Tereza: »Ich schreibe mir nicht auf die Stirn: Hey, ich bin ’ne Frau, bucht mich!« // Feature

Foto: Fabian Brennecke

Berlin-Kreuzberg im Januar. Im Zentrum der großstädtischen Gentrifizierung herrscht Hektik, die Fashion Week jagt hunderte Gutgekleidete durch die Straßen und Clubs des Berliner Ostens. Auch Tereza hat die Modewoche in die Hauptstadt gelockt, sie soll gleich zwei Klassentreffen der Streatwear-Welt mit ihren DJ-Sets ausstatten. Damit steht sie in einer Reihe neben Rap-Größe Pusha T und UK-Radio-Ikone Benji B. Eine ganz ­normale Woche für die Chemnitzerin, die eben noch in der Mathematikvorlesung saß.

Vor wenigen Tagen stolpert Tereza aus dem Hörsaal. Ein Kommilitone fragt, wie es ihr geht. Sie antwortet, dass ihr das Wochenende noch in den Knochen sitzt. Und schon findet der Smalltalk sein Ende. »Von den Mathematik-Kollegen fragt selten jemand nach, was ich denn gemacht habe. Und ich erzähle das nicht von mir aus, weil die wenigsten einordnen können, was ich eigentlich so erlebe. Das ist einfach eine andere Welt.«

Die andere Welt tat sich vor einigen Jahren in Chemnitz auf, jener Stadt, in der Tereza aufwächst und in der das splash! Festival vor zwanzig Jahren seine Premiere feierte. »In meinem direkten Umfeld hat kein Mensch Deutschrap gehört«, erinnert sich Tereza an ihre Jugend. »Es gab damals eine Rock-Welle, mit Blink-182 und so. Aber ich fand das splash! total cool.« Als sie das Line-Up auf den Plakaten in der Stadt studierte, entwickelte sie eine Obsession: »Ich habe mir innerhalb kürzester Zeit ein riesiges Deutschrap-Wissen drauf gespult.« In der Musik fand sie einen Fluchtpunkt vor dem Haussegen, der daheim aus der Horizontalen geriet. Und auch die DJ-Szene der Stadt hinterließ ihre Spuren: »In Chemnitz sind die Phlatliners [HipHop-Kollektiv aus Chemnitz; Anm. d. Verf.] eine Macht. DJ Shusta spielte auf der ersten Party, auf der ich je war. Das fand ich natürlich cool!« Terezas Karrierefundament war gelegt. Und doch brauchte es diesen einen glücklichen Zufall, der jede gute Erfolgsstory ausmacht. Oder wie sie selbst sagt: »die wackste Geschichte ever«.

»Ein Kumpel von mir hat mal einen DJ-Workshop besucht, bei einem älteren Typen in Chemnitz. Man musste gleich ein ganzes Jahr buchen, aber der Kumpel merkte ziemlich schnell, dass das nicht sein Ding ist. Keine Ahnung, wie er darauf kam, aber er fragte mich, ob ich das übernehmen wolle.« Terezas Antwort: »Geil, ich hab Bock.« Dass sie irgendwann einmal um ein freies Wochenende ringen muss, kam ihr damals nicht in den Sinn. »Das war einfach ein schönes Hobby«, sagt sie. Ein Hobby, das neben der Musik ein zweites Interesse weckte: »Mir ging es nicht nur darum, meinen Musikgeschmack zu teilen. Ich wollte vor allem verstehen, wie das Auflegen technisch funktioniert. Wie schließt man was an? Wie funktioniert ein Mixer?«

Heute fußt Terezas Anspruch ans Deejaying auf zwei Grundpfeilern: »Ein DJ sollte einen eigenen Geschmack haben – und technisch solide sein.« Sie selbst lernte die Technik zunächst mit dem Mixen von House-Platten, die lange Übergänge erlaubten und das Beat-­Matchen umso nachvollziehbarer machten. Wenig später kamen viele Stunden hinzu, in denen Tereza alleine in ihrem Jugendzimmer stand und mit zwei identischen Rap-Platten juggelte und Routines übte. Bis ein erstes Set in der Öffentlichkeit anstand – bei einem Fünf-Gänge-Menü in einer Café-Bar in Chemnitz. »Ich war voll nervös und habe alles vorab vorbereitet. Das war am frühen Abend, meine Mutter und Schwester saßen im Publikum.« Die musikalische Grundlage für Terezas Sets war stets Rap, damals noch gefolgt von »souligem ­Sample-Kram«. »Ich habe mich schon relativ früh vom typischen HipHop-DJing verabschiedet und auch mal nach rechts und links geschaut«, meint Tereza. »Auch heute ballere ich nicht Hit nach Hit raus, sondern spiele immer auch andere Tracks, die mir gefallen.«

