Chakuza & RAF Camora [Interview]

Raf-Chakuza
 
Da sitzen sie. Entspannt, fröhlich lachend, sich zuprostend, schwelgend in Erinnerungen an eine ­entspannte Zeit, vollkommen zufrieden. Chakuza und RAF Camora teilen eine gemeinsame ­Vergangenheit und eine gemeinsame Zukunft. Von den ersten Features vor einer halben Dekade, hin zu einem gemeinsamen Album namens »Zodiak« im Jahr 2014. Der Kreis schließt sich.
 
Vor gut einem Jahr hingegen waren weder der 29-jährige Raphael »RAF« Ragucci, noch der 32 Jahre alte Peter Pangerl so ausgeglichen wie heute. RAF beendete damals gerade die Aufnahmen zu seinem Album »Hoch 2«. Direkt nach einem Mixtape und mehreren Touren kam die Platte – eine stressige Zeit. Klar, Platz 1 in den Media Control Charts war all die Mühen wert, dennoch liegen nervenaufreibende Monate hinter Ragucci. Chakuza erging es ähnlich. Nach einer längeren Pause und Selbstfindungsphase kehrte der ehemalige ersguterjunge-Künstler mit neuem Sound zurück auf die Bildfläche und wusste, allen Selbstzweifeln zum Trotz, mehr als nur sich selbst zu überzeugen. Auch Kritiker und Fans signalisierten ihm ihre Unterstützung, dennoch kam im natürlichen Wirbel um eine große Veröffentlichung wie »Magnolia« natürlich auch er nicht zur Ruhe. Kurzum: Beide beendeten 2013 immens gestresst.
 
Nun ist das nichts Ungewöhnliches für den modernen Berufsmusiker. Zeit ist Geld und nicht alles, was glänzt, ist gleich Gold. Die Vernachlässigung des eigenen sozialen Umfelds, Schlafdefizite und um die Ohren geschlagene Nächte zwischen Booth und Block, sowie die stetig wiederkehrende Frage nach dem Warum gehören wie selbstverständlich zum Leben vieler Künstler. Schließlich entsteht Musik nicht, indem man nichts tut. Das macht dieses Leben allerdings nicht einfacher und vor allem auch nicht weniger kräftezehrend. Auch dann nicht, wenn das Endergebnis all der Mühen so gut klingt wie »Hoch 2« oder »Magnolia«. Was tut also der Künstler nach der Veröffentlichung und Verbreitung seines neuen Albums? Entweder macht er so lange weiter, bis ihn eine ausgewachsene Depression oder eine verzehrende Drogensucht ereilt, oder aber er fährt in den Urlaub, lässt einfach mal Fünfe gerade sein. Für manche aber, für die kommt keine dieser Lösungen in Frage. Sie halten es eher wie verletzte Sportler: Wenn einen im Strafraum der richtige Pass erreicht, dann zieht man ab, ganz gleich, ob man sich nun das Sprunggelenk verknackst hat. Auf Chakuza und RAF gemünzt, bedeutet das im Sinne von Sepp Herberger: Nach dem Album ist vor dem Album. An die Stelle von »kopffickender Themenbearbeitung« traten bei ihnen vor einigen Monaten Raps, Beats und Spaß. Sessions so wie früher, als man noch Whiskeyflaschen leerte und Textblatt nach Textblatt füllte. Als 16er noch einfach nur 16er waren und der DJ die Cuts besorgte. Als noch der Alkoholpegel die Vocals zum Übersteuern brachte und die Booth einer finnischen Dampfsauna glich. Als es eben nicht darum ging, wer die tiefgründigsten Texte auf die musikalischsten Produktionen legen kann, sondern darum, den Reim-Partner mit seinen Zeilen zum Lachen zu bringen. Oder kurz gesagt: als Rap noch Spaß machte.
 
