Rising Ru-Rap: Fünf russische MCs, die man auf dem Zettel haben sollte // Feature

Russische Rapper jagten lange dem internationalen musikalischen Status quo nach und scheiterten daran. Oft waren sie eine unfreiwillige Parodie von US-Künstlern. Auch weil sich Rap in Russland erst nach dem Zerfall der Sowjet­union 1991 etablieren konnte. Doch in den letzten fünf Jahren hat sich eine unab­hängige, sehr junge Szene eigene Strukturen geschaffen und eigene Sounds gefunden. Anstatt nur wegen der Fußball-WM nach Russland zu blicken, lohnt es sich, gleichzeitig auch in die lokale Rapszene einzutauchen. Die folgenden fünf Künstler stehen exemplarisch für den Wandel.

Pharaoh

»Ich habe mich die letzten drei Jahre selbst aufgenommen«, sagt Pharaoh und fügt hinzu, dass ihm die russische Rapszene ziemlich egal sei. Eminem und 50 Cent habe er früher gehört, klar, aber kaum russischen Rap. Pharaoh ist 22 Jahre alt und ein DIY-Kid aus Moskau. Ein bisschen kaputt sieht er aus mit seinem Kurt-Cobain-Look, der von High-Fashion-Teilen aufgebrochen wird. Pharaoh ist Modezar, und man könnte ihn als Russlands wichtigsten Emo-Rapper bezeichnen. Aber seine Soundexperimente sind dafür zu vielfältig. Schon 2014 kombinierte er Gitarrenriffs mit einer sleeken Trap-Ästhetik, ließ Synths verstrahlt im Hintergrund versickern und strapazierte seine Stimme, bis nichts mehr ging. Das hat er sich beibehalten und durch schönen Gesang ergänzt. Pharaoh ist nahbar in seiner Musik. Er thematisiert die große Depression, die hinter den Prunkfassaden von Moskau lauert, und seine eigenen mentalen Probleme – Themen, die in Russland gerne unter den Tisch gekehrt werden. Doch Pharaoh ist mit Anfang zwanzig zu einem der wichtigsten Rapper Russlands geworden. Er hat was zu sagen, aber kein großes Label im Rücken. Seine Moves plant er lieber selbst.

Face

Noch jünger und noch radikaler ist Face. In Videos tanzt er auf brennenden USA-Flaggen oder schreit in einem Song herum, dass er besser als Tupac, Biggie und Kendrick Lamar sei – und besser als Lil Pump. Obwohl »БУРГЕР«, der größte Hit des 21-Jährigen, schon an die Ästhetik murmelnder Teenie-Rapstars aus den USA erinnert, hinkt der Vergleich. Face kann mehr. Seine Musik kann hedonistisches Gepose sein und Partys skizzieren, bei denen alles eingeworfen wird, was illegal ist und high macht. Sie kann aber, ähnlich wie bei Pharaoh, auch eine Introspektion sein, die einem nahegeht. Face widersetzt sich dem hypermännlichen Einheitsbrei in der russischen Rapszene, tritt androgyn auf und bleibt in seinen Texten vulgär. Die Polizei komme deswegen manchmal zu seinen Konzerten, sagte er in einem Interview. Viele haben Face als Partymacher und Selbstzerstörer wahrgenommen, aber mittlerweile äußert er sich auch politisch. Regressive Trends in Russland kotzen ihn an, so scheint es. Mit seiner Musik pöbelt er dagegen. Trotz eines 2014 eingeführten Gesetzes gegen Kraftausdrücke im öffentlichen Raum (Kritiker sehen darin einen Eingriff in die Kunstfreiheit), lässt er sich in seiner Wortwahl nicht einschränken.

Oxxxymiron

Von diesem Gesetz war Russlands wichtigster Battlerapper Oxxxymiron schon indirekt betroffen. 2017 berichteten russische Medien über sein Battle gegen Slawa in der größten russischen Battle Serie »Versus«. Natürlich enthielten die Punchlines auch Beleidigungen. Sie teilten das Video und bekamen Ärger. Die Beiträge sollten gelöscht werden, 50.000 Rubel Strafe – knapp 700 Euro – müssen die Verbreiter erwarten. Doch auch Oxxxymiron beeindruckt das wenig. Er hat in Deutschland gelebt, viele Jahre in London verbracht und dort Literatur studiert. Sozialisiert ist er mit der britischen Grime-Szene und er bandelte auch mal mit Savas’ Optik Russia an. Erfolg hatte er damals kaum, doch seine Battles auf Russisch brachten ihm viel Zuspruch in seinem Heimatland ein. In St. Petersburg, wo sich die Battlerap-Szene konzentriert, gehört er zu den Besten. Im Vergleich zu Pharaoh und Face setzt er in seiner Musik nicht auf Verknappung der Lyrics, sondern auf mehrsilbige Reime. Die sprachliche Ebene und die Flows stehen auf Oxxxymirons Alben im Vordergrund. Er schafft es schließlich sogar, einen russischen Grime-Sound zu formen.

Husky

Das Bindeglied zwischen den expressiven Dada-Eskapaden von Face und den bedachten Battle-Stücken von Oxxxymiron ist Husky. Ursprünglich stammt er aus Sibirien, wo es nichts gab: keine Subkultur und schon gar keine Rapszene. In Moskau studierte er Journalismus und fiel immer wieder durch Kontroversen auf. Mit einem nationalistischen Autor reiste er in von russischen Separatisten besetzte Gebiete der Ukraine. Sein erster bekannter Track war ein Diss gegen Wladimir Putin (»Седьмое октября«). Husky kann seine Stimme genauso schön malträtieren wie Young Thug und inhaltlich Realitäten darstellen, die schockieren. Plötzlich wird er dann zum rumballernden Automaten und skizziert eine dystopische Realität. Auch Husky sieht sich nicht als Teil einer russischen Rapszene, sondern bleibt ein Einzelkämpfer.

Mozee Montana

Einzelkämpfer gibt es in der Szene viele, Einzelkämpferinnen dafür aber kaum. Frauen spielten im russischen Rap lange gar keine Rolle. Erst in den letzten Jahren, in denen angesagtes Machogepose und Härtedemonstration einem offeneren Werte­kosmos gewichen sind, gibt es Rapperinnen, die polarisieren. Die derzeit beste von ihnen ist Mozee Montana. Auch sie ist ein Star in der St. Petersburger Battle-Liga »Versus«, und veröffentlicht parallel dazu progressiven Trap. Die Ästhetik erinnert stellenweise an eine Weiterführung des aggressiven Percussion-Gestotters von Lex Lugers 2010er-Sound-Entwurf. Doch darauf folgen emotionale Balladen. Sie kann beides. Mit neun Jahren begann Mozee Montana damit, eigene Texte zu schreiben. Heute ist sie zwanzig Jahre alt, veröffentlicht ihre Musik wie der Rest der neuen russischen Rapgeneration weitgehend unabhängig online. Sie wolle, sagte sie in einem Interview, nicht als Feministin wahrgenommen werden. Trotzdem ist sie einer der Gründe für die Akzeptanz von Rapperinnen in der Szene. Sie schafft es, russische Teenagerinnen zu empowern und Frauen zum Rappen zu ermutigen.

Dieses Feature erschien erstmals in JUICE #187. Back-Issues können versandkostenfrei im Shop bestellt werden.

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