Dass man damit nicht immer auf offene Ohren stößt, muss Tereza vor allem in ihren frühen DJ-Tagen lernen. »Am Anfang … Also, du musst dir Chemnitz und Umland vorstellen: Da beschäftigen sich nicht so viele Menschen mit Musik. Auf vielen Partys wünscht man sich halt DMX. Ich wusste aber relativ früh, dass ich da nicht so Bock drauf habe.« Also spielt sie auch mal die Tanzfläche leer. »Das ist eine Erfahrung, die jeder DJ gemacht haben muss«, meint Tereza. Heute fährt sie für DJ-Sets quer durch Europa – stets mit dem Anspruch, mutig zu sein. Neuzeit-Rap-Klassiker von Kendrick Lamar stehen dann in einer Linie mit wabernden UK-Basslines von Lil Silva oder dem neuesten Footwork-Edit eines Dipset-Classics. »Das klingt so pädagogisch, aber ich versuche, den Leuten immer etwas mit auf den Weg zu geben. Und das kann einfach ein geiler Song sein.«

Um ihrem eigenen Geschmack genügend Raum zu gewähren, betreut Tereza auch ihre eigene Veranstaltungsreihe »Waters«, für die sie sich gleich in mehreren Städten Helden und Freunde ans Pult holt. Einige dieser Gesichter stiftete sie in den letzten Jahren außerdem zu einem Herzensprojekt an: Ein Mixtape zum zwanzigjährigen Jubiläum von Erykah Badus Debüt »Baduizm« – mit einer Handvoll Remixen und Neuinterpretationen der hiesigen Beat-Avantgarde. Produzenten wie Iamnobodi, Silkersoft und Dexter musste Tereza nicht zweimal bitten. Auf die Grand Dame des Neo-Soul angesprochen, gerät Tereza ins Schwärmen: »Die gibt keinen Fick. Wenn da noch ne Tröte kommen soll, dann kommt da noch ne Tröte.«

Als sich Tereza für das Projekt durch viele Stunden Interview-Material kämpft, findet sie sich plötzlich in den Antworten von Miss Badu wieder: »Erykah wird darauf angesprochen, wie es denn sei, mit so vielen Typen zusammenzuarbeiten, und sagt, dass es sich für sie nie komisch angefühlt habe. Auch ich habe mich nie als Fremdkörper gesehen.« Mit ihren Sets, Mixes und regelmäßigen Selections hat sich Tereza längst ihren Platz im Testosteron-Zirkus Deutschrap erspielt. Und doch bemüht man vor allem von außerhalb immer wieder die Geschlechterkiste: »Im letzten Jahr gab es ein Interview, über das ich mich krass geärgert habe. 2016 war ein unfassbar gutes Jahr für mich; und dann sollte ich nur darüber sprechen, wie ich mich als Frau im HipHop fühle. Sicher, man bekommt in einer Männerdomäne als Frau einen Aufmerksamkeitsbonus. Aber: Ich mache schon Dinge! Ich habe vor Skepta im Berghain aufgelegt – als eine der ersten HipHop-DJs überhaupt. Und ich schreibe mir nicht auf die Stirn: Hey, ich bin ’ne Frau, bucht mich!«

Was stattdessen auf ihrer Stirn steht: Hier ist ihr Musikgeschmack, bucht ihn! Als Tereza zum Gespräch bittet, hat sie gerade einen Fashion-Abend hinter sich, das nächste überlaufene Event steht schon in ein paar Stunden an. Doch weder limitierte Sneaker noch Instagram-Posts sind für sie heute Gesprächsthema. Stattdessen ufert das Treffen nach wenigen Minuten in einen musikalischen Nerd-Talk über jüngste Entdeckungen und musikalische Helden aus. Später dann wird sich eine Horde Hit-Hungriger die jüngsten Migos-Anthems wünschen. Und am Tag darauf sitzt Tereza schon wieder zu Hause: außerhalb von Chemnitz, quasi auf dem Land, wo sie sich der Parallelwelt Mathematik widmet – und ihrem Soundcloud-Feed. ◘

Dieses Feature erschien in JUICE #179 – (hier versandkostenfrei nachbestellen).

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