Ihr habt ein gemeinsames Projekt seit einigen Jahren immer wieder angekündigt. Warum erscheint es erst jetzt?
RAF:
Chakuza war damals noch bei ersguterjunge, da war das einfach nicht möglich. Schließlich war das damals noch eines der größten Labels Deutschlands. Und wenn man nicht dazugehörte, dann war es nun mal schwierig, mit deren Künstlern zusammenzufinden.
Chakuza: Wir waren ein ganz eigenes, sehr verschworenes Team. Für jemanden von Außen war da kein Platz.
RAF: Danach haben wir uns mehrere Jahre lang nicht gesehen. Wir trafen uns erst wieder, als ich gerade »Hoch 2« und Chak »Magnolia« veröffentlicht hatte. Und zu der Zeit hatten wir ehrlich gesagt beide gerade kein Bock mehr. Das soll man nicht falsch verstehen. Wir lieben unsere Alben, aber wir haben mit ihnen einfach unsere Köpfe zerfickt. Es ist sehr belastend, wenn man versucht, musikalisch das Größte aus sich herauszuholen. Und danach fällt man erstmal in ein Tief. Um uns daraus zu retten, erinnerten wir uns wieder daran, wie wir früher Musik gemacht haben. In einem kleinen Studio, voller Gläser mit abgestandenem Inhalt, ständig hingen unsere Freunde mit uns rum. Das hat einfach Spaß gemacht! Dahin wollten wir zurück. So kam die Idee, ein gemeinsames Mixtape zu machen.
Chakuza: Wir haben in RAFs Auto immer die ganzen Old-School Sachen wie Wu-Tang oder aber auch A$AP und Schoolboy Q gepumpt. Einfach Tracks, die locker von der Hand gerappt sind. Nach »Magnolia« hatte ich große Lust, genau das einfach mal wieder zu machen. Ein Beat, ein Text, fertig. Einfach ausrasten. Für solche Sachen war auf unseren letzten Alben einfach kein Platz, da sie viel musikalischer, viel Konzept-gebundener waren.
RAF: Viele werfen einem direkt Inkonsequenz vor, wenn das nächste Album nicht genau so klingt wie das davor. Aber jeder große Künstler, jeder Musiker, jeder Maler, jeder Mensch hat eben seine Phasen. Wir verstellen uns ja nicht, wir zeigen einfach eine andere Facette von uns. Es ist ja nicht so, als hätte man Chak oder mich noch nie so rappen gehört, wie auf »Zodiak«. Man nimmt uns zwar gern als ernsthafte Rapper wahr, aber irgendwo sind wir eben auch Battle-Rapper mit einem ganz eigenen Humor.
Chakuza: Es nervt einfach, wenn man sich wieder und wieder erklären muss. Alles wird totgeredet, dabei geht es doch eigentlich nur um Musik und Spaß. Für »Zodiak« haben wir uns einfach eingeschlossen, Spaß gehabt, gemeinsam Musik gemacht, und nun haben wir ein Album.
 
RAF, eigentlich hattest du vor, die Charaktere Camora und 3.0 zusammenzuführen. »­Zodiak« ist nun aber wieder eindeutig das Werk von RAF Camora. Warum?
RAF: Das kann ich dir ehrlich gesagt gar nicht beantworten. Camora und 3.0 sind Teile meiner Kunst, die für ihre eigenen Welten stehen.
 
War es auch für dich befreiend, dieses Album zu machen, Chakuza?
Chakuza: Auf jeden Fall. Ich habe mir ein Stück Lockerheit zurückgeholt. Das ist auch die perfekte Voraussetzung für das, was jetzt nach »Zodiak« kommen wird. Ich habe mittlerweile wieder ein durchweg gutes Gefühl und zweifle nicht mehr ständig. Ich habe immer noch Bock auf verkopfte Musik, nur kann ich damit mittlerweile lockerer umgehen. Ganz ehrlich: Ich war an dem Punkt, an dem ich kaum noch schreiben konnte. Ich habe »Zodiak« wirklich krass gebraucht.
 
Warum eigentlich »Zodiak«? Mit dem Tierkreis und dem Ganzen hat das Album ja nicht wirklich etwas zu tun.
RAF: Ganz einfach: Ich habe den Film »Der Zodiac-Killer« gesehen und fand diesen Titel einfach großartig. Der Rest, zum Beispiel die Visualisierung der verschiedenen Tiere als Gegenstücke zu unseren Musiker­persönlichkeiten im Video zu »Bombe«, hat sich einfach so ergeben. Wir lassen auf dem Album ja auch das Tier in uns raus, so gesehen entstand dann auch wieder ein konzeptioneller Rahmen.
 

