Von #Grime4Corbyn zu #FckBoris: UK-Rap in Zeiten des Brexit // Feature

In Großbritannien wird die kommende Parlamentswahl über den weiteren Verlauf des Brexits entscheiden. Rapper mobilisieren dabei junge Wähler.

Jme und Jeremy Corbyn, Screenshot YouTube

Großbritannien steht mal wieder vor einer großen Entscheidung. Am 12. Dezember finden die Wahlen zum britischen Unterhaus statt, die einen großen Einfluss darauf haben werden, wie die weiteren Verhandlungen um den Brexit verlaufen. Großbritannien hätte die EU eigentlich zum 31. Oktober verlassen sollen, der Termin wurde aber, bereits zum dritten mal, verschoben. Setzt sich der aktuelle Premierminister Boris Johnson mit seiner Conservative Party durch, ist ein Brexit im Januar wahrscheinlich. Dagegen positioniert sich die Labour Partei mit Chef Jeremy Corbyn, die einen Brexit immer noch verhindern möchte.

Die Wahl ist zukunftweisend und auch etliche Rapper haben in der Debatte bereits Stellung bezogen. Ihre Meinung hat Gewicht, weil sie im Gegensatz zu anderen Autoritäten hoch in der Gunst von Jugendlichen und jungen Wählern stehen. Das spielt in den letzten Jahren und auch bei kommenden Wahlen eine wichtige Rolle, immerhin hätte ein möglicher Brexit starke Auswirkungen auf die Zukunft von jungen Menschen im UK. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan setzte sich sogar für eine Absenkung des Mindesalters bei Wahlen ein und wollte es auch Sechzehnjährigen ermöglichen, ihre Stimme abzugeben.

AJ Tracey, Novelist, Stormzy und Jme unterstützen #Grime4Corbyn

Es ist bekannt, dass jüngere Generationen deutlich pro-europäischer eingestellt sind als viele der älteren Wahlberechtigten. Im Wahlkampf 2017 versuchte Jeremy Corbyn deshalb gezielt, seine politischen Inhalte attraktiv für eine jüngere Zielgruppe zu machen – mit Grime. Unter dem Hashtag #Grime4Corbyn fanden sich damals mehrere etablierte Rapper der Grime-Szene, wie beispielsweise AJ Tracey, Novelist und Stormzy, zusammen, um ihre Unterstützung für Corbyn auszudrücken. Es fanden Konzerte statt, Raves für Menschen, die sich für die Wahl registriert hatten, Skeptas Bruder Jme traf Corbyn sogar zum gefilmten Gespräch. Der Aufwand schien sich auszuzahlen, denn immerhin verlor die Konservative Partei ihre absolute Mehrheit im Parlament, während die Labour Partei zulegen konnte. Ein Teil dieser Erfolge ist dem sogenannten »Youthquake« zuzuschreiben, bei dem Corbyn vor allem junge Wähler motivieren konnte, für ihn zu stimmen, während sich ältere Wähler eher den Konservativen anschlossen.

Ohne Frage könnte Corbyn eine solche Unterstützung erneut brauchen, wenn er den Brexit noch stoppen will. Auf die breite Unterstützung der Grime-Szene kann er diesmal allerdings nicht hoffen. Denn obwohl es so schien, als sei mit #Grime4Corbyn eine Graswurzelbewegung entstanden, die sich langfristig etablieren und einen regelmäßigen Austausch zwischen politischen und künstlerischen Akteuren ermöglichen könnte, kritisieren jetzt viele Rapper die Bewegung.

Nur ein Tool zum Stimmenfang?

Skepta hatte bereits vor einiger Zeit in einem Interview mit dem »Q Magazine« kritisiert, dass Künstler im Verlauf der Kampagne »benutzt« wurden und sich ein paar Monate später nicht mehr für sie interessiert wurde. Auch Grime-Urgestein Dizzee Rascal stellte schon 2017 infrage, inwiefern Jeremy Corbyn mit Grime in Verbindung steht und ein tatsächliches Interesse an der Musik hat. Kurz vor der Wahl häufen sich die negativen Meldungen, die Corbyn im Hinblick auf die anstehende Wahl schaden könnten.

Die Website von #Grime4Corbyn existiert nicht mehr, der Guardian zitiert einen anonymen Grime-Manager, der davon spricht, dass die Künstler nach der Wahl schlicht ignoriert wurden. Die Organisatoren hätten eine neue Wahl nicht so schnell erwartet, jetzt sei es allerdings zu spät, erneut auf die Grime-Szene zuzukommen. AJ Tracey hat bereits öffentlich kundgetan, dass er dieses Mal nicht für Corbyn stimmen wird. Er wirft dem Politiker vor, zu wenig aus den Möglichkeiten gemacht zu haben, die ihm #Grime4Corbyn damals geboten habe. Vorwürfe, dass er dieses Mal für die Tories stimmen würde, wies der Rapper allerdings deutlich zurück.

Obwohl es lange so schien, als ob die #Grime4Corbyn-Bewegung in diesem Wahlkampf nicht erneut belebt werden würde, ist sie im Endspurt doch noch einmal aktiv geworden. Trotz voriger Kritik von Künstlern, fand am 29. November ein Event von #Grime4Corbyn in Zusammenarbeit mit Grime Originals statt, bei dem mehrere Rapper auftraten. Corbyn kann sich auch weiterhin der Unterstüzung von Stormzy sicher sein, der seine Follower bei Instagram dazu aufrief, sich zur Wahl registrieren zu lassen und Corbyn als besten Kandidaten empfahl.

Fokus auf die Ablehnung

Ob mit einer organisierten Kampagne oder ohne – unpolitisch ist die Rapszene nicht. Bei der Verleihung des diesjährigen Mercury Prize rief Slowthai mehrmals »Fuck Boris«, hatte einen abgetrennten Kopf des Premierministers dabei und verkauft mittlerweile sogar Shirts mit passendem Aufdruck. Stormzy bot bei der aktuellen Ausgabe des Glastonbury Festivals eine denkwürdige Performance (hier anschauen!) und ließ das Publikum »Fuck the government and fuck Boris« rufen. Unter dem Slogan #FckBoris fand bereits im Juli ein Rave statt, der zum Tanzen gegen Boris und die Regierung aufrief. Einige der Organisatoren waren zuvor bei #Grime4Corbyn tätig, fokussieren ihre Kräfte jetzt aber auf das neue Projekt. Im November veranstalteten sie unter anderem eine Straßenparty in Uxbridge, dem Wahlkreis von Boris Johnson.

Der musikalische Fokus hat sich zwar verändert, aber immer noch spielen die Aussagen und Positionierungen von Rappern aus dem UK eine wichtige Rolle im politischen Diskurs. Dabei ist im Gegensatz zu 2017 nicht mehr die Unterstützung eines bestimmten Kandidaten, sondern vor allem die Ablehnung von Boris Johnson zentral. Von denen, die keinen Brexit und keinen Boris Johnson wollen, werden wohl einige ihre Stimme an Jeremy Corbyn und die Labour Partei geben, die deshalb auch von #FckBoris profitieren. Trotzdem hinterlässt es einen faden Beigeschmack, dass die Grime-Szene, in der wie in kaum einem anderen Genre über die sozialen Missstände im Königreich gerappt wird, wohl nur so lange eingebunden wird, wie es der Öffentlichkeitsarbeit der Partei nutzt.

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