe dieses Projekt aber eher so als meinen letzten Ständer. (lacht) Ich sehe mich überhaupt nicht mehr in ­dieser ganzen Ecke und werde so etwas wie »Zodiak« vermutlich nicht noch mal machen. Da, wo ich jetzt bin, fühle ich mich hingegen sehr wohl. Ich will mich in Zukunft lieber weiter in das ganze »In Vallis«-Ding vertiefen und vielleicht sogar irgendwann den Namen Chakuza komplett verschwinden lassen. Das Musikmachen macht mir momentan so viel Spaß wie lange nicht mehr. Natürlich klingt die Musik im Ergebnis sehr traurig, aber ich höre ja persönlich auch nur traurige Songs. Ich kann einfach nicht anders, ich kann keine fröhliche Musik machen.
 
Also bist du tatsächlich der Grantler, als den man dich häufig bezeichnet?
Ich glaube, ich habe das Granteln erfunden. ◘
 

 
Foto: Mirjam Wählen
 
Dieses Interview ist erschienen in JUICE #162 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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