 
Wie habt ihr mit der Arbeit am Album begonnen?
RAF: Wir haben auf dem Spack! Festival gespielt und sind am nächsten Tag nach Trier gefahren, um uns dort im Studio einzuschließen. Dort haben wir dann eine Woche lang geschrieben, uns die Sinne betäubt und alle Sessions mit einer versteckten Kamera aufgenommen. (Gelächter) Da sind Szenen entstanden, das glaubst du nicht. Wir hatten einen Wettbewerb am Laufen, in dem ging es um die Frage, wer von uns den größeren Quatsch schreiben kann. Meiner Meinung nach hat Chakuza ganz klar gewonnen. Bei seinen Lines musste ich schon am meisten lachen.
Chakuza: Vielen Dank. (beide lachen)
RAF: Es war wirklich so! Bei der ersten Session haben wir uns noch überlegt, welche Themen man behandeln könnte, und zwei ernsthaftere Songs geschrieben, die auch auf dem Album gelandet sind. Bei der zweiten Session hingegen ging es eigentlich nur noch um die Frage: Worauf haben wir gerade am meisten Bock? Die Antwort war: Einfach nur Blödsinn machen! Wir haben schon immer gern Quatsch gerappt, nur ­haben das die Leute nie gecheckt, weil unsere Stimmen so hart klingen und unser Humor auch nicht so Comedy-mäßig ist. Natürlich sind wir ernsthafte Musiker, die auch etwas zu sagen haben. Manchmal ist es aber auch einfach gut, Blödsinn zu reden und dabei Spaß zu haben.
Chakuza: Eigentlich haben wir uns auch echt zurück gehalten. Wir wollten die Leute nicht total vor den Kopf stoßen, schließlich hatten sie sich gerade erst an »Magnolia« und »Hoch 2« gewöhnt. Obwohl unsere Fans das wohl schon verstehen würden. Und es ist auch nicht so, als könnten wir danach keine ernsthafte Musik mehr machen.
RAF: Und vor allem: Uns geht es doch gut! Wenn sie das nicht verstehen sollten – nicht so schlimm. (Gelächter)
 
Spaß ist ein guter Beweggrund für Musik.
RAF: Definitiv! Es hat jetzt einfach perfekt gepasst. Es war an der Zeit. Nach den Anstrengungen und Anspannungen der letzten Alben brauchten wir einfach eine neue Herangehensweise. Eine, die weniger verkopft ist. Manche machen wochenlang einen auf ruhig, wir hingegen wollten einfach eskalieren und den Moment einfangen. Ob da Fehler drin sind oder nicht, völlig egal. Genau das ist doch geil! Das ist wie früher beim Wu-Tang Clan oder bei Cypress Hill. Die haben sich auch nicht um jede ­Kleinigkeit geschert.
Chakuza: Natürlich haben wir das alles trotzdem sehr ernstgenommen, insbesondere, was den Rap-Aspekt angeht. Wir wollten den Leuten zeigen, dass wir nicht nur krasse Inhalte haben, sondern auch technisch verdammt gut rappen können.
 
Ist »Zodiak« also eine Art Moment­aufnahme?
Chakuza: Ja, auf jeden Fall. Rückblickend feiere ich die Arbeit an dem Album immer noch. Ich finde es fast schade, dass sie vorbei ist.
Aber geht es nicht eben auch um genau das? Um den Weg und nicht nur um das Ziel?
RAF: Wenn ich an »Hoch 2« zurückdenke, dann bekomme ich echt ein wenig Kopfschmerzen. Ich habe mich da mit jeder Kleinigkeit beschäftigt, stundenlang. Jedes Detail musste stimmen und das macht die Arbeit sehr anstrengend.
 
Hat euch der Erfolg eurer Alben denn entspannter werden lassen oder spürt man trotz all dem Spaß auch bei »Zodiak« noch einen gewissen Erfolgsdruck?
Chakuza: Ich denke über so eine Scheiße überhaupt nicht nach. Klar interessieren einen am Ende des Tages die Zahlen, denn wir müssen und wollen von der Musik eben auch leben. Aber ob ich mit dem einen Album das andere toppen kann oder nicht, das ist für mich vollkommen irrelevant.
RAF: Wenn man von seinem nächsten Solo-Album plötzlich viel weniger verkaufen würde, als von der Platte zuvor, wäre das natürlich auch traurig. Aber ob man nun auf die 1 geht oder nicht, ist am Ende nicht ausschlaggebend für den Erfolg. Ganz ehrlich: Chakuza ist auf die 5 gegangen, ich auf die 1. Und er hat trotzdem mehr verkauft. Dennoch gehen wir beide nicht anders an ein Album ran, weil wir auch Geld verdienen wollen. Wir haben Erwartungen und Ziele, aber am Ende geht es doch immer nur um die Musik.
Chakuza: Alles andere ist doch auch Blödsinn. Darüber sollen sich Labels und Managements ihre Köpfe zerbrechen.
 
Chakuza, du bist bei FOUR Music. RAF, du hast dein eigenes Label ­Indipen­denza, über das nun auch »Zodiak« erscheint. War das ein Problem?
Chakuza: Ich habe mit FOUR darüber gesprochen und für die Jungs war das überhaupt kein Problem. Sie haben mich vollends unterstützt und mich für das Album freigegeben.
RAF: Das muss man FOUR wirklich hoch anrechnen, die haben sich da super korrekt verhalten. Aber ganz ehrlich: So viel Spaß wie uns das alles auch gemacht hat – wäre das Album am Ende Scheiße geworden, dann hätten wir es auch nicht veröffentlicht. Da mussten die sich keine Sorgen machen.
 
Ihr werdet als Team auf einigen Songs von Joshi Mizu ergänzt, sehr interessant für eure Hörer dürfte aber auch das Feature von Massiv sein.
RAF: Wir wollten Joshi Mizu einfach pushen, der ist echt unfassbar. Er hat unser Album bereichert und er gehört einfach zur Familie. Insofern war das selbstverständlich.
Chakuza: Und mit Massiv wollte ich schon immer mal zusammenarbeiten. Aber das hätte auf »Magnolia« einfach nicht gepasst. (Gelächter) Jetzt war definitiv der richtige Zeitpunkt. Massiv ist der straighteste und netteste Mensch in der HipHop-Szene, gleichzeitig ist sein Rap einfach so dermaßen hart. ­Dadurch passt er perfekt zu »Zodiak«.
RAF: Ich habe Massiv kennen gelernt, als er an »BGB 2« gearbeitet hat. Er kam zu mir ins Studio, weil er die Effekte auf »Artkore« so verdammt geil fand. Also spielte er mir die Platte vor und es waren nur Schüsse zu hören. (lacht) Ich habe mir das dann so angehört, war beeindruckt und vielleicht sogar ein wenig eingeschüchtert. Und Massiv meinte nur: »Bruder, da wo ein Schuss ist, muss noch ein Schuss«. (Gelächter) Da wusste ich, dass er es wirklich ernst meint. Das ist einfach großartiges Entertainment. Ich höre mir von Massiv im Studio auch oft einfach nur die Acapellas an. »Klimmzüge an der Ampel«. Ey, solche Lines – perfekt! Viele Leute checken ja gar nicht, dass da unglaublich viel Humor drin steckt. Und jeder, der Massiv kennt, der weiß auch, dass er ein sehr herzlicher und witziger Mensch ist.
 
Chakuza, du hast dich kürzlich im Internet über Prinz Pi aufgeregt, aufgrund einiger Aussagen aus seinem letzten JUICE-Interview. Nun sind RAF und Pi aber nicht nur menschlich, sondern auch geschäftlich miteinander cool. Erschwert so ein Streit nicht die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt?
Chakuza: RAF kennt mich ja und weiß, dass ich mir in manchen Situationen einfach mal Luft machen muss und dass es dann aber auch wieder gut ist. Ich kenne seine Situation ja auch und es ging mir auch nicht darum »Zodiak« zu promoten, was mir ja vorgeworfen wurde. Ich musste nur einmal meinen Unmut äußern und damit hatte sich die Sache dann auch. Da war jetzt auch kein Song geplant oder ähnliches. Prinz Pi und ich werden nie beste Freunde werden, das ist klar, aber danach war die Sache für mich auch erledigt.
RAF: Man kann Pi seine Meinung natürlich nicht absprechen, aber ich fand es jetzt auch nicht so ungewöhnlich, dass sich Chak über das Gesagte aufgeregt hat. Am Ende sind beide erwachsene Menschen, die wissen, was sie tun. Da muss ich mich auf keine Seite schlagen. Das ist eine Sache, die nur die beiden etwas angeht, daher hat es auch in keinster Weise unsere Arbeit an »Zodiak« belastet oder beeinflusst.
 
Was folgt nun nach dem Album?
Chakuza: Wir gehen zusammen auf Tour und darauf freuen wir uns schon sehr. Ansonsten schreibe ich schon am ­nächsten Album. Ich habe die Lust am Rappen ­wiedergefunden und denke, dass es eine gute Mischung aus dem Stil von »Zodiak« und dem von »Magnolia« werden wird. Mit einer direkten Fortsetzung von »Magnolia« sollte man aber definitiv nicht rechnen.
RAF: Ich werde als nächstes ein letztes RAF Camora-Tape bringen und damit das Ende einer Phase besiegeln. Das wird ein Tape nur für meine Fans. Und danach werde ich eine Pause machen und erst einmal in den Urlaub fahren. Wenn ich daran denke, was ich in den letzten Jahren alles gemacht habe, wird mir schwindelig. Ganz ehrlich: Das ging alles ganz schön schnell und ich brauche wirklich ein paar Monate Abstand, um wieder neue Kreativität und Energie zu sammeln. Und danach komme ich mit einer Revolution zurück.
 
Trotz der ganzen Strapazen, die die Musik so mit sich bringt: Spaß macht euch das Alles doch schon noch, oder?
RAF: Natürlich macht das alles Spaß! Rap macht uns immer Spaß! (Gelächter)
 
Text: Amadeus Thüner
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
